Hast du schon einmal eine Nachricht bekommen?
Speaker AEine Nachricht, die von einer Sekunde auf die andere wirklich dein komplettes Leben auf den Kopf stellt?
Speaker AEine Nachricht, die alles verändert.
Speaker AUnd deine allererste Reaktion war nicht lauter Schmerz, kein Weinen, kein Schreien, sondern einfach nur absolute Leere.
Speaker BPuh, ja, das ist dieser Moment, in dem es sich anfühlt, als würde die Welt um einen herum einfach den Atem anhalten.
Speaker BWeißt du, alles geht irgendwie weiter.
Speaker BDie Autos fahren draußen auf der Straße, die Menschen gehen einkaufen, lachen vielleicht sogar, aber man selbst steht völlig still.
Speaker AAbsolut.
Speaker AUnd innerlich herrscht einfach nur so eine eiskalte Stille.
Speaker BGenau diese Stille, das ist etwas, worüber wir sprechen müssen, weil es so viele betrifft und trotzdem fast schon ein Tabu ist.
Speaker AJa, lass uns genau da ansetzen, bei diesem seltsamen, fast schon unwirklichen Gefühl, plötzlich wie in Watte gepackt zu sein.
Speaker AWir wollen uns heute mal anschauen, was da eigentlich genau passiert.
Speaker AAlso warum sich Trauer ganz am Anfang oft so kalt oder eben vollkommen taub anfühlt.
Speaker AUnd wenn man sich da mal die Neurobiologie hinter extremen Verlusten anschaut, dann wird ziemlich schnell diese vermeintliche Gefühlskälte, dieses nicht ist eigentlich der tiefste und faszinierendste Schutzmechanismus, den unser Gehirn überhaupt hat.
Speaker BIch finde, das Verrückte daran ist ja dieser gewaltige Kontrast, Also der Kontrast zwischen dem, was uns die Gesellschaft oder Hollywood uns beibringt und dem, was tatsächlich in uns passiert.
Speaker AOh ja, Hollywood ist da ein gutes Stichwort.
Speaker AOder denk mal an Filme.
Speaker AJemand bekommt eine Todesnachricht am Telefon, der Hörer gleitet in Zeitlupe aus der Hand, die Person rutscht weinend an der Wand runter.
Speaker BGenau das richtig.
Speaker BUnd das hat sich in unser kollektives Bewusstsein wirklich eingebrannt, als die in Anführungsstrichen normaler oder richtige Art zu trauern.
Speaker AUnd wer das nicht tut, der fühlt sich direkt falsch.
Speaker ADabei sieht die Realität ja völlig anders aus, wenn man Berichte von Betroffenen liest.
Speaker ADie meisten fallen erstmal in einen fast tranceartigen Zustand.
Speaker ADa rutscht niemand weinend an der Wand herunter.
Speaker BNein, überhaupt nicht.
Speaker BDer Hörer wird ganz ruhig aufgelegt und dann fangen die Leute an, völlig absurde, mechanische Dinge zu tun.
Speaker BSie räumen die Spülmaschine aus oder fangen an, das Gewürzregal alphabetisch zu sortieren, während sie auf den Notarzt warten.
Speaker AJa, dieses völlig surreale Funktionieren.
Speaker AMan klärt erste Formalitäten mit dem Bestatter, man ruft Verwandte an, organisiert vielleicht sogar noch Kaffee für die Gäste und Wochen später schaut man zurück und denkt wie um alles in der Welt, habe ich das überhaupt geschafft?
Speaker AWar ich da überhaupt anwesend?
Speaker BDas ist genau die Frage.
Speaker AUnd ich glaube, es ist wahnsinnig wichtig, das direkt am Anfang einmal ganz klar auszusprechen.
Speaker AFalls du, der uns gerade zuhört, das kennst, diese Leere, dieses bloße Funktionieren.
Speaker ADas ist keine Abwesenheit von Liebe für den Menschen, den man verloren hat.
Speaker AEs ist schlichtweg die Abwesenheit von Überforderung.
Speaker BDas hast du sehr schön gesagt.
Speaker BUnd wenn wir uns das neurobiologisch ansehen, hat das einen hochkomplexen evolutionären Hintergrund.
