Also wenn man sich mit dem Thema Varanasi beschäftigt, dann taucht da eine Frage auf, die einen, finde ich, nicht mehr loslässt.
Speaker AHast du dir jemals vorgestellt, wie es ist, an einem Ort zu sein, wo Leben und Tod so, ja, so offen und unzertrennlich nebeneinander existieren?
Speaker BJa, genau.
Speaker BEin Ort, der nicht nur besucht wird, sondern den man ganz gezielt aufsucht, um Abschied zu nehmen.
Speaker BDas ist der Kern.
Speaker AUnd genau da wollen wir heute mal genauer hinschauen.
Speaker AWir sprechen über Varanasi, die wohl heiligste Stadt des Hinduismus.
Speaker BUnd wir versuchen zu verstehen, wie dieser tiefe spirituelle Wunsch nach Moksha, also nach Befreiung zusammenhängt mit ja, mit dem Ganges, den heiligen Feuern und einer ganz eigenen, fast schon wirtschaftlichen Seite dieses Abschieds.
Speaker ALass uns vielleicht genau da anfangen, bei dieser spirituellen Anziehungskraft.
Speaker AVaranasi ist ja mehr als nur eine Stadt.
Speaker AEs ist, es ist wie ein Versprechen.
Speaker BAbsolut.
Speaker BDer Legende nach, ja von Shiva selbst gegründet, ein Ort, an dem die Grenze zwischen der Welt der Menschen und der der Götter hauchdünn sein soll.
Speaker AUnd das spürt man anscheinend.
Speaker AMenschen pilgern dorthin, um zu leben, aber eben auch, um ganz bewusst dort zu sterben.
Speaker BUnd das hängt alles an diesem einen Moksha.
Speaker BDas ist so fundamental.
Speaker BEs geht hier nicht einfach nur darum, durch gutes Karma vielleicht ein besseres nächstes Leben zu bek, sondern um die endgültige Befreiung aus dem Samsara, also aus diesem ewigen Kreislauf von Geburt, Tod und Wiedergeburt.
Speaker ADas ist schon radikale Idee.
Speaker BTotal.
Speaker BMan könnte es vorsichtig mit dem buddhistischen Nirwana vergleichen, um zu zeigen, wie absolut das gemeint ist.
Speaker BEs ist der Austritt aus dem ganzen.
Speaker ASystem und der Glaube, wer in Varanasi stirbt und am Ganges verbrannt wird, der nimmt sozusagen eine Abkürzung dorthin.
Speaker BGenau, eine Abkürzung zur Erlösung.
Speaker BKein Ende, sondern ein endgültiger Übergang.
Speaker AUnd die Bühne für diesen ganzen Übergang, das sind die Gads am Ganges.
Speaker AJa, diese 84 steinernen Treppen, die zum Fluss runterführen.
Speaker AIn einem Bericht wurden sie als das große, offene Herz der Stadt beschrieben.
Speaker ADas fand ich sehr passend.
Speaker BDas ist ein wunderschönes Bild, weil es die Essenz einfängt.
Speaker BDa passiert alles.
Speaker BGebete, Freude, Trauer, der ganz normale Alltag.
Speaker AUnd der Gange selbst ist ja auch nicht nur ein Fluss.
Speaker BNein, er ist die flüssige Verkörperung der Göttin Ganga.
Speaker BJedes Bad darin ist eine rituelle Reinigung nicht hygienisch, sondern spirituell.
Speaker AMan wäscht Sinden ab Ballast.
Speaker BGenau.
Speaker BUnd solche Rituale geben ja einen unglaublichen Halt, gerade wenn einem die Worte fehlen.
Speaker BSie geben dem Schmerz eine Form, eine Handlung.
Speaker AUnd was in Varanasi eben auch eine sehr sichtbare Form hat, ist der Tod.
Speaker AEr wird nicht versteckt, so wie bei uns oft in Krankenhäusern oder in Bestattungsinstituten.
Speaker AIm Gegenteil, er ist Teil des öffentlichen Lebens.
Speaker ATrauerzüge ziehen ganz offen durch die Gassen.
Speaker ADahinter steckt ja der Wunsch, an einem Ort zu gehen, der Sinn trägt.
Speaker BEin Ort, der die Endlichkeit nicht verschweigt, sondern sie in ein größeres Bild einbettet.
Speaker AUnd das Epizentrum davon sind ja die Verbrennungsgates, vor allem Manikanikagate.
Speaker BDer Ort, an dem das Feuer niemals erlischt.
Speaker BSeit Jahrtausenden Tag und Nacht brennen dort die Scheiterhaufen.
Speaker ADie Atmosphäre muss unvorstellbar dicht sein.
