Hallo.
Speaker BHallo.
Speaker ASchön, dass du da bist.
Speaker BHallo.
Speaker AKennst du das, wenn nach einem Verlust der eigene Körper sich irgendwie fremd anfühlt?
Speaker AWenn die Trauer nicht nur im Kopf ist, sondern auch so richtig in den Schultern sitzt, im Atem, in jeder Phase.
Speaker BAbsolut.
Speaker BUnd genau darum soll es heute gehen.
Speaker BDarum, wie ein ganz einfacher Spaziergang vielleicht in der Natur ein stiller Begleiter in solchen Zeiten sein kann.
Speaker BNicht als so eine Art Wundermittel, das den Schmerz wegnimmt.
Speaker BDas geht ja gar nicht.
Speaker BNein, sondern eher als ein Ort zum Atmen, zum Fühlen, zum einfachen Gehen.
Speaker BWir wollen uns heute anschauen, wie Bewegung und die Umgebung dir helfen können, einen Weg durch die Trauer zu finden, sozusagen Schritt für Schritt.
Speaker ALass uns vielleicht genau da anfangen bei diesem Gefühl, dass der Körper selbst mittrauert.
Speaker ADas beschreibt ja jemand in einem Bericht als eine Art innere Rüstung.
Speaker BJa, das Bild fand ich sehr treffend.
Speaker ADiese ständige Anspannung im Nacken, in der Brust, man atmet flacher, fühlt sich fremd im eigenen Körper.
Speaker ADas ist ja nicht nur Einbildung.
Speaker BNein, überhaupt nicht.
Speaker BDas ist pure Biochemie.
Speaker BTrauer ist ja eine extreme Stressreaktion.
Speaker BDein Körper ist im Daueralarm Zustand, schüttet Stresshormone wie Cortisol aus und das führt eben genau zu dieser Anspannung, zu Schlafstörungen, zu dieser körperlichen Erschöpfung.
Speaker AKlar.
Speaker BUnd genau hier kommt das Gehen ins Spiel als eine ganz, ganz simple, fast schon mechanische Intervention.
Speaker BEs gab da eine Studie, ich glaube von der Universität Exeter.
Speaker AAh ja, die habe ich auch gesehen.
Speaker BUnd die haben herausgefunden, dass schon 15 Minuten in einer natürlichen Umgebung den Cortisolspiegel um bis zu 20 Prozent senken können.
Speaker A20 Prozent in 15 Minuten.
Speaker ADas ist ja erstaunlich.
Speaker BJa, aber was mich daran wirklich Gilt das für jede Art von Bewegung oder ist das Gehen an sich?
Speaker BIst da etwas Besonderes dran?
Speaker BViele fühlen sich in der Trauer gar nicht in der Lage, jetzt ein intensives Sportprogramm anzufangen.
Speaker BDas ist ein ganz, ganz wichtiger Punkt.
Speaker BEs geht hier absolut nicht um Leistung.
Speaker BNein, das Besondere am Gehen ist ein rhythmischer, fast meditativer Charakter.
Speaker BEs ist eine bilaterale Stimulation, also links rechts, links rechts.
Speaker BDas kennt man ja auch aus der Traumatherapie, zum Beispiel von EMDR, diese gleichmäßige, seitenübergreifende Aktivierung vom Körper und vom Gehirn, die scheint dabei zu helfen, festgefahrene emotionale Zustände wieder in Fluss zu bringen.
Speaker AMan muss also nichts erreichen.
Speaker BGenau, man muss nur gehen.
Speaker BDer Körper findet seinen eigenen Rhythmus und der Geist bekommt sozusagen die Erlaubnis, einfach mitzukommen, ganz ohne Druck.
Speaker AUnd wenn der Körper dann so langsam in seinen Rhythmus findet, merkt man ja plötzlich auch, wo man eigentlich ist.
Speaker BJa, und das ist der zweite große Faktor.
Speaker BEs geht nicht nur ums Gehen, sondern ums Gehen draußen.
Speaker BWas genau macht denn die Natur, was eine Sporthalle oder ein Laufband nicht kann?
Speaker BDazu gibt es eine ziemlich faszinierende Theorie, die Attention Restoration Theory.
Speaker AOkay.