Speaker BUnser Gehirn wertet so eine Nachricht nämlich nicht einfach nur als ja, als traurige Information, die es jetzt mal eben verarbeiten muss, sondern es wertet diesen Moment als akute existenzielle Bedrohung.
Speaker BBindung und Sicherheit brechen in Millisekunden komplett weg.
Speaker AAber warte mal kurz, lass mich da mal einhaken.
Speaker AWenn unsere Amygdala, also unser inneres Alarmsystem im Gehirn das als Lebensgefahr einstuft, müssten wir dann nicht eigentlich in totale Panik geraten?
Speaker AAlso dieses klassische Fight or flight Kämpfen oder wegrennen?
Speaker AWarum erstarren wir stattdessen und räumen Gewürze auf?
Speaker BDas ist eine super Frage.
Speaker BFight or flight greift dann, wenn wir eine physische Bedrohung vor uns haben, vor der wir weglaufen können.
Speaker BEin Säbelzahntiger zum Beispiel.
Speaker AOkay, ja.
Speaker BAber bei einem massiven emotionalen Schock, wenn wirklich das tiefste Sicherheitsnetzwerk bricht, dann erkennt das Gehirn in Ich kann hier nicht wegrennen, ich kann auch nicht dagegen ankämpfen.
Speaker BDie Bedrohung ist systemisch.
Speaker AWow, OK.
Speaker BUnd um dann einen totalen Kollaps des gesamten Organismus zu verhindern, schaltet das Nervensystem in das dritte, oft vergessene alte Notfallprogramm, den sogenannten Freeze Zustand.
Speaker BDas Erstarren.
Speaker BDas oberste Ziel in dem Moment ist nicht das Fühlen, es ist das nackte Überleben.
Speaker AAlso Stabilität herstellen, Handlungsfähigkeit sichern im absoluten Ausnahmezustand.
Speaker BGanz genau.
Speaker ADas heißt, unser Körper übernimmt quasi das Steuer, weil er merkt, okay, Der Verstand ist gerade völlig überlastet, der brennt uns sonst durch.
Speaker AUnd wie genau macht der Körper das?
Speaker AAlso wir sprechen hier ja nicht von Magie, sondern von einer massiven chemie chemischen Reaktion, die da in uns abläuft.
Speaker BUnserem bekanntesten Stresshormon Cortisol ist ja eigentlich dafür da, Energie für extremen körperlichen Stress bereitzustellen, oder?
Speaker BRichtig, es mobilisiert aus dem Nichts unglaubliche Energiereserven und es schärft unseren Fokus extrem.
Speaker BUnd das erklärt dieses surreale Funktionieren, von dem wir vorhin gesprochen haben.
Speaker BEvolutionär war das Cortisol dafür da, dass wir nach einem Angriff unser Lager sichern konnten, ohne direkt zusammenzubrechen.
Speaker BUnd heute sorgt genau dieselbe Cortisol dafür, dass jemand hochkonzentriert Listen schreiben kann, Dokumente sortieren und die richtigen Blumen für eine Beerdigung aussuchen kann.
Speaker ADas ist eigentlich unfassbar, wenn man mal drüber nachdenkt.
Speaker AEin Hoho, das dafür gemacht ist, uns vor Raubtieren zu retten, hilft uns heute dabei, bürokratische Formulare beim Bestatter auszufüllen.
Speaker BJa, das ist Biologie.
Speaker BUnd dann kommt noch Noradrenalin dazu.
Speaker AWas macht das genau in dem Moment?
Speaker BNoradrenalin hält uns hellwach und reaktionsbereit.
Speaker BDas ist der Grund, warum so viele Trauernde in den ersten Tagen diese rasende innere Unruhe spüren.
Speaker BMan hat vielleicht, weiß nicht, 72 Stunden am Stück nicht geschlafen.
Speaker BDer Körper ist eigentlich völlig am Ende.
Speaker AAber man liegt nachts im Bett, starrt an die Decke und das Herz rast.
Speaker BGenau, man spürt keine normale Müdigkeit mehr, weil das Noradrenalin das System einfach auf Hochtouren hält.
Speaker AOkay, das erklärt den Fokus und diese krasse Schlaflosigkeit.