Speaker BJa, ein Gemisch aus Rauch, dem leisen Murmeln von Mantras, dem Geruch von Holz und Sandelholz und dieser stillen, konzentrierten Trauer.
Speaker ADer Ablauf der Zeremonie ist ja auch so, so rituell und gleichzeitig so öffentlich.
Speaker ADer Leichnam wird in Tüchern zum Gatt.
Speaker BGetragen von den männlichen Familienmitgliedern.
Speaker AGenau.
Speaker ASie rufen Ram nam Satya hai.
Speaker ADer Name Ramas ist die Wahrheit.
Speaker ADann wird der Körper kurzem Ganges untertaucht zur letzten Reinigung und dann wird der Scheiterhaufen umkreist und der älteste Sohn entzündet.
Speaker ADas Feuer ist ein gemeinschaftlicher Akt.
Speaker ADie Gemeinschaft bezeugt das.
Speaker BUnd das Feuer selbst hat eine immense symbolische Kraft.
Speaker BEs steht nicht für Zerstörung, so wie.
Speaker AWir das vielleicht sehen würden, sondern für Verwandlung.
Speaker BGenau.
Speaker BDas Feuer löst die Seele von ihrer letzten Bindung an den physischen Körper.
Speaker BEs trennt die fünf Erde, Wasser, Feuer, Luft und Äther und gibt sie an den Kosmos zurück.
Speaker AEs macht das Schwere leicht, macht es zu Asche.
Speaker BUnd diese Asche kann sich dann wieder mit dem heiligen Wasser des Ganges verbinden.
Speaker AOK, und hier kommen wir jetzt zu dem Punkt, der mich ehrlich gesagt am meisten beschäftigt hat.
Speaker ADiese Ökonomie des heiligen Feuers.
Speaker ADenn dieser zutiefst spirituelle Akt hat eine sehr reale irdische Seite.
Speaker ADas kostet ja alles Geld.
Speaker AJa, wie passt das zusammen, dieser tiefe Glaube und die harte Realität des Geldes?
Speaker AIst das nicht auch ein bisschen zynisch?
Speaker BDie Frage ist absolut berechtigt, aber aus der Innensicht wird es anscheinend nicht als zynisch empfunden, eher als notwendige Infrastruktur des Abschieds.
Speaker AEine Infrastruktur des Abschieds, Ja.
Speaker BSpirituelle Rituale brauchen materielle Ressourcen und um diese Rituale herum ist ein ganzes Ökosystem entstanden.
Speaker BNimm nur das Holz, OK.
Speaker BFür einen Scheiterhaufen braucht man ungefähr 300 Kilogramm Holz.
Speaker BUnd die Art des Holzes, die ist ein Statussymbol.
Speaker AAlso teures Sandelholz für Reiche und Mangoholz.
Speaker BFür die weniger Wohlhabenden.
Speaker BDie Kosten dafür können mehrere Monatsgehälter betragen.
Speaker BDafür wird oft ein Leben lang gespart.
Speaker ADas heißt, die letzte Ära hat einen sehr konkreten Preis.
Speaker AUnd es sind ja nicht nur die Holzhändler.
Speaker BNein, da gibt es ein ganzes Netzwerk.
Speaker BDie Priester, die die Zeremonien leiten, ihre Dienste haben auch unterschiedliche Preise.
Speaker BEs gibt die Bootsführer, die die Asche auf den Ganges bringen.
Speaker AUnd dann gibt es diese Bissan, diese ganz besondere Gruppe, die Mitglieder der Domkaste.
Speaker BAh ja, das ist vielleicht das größte Paradoxon von allen.
Speaker AErklär das mal.
Speaker BAlso die Domkaste gilt im traditionellen Kastensystem als unrein, weil sie durch ihre Arbeit so eng mit dem Tod in Berührung kommen.
Speaker BSie sind diejenigen, die die Scheiterhaufen bauen, das Feier unterhalten und darauf achten, dass alles vollständig verbrennt.
Speaker BAber aber gleichzeitig sind sie die unentbehrlichen Torwächter zum Heiligsten, zur Moksha.
Speaker BOhne ihre Arbeit gibt es keine Erlösung in Varanasi.
Speaker ADas stellt ja alles auf den Kopf.
Speaker BTotal.
Speaker BDer König der Doms, so heißt es, ist der Hüter des ewigen Feuers, von dem alle anderen Feuer entzündet werden.
Speaker BDie Unreinen verwalten den reinsten aller Übergänge.
Speaker ADas ist ein unglaublicher Gedanke.
Speaker ADie, die am Rande der Gesellschaft stehen, halten den Schlüssel zum Zentrum des Glaubens in der Hand.
