Speaker A

Es gibt diese Momente nach einem Verlust, in denen die Stille in einem Raum plötzlich ohrenbetäubend laut wird.

Speaker A

Es ist, als würde man in einem Haus leben, aus dem jemand völlig unerwartet ausgezogen ist.

Speaker A

Die Jacke hängt vielleicht noch an der Garderobe, der vertraute Geruch liegt noch flüchtig in der Luft, aber die Person selbst ist irgendwie ja ungreifbar geworden.

Speaker B

Ja, das ist ein wahnsinnig starkes Bild.

Speaker A

Und was bleibt, ist diese Liebe, die plötzlich heimatlos ist.

Speaker A

Wohin mit all den Gefühlen, wenn das Gegenüber fehlt?

Speaker A

Schön, dass du dir heute die Zeit nimmst, dich gemeinsam mit uns genau dieser Frage zu widmen.

Speaker A

Wir wollen heute über einen ganz besonderen Weg sprechen, wie Menschen versuchen, dem Unbegreiflichen eine Form zu geben.

Speaker A

Genau, es geht um Erinnerungstattoos, also den bewussten Schritt, die Erinnerung an einen geliebten Menschen oder auch an ein geliebtes Tier buchstäblich unter die eigene Haut zu bringen.

Speaker B

Dieses Gefühl der heimatlosen Liebe, das du da gerade beschrieben hast, das trifft es aus psychologischer Sicht unfassbar gut.

Speaker B

In der Psychologie spricht man da oft von der fehlenden Objektpermanenz in der Trauer.

Speaker B

Unser Gehirn ist ja darauf programmiert, Verbindungen zu knüpfen.

Speaker B

Wir legen räumliche oder emotionale Koordinaten für unsere Liebsten an.

Speaker B

Und wenn jemand stirbt, dann sucht unser Gehirn buchstäblich weiter nach diesen Koordinaten.

Speaker B

Es funkt quasi ins Leere.

Speaker A

Das heißt, der Kopf weiß zwar, dass die Person weg ist, aber das Gefühl sucht nach nach ihr.

Speaker B

Exakt.

Speaker B

Und hier kommt etwas ins Spiel, was Trauerbegleiter oft als den äußeren Anker bezeichnen.

Speaker B

Wenn die physische Präsenz eines Wesens verschwindet, gerät unsere innere Welt massiv ins Wanken.

Speaker B

Ein äußerer Anker ist dann der Versuch, einen neuen, verlässlichen Punkt in dieser aus den Fugen geratenen Welt zu erschaffen.

Speaker A

Die alte Armbanduhr des Großvaters, die man jetzt selbst trägt, oder vielleicht eine bestimmte Bank im Park, an der man oft gemeinsam gesessen hat.

Speaker B

Ja, voll.

Speaker A

Aber was bringt jemanden dazu, von all diesen Möglichkeiten ausgerechnet etwas so Permanentes, so Endgültiges wie ein Tattoo zu wählen?

Speaker B

Der Unterschied liegt in der absoluten Unverlierbarkeit.

Speaker B

Ein Foto kann verblassen oder bei einem Umzug verloren gehen.

Speaker B

Eine Uhr kann kaputtgehen.

Speaker B

Ein Tattoo hingegen, das wird zu einem untrennbaren Teil von dir.

Speaker B

Es wandert mit dir durch jede Sekunde deines restlichen Lebens.

Speaker A

Das stimmt.

Speaker A

Es ist immer da.

Speaker B

Genau.

Speaker B

Und es gibt dazu sehr spannende Beobachtungen aus der Traumaforschung.

Speaker B

Trauma und tiefe Trauer speichern sich oft ganz real im Körper ab.

Speaker B

Es ist nicht nur ein mentaler Prozess, es ist ein tief körperlicher Prozess.

Speaker B

Wenn Menschen sich nun entscheiden, genau diesen Körper zu nutzen, um ein Zeichen der Liebe zu setzen, dann verwandeln sie ihren Körper von einem Ort des Schmerzens in ein lebendiges Archiv der Erinnerung.

Speaker A

Ein Archiv der Erinnerung.

Speaker A

Das ist schön gesagt, aber das wirft für mich direkt eine Frage auf, die auf den ersten Blick vielleicht paradox wirkt.

Speaker A

Wer schon einmal tief getrauert hat, kennt diesen echten, erdrückenden körperlichen Schmerz.

Speaker A

Das ist ja absolut kein Klischee.

Speaker A

Das ist dieser enge Druck auf der Brust, als würde wirklich jemand drauf sitzen.

Speaker A

Es ist dieser dicke Kloß im Hals, der einen kaum atmen lässt.

Speaker B

Ja, absolut.

Speaker A

Warum suchen Menschen in der tiefsten seelischen Not, wenn der Körper ohnehin schon schmerzt, ausgerechnet nach etwas, das durch eine Nadel auch noch zusätzlich körperlichen Schmerz verursacht?

Speaker B

Das ist vielleicht der faszinierendste psychologische Aspekt an der ganzen Thematik.

Speaker B

Wir müssen hier zwischen zwei völlig unterschiedlichen Arten von Schmerz unterscheiden.

Speaker B

OK, Der innere Schmerz der Trauer, der ist diffus.

Speaker B

Er ist grenzenlos und absolut unberechenbar.

Speaker B

Er überfällt dich aus dem Nichts.

Speaker B

Für dich vielleicht an der Supermarktkasse, im Auto, beim Zähneputzen.

Speaker B

Du hast null Kontrolle darüber.

Speaker A

Man ist ihm völlig ausgeliefert.

Speaker B

Richtig.

Speaker B

Und der äußere Schmerz der Tätowiernadel ist das genaue Gegenteil davon.

Speaker A

Er ist kontrollierbar.

Speaker B

Ein definiertes Ende.

Speaker B

Wenn du auf dem Stuhl im Studio sitzt, weißt du genau, woher der Schmerz gerade kommt.

Speaker B

Du hast ihn selbst gewählt.

Speaker B

Neurologisch passiert dabei Dein Körper schüttet durch den Schmerzreiz der Nadel Endorphine und Adrenalin aus.

Speaker B

Das führt bei vielen zu einem Zufall Zustand, der fast meditativ sein kann.

Speaker B

Sehr viele Menschen beschreiben diesen Moment des Stechens als zutiefst kathartisch.

Speaker B

Es ist eine Art physisches Ventil für einen emotionalen Überdruck.

Speaker A

Das ergibt absolut Sinn.

Speaker A

Man holt sich ein Stück weit die Handlungsmacht zurück.

Speaker A

Der Tod ist ja die ultimative Ohnmacht.

Speaker A

Du wirst vor vollendete Tatsachen gestellt.

Speaker A

Du wurdest nicht gefragt, ob dieser Mensch gehen darf.

Speaker A

Ja, aber in dem Moment, in dem du in ein Studio gehst, dich hinsetzt und stech mir dieses Motiv genau hierhin, triffst du eine aktive Entscheidung.

Speaker A

Du sagst der Ohnmacht den Kampf an.

Speaker A

Du formst deinen Umgang mit dem Verlust selbst.

Speaker B

Und diese Selbstbestimmung, die setzt sich ja nahtlos in der Wahl des Motives fort.

Speaker B

Historisch gesehen gab es da oft sehr klare, enge Vorgaben.

Speaker B

In der viktorianischen Zeit zum Beispiel gab es extrem strenge Regeln, wie man zu trauern hatte, bis hin zur exakten Kleidung.

Speaker A

Stimmt, da war alles sehr reglementiert.

Speaker B

Auch bei Tattoos zur Erinnerung, die übrigens schon bei Seeleuten im 18.

Speaker B

Und 19.

Speaker B

Jahrhundert weit verbreitet.

Speaker B

Waren, gab es feste das Kreuz, der Grabstein, der weinende Engel.

Speaker B

Heute ist diese Sprache völlig frei geworden.

Speaker B

Es gibt keine Wertung mehr, was das richtige Motiv ist.

Speaker A

Handwerklich unfassbar anspruchsvollen Klassiker, realistische Porträts zum Beispiel, die eine unglaubliche Präzision vom Tätowierer fordern.

Speaker B

Ja, die sind oft atemberaubend oder ganz

Speaker A

schlicht das Geburts und Sterbedatum.

Speaker A

Ich sehe auch oft Herzen, die manchmal ganz bewusst Risse haben oder symbolisch genäht wurden, um zu Da ist etwas kaputt gegangen, aber ich trage es trotzdem weiter.

Speaker B

Diese klassischen Motive haben eine enorme Kraft, weil sie für jeden sofort lesbar sind.

Speaker B

Sie kommunizieren nach außen ganz Hier fehlt jemand.

Speaker B

Aber die moderne Tattookultur hat noch eine ganz andere Ebene eröffnet, die viel privater ist.

Speaker B

Es geht oft weg vom offensichtlichen hin zu winzigen, hoch hochgradig intimen Details.

Speaker B

Und hier wird es psychologisch wieder total spannend.

Speaker B

Ein Symbol zu tragen, das für die Außenwelt völlig rätselhaft ist, erschafft einen geheimen Raum, den man nur mit dem Verstorbenen teilt.

Speaker A

Das finde ich einen wunderbaren Gedanken.

Speaker A

Ich versuche mir das gerade mal praktisch vorzustellen.

Speaker A

Man nimmt nicht einfach den Namen der Oma, sondern vielleicht sucht man in der Küchenschublade nach dieser einen alten, mehlbestäubten Rezeptkarte für ihren berühmten Apfelkuchen.

Speaker B

Oh ja, wunderschön.

Speaker A

Und dann lässt man sich genau das spezifische, vielleicht etwas wackelige A aus ihrer Handschrift tätowieren.

Speaker A

Für jeden auf der Straße ist es nur ein Buchstabe oder eine geschwungene Linie.

Speaker A

Aber du selbst schaust auf deinen Arm und schmeckst förmlich diesen Kuchen und hörst ihre Stimme.

Speaker B

Ganz genau das meine ich.

Speaker B

Und das bringt auch oft eine Leichtigkeit in die Trauer, die enorm wichtig ist.

Speaker B

Trauer muss ja nicht immer nur erdrückend, schwer und düster sein.

Speaker B

Sie darf auch warm, zärtlich und ja manchmal sogar ein bisschen humorvoll sein, weil die Menschen, die wir geliebt haben, ja auch ihre Eigenheiten hatten.

Speaker A

Dazu fällt mir eine Geschichte ein, die mich kürzlich sehr zum Lächeln gebracht hat.

Speaker A

Wenn wir über den Verlust von Haustieren sprechen, denken viele ja sofort an den klassischen Pfotenabdruck.

Speaker B

Ja, das sieht man sehr oft.

Speaker A

Aber ich habe von jemandem gelesen, der sich stattdessen das völlig zerkaute, eigentlich potthässliche Lieblings Quietschespielzeug seines Hundes tätowieren ließ, einfach weil dieses zerfledderte Ding den chaotischen, fröhlichen Charakter dieses Tieres zu hundert Prozent eingefangen hat.

Speaker A

Das nimmt dem Thema doch sofort diese bleierne Schwere, oder?

Speaker B

Absolut.

Speaker B

Und es ist ein wunderbares Beispiel dafür, wie wir uns an das Leben der Person oder des Tieres erinnern, nicht nur an deren Tod.

Speaker B

Bei Tieren ist das besonders wichtig zu erwähnen, weil die Trauer um ein Haustier in unserer Gesellschaft leider immer noch oft total unterschätzt wird.

Speaker A

Ja, leider.

Speaker B

Sogenannte disenfranchised grief, also nicht anerkannte Trauer, nennt man das in der Psychologie.

Speaker B

Ein Tier ist oft ein Wesen, das bedingungslos für dich da war, deinen täglichen Rhythmus komplett bestimmt hat.

Speaker B

Ein Tattoo ist da oft eine bewusste Rebellion gegen diesen schrecklichen gesellschaftlichen Satz Es war doch nur ein Hund.

Speaker B

Es zementiert die Bedeutung dieser Liebe.

Speaker A

Diese nicht anerkannte oder oft stumme Trauer führt uns zu einem weiteren sehr sensiblen Bereich.

Speaker A

Die Erinnerung an sogenannte Sternenkinder, also Kinder, die während der Schwangerschaft, bei oder kurz nach der Geburt verstorben sind.

Speaker A

Das ist ein Schmerz, der so ungreifbar ist, weil die Außenwelt dieses Kind oft gar nicht kennengelernt hat.

Speaker B

Für Eltern von Sternkindern fehlt es oft an greifbaren Erinnerungsstücken.

Speaker B

Es gibt vielleicht kein langes gemeinsames Leben, das man in unzähligen Fotos dokumentiert hat.

Speaker B

Ein Tattoo wird in diesem Fall oft zum ersten und einzigen wirklich physischen Beweis für die Existenz dieses Lebens.

Speaker B

Ein winziger Fußabdruck, die exakten Koordinaten des Krankenhauses oder ein Sternenbild.

Speaker B

Es gibt den Eltern die Möglichkeit, die Existenz ihres Kindes sichtbar zu machen.

Speaker B

Und hier ist ein Punkt Trauer misst sich niemals in Zentimetern, Tinte Ein minimalistischer Punkt am Handgelenk kann eine Liebe fassen, die das ganze Universum umspannt.

Speaker A

Wo wir gerade vom Handgelenk sprechen, das ist ja auch eine massive Entscheidung.

Speaker A

Wo auf dem Körper lasse ich so etwas stechen?

Speaker A

Das Motiv ist das eine, aber die Geografie des Körpers ist nochmal eine ganz andere Sprache.

Speaker A

Ich kann mir vorstellen, dass das psychologisch einen riesigen Unterschied macht, ob ich mir etwas auf den Unterarm stechen lasse oder auf die Rippen.

Speaker B

Die Platzierung ist fast genauso wichtig wie das Motiv selbst.

Speaker B

Man kann da grob zwei Bedürfnisse unterscheiden.

Speaker B

Den Wunsch nach einem ständigen Begleiter und den Wunsch nach einem geschützten Refugium.

Speaker B

Wer eine sichtbare Stelle wählt, wie den Unterarm oder die Hand, sucht oft eine Stütze für den Alltag.

Speaker B

Es ist dieser schnelle Blick auf das Handgelenk am Lenkrad des Autos, der dir Du bist noch hier bei mir.

Speaker B

Aber und das ist die Sichtbarkeit, bedeutet eben auch Konfrontation.

Speaker B

Andere Menschen werden es sehen und sie werden Fragen stellen.

Speaker A

Das ist ein Aspekt, den man in der ersten Euphorie vielleicht völlig unterschätzt.

Speaker A

Du stehst an der Kasse im Supermarkt, hast vielleicht eh schon einen wirklich schlechten Tag und plötzlich fragt dich die Person hinter oh, ist es das Sterbedatum von jemandem?

Speaker B

Genau das passiert sehr oft.

Speaker A

Da muss man sich vorher wirklich ehrlich Habe ich die emotionale Kapazität, mein Herz an einem Dienstagmorgen an der Kasse auszuschütten oder abzublocken?

Speaker B

Richtig.

Speaker B

Und deshalb entscheiden sich sehr viele Menschen für den zweiten das verborgene Tattoo.

Speaker B

Orte wie die Rippen direkt über dem Herzen oder das Schulterblatt, das sind geschützte Räume.

Speaker B

Du selbst musst dich bewusst vor einen Spiegel stellen, um es in Gänze zu sehen.

Speaker B

Dieser Ort gehört nur dir.

Speaker A

Es ist wie ein Geheimnis.

Speaker B

Ja, Trauer ist extrem anstrengend und manchmal braucht man einfach Pausen davon.

Speaker B

Eine unsichtbare Stelle erlaubt es dir, die Erinnerung bei dir zu tragen, ohne sie der Welt erklären zu müssen.

Speaker B

Es ist dein privater Tresor.

Speaker A

Das ist ein sehr guter Übergang zu einer Frage, die sich vermutlich viele stellen, wenn sie mit dem Gedanken spielen.

Speaker A

Gibt es eigentlich den falschen Zeitpunkt für so eine Entscheidung?

Speaker A

Wenn der Schmerz ganz frisch ist, ist da ja oft dieser immense Drang, sofort etwas tun zu müssen.

Speaker A

Man hat das Gefühl, wenn man nicht sofort ein Zeichen setzt, rutscht einem die Erinnerung irgendwie durch die Finger.

Speaker B

Dieser Drang ist völlig natürlich, aber er entspringt oft dem akuten Schockzustand.

Speaker B

Das Gehirn befindet sich im totalen Ausnahmezustand.

Speaker B

Die Alarmglocken schrillen, der Cortisolspiegel ist extrem hoch.

Speaker B

In dieser Phase neigen wir oft zu impulsiven Entscheidungen, weil wir nach einem Notausgang aus dem Schmerz suchen.

Speaker B

Sehr viele seriöse Tätowierer und auch Psychologen raten daher ganz sanft dazu, das erste Jahr der Trauer einfach abzuwarten.

Speaker A

Ein Jahr klingt erstmal wahnsinnig lang, wenn man das Gefühl hat, man ertrinkt gerade.

Speaker B

Das stimmt, es fühlt sich ewig an.

Speaker B

Aber die Wichtigkeit dahinter ist, dass sich die Beziehung zum Verlust im ersten Jahr noch massiv verändert.

Speaker B

Du willst ja sichergehen, dass das Tattoo dich auch in 5 oder 10 Jahren noch tröstet.

Speaker B

Und nicht, dass es jedes Mal, wenn du in den Spiegel schaust, die Wunde der ersten brutalsten Schock Schockphase neu aufreißt.

Speaker B

Die Erinnerung läuft dir nicht weg.

Speaker B

Sich diese Zeit zu nehmen ist kein Zögern.

Speaker B

Das ist reine Selbstfürsorge.

Speaker A

Weißt du, wenn man sich in so einem emotionalen Nebel befindet, dann ist es ja eh schon schwer genug, überhaupt klare Gedanken zu fassen.

Speaker A

Und dann muss man ja auch noch ein Studio finden.

Speaker A

Das stelle ich mir unglaublich verletzlich vor, mit seiner tiefsten Trauer in einen Laden zu gehen, wo vielleicht laute Musik läuft und fremde Menschen arbeiten.

Speaker B

Die Wahl des richtigen Studios ist absolut entscheidend, fast so wichtig wie das Motiv.

Speaker B

Ein gutes Studio fungiert in diesem Moment wie ein Filter oder ein Beschützer für dich.

Speaker B

Du gibst einem fremden Menschen ja nicht nur ein Stück deiner Haut, sondern auch einen Teil deiner verletzlichsten Geschichte.

Speaker B

Es ist völlig legitim, vorher Termine zu machen, nur um zu reden, einfach um

Speaker A

zu schauen, ob es passt.

Speaker B

Genau zu schauen, passt die Chemie?

Speaker B

Hört mir diese Person wirklich zu?

Speaker B

Geht sie behutsam mit meiner Geschichte um.

Speaker B

Ein guter Artist wird dir auch den Raum geben, am Tag des Stechens noch Nein zu sagen, wenn es sich plötzlich doch falsch anfühlt.

Speaker A

Das ist ein interessanter Punkt, diese Schutzfunktion des Studios.

Speaker A

Ich habe mich nämlich im Vorfeld auch gefragt, wie das eigentlich pragmatisch, also rechtlich und organisatorisch aussieht, wenn man so völlig durch den Wind ist.

Speaker A

Man denkt an sowas ja in der Trauer gar nicht.

Speaker A

Aber seriöse Tätowierer achten ja auf sehr viel mehr als nur auf die reine Hygiene.

Speaker A

Sie müssen ja auch gucken, wen sie da vor sich haben.

Speaker B

Ganz genau.

Speaker B

Zum Beispiel gibt es in Deutschland zwar kein striktes gesetzliches Mindestalter für Tattoos, das fest im Strafgesetzbuch steht.

Speaker B

Es gilt rechtlich als Körperverletzung, der man einwilligt.

Speaker B

Aber jedes gute Studio wird Jugendlichen unter 18 Jahren ohne klare elterliche Begleitung oder eben in extremen emotionalen Ausnahmesituationen eine Grenze aufzeigen.

Speaker B

Sie schützen die Menschen vor Kurzschlusshandlungen und

Speaker A

sie müssen ja auch darauf achten, was da genau gestochen wird.

Speaker A

Auch wenn es absurd klingt, aber in der eigenen Trauerblase denkt man vielleicht nicht darüber nach, ob ein bestimmtes nordisches Symbol oder eine alte Rune, die man mit dem Verstorbenen verbindet, in Deutschland vielleicht problematisch ist.

Speaker A

Es gibt ja durchaus Motive, die verfassungswidrig sind.

Speaker A

Da ist es doch sehr beruhigend zu wissen, dass ein professioneller Tätowierer da den Überblick hat und einen vor unbeabsichtigten juristischen

Speaker B

Stolpersteinen bewahrt, damit man sich wirklich rein auf seine Erinnerung fokussieren kann.

Speaker B

Ein guter Artist nimmt dir diese ganzen weltlichen Sorgen ab.

Speaker B

Und um noch einen wirklich faszinierenden Fakt aus der Welt der Trauer Tattoos hinzuzufügen, der in den letzten Jahren immer mehr an Bedeutung gewonnen sogenannte Memorial Ink oder auch Asche Tattoos.

Speaker B

Dabei wird eine winzige, mikroskopisch kleine Menge der sterilisierten Asche des Verstorbenen in die Tätowierfarbe gemischt.

Speaker A

Wow.

Speaker A

Das bringt den Gedanken der physischen Verbindung auf ein völlig neues Level.

Speaker B

Ja, absolut.

Speaker B

Es ist sicher nicht für jeden etwas und man muss auch ein Studio finden, das sich damit auskennt und die hygienischen und rechtlichen Vorgaben strikt einhält.

Speaker B

Aber für einige Menschen ist genau das der ultimative den geliebten Menschen wortwörtlich in sich aufzunehmen.

Speaker B

Es zeigt, wie unendlich kreativ und tiefgreifend der menschliche Geist ist, wenn es darum geht, Bewältigungsstrategien für das Unfassbare zu finden.

Speaker A

Bewältigungsstrategien, das ist ein sehr gutes Stichwort.

Speaker A

Denn trotz all dieser wunderschönen Konzepte, der Anker, das Endorphin, die bedeutungsvollen Motive, gibt es diese Tage, an denen die Trauer einfach übermächtig wird.

Speaker A

Tage, an denen auch das allerschönste Tattoo auf der Haut die Dunkelheit im Kopf nicht erhellen kann.

Speaker B

Das ist eine ganz wichtige Realität, die wir nicht vergessen dürfen.

Speaker B

Ein Tattoo ist kein Pflaster, das eine Wunde auf magische Weise heilt.

Speaker B

Es gibt Momente, da bricht das Eis, auf dem man in der Trauer läuft, einfach ein und dann braucht es mehr als Tinte.

Speaker B

Dann braucht es Menschen, die einem die Hand reichen und einen aus diesem eiskalten Wasser ziehen.

Speaker A

Und genau an dieser Stelle möchte ich mich für einen Moment ganz direkt an dich wenden.

Speaker A

Falls du uns gerade zuhörst und das Gefühl hast, dass du dich auf genau diesem brüchigen Eis befindest.

Speaker A

Wenn der Schmerz dich buchstäblich zu Boden drückt, wenn du in einer akuten Krise steckst oder Gedanken daran hast, dir das Leben zu nehmen, bitte wisse, dass du diesen Weg nicht alleine gehen musst.

Speaker A

Du bist nicht allein.

Speaker A

Es gibt Menschen, die genau jetzt in dieser Sekunde am Telefon sitzen und dir zuhören werden, ohne Vorurteile, ohne kluge Ratschläge, einfach nur als sicherer Hafen.

Speaker A

Du kannst die Telefonseelsorge völlig anonym und absolut kostenlos erreichen.

Speaker A

Die Nummer ist die.

Speaker A

Ich sage sie dir noch einmal in aller.

Speaker A

Du findest sie auch im Internet unter telefonseelsorge de.

Speaker A

Bitte spann dieses Sicherheitsnetz für dich auf, wenn du fällst.

Speaker A

Es ist immer jemand da.

Speaker B

Es ist ein so essentieller und tröstender Gedanke, dass es diese Anlaufstellen gibt.

Speaker B

Denn am Ende des Tages geht es immer darum, wie wir weiterleben.

Speaker B

Wenn wir all das zusammennehmen, worüber wir heute gesprochen haben, die Psychologie des Ankers, den bewussten körperlichen Schmerz, die kleinen humorvollen und intimen Motive, dann kristallisiert sich eine sehr ehrliche Erkenntnis heraus.

Speaker B

Ein Tattoo macht den Verlust nicht ungeschehen.

Speaker B

Es füllt nicht den leeren Stuhl am Esstisch.

Speaker B

Aber es ist eine leise, permanente Liebeserklärung, ein physischer Beweis, der Ja, es hat unfassbar wehgetan und Ja, es war diese

Speaker A

Liebe wert, eine permanente Liebeserklärung.

Speaker A

Ich glaube, treffender kann man es wirklich nicht zusammenfassen.

Speaker A

Es geht nicht darum, in der Vergangenheit steckenzubleiben, sondern die Vergangenheit auf eine Art und Weise in die Gegenwart zu holen, die uns das Weitergehen überhaupt erst ermöglicht.

Speaker A

Es ist ein Ich trage dich mit mir anstatt ein Ich bleibe bei dir stehen.

Speaker B

Und ich möchte dir, der uns gerade zuhört, noch einen allerletzten Gedanken mitgeben.

Speaker B

Einen Gedanken, den du vielleicht in den nächsten Tagen einfach ein bisschen mit dir herumtragen kannst.

Speaker B

Ganz egal, ob du Tattoos liebst oder ob du dir im Leben niemals etwas stechen lassen würdest.

Speaker B

Wo ist der Ort in deinem Leben, an dem deine Erinnerung ganz physisch wohnen darf?

Speaker B

Welchen ganz bewussten Raum räumst du dem ein, was vergangen ist?

Speaker B

Wo darf diese heimatlose Liebe sicher ruhen, damit sie nicht länger ein Geist ist, der dich nachts weckt, sondern ein stiller Begleiter, der friedlich mit dir weiterleben darf?

Speaker A

Was für eine kraftvolle, berührende Frage.

Speaker A

Ein Raum für den Frieden.

Speaker A

Wir hoffen von Herzen, dass unsere gemeinsamen Gedanken dir heute vielleicht einen kleinen Lichtblick, ein bisschen Ordnung in den Gefühlen und vor allem Trost spenden konnten.

Speaker A

Danke, dass du uns heute in deine Welt gelassen hast.

Speaker B

Pass gut auf dich auf, pass auf dein Herz auf.

Speaker B

Bis bald.