Speaker AAber woher kommt diese Kälte, diese emotionale Taubheit, über die wir anfangs gesprochen haben?
Speaker AWenn Cortisol und Noadrenalin mich quasi so aufputschen, müsste ich dann nicht erst recht alles spüren, Jede einzelne Emotion extrem intensiv.
Speaker BDa kommen jetzt die Beta Endorphine ins Spiel.
Speaker BUnd das ist für mich vielleicht der faszinierendste Teil dieses ganzen Überlebensmechanismus.
Speaker BBeta Endorphine sind körpereigene Opioide.
Speaker BSie binden an exakt dieselben Rezeptoren in unserem Gehirn wie extrem starke Schmerzmittel.
Speaker AWow.
Speaker AAlso verarbeitet sich das Gehirn in diesem Moment im Grunde selbst ein massives Betäubungsmittel.
Speaker BExakt.
Speaker BDas Gehirn medikamentiert sich selbst.
Speaker BDiese Endorphine legen sich wie so eine schwere dämpfende Decke über unser zentrales Nervensystem.
Speaker BSie unterdrücken den extremen seelischen Schmerz und interessanterweise dämpfen sie auch körperlichen Schmerz.
Speaker AWahnsinn.
Speaker BDas erzeugt dieses wattige Gefühl, diese innere Betäubung.
Speaker BUnd während dieses ganze chemische Feuerwerk abläuft, versuchen Serotonin und Dopamin dann noch im Hintergrund irgendwie verzweifelt das System vor dem endgültigen Durchbrennen zu bewahren.
Speaker AIch versuche mir das gerade mal bildlich vorzustellen.
Speaker AEs ist ein bisschen wie bei so einem Dimmer an der Lampe, oder?
Speaker ADer Schock zerstört ja nicht unsere Fähigkeit zu fühlen.
Speaker AAlso die Glühbirne ist ja nicht kaputt.
Speaker BSchönes Bild.
Speaker AAber das Gehirn dreht den Dimmer für die Emotionen einfach ganz radikal nach unten.
Speaker ADas emotionale Licht wird fast ganz ausgeschaltet, damit einfach die Sicherung nicht rausfliegt.
Speaker BDas ist eine extrem treffende Analogie.
Speaker BDie Emotionen finden wie, ja, wie hinter einer dicken Glasscheibe statt.
Speaker BUnd während das Fühlen so stark gedimmt ist, bleibt ein ganz bestimmter Teil unseres Gehirns hellwach, nämlich der präfrontale Kortex.
Speaker AAh, OK.
Speaker ADas ist der Teil des Gehirns, der quasi für die To Do Listen zuständig ist, oder?
Speaker AAlso für rationales Denken, Planen, Organisieren.
Speaker BGenau, der präfrontale Kortex ist sozusagen der rationale Manager in unserem Kopf.
Speaker BUnd weil die Endorphine den emotionalen Schmerz dämpfen, kann dieser Manager ungehindert weiterarbeiten.
Speaker BDie Realität des Verlustes kommt einfach noch gar nicht an uns heran.
Speaker BDas Gehirn lässt sie nur in winzigen homöopathischen Dosen durch, weil uns die gesamte
Speaker AWucht auf einmal im wahrsten Sinne des Wortes psychisch zerschmettern würde.
Speaker BGanz genau.
Speaker BAlles auf einmal wäre absolut tödlich für das System.
Speaker AWas mich daran so fasziniert, ist diese extreme Diskrepanz, die dadurch nach außen entsteht.
Speaker AMan sieht diese Menschen oft auf Beerdigungen und sie wirken so unheimlich gefasst.
Speaker ANachbarn oder entfernte Verwandte flüstern dann Dinge Wow, sie ist so stark oder er trägt das mit so viel Fassung.
Speaker BDas hört man oft.
Speaker AAber in Wirklichkeit ist das ja gar keine Stärke im klassischen Sinne, sondern ein absoluter neurologischer Ausnahmezustand.
Speaker ADer Geist scheint völlig still zu sein, das Zeitgefühl verzerrt sich komplett.
Speaker AMinuten fühlen sich an wie zäher Kaugummi.
Speaker ATage verschwinden wie in so einem dichten Nebel.
