Speaker A

Hallo und herzlich willkommen.

Speaker B

Hallo.

Speaker A

Wir sprechen heute über ein Thema, das glaube ich ganz viele Menschen innerlich zerreißt.

Speaker A

Es geht um dieses Gefühl in der Trauer, dieses totale Durcheinander.

Speaker A

An einem Tag fühlst du dich, als würde der Schmerz dich auffressen und am nächsten, da lachst du plötzlich über irgendwas.

Speaker B

Und fühlst dich im selben Moment sofort furchtbar schuldig dafür.

Speaker B

Genau das Diese Darf ich das?

Speaker B

Was stimmt nicht mit mir?

Speaker B

Und Und genau da setzt ein wirklich, wie ich finde, sehr heilsames Modell an, das Trauer eben nicht als starre Abfolge.

Speaker A

Von Phasen sieht, nicht diese Checklifte, die man abarbeiten muss.

Speaker A

Nein, gar nicht, sondern eher als eine Art inneres Atmen, ein Pendeln zwischen dem Schmerz und dem Leben, das ja trotzdem weitergeht.

Speaker A

Und die Kernaussage Beides darf sein, beides hat seinen Platz.

Speaker A

Ich glaube, dieses Gefühl des Hin und Hergerissenseins, das ist wirklich der Kern.

Speaker A

Lass uns vielleicht genau da anfangen bei diesen beiden Polen, die an uns ziehen.

Speaker B

Gerne.

Speaker B

Das Modell, um das es hier geht, ist das duale Prozessmodell von Ströbe und Schutt.

Speaker B

Und die Grundidee ist eigentlich total simpel.

Speaker B

OK, Sie sagen, es gibt zwei Hauptrichtungen, in die sich unsere Energie in der Trauer bewegt, zwei Pole und wir wechseln ständig zwischen ihnen hin und her.

Speaker A

Und dieser Wechsel ist gewollt.

Speaker A

Das ist kein Fehler im System.

Speaker B

Nein, ganz im Gegenteil.

Speaker B

Dieser Wechsel, Sie nennen es Oszillation, ist ein unglaublich intelligenter Schutzmechanismus unserer Psyche.

Speaker A

OK, dann lass uns mal den ersten Pol anschauen.

Speaker A

Das ist der, den man klassisch mit Trauer verbindet, oder?

Speaker A

Der verlustorientierte Pol.

Speaker B

Ganz genau.

Speaker B

Das ist die direkte Hinwendung zum Verlust.

Speaker B

Also der Raum, in dem man sich erlaubt, den Schmerz wirklich zu spüren, sich erinnern, vermissen, ja, weinen, wütend sein, diese Leere fühlen.

Speaker B

Das ist die bewusste Konfrontation mit dem, was fehlt.

Speaker B

Man schaut sich Fotos an, spricht über die Person, führt vielleicht innere Zwiegespräche.

Speaker A

Hier hält man also die Verbindung lebendig.

Speaker B

Exakt.

Speaker B

Es ist der Ort, an dem man dem Schmerz seinen Raum gibt.

Speaker B

Und es ist ja nicht nur Trauer.

Speaker B

Oft ist es ein ganzes Bündel Schuld, Angst, Sehnsucht.

Speaker A

Aber da ist ja auch die Angst oder die Angst darin zu ertrinken.

Speaker A

Man hört ja oft diesen Du musst loslassen.

Speaker B

Ja, diese Sorge ist total berechtigt.

Speaker B

Und genau deswegen ist der zweite Pol so überlebenswichtig.

Speaker B

Es geht eben nicht darum, 24 7 im Schmerz zu baden.

Speaker B

Das würde uns zerstören.

Speaker B

Aber den Schmerz komplett wegzudrücken, hieße ja auch, einen Teil der Liebe zu verleugnen, aus der er entsteht.

Speaker A

Verstehe.

Speaker A

Der Schmerz hat seine Berechtigung, aber er ist nicht alles.