Speaker BDie besagt im Grunde, dass unsere gerichtete Aufmerksamkeit, also die Fähigkeit, uns bewusst zu konzentrieren, eine begrenzte Ressource ist.
Speaker AUnd die ist in der Trauer wahrscheinlich permanent überlastet.
Speaker BGenau, durch das ständige Grübeln, den Schmerz.
Speaker BUnd die Natur bietet jetzt etwas, was die Forscher weiche Faszination nennen.
Speaker AWeiche Faszination.
Speaker ADas klingt erstmal wie ein Widerspruch.
Speaker BJa, aber es beschreibt es perfekt.
Speaker BDenk mal an das Rauschen von Blättern im Wind, das Spiel von Licht und Schatten auf dem Boden, eine Wolke, die langsam vorbeizieht.
Speaker BDiese Reize sind interessant genug, um deine Aufmerksamkeit ganz sanft auf sich zu ziehen, aber sie fordern keine aktive Konzentration von dir.
Speaker BSie fesseln dich, ohne dich anzustrengen.
Speaker AUnd dadurch kann sich diese erschöpfte Aufmerksamkeit erholen.
Speaker BGenau, du kommst aus dem Gedankenkarussell raus, ohne dich dazu zwingen zu müssen.
Speaker BDer Wald, wie es in einem Artikel so schön hieß, urteilt nicht.
Speaker BEr ist einfach da.
Speaker ADas kann ich gut nachvollziehen.
Speaker AAber mir ist da noch was anderes eingefallen.
Speaker AIn einem der persönlichen Berichte, da schrieb eine Frau, dass es für sie am Anfang unerträglich war, im Frühling spazieren zu gehen.
Speaker AOh ja, überall neues Leben, Vogelgezwitscher, blühende Bäume, während ihre eigene Welt komplett stillstand.
Speaker ADieser Kontrast kann ja auch unglaublich schmerzhaft sein.
Speaker BAbsolut.
Speaker BDas ist diese große Ambivalenz, die viele beschreiben.
Speaker BEinerseits kann die Natur Trost spenden durch ihre Beständigkeit, diesen Zyklus von Werden und Vergehen.
Speaker BJa, aber sie kann eben auch schmerzhaft die eigene Endlichkeit und den Verlust spiegeln.
Speaker BUnd der Spaziergang wird dann zu einem Ort, um genau diese Spannung auszuhalten.
Speaker BMeine Welt ist zerbrochen und trotzdem singt da ein Vogel.
Speaker BBeides darf gleichzeitig existieren.
Speaker AGenau.
Speaker AEs geht nicht darum, das eine durch das andere zu ersetzen, sondern darum zu lernen, dass beides nebeneinander Platz haben darf.
Speaker BDieser Aspekt, die Sinne zu öffnen und einfach nur wahrzunehmen, was ist, das führt uns ja direkt zum Thema Achtsamkeit und diesem berühmten Waldbaden.
Speaker ADas wird ja oft so als Modewort abgetan.
Speaker AAber was steckt da wissenschaftlich wirklich dahinter?
Speaker BIn der ganze Menge tatsächlich, Der Begriff Shinrin Yoku kommt ja aus Japan und die Forschung dort ist wirklich faszinierend.
Speaker AInwiefern?
Speaker BMan hat nachgewiesen, dass Bäume und Pflanzen bestimmte chemische Botenstoffe ausströmen, sogenannte Phytonzide.
Speaker BDas ist im Grunde ein Teil ihres eigenen Immunsystems, mit dem sie sich vor Schädlingen schützen.
Speaker AOkay.
Speaker BUnd wenn wir diese Stoffe über die Waldluft einatmen, hat das einen direkten messbaren Effekt auf unser Immunsystem.
Speaker BDie Aktivität unserer natürlichen Killerzellen zum Beispiel, die wichtig sind für die Abwehr von Viren und Tumorzellen, die erhöht sich signifikant.
Speaker AMoment.
Speaker ADas heißt, wir atmen quasi das Immunsystem des Waldes ein und stärken damit unser eigenes.
Speaker BGenauso kann man es zusammenfassen.
Speaker BUnd das ist ja gerade in der Trauer, wo das eigene Immunsystem durch den Dauerstress oft geschwächt ist, besonders relevant.
Speaker BWow.
Speaker BUnd beim Waldbaden geht es halt darum, diesen Prozess bewusst zu gestalten, langsamer zu gehen, als man es gewohnt ist.