Speaker AAber der Körper rebelliert eigentlich, oder?
Speaker BJa, der Körper weiß oft sehr viel früher, was passiert ist, als der Verstand es überhaupt begreifen darf.
Speaker BÄußerlich wirkt jemand vielleicht extrem ruhig, starrt vielleicht einfach nur ins Leere, aber innerlich herrscht Hochspannung, man zittert unkontrollierbar.
Speaker BJa, manchen wird stark übel oder sie spüren einen massiven Druck auf der Brust, als würde wirklich ein tonnenschwerer Stein darauf liegen.
Speaker BDer Mund ist trocken, der Magen zieht sich zusammen.
Speaker BDer Körper verarbeitet diesen Schock physisch, während der Geist eben noch in dieser schützenden Watte eingepackt ist.
Speaker AUnd genau aus dieser Diskrepanz, also zwischen dem, was der Körper spürt, und dieser eiskalten Leere im Kopf, daraus entsteht etwas, das wir hier unbedingt ansprechen müssen.
Speaker AEin Phänomen, das eigentlich immer wieder auftaucht.
Speaker ADieser zweite Schmerz, die Schuldfrage Oh ja,
Speaker Bdas ist ein extrem destruktiver Kreislauf.
Speaker BTrauernde sitzen da und fangen an, sich selbst brutal zu verurteilen.
Speaker BSie Warum weine ich nicht?
Speaker BAlle anderen weinen.
Speaker BHabe ich diesen Menschen vielleicht gar nicht richtig geliebt?
Speaker BBin ich tief im Herzen eigentlich ein kalter, gefühlloser Mensch?
Speaker AJa, man schämt sich regelrecht für die eigene Leere.
Speaker BTotal.
Speaker AUnd wenn du uns gerade zuhörst und genau das jemals gefühlt hast oder es vielleicht in diesem Moment fühlst, dann möchten wir dir das hier einmal ganz, ganz deutlich sagen, und zwar gestützt auch harte biologische Fakten.
Speaker ADu bist nicht gefühlskalt und du bist schon gar nicht kaputt.
Speaker BNein, absolut nicht.
Speaker ADiese Taubheit ist kein Maßstab für deine Liebe.
Speaker ASie ist schlicht und ergreifend die archaische Sprache deines eigenen Überlebensinstinkts.
Speaker BEs ist ein Schutzschild.
Speaker BDein System sorgt einfach dafür, dass du nicht an dem Schmerz zerbrichst, bevor du überhaupt kognitiv begreifen kannst, was da eigentlich passiert ist.
Speaker BDein Gehirn dosiert die Realität für dich, weil es dich am Leben erhalten will.
Speaker BEs nimmt dich innerlich in den Arm und Stopp.
Speaker BErstmal stabil bleiben.
Speaker AFühlen können wir später, später fühlen.
Speaker ADas ist ein guter Punkt.
Speaker AIch habe dazu meinen Gedanken gelesen, der mir extrem im Gedächtnis geblieben ist.
Speaker AEs ging darum, dass die Gefühle und damit auch die Tränen, die schiere Verzweiflung erst dann zurückkehren, wenn das Gehirn okay, wir sind jetzt sicher, aber wann passiert das eigentlich?
Speaker AKommt da irgendwann dieser eine filmreife Moment, in dem die Dämme brechen?
Speaker BIn den allermeisten Fällen eben nicht.
Speaker BAuch das ist wieder so ein Hollywood Mythos.
Speaker BDiese eine riesige, alles reinwaschende Welle, auf die viele fast schon sehnsüchtig warten, um sich endlich richtig trauernd zu fühlen?
Speaker BDie gibt es oft gar nicht.
Speaker AOkay.
Speaker BDas langsame Erwachen aus diesem Freeze Zustand passiert meistens nicht, wenn man es erwartet oder wenn man sich aktiv hinsetzt, um jetzt mal zu trauern.
Speaker BEs passiert dann, wenn die akute Organisation vorbei ist.
Speaker AAlso wenn der Besuch abgereist ist.
Speaker BGenau, wenn die Bestattung vorbei ist.
