Es gibt ja diese Momente im Leben, da scheint die Welt oder zumindest die eigene Welt einfach stehen zu bleiben.
Speaker AEin Verlust, ein Abschied und auf einmal ist alles anders und man selbst ist auch anders.
Speaker BUnd während sich draußen alles weiterdreht, sitzt man selbst in so einer Art Glocke.
Speaker AGenau.
Speaker AUnd ich glaube, in dieser Glocke entsteht eine ganz bestimmte Frage, die so viele umtreibt.
Speaker AMache ich das hier eigentlich richtig?
Speaker BJa, dauert das zu lange?
Speaker BIst meine Trauer noch normal?
Speaker BDiese Frage, die birgt ja einen enormen Druck.
Speaker AAbsolut.
Speaker ALass uns heute mal genau darüber sprechen, darüber, warum Trauer keinem Kalender folgt und ja, warum dein ganz persönliches Tempo genau.
Speaker BDas Richtige ist Und vielleicht auch darüber, wie es sich anfühlen kann, dem Schmerz einfach mal Raum zu geben, anstatt die ganze Zeit gegen ihn anzukämpfen.
Speaker AIch glaube, ein guter Startpunkt ist dieser Druck von außen, den du gerade angesprochen hast.
Speaker ADiese gut gemeinten, aber oft so verletzenden Ratschläge.
Speaker BOh ja, das Leben geht weiter oder mein persönlicher Favorit, du musst jetzt langsam mal wieder nach vorne schauen.
Speaker ASchrecklich, weil es einem das Gefühl gibt, nicht verstanden zu werden.
Speaker ADas eigene Innere hält ja noch an diesem Moment fest, während alle anderen schon, naja, weitergemacht haben.
Speaker BGenau.
Speaker BUnd das ist ja auch der Kern des Problems.
Speaker BUnsere Gesellschaft hat irgendwie die Vorstellung, dass Trauer ein Prozess mit einem klaren Endpunkt sein sollte.
Speaker BEin Problem, das man löst und dann funktioniert man wieder.
Speaker AAber die Trauer ist ja kein Problem, das man löst.
Speaker ASie ist eher eine Antwort, eine Antwort auf Liebe.
Speaker BDas ist ein schöner Gedanke.
Speaker BTrauer hat kein Zeitlimit, weil Liebe kein Zeitlimit hat.
Speaker BDer Schmerz ist im Grunde nur die Kehrseite dieser tiefen Verbindung.
Speaker AUnd diese Verbindung ist ja bei jedem Menschen anders.
Speaker ADeswegen kann ja auch der Prozess gar nicht standardisiert sein, oder?
Speaker AEs hängt doch von so vielen Dingen ab.
Speaker BTotal.
Speaker BWar der Verlust plötzlich erwartet, vielleicht sogar traumatisch?
Speaker BWie nah war die Beziehung?
Speaker BWas habe ich selbst für eine Lebensgeschichte?
Speaker BWelches Netz fängt mich auf oder fängt mich eben auch nicht auf?
Speaker AJa, genau.
Speaker AEs geht ja nicht nur um ein Gefühl, sondern man muss sich ja an eine komplett neue Lebenswirklichkeit anpassen.
Speaker AAlles ist neu.
Speaker BUnd das bringt uns, glaube ich, zu einem der größten Mythen überhaupt.
Speaker ADie Trauerphasen.
Speaker BGenau diese berühmte Verleugnung, Wut, Verhandeln, Depression, Akzeptanz, als müsste man das nur der Reihe nach abarbeiten und am Ende ist.
Speaker AMan fertig, Was ja totaler Quatsch ist, wenn man mal ehrlich ist.
Speaker BEs ist nicht nur Quatsch, es basiert auf einem riesigen Missverständnis.
Speaker BElisabeth Kübler Ross hat dieses Modell ja ursprünglich gar nicht für Trauernde entwickelt.
Speaker AStimmt, das habe ich auch gelesen.
Speaker ADas war für mich für Sterbende, oder?
Speaker BGanz genau für todkranke Patienten, die sich mit ihrem eigenen bevorstehenden Tod auseinandersetzen.
Speaker BDas wurde später einfach auf die Hinterbliebenen übertragen, obwohl es dafür nie gedacht war.