Speaker A

Was ist dann der Gegenpol?

Speaker B

Das ist der wiederherstellungsorientierte Pol.

Speaker B

Und hier, da richtet sich der Blick ganz bewusst weg vom Verlust hin zum Leben.

Speaker A

Also zu den Dingen, die man tun muss.

Speaker B

Genau.

Speaker B

Oft fängt es ganz praktisch der ganze Papierkram, der Haushalt, der Job, all die Dinge, die einen zwingen, im Hier und.

Speaker A

Jetzt zu funktionieren, was ja viele dann als Verrat empfinden.

Speaker B

Absolut.

Speaker B

Aber es ist eine Notwendigkeit und es geht tiefer als nur ums Funktionieren.

Speaker B

Es geht darum, sich in einer neuen Welt zurechtzufinden, neue Rollen zu lernen.

Speaker A

Was meinst du damit?

Speaker B

Naja, vielleicht musst du plötzlich allein die Finanzen regeln oder Entscheidungen treffen, die man immer zu zweit getroffen hat.

Speaker B

Du musst eine neue Identität finden.

Speaker B

Wer bin ich jetzt ohne diesen Menschen an meiner Seite?

Speaker A

Und in diesem Pol ist dann auch Raum für Leichtigkeit für die Zukunft.

Speaker B

Ja, genau.

Speaker B

Hier kann man vielleicht ein neues Hobby anfangen, ein Gespräch führen, das sich mal nicht um den Verlust dreht.

Speaker B

Und hier kann auch ganz vorsichtig der Gedanke an eine Zukunft auftauchen.

Speaker A

Und zack, da ist es wieder das schlechte Gewissen in dem Moment, wo man merkt, man hat eine Stunde nicht daran gedacht.

Speaker B

Exakt.

Speaker A

Und das ist der Punkt, an dem die ganze Schönheit dieses Modells sichtbar wird.

Speaker A

Es dieses Pendeln, diese Oszillation ist nicht nur normal, sie ist gesund und lebensnotwendig.

Speaker A

Also der eine Tag ist voller Tränen und Erinnerungen und am nächsten gehst du einkaufen und wunderst dich, wie normal sich das anfühlt.

Speaker B

Genau.

Speaker B

Bis dann vielleicht ein Lied im Radio kommt, ein Geruch, ein Datum, diese sogenannten Trigger und die Welle schwappt wieder über dich.

Speaker B

Aber, und das ist wichtig, sie ebbt auch wieder ab.

Speaker A

Ah, jetzt verstehe ich das besser.

Speaker A

Die Pausen vom Schmerz sind also keine Flucht.

Speaker A

Nein, sondern sie sind Teil des Prozesses.

Speaker B

Sie sind Teil der Verarbeitung.

Speaker B

Es ist wie Atmen.

Speaker B

Du kannst nicht nur ausatmen, den Schmerz rauslassen.

Speaker B

Du musst auch wieder einatmen, also Lebensenergie aufnehmen, um die Kraft für den nächsten Atemzug zu haben.

Speaker A

Was passiert denn, wenn dieses Pendel aus dem Takt gerät?

Speaker A

Wenn man in einem der Pole stecken.

Speaker B

Bleibt, dann wird es schwierig.

Speaker B

Es gibt im Grunde zwei Risiken.

Speaker B

Das eine ist die chronische Trauer, also.

Speaker A

Wenn man nur noch im Schmerz ist.

Speaker B

Genau.

Speaker B

Du bleibst dauerhaft im verlustorientierten Pol.

Speaker B

Alles dreht sich nur noch um den Verlust.

Speaker B

Das Leben scheint stillzustehen.

Speaker B

Das ist auch für den Körper ein extremer Dauerstress, ein permanenter Alarmzustand, der zu.

Speaker A

Totaler Erschöpfung führt und das andere nur noch funktionieren.

Speaker B

Ja, das ist das Einfrieren der Gefühle.