Speaker BWenn man abends die Haustür abschließt, allein im Flur steht und diese ohrenbetäubende Stille
Speaker Aim Haus einkehrt, weil das Alarmsystem, diese Amygdala, dann merkt okay, die unmittelbare Gefahr ist gebannt, das Lager ist gesichert, wir können den Dimmer jetzt ganz, ganz langsam wieder hochdrehen.
Speaker BGanz genau.
Speaker BUnd dann bricht die Trauer durch, aber sie sucht sich ihren Weg oft durch winzige Risse in dieser Betäubung.
Speaker BEs sind meistens extrem banale, völlig unscheinbare Auslöser.
Speaker AHast du da Beispiele?
Speaker AWie sieht sowas konkret aus?
Speaker BOh, unzählige.
Speaker BWeißt du, es ist fast nie der große Gedanke an den Tod selbst.
Speaker BEs ist der Moment, in dem jemand im Supermarkt an dem Regal mit der Loopings Kaffeesorte des Verstorbenen vorbeigeht.
Speaker APuh, ja.
Speaker BOder ist es ein ganz bestimmter Geruch von altem Rasierwasser, der plötzlich im Raum hängt, ein völlig belangloses Lied im Radio Oder der absolute Man sieht eine Jacke im Flur hängen oder ein paar Schuhe stehen, als würde die Person gleich zur Tür hereinkommen und Hey, ich bin wieder da.
Speaker AUnd in diesen winzigen Mikromomenten dringt die Realität dann durch das dicke Glas.
Speaker ADas Gehirn lässt für eine einzige Sekunde die volle Wahrheit zu.
Speaker ADas Verrückte ist ja auch, wie unterschiedlich Trauer sich dann zeigt, wenn das Eis wirklich anfängt zu schmelzen.
Speaker AEs muss ja nicht immer weinen sein.
Speaker AWir haben gesellschaftlich so ein starres, fast schon uniformes Bild davon, wie Trauer auszusehen hat.
Speaker AMan weint ein paar Wochen intensiv, man trägt vielleicht dunkle Kleidung und dann wird es langsam wieder gut.
Speaker AAber Trauer ist doch überhaupt nicht geradlinig.
Speaker ASie ist oft ein totales Chaos.
Speaker BAbsolut ein Prozess in endlosen Schleifen.
Speaker BTrauer äußert sich in so vielen Formen, die von außen oft gar nicht als solche erkannt werden.
Speaker BEs kann zum Beispiel eine bleierne, fast schon krankhafte Müdigkeit sein, bei der man kaum aus dem Bett kommt.
Speaker BEs kann eine extreme Reizbarkeit sein, dass Menschen plötzlich wegen einer unaufgeräumten Kaffeetasse völlig ausrasten, weil ihr Nervensystem immer noch auf Hochtouren läuft und wirklich der kleinste Reiz zur totalen Überforderung führt.
Speaker BOder es ist eine tiefe körperliche Unruhe.
Speaker BMan muss kilometerweit spazieren gehen, weil man einfach nicht still sitzen kann.
Speaker BAll das ist Trauer.
Speaker AUnd manchmal, manchmal ist diese Leere, über die wir ganz am Anfang gesprochen haben, auch einfach der Raum, den ein Mensch in unserem Leben hinterlässt, bevor wir überhaupt Worte dafür finden können.
Speaker AWeißt du, die Lücke ist so gigantisch groß, dass sie sich nicht wie ein spitzer Schmerz anfühlt, sondern wie ein riesiges Nichts.
Speaker BDas ist sehr wahr.
Speaker AWenn ich mir diese ganze neurobiologische Maschinerie so anschaue, also das Cortisol, die Endorphine, diesen fleißigen Manager im präfrontalen Kortex, dann finde ich das bei all der unglaublichen Tragik fast schon bewundernswert.
Speaker AWir haben da diese unfassbar weise Instanz in uns, die uns wirklich durch das absolut Unfassbare trägt.
Speaker BEs zeigt einfach, dass wir unserem Schmerz nicht völlig schutzlos ausgeliefert sind.
Speaker BUnser Körper dosiert ihn, er ist wie ein innerer Lichter.
Speaker BUnd das ist etwas, worauf wir vertrauen dürfen, selbst in den Momenten, in denen wir uns in unserem eigenen Kopf völlig fremd und kalt fühlen.