Speaker BBewusst die Gerüche aufzunehmen, mal die Rinde von einem Baum zu berühren, sich einfach auf einen Baumstamm zu setzen und nichts zu tun.
Speaker BEinfach nur sein Ja, es ist eine Einladung aus dem Kopf wieder in den Körper und in die Sinne zu kommen.
Speaker AUnd wenn der Alltag nach einem Verlust so zerfällt, kann so ein regelmäßiger Spaziergang ja auch zu einer neuen Struktur werden, zu so einem Anker.
Speaker BEin ganz wichtiger Punkt.
Speaker AIn den Unterlagen wird auch immer wieder von kleinen persönlichen Ritualen gesprochen, zum Beispiel immer am selben Baum kurz innezuhalten oder einen Stein mitzunehmen und ihn an einem besonderen Ort abzulegen.
Speaker AIch muss zugeben, für manche klingt das vielleicht ein bisschen esoterisch.
Speaker BJa, das kann ich mir vorstellen.
Speaker AGibt es eine psychologische Erklärung, warum solche symbolischen Handlungen uns wirklich helfen können?
Speaker BJa, absolut.
Speaker BRituale sind extrem wirkmächtige psychologische Werkzeuge.
Speaker BIn der Trauer fühlen wir uns ja oft ohnmächtig und passiv dem Schmerz ausgeliefert und so ein kleines selbstgeschaffenes Ritual gibt uns ein winziges Stück Kontrolle und Handlungsfähigkeit zurück.
Speaker BEs ist etwas, das ich aktiv tue.
Speaker BWenn ich einen Stein aufhebe, ihn mit meinen Sorgen und Gedanken sozusagen auflade und ihn dann bewusst niederlege.
Speaker BIch ist das eine symbolische Handlung des Externalisierungs also des Nach Außen Bringens.
Speaker BGenau.
Speaker BIch gebe dem inneren, chaotischen Gefühl eine äußere, greifbare Form.
Speaker AIch verstehe.
Speaker AEs geht also darum, etwas Unsichtbares sichtbar und damit vielleicht ein bisschen handhabbarer zu machen.
Speaker AIn einem der Berichte, die wir gelesen haben, da beschrieb meine Frau, wie sie monatelang denselben glatten Stein in ihrer Jackentasche mit sich trug.
Speaker ASie sagte, er war ihr Anker, Etwas Reales, das sie festhalten konnte, wenn die Erinnerungen sie überwältigt haben.
Speaker ADas fand ich ein unglaublich starkes Bild für so ein kleines persönliches Ritual.
Speaker BTotal.
Speaker BUnd das Wichtigste daran ist, es muss für niemanden sonst einen Sinn ergeben.
Speaker BEs gehört nur dir.
Speaker BDas schafft einen ganz privaten, geschützten Raum für die eigene Trauer in einer Welt, die oft viel zu schnell erwartet, dass man wieder funktioniert.
Speaker ADas bringt mich zu einer wichtigen Ist es in solchen Momenten besser, diesen Weg alleine zu gehen oder gemeinsam mit anderen?
Speaker BBeides hat absolut seine Berechtigung.
Speaker BEs erfüllt ganz unterschiedliche Bedürfnisse.
Speaker AOkay.
Speaker BDas Alleine Gehen, das ist dieser unzensierte, geschützte Raum, von dem wir gerade sprachen.
Speaker BHier musst du nichts zurückhalten.
Speaker BHier darfst du weinen, schreien, mit dem.
Speaker AVerstorbenen sprechen, ohne bewertet zu werden.
Speaker BGenau.
Speaker BHier können auch die schwierigen Gefühle Wut, Schuld, offene Fragen, für die im sozialen Miteinander oft kein Platz ist.
Speaker BEs ist ein Raum, in dem du absolut authentisch mit deinem Schmerz sein kannst.
Speaker AAber Trauer macht ja auch unglaublich einsam.
Speaker AManchmal fühlt es sich an, als wär man hinter einer Glaswand.
Speaker ADa kann der Gedanke alleine durch einen stillen Wald zugegen, die Einsamkeit ja vielleicht sogar noch verstärken.
Speaker BGenau.