Speaker B

Man verharrt fast nur im wiederherstellungsorientierten Pol, drückt alles Emotionale weg, was nach außen.

Speaker A

Oft sehr stark wirkt.

Speaker B

Bewundernswert stark.

Speaker B

Ja, aber innerlich führt das zu einer Erstarrung.

Speaker B

Der Schmerz ist ja nicht weg, er ist nur eingesperrt und irgendwann bricht er sich dann vielleicht umso unkontrollierter Bahn.

Speaker A

Du sprichst die körperliche Ebene an, das finde ich wichtig, weil Trauer oft so.

Speaker B

Seelisch, so abstrakt wirkt, aber sie ist zutiefst körperlich.

Speaker B

Sie sitzt im Nervensystem.

Speaker B

Das spürst du am Schlaf, am Appetit, an der Konzentration.

Speaker B

Die Momente im verlustorientierten Polizisten.

Speaker B

Das ist für den Körper oft purer Alarm, Anspannung, Unruhe.

Speaker B

Ja, das Stresssystem läuft auf Hochtouren.

Speaker B

Man ist ständig in Haarbachtstellung.

Speaker A

Dieses Gefühl, als könnte jeden Moment die nächste Katastrophe passieren.

Speaker B

Genau das.

Speaker B

Und die Phasen im wiederherstellungsorientierten Pol sind dann die Inseln der Erholung.

Speaker B

Die Momente, in denen unser Ruhenerv, der Parasympathikus, mal übernehmen darf, in denen das.

Speaker A

System mal runterfahren kann.

Speaker B

Exakt.

Speaker B

Der Körper holt buchstäblich Luft.

Speaker B

Ohne diese Inseln würde das System kollabieren.

Speaker A

Das passt gut zu diesem Bild von den Wellen.

Speaker A

Anfangs sind es Tsunamis, die einen umwerfen und mit der Zeit und durch dieses Pendeln werden es vielleicht kleinere Wellen.

Speaker A

Ein sehr treffendes Bild.

Speaker A

Wichtig ist dabei, der Verlust wird nicht kleiner, die Liebe bleibt aber das System, also Körper und Seele lernt dieses Gewicht zu tragen, ohne daran zu zerbrechen.

Speaker A

Und eine neue große Welle ist dann kein Rückschritt.

Speaker B

Nein, es ist einfach nur ein Teil dieser lebenslangen Bewegung.

Speaker A

Wie kann man sich denn selbst die Erlaubnis für dieses Pendeln geben, gerade wenn die Schuld so laut ist?

Speaker B

Ein Gedanke, der mir sehr geholfen hat, ist, die beiden Pole nicht als Widerspruch zu sehen, sondern als zwei Arten von Treue.

Speaker A

Zwei Arten von Treue.

Speaker B

Ja, Die Treue zum Menschen, der fehlt, das ist der eine Pol, und die Treue zum Leben, das dir bleibt, das ist der andere.

Speaker B

Und beides ist legitim, beides ist wichtig.

Speaker A

Und die Balance dazwischen ist kein fester Zustand.

Speaker B

Nein, es ist ein tägliches, manchmal stündliches Austarieren.

Speaker A

Kannst du das mal ganz konkret machen?

Speaker A

Also ein für beide Pole an einem.

Speaker B

Tag Klar verlustorientiert ist, wenn du dir bewusst Zeit nimmst, dir Fotos ansiehst, an einen gemeinsamen Ort gehst, wenn du die Sehnsucht zulässt und weinst und weinst.

Speaker B

Und wiederherstellungsorientiert ist, wenn du danach den Anruf bei der Versicherung machst.

Speaker B

Wenn du dich mit einer Freundin triffst und ihr bewusst über etwas Leichtes sprecht.

Speaker A

Oder einfach nur im Garten sitzt und die Sonne spürst.

Speaker B

Genau für fünf Minuten und für diesen kurzen Moment ist nur das da.

Speaker B

Beides kann am selben Tag passieren.

