Weißt du, ich habe in letzter Zeit viel darüber nachgedacht, was am Ende eines Lebens eigentlich wirklich zählt.
Speaker AWenn all die lauten Ziele, die man so hatte, irgendwie leiser werden, was bleibt dann?
Speaker AFür so viele Menschen ist es, glaube ich, ein ganz einfacher, einfach zu Hause zu sein, in den eigenen vier Wänden, umgeben von allem Vertrauten.
Speaker BJa, das ist ein Gedanke, der uns alle irgendwann berührt.
Speaker BUnd du sprichst da was ganz Zentrales an.
Speaker BEs gibt diesen einen Leitsatz in der Hospizarbeit, der das so gut zusammenfasst.
Speaker BEs geht nicht darum, dem Leben mehr Tage zu geben, sondern den Tagen mehr leben.
Speaker ADen Tagen mehr Leben geben.
Speaker ALass uns genau da heute mal ein bisschen tiefer einsteigen.
Speaker AWie kann dieser Wunsch, zu Hause bleiben zu können, denn Realität werden, Gerade wenn die Medizin sagt, sie kann nicht mehr heilen.
Speaker BGenau, es geht um Würde, um Selbstbestimmung und um dieses Netz, das die Menschen aufhängt.
Speaker BAlso nicht nur die Sterbenden, sondern auch die, die sie begleiten und lieben.
Speaker AVielleicht fangen wir mal bei diesem Grundgedanken an.
Speaker AIch hab da diesen Satz gelesen, der mich nicht mehr losgelassen Wir begleiten, wir heilen nicht mehr.
Speaker ADas ist ja ein kompletter Paradigmenwechsel, oder?
Speaker AIm Vergleich zu unserer normalen Medizin.
Speaker BAbsolut, das ist der Kernpunkt.
Speaker BEs ist ein fundamentaler Perspektivwechsel.
Speaker BNicht mehr die Krankheit gibt den Takt vor, sondern das Leben, das noch da ist mit mit all seinen Wünschen.
Speaker BUnd hier kommt eben dieser Begriff Palliative Care ins Spiel.
Speaker BUnd das ist so viel mehr als nur, dass man keine Schmerzen hat.
Speaker BEs ist eine ganzheitliche Betreuung, also Körper, Seele, die Beziehungen, die man hat.
Speaker BEs geht darum, quälende Symptome wie Atemnot oder Übelkeit zu lindern, damit wieder Raum für anderes entsteht.
Speaker ARaum für anderes, das ist ein gutes Stichwort, was mir da so aufgefallen ist.
Speaker AEs geht ja auch darum, wieder die Regie zu übernehmen, dass nicht mehr ein Arzt allein entscheidet, was was medizinisch das Beste ist, sondern der Mensch selbst sagt, was für ihn Lebensqualität bedeutet.
Speaker BGenau das ist es.
Speaker BDas ist die erste große Säule, diese bedingungslose Achtung der Würde und Selbstbestimmung.
Speaker BDie Wünsche der Person stehen im Zentrum, völlig egal, wie klein oder vielleicht unlogisch sie von außen wirken.
Speaker AHast du da ein Beispiel?
Speaker BJa, da war diese eine Geschichte von einer Tochter, die erzählt hat, wie wichtig für ihre Mutter immer ihre alte abgenutzte Wolldecke war.
Speaker BObwohl es natürlich modernere medizinische Decken gab, aber die sollte es sein.
Speaker BOder das Fenster, das immer einen Spalt offen sein musste, damit man draußen noch die Vögel hören konnte.
Speaker AVerstehe Es zählt, was gut tut, nicht was technisch möglich wäre.
Speaker ADer Mensch behält sozusagen das Zepter in der Hand.
Speaker AGenau das ist die eine Seite.
Speaker AAber in so einer Situation wird ja nicht immer nur geredet, stelle ich mir vor.
Speaker AOft ist da ja vielleicht auch eine schwere Stille.
Speaker AWie geht man denn damit um?
Speaker BDas ist die zweite wichtige Säule.
Speaker BRaum für alles zu lassen.
Speaker BWas kommt also für Gespräche klar, aber eben auch für das gemeinsame Schweigen.
Speaker BEs ist die Erlaubnis, dass alles da sein darf, die Angst, die Trauer, aber vielleicht auch ein herzhaftes Lachen über eine alte Erinnerung.
Speaker BUnd manchmal ist das Wichtigste einfach nur still dazusitzen und die Anwesenheit zu spüren.
Speaker BDieses gemeinsame Aushalten, das kann eine viel tiefere Verbindung schaffen als unendlich viele Worte.
Speaker BEs nimmt auch den Druck