Speaker BUnd deshalb sind gemeinsame Trauerspaziergänge, wie sie ja auch von Hospizdiensten oder Beratungsstellen angeboten werden, so wertvoll.
Speaker BDas Besondere daran ist, dass die Natur den sozialen Druck aus der Situation nimmt.
Speaker AWie meinst du das?
Speaker BMan muss sich nicht ständig ansehen und unterhalten.
Speaker BMan kann nebeneinandergehen, auch im Schweigen.
Speaker BUnd dieses geteilte Schweigen kann unglaublich verbindend sein, weil jeder weiß, warum der andere da ist.
Speaker AMan teilt eine Erfahrung, ohne sie permanent in Worte fassen zu müssen.
Speaker BExakt.
Speaker BUnd es muss ja nicht mal eine organisierte Gruppe sein.
Speaker BNein, manchmal reicht ein Freund, der einfach nur mitgeht, ohne Ratschläge, ohne Aufmunterungsversuche, der einfach nur das Tempo mitgeht und das Schweigen mit aushält.
Speaker BDas ist oft die größte Hilfe.
Speaker ALetztendlich läuft alles auf diesen sanften Dialog hinaus, oder?
Speaker AZwischen der inneren Welt und der äußeren Umgebung.
Speaker BJa, genau das ist es.
Speaker BDu bist mit deinem ganzen Schmerz unterwegs und gleichzeitig nimmst du die Welt um dich herum wahr.
Speaker BVielleicht siehst du einen alten, knorrigen Baum und denkst über das gelebte Leben nach.
Speaker BOder wie es in einem Bericht stand, du siehst einen abgebrochenen Ast, an dem trotzdem ganz zarte neue Triebe wachsen.
Speaker BDas sind Bilder, die ohne Worte etwas in dir berühren und Trost spenden können auf eine Weise, die ein Gespräch oft gar nicht vermag.
Speaker BWenn wir die wichtigsten Erkenntnisse Also nochmal, es ist nicht nur ein Gefühl, sondern messbar.
Speaker BGehen in der Natur senkt Stresshormone.
Speaker ARichtig.
Speaker BDer Rhythmus des Gehens kann emotionale Blockaden lösen.
Speaker AUnd die Natur selbst hilft unserem Gehirn, sich von der Anstrengung des Grübelns zu erholen.
Speaker AEs ist also eine Kombination aus Körper, Umgebung und innerer Haltung.
Speaker BGenau.
Speaker BUnd es geht nicht darum, die Gefühle an die Bäume abzugeben, aber man muss sie nicht mehr ganz allein tragen.
Speaker BDie Natur Sie hält sie sozusagen mit dir aus.
Speaker BSie ist still, sie ist geduldig, sie erzwingt keine Antworten.
Speaker BUnd allein diese Erfahrung, dass deine Traurigkeit und das Zwitschern eines Vogels gleichzeitig existieren dürfen, das kann unglaublich entlastend sein.
Speaker ADiese Spaziergänge sind also keine schnelle Lösung, die die Trauer verschwinden lässt.
Speaker BNein, auf keinen Fall.
Speaker ASie sind eher wie ein leiser Faden, der sich durch die schweren Tage zieht und Halt gibt, wenn vieles andere weggebrochen ist.
Speaker BJa, und jeder darf da sein eigenes Maß finden.
Speaker BFür den einen sind es fünf Minuten um den Block, weil alles andere zu viel Kraft kostet.
Speaker BFür den anderen ist es eine lange Wanderung.
Speaker AJeder Schritt kann ein stilles Ich bin noch da sein mitten im Schmerz.
Speaker BGanz genau.
Speaker BDie Natur nimmt dich so an, wie du gerade bist, mit allem, was du in dir trägst.
Speaker BUnd vielleicht spürt man mit der Zeit, dass diese Wege nicht nur helfen, den Verlust zu überstehen, sondern auch ganz behutsam weiterzuleben mit der Trauer, mit der Liebe und mit einem neuen, leisen Gefühl der Verbundenheit.
Speaker AUnd vielleicht fragst du dich bei deinem nächsten Spaziergang nicht nur, was der Weg mit dir macht, sondern auch, was du auf dem Weg für einen Moment zurücklassen darfst.
Speaker AWelchen Gedanken, welches Gefühl, welche Erinnerung vertraust du dem Pfad an, damit du es nicht ganz allein tragen musst?