Speaker B

Morgens der schmerzhafte Gang zum Friedhof, abends lachst du über einen Witz im Fernsehen.

Speaker A

Und das ist dann kein Widerspruch, sondern der gesunde Prozess.

Speaker B

Das ist der gesunde Prozess.

Speaker B

Es ist ein Sowohl als auch.

Speaker B

Und damit kommen wir zurück zur Darf ich das?

Speaker B

Darf ich mich erholen?

Speaker B

Und die Antwort ist ein klares Ja, ein uneingeschränktes Ja.

Speaker B

Erholung ist nicht das Gegenteil von Trauer, sie ist ein Teil davon.

Speaker B

Ohne das Luftholen hätten wir gar nicht die Kraft für die Tiefe des Schmerzes.

Speaker A

Aber was, wenn der Kopf das versteht, das Gefühl aber nicht mitkommt, wenn man in diesem Schuldkarussell feststeckt?

Speaker B

Manchmal helfen ganz kleine bewusste Handlungen.

Speaker B

So eine Art Brücke zwischen den Welten.

Speaker A

Rituale.

Speaker A

Kleine Rituale, ja.

Speaker A

Morgens ne Kerze anzünden, bevor du in den Tag startest oder nach einem Weinkrampf ganz bewusst das Fenster aufreißen und tief durchatmen.

Speaker A

Eine kleine körperliche Handlung, die dem System OK, Pause jetzt Atmen, Struktur im Außen.

Speaker B

Um das innere Chaos ein bisschen zu halten.

Speaker A

Ganz genau.

Speaker A

Ein fester Spaziergang am Tag, eine feste Mahlzeit.

Speaker A

Das sind Anker, die Halt geben, wenn innerlich alles schwankt.

Speaker A

Was ich aus all dem am stärksten mitnehme, ist dieser enorme Druck, der von einem genommen wird.

Speaker A

Es gibt kein richtig oder falsch trauern mehr.

Speaker A

Ja, es gibt nur noch deinen ganz eigenen Rhythmus.

Speaker A

Und das ist auch für das Umfeld wichtig.

Speaker A

Manche müssen viel reden, andere stürzen sich in Aktivität.

Speaker A

Das Modell Beides ist OK.

Speaker A

Beides ist eine legitime Art, sich zwischen diesen Polen zu bewegen.

Speaker A

Man muss sich also nicht entscheiden zwischen der Verbindung zum Verstorbenen und einem neuen Leben.

Speaker B

Nein, du darfst beides Du darfst eine tiefe innere Verbindung halten und gleichzeitig neue Schritte gehen.

Speaker B

Das gibt einem die Erlaubnis, widersprüchlich zu sein, sich selbst zu Gestern war die Hölle, heute habe ich kurz gelacht und beides ist OK.

Speaker B

Beides ist meine Trauer.

Speaker B

Und zu verstehen, dass dieser Widerspruch oft kein Zeichen von Kälte ist, sondern im Gegenteil ein Zeichen tiefster Bindung.

Speaker B

Weil die Liebe so groß war, ist der Schmerz so tief und weil das Leben so wertvoll ist, kämpft unser System um jeden Moment des Luftholens.

Speaker B

Trauer ist also eine Bewegung.

Speaker B

Ich hoffe, diese Gedanken helfen dir, dieses Pendeln in dir nicht mehr als Schwäche zu sehen, sondern als das, was es ein intelligenter menschlicher Schutz Du darfst trauern und du darfst atmen, du darfst erinnern und du darfst dich ablenken.

Speaker B

Vielleicht ist die Frage am Ende gar nicht, ob du pendeln darfst, sondern wie kann die Liebe für das, was war, zu einer Kraftquelle für das Leben werden, das noch vor dir liegt?

Speaker B

Wie kann die Erinnerung mit der Zeit von einem Anker, der dich festhält, zu einem werden, der dir in stürmischen Zeiten stärker gibt?