Speaker BGenau.
Speaker AUnd es gibt noch einen Ort, der diese ganze Mischung aus Spiritualität und Ökonomie auf den Pun Das Mukti Bhavan, das.
Speaker BHaus der Erlösung, ein Sterbehospiz.
Speaker AUnd das ist ja eine komplette Umkehrung von unserem westlichen Konzept von Hospizarbeit.
Speaker ADa geht es ja darum, Schmerzen zu lindern, das Leben vielleicht noch zu verlängern.
Speaker BUnd im Mukti Bhavan ist das anders.
Speaker BMan kommt nicht dorthin, um gesund zu werden, sondern um in Frieden gehen zu können.
Speaker AMan darf maximal zwei Wochen bleiben.
Speaker BGenau.
Speaker BWer in dieser Zeit nicht stirbt, muss wieder gehen.
Speaker BEs ist ein Zwischenraum, nicht mehr ganz im Alltag, aber noch nicht im endgültigen Abschied.
Speaker AEin Raum, in dem Zeit eine ganz.
Speaker BAndere Bedeutung bekommt, eine unendlich kostbare Bedeutung.
Speaker BUnd auch das ist natürlich eine Art Dienstleistung, auch wenn es auf Spenden basiert.
Speaker AEs ist also alles durchorganisiert.
Speaker ADas rückt auch einen anderen Punkt in ein neues Licht.
Speaker AVaranasi ist ja nicht nur ein Ort des Todes.
Speaker AEr es ist auch ein historisches Zentrum der Gelehrwarmkeit.
Speaker BJa, mit berühmten Sanskrit Universitäten.
Speaker AEs scheint erstmal ein Widerspruch zu sein.
Speaker BAber wenn man genauer hinschaut, ergibt es total Sinn.
Speaker BDas Wissen, die Theologie, die Philosophie, all das bildet ja das Fundament für diese komplexen Rituale.
Speaker ADie Abläufe, die Mantras, die Symbolik des Feuers.
Speaker BJa, das ist über Jahrtausende gelehrtes und weitergegebenes Wissen.
Speaker BGlaube und Wissen sind hier kein Gegensatz.
Speaker BUnd der Ankerpunkt für all die Pilger ist ja der Kashi Vishwanath Tempel, einer der heiligsten Shiva Tempel.
Speaker AAlso was nehmen wir da jetzt für uns mit, wenn wir das alles zusammenfassen?
Speaker AIch glaube, Varanasi zeigt vor allem, es ist ein Ort, an dem die großen Fragen des Lebens nicht versteckt werden.
Speaker BGenau hier begegnen sich Leben und Tod, Glaube und Alltag, das Heilige und das Profane in einer Nähe, die uns vielleicht.
Speaker AHerausfordert, aber die uns auch etwas lehren kann.
Speaker BDie Stadt zeigt, wie tief dieser menschliche Wunsch nach Erlösung sein kann, nach einem Ende, das nicht nur ein Schlussstrich ist, sondern ein sinnhafter Übergang.
Speaker BJa, und sie zeigt, dass selbst das Heiligste eine praktische, organisierte Seite braucht.
Speaker BEs braucht Holz, es braucht Geld, es braucht die Arbeit der Domkaste.
Speaker ADas ist kein Widerspruch, sondern die zwei Seiten derselben Medaille.
Speaker BAbsolut.
Speaker BDie Spiritualität braucht die Materie, um sich zu zeigen, um Form anzunehmen.
Speaker AVaranasi kann uns also vielleicht daran erinnern, dass Trauer und die Suche nach Sinn zusammengehören dürfen, dass Rituale, egal in welcher Kultur, eine tragende Kraft haben können.
Speaker BWenn uns die eigenen Worte fehlen, geben sie uns einen Handlungsrahmen im Chaos der Gefühle.
Speaker BUnd vielleicht ist das ein letzter Gedanke, den du mitnehmen kannst.
Speaker BAll diese komplexen Systeme in Varanasie, die Rituale, die Ökonomie, die sozialen Rollen sind ja letztlich ein groß angelegter Versuch, mit einer fundamentalen menschlichen Angst umzugehen, der Angst.
Speaker AVor der Bedeutungslosigkeit des Endes.
Speaker BGenau.
Speaker BVaranisi gibt dem Ende eine mächtige Geschichte, eine Aufgabe, eine Letzte große Reise.
Speaker BUnd vielleicht stellt das die Frage an, welche Geschichten erzählen wir uns eigentlich über das Ende und welche Infrastruktur, emotional, sozial, rituell bauen wir, um diese Geschichten lebendig zu halten?