Speaker BDie Natur hat uns nicht so konstruiert, dass wir an emotionalem Schmerz sofort zugrunde gehen.
Speaker BSie hat uns so konstruiert, dass wir ihn in Etappen überleben können.
Speaker AWenn wir diese biologische Realität betrachten, führt das aber zu einem massiven Problem in unserer heutigen Welt, über das wir vielleicht zum Abschluss noch kurz nachdenken sollten, Weil unser modernes Leben, unsere Arbeitswelt, das steht ja eigentlich im kompletten Widerspruch zu diesem natürlichen Ablauf.
Speaker BWie meinst du das genau?
Speaker ANaja, denk mal drüber nach, wie wir heute mit Trauerfällen umgehen.
Speaker AWenn ein naher Angehöriger stirbt, bekommen wir vielleicht 2, 3 Tage Sonderurlaub, was passiert in diesen ersten Tagen biologisch.
Speaker BWir sind im totalen Freeze Zustand.
Speaker AExakt.
Speaker AWir sind vollgepumpt mit Cortisol und Endorphinen.
Speaker AWir funktionieren tadellos, wir klären die Beerdigung, wir organisieren alles, wir wirken stabil und die Gesellschaft hackt das dann ab.
Speaker AOh, sie kommt gut damit klar.
Speaker BIch verstehe, worauf du hinaus willst.
Speaker BUnd wenn dann nach drei oder vier Wochen diese schützende Watte langsam verschwindet, genau
Speaker Adann, wenn das körpereigene Morphium nachlässt, wenn der Dimmer hochgedreht wird und die volle Wucht der Realität uns erst richtig trifft, die Dann erwartet die Gesellschaft, dass wir längst wieder voll im Alltag angekommen sind.
Speaker ADer Chef erwartet, dass wir unsere Projekte wieder hoch fokussiert bearbeiten.
Speaker AFreunde rufen vielleicht seltener an, weil die Beerdigung ja schon Wochen her ist.
Speaker AGenau dann, wenn das Gehirn uns überhaupt erst erlaubt, den Verlust richtig zu spüren, entzieht uns unsere moderne Welt den Raum dafür, weil die angebliche Trauerzeit abgelaufen ist.
Speaker BDas ist ein unglaublich wichtiger und auch schmerzhafter Punkt.
Speaker BWir verlangen von Menschen, dass sie trauern, solange sie biologisch eigentlich noch im reinen Überlebens und Organisationsmodus stecken.
Speaker BWir haben kulturell völlig verlernt, Geduld mit dem menschlichen Nervensystem zu haben.
Speaker BDie moderne Bürokratie versteht einfach nicht, dass unser Gehirn ein ganz eigenes Tempo hat, um eine Welt ohne diesen bestimmten Menschen überhaupt begreifen zu können.
Speaker ADas ist vielleicht der wichtigste Gedanke, den wir dir heute mitgeben wollen.
Speaker AWenn du das nächste Mal diese Leere in dir spürst, diese seltsame kalke Stille im Kopf und dann wieder dieser Impuls in dir hochkommt, dich selbst dafür zu verurteilen oder dich zwingen zu wollen, jetzt sofort richtig zu funktionieren oder richtig zu trauern, dann versuch diesen Gedanken sanft umzudrehen.
Speaker ADiese Stille ist kein Defekt, sie ist das lauteste Zeichen dafür, dass dein Verstand gerade absolute Schwerstarbeit leistet.
Speaker BUnd um dich zu beschützen, erlaube dir, in deinem eigenen Tempo aufzutauen, völlig unabhängig davon, was Kalender, Arbeitsgeber oder gesellschaftliche Normen dir diktieren wollen.
Speaker BNimm dir die Zeit, die deine Biologie eben braucht, um den Verlust greifbar zu machen.
Speaker ALass diese Stille einfach da sein.
Speaker AVielleicht ist sie gar kein Vorwurf, vielleicht ist sie ein zutiefst menschlicher, ja fast schon zärtlicher Beweis dafür, wie unfassbar kostbar.
Speaker ADas war, was du verloren hast.
Speaker ASo wertvoll, dass dein eigenes Gehirn Zeit braucht, um es zu fassen.