Speaker AWahnsinn.
Speaker ADas heißt, unsere ganze kulturelle Vorstellung von Trauer prägt ein Modell, das eigentlich für eine ganz andere Situation gedacht war.
Speaker BJa, eine massive Fehlinterpretation.
Speaker BDie Realität der Trauer ist ja nicht linear, sie ist chaotisch.
Speaker AAbsolut.
Speaker AMan springt doch total zwischen den Gefühlen hin und her.
Speaker BAn einem Tag denkst okay, ich komme irgendwie klar.
Speaker BDu spürst vielleicht so eine Art von Akzeptanz und am nächsten Morgen wachst du auf und die Verzweiflung ist wieder da mit voller Wucht.
Speaker AUnd es ist dann kein Rückschlepp.
Speaker BNein, überhaupt nicht.
Speaker BDas ist einfach nur der normale, unordentliche, wellenartige Verlauf.
Speaker BTrauer kommt in Wellen.
Speaker AJa, das Bild der Wellen finde ich so passend.
Speaker AAn einem Tag kannst du lachen, du funktionierst und am nächsten reißt es dich wieder komplett um.
Speaker BUnd dann gibt es ja noch diese Auslöser.
Speaker BEin Lied im Radio, ein Geruch, ein.
Speaker ABestimmter Ort, ein Jahrestag, Geburtstage.
Speaker BGenau diese Trauerspitzen, die sind auch nach Jahren noch völlig normal.
Speaker BDas zeigt nur, dass das Herz eben in Wellen arbeitet.
Speaker AWenn dieses Stufenmodell also nicht passt, was ist denn eine eine bessere Beschreibung?
Speaker AIch fand da dieses duale Prozessmodell so einleuchtend.
Speaker BJa, von Strobe und Schutt.
Speaker BDas ist heute eines der wichtigsten Modelle.
Speaker BUnd es ist viel realistischer, weil es.
Speaker ANicht von einer Linie ausgeht, sondern von einem Pendeln.
Speaker BExakt eine Oszillation, ein Pendeln zwischen zwei Zuständen.
Speaker BDem verlustorientierten, also wenn man sich voll.
Speaker AAuf den Schmerz konzentriert.
Speaker BRichtig.
Speaker BWenn du weinst, dir Fotos ansiehst, über die Person sprichst, das, was man klassisch als Trauerarbeit bezeichnen würde.
Speaker AUnd der andere Zustand ist der wiederherstellungsorientierte.
Speaker BGenau.
Speaker BUnd das ist alles, was dich zwingt, dich an das neue Leben anzupassen.
Speaker BGanz praktische Dinge wie Rechnungen zu bezahlen, die vorher der Partner gemacht hat, aber.
Speaker AAuch neue Rollen zu finden.
Speaker APlötzlich ist man Witwe, nicht mehr Ehefrau.
Speaker AOder man muss neue Hobbies anfangen, den.
Speaker BFreundeskreis neu sortieren und das Modell sagt, gesunde Trauer ist ein ständiges Hin und Herpendeln.
Speaker BMal tauchst du tief in den Schmerz ein und dann brauchst du auch wieder eine Pause davon und stürzt dich in die Organisation des Alltags.
Speaker AUnd beides ist okay.
Speaker BBeides ist nicht nur OK, beides ist notwendig.
Speaker ADas ist so eine hilfreiche Vorstellung.
Speaker AEs ist also in Ordnung, an einem Tag nur zu weinen und am nächsten den Garten umzugraben.
Speaker ABeides ist Teil desselben Prozesses.
Speaker BJa.
Speaker BUnd das führt uns ja auch weg von dieser alten Idee des Abschließens oder Loslassens.
Speaker AOh ja, dieses Wort loslassen, furchtbar schrecklich.
Speaker BOder als müsste man die Erinnerung auslöschen.
Speaker BDie moderne Psychologie spricht heute viel eher von continuing bonds, also von fortbestehenden Verbindungen.
Speaker AEs geht also darum, eine neue, eine innere Beziehung zu dem Menschen aufzubauen.
Speaker BGenau.
Speaker BEr oder sie ist physisch nicht mehr da, aber die Beziehung transformiert sich.
Speaker BSie wird von einer äußeren zu einer inneren.
Speaker BViele Menschen fühlen ja auch innere Dialoge.
Speaker ATotal oder fragen, was würde er oder sie jetzt dazu sagen.
Speaker BUnd das ist kein Zeichen, dass man feststeckt.
Speaker BIm Gegenteil, das ist ein Zeichen für eine gelungene Integration.
Speaker BDie Liebe verschwindet nicht, sie verändert nur ihre Form.
Speaker ADas nimmt auch diese Angst.
Speaker AEs könnte eine Art Verrat sein, wenn man wieder lacht oder wenn der Schmerz mal nachlässt.
Speaker BAbsolut.
Speaker BDas Lachen ist kein Verrat am Verstorbenen, sondern ein Zeichen dafür, dass das Herz einen Weg findet, diese Liebe in das neue Leben zu integrieren.
Speaker BIntegrieren.
Speaker AAber wenn man das Gefühl hat, man schafft es einfach nicht, wenn man wirklich feststeckt.
Speaker AWo ist denn die Grenze zwischen dieser normalen, wenn auch langen Trauer und etwas, das vielleicht krankhaft ist?
Speaker BDas ist eine ganz wichtige Frage.
Speaker BDie Wissenschaft spricht da von einer anhaltenden Trauerstörung.
Speaker AUnd was bedeutet das genau?
Speaker BAlso die Kriterien sind da inzwischen recht klar.
Speaker BMan spricht davon, wenn der akute, lähmende Schmerz auch nach einer langen Zeit, meistens spricht man von mindestens einem Jahr, überhaupt nicht nachlässt.
Speaker AAlso wenn dieses Pendeln, von dem wir gesprochen haben, gar nicht erst in Gang kommt.
Speaker BGenau.
Speaker BWenn man quasi nur im verlustorientierten Modus feststeckt, wenn eine alles verzehrende Sehnsucht da ist, man das Gefühl hat, ein Teil von einem selbst sei gestorben und man überhaupt nicht mehr am Leben teilnehmen kann.
Speaker BOkay, wenn die Trauer das Leben auch nach über einem Jahr noch komplett lahmlegt, dann ist professionelle Hilfe absolut sinnvoll und wichtig.
Speaker AAber, und das ist der entscheidende Punkt, tiefe Traurigkeit, die auch nach Jahren noch in Wellen kommt, ist das nicht.
Speaker BNein, das ist einfach nur Trauer und die darf sein, solange sie eben dauert.
Speaker AWas hilft denn dann in diesem langen Prozess am meisten?
Speaker AEs gibt ja auch die Gefahr, dass man zu früh eingreift, oder?
Speaker BJa, die gibt es.
Speaker BManchmal kann eine zu frühe intensive Therapie einen ganz natürlichen Prozess stören.
Speaker BDer Körper und die Seele haben ja auch Selbstheilungskräfte.
Speaker BManchmal ist das Beste, was man tun kann, einfach nur abwarten und aushalten und.
Speaker ADie richtigen Menschen um sich zu haben.
Speaker BDas ist das Allerwichtigste.
Speaker BSoziale Unterstützung, die keinen Druck ausübt.
Speaker BJemand, der einfach nur da ist, der zuhört, der auch die Stille aushält, ohne sofort einen Ratschlag geben zu müssen und.
Speaker AEinem vielleicht auch mal ganz praktische Dinge abnimmt.
Speaker BJa, damit man überhaupt den Raum hat zu trauern.
Speaker BEs geht darum, sich selbst und anderen die Erlaubnis zu geben, dass dieser Prozess keinem Drehbuch folgt.
Speaker BMan muss nicht stark sein.
Speaker AWas heißt denn schon stark sein in der Trauer?
Speaker BEben vielleicht bedeutet Stärke hier nicht, die Gefühle zu unterdrücken, sondern den Mut zu haben, sie wirklich zuzulassen.
Speaker AIn kleinen Dosen sich so geschützte Räume schaffen.
Speaker BGenau.
Speaker BBewusst Zeit für Erinnerungen nehmen, Fotos ansehen, die Musik hören, aber sich auch erlauben, Pausen zu machen, sich abzulenken und ja auch zu lachen ohne schlechtes Gewissen.
Speaker AEs gibt da eine Metapher, die mir wahnsinnig geholfen hat, das zu verstehen.
Speaker ADieses Bild mit dem Ball in der Kiste.
Speaker BAh ja, die kenne ich, die ist wunderbar.
Speaker AKannst du die mal erklären?
Speaker BGerne.
Speaker BAlso stell dir vor, dein Leben nach dem Verlust ist eine Kiste, OK.
Speaker BUnd in dieser Kiste ist ein großer Ball.
Speaker BDas ist deine Trauer.
Speaker BAn einer der Innenwände der Kiste ist ein kleiner Knopf.
Speaker BUnd immer wenn der Ball diesen Knopf drückt, spürst du den akuten Schmerz.
Speaker AUnd am Anfang ist der Ball riesig.
Speaker BGenau.
Speaker BDirekt nach dem Verlust füllt der Ball fast die ganze Kiste aus.
Speaker BEr drückt quasi ununterbrochen auf den Schmerzknopf.
Speaker BJede kleine Bewegung, jeder Gedanke führt sofort zu diesem unerträglichen Schmerz.
Speaker ADas beschreibt die erste Zeit sehr gut.
Speaker BUnd dann mit der Zeit passiert etwas Unerwartetes.
Speaker BDer Ball selbst, also die Trauer, der Verlust, der wird nicht kleiner, der bleibt genauso groß.
Speaker BAber die Kiste wird größer.
Speaker BGenau das die Kiste Dein Leben wird größer.
Speaker BDu machst neue Erfahrungen, lernst vielleicht neue Menschen kennen, findest neue Routinen.
Speaker BDein Leben wächst quasi um die Trauer herum.
Speaker AUnd der große Ball ist immer noch da drin.
Speaker BImmer.
Speaker BAber er hat jetzt mehr Platz, um sich zu bewegen.
Speaker BEr trifft den Schmerzknopf seltener.
Speaker BAber und das ist so, wenn er ihn trifft, dann ist der Schmerz genauso intensiv wie ganz am Anfang.
Speaker AJa, das ist es.
Speaker BDer Unterschied ist nur, dass es zwischen diesen Momenten jetzt längere Phasen gibt, in denen der Knopf nicht gedrückt wird.
Speaker ADas ist ein so starkes, tröstliches Bild.
Speaker AEs erklärt, warum der Schmerz auch nach Jahren plötzlich wieder mit voller Wucht da.
Speaker BSein kann und warum das kein Rückschritt ist.
Speaker ADer Ball hat einfach wieder den Knopf getroffen.
Speaker BDas Ziel ist also nicht, den Ball loszuwerden, sondern die Kiste zu vergrößern.
Speaker AGenau darum geht es.
Speaker AEin neues Leben aufzubauen bedeutet nicht, das Alte auszuradieren.
Speaker AEs bedeutet, mit dieser Lücke, mit dem Ball in der Kiste leben zu lernen und die Person auf eine neue Art in dieses größere Leben zu integrieren.
Speaker BWenn wir das jetzt mal alles so zusammennehmen, dann ist die zentrale Botschaft doch eigentlich eine riesige Entlastung, oder?
Speaker AAbsolut.
Speaker AWeg von diesen starren Phasen und Zeitlimits hin zu einem Verständnis von Trauer als einem dynamischen, persönlichen und lebenslangen Prozess der Anpassung.
Speaker BJa, es gibt kein zu lange, es gibt kein Falsch.
Speaker BEs gibt nur deinen Weg.
Speaker BUnd die Wissenschaft bestätigt im Grunde nur, was Menschen im Innersten ja eh fühlen.
Speaker BTrauer hat kein Ablaufdatum, weil die Liebe.
Speaker ADie dahintersteckt, auch keins hat.
Speaker BGenau.
Speaker BDer Schmerz ist vielleicht der Preis, den wir für tiefe Verbundenheit zahlen.
Speaker BUnd diesen Schmerz zu fühlen, solange er eben dauert, ist der gesündeste Umgang damit.
Speaker AVielleicht ist die eigentliche Frage also gar Wann hört die Trauer endlich auf?
Speaker ASondern wie lerne ich, mit einer Liebe weiterzuleben, die für immer bleibt, aber einfach nur ihre Form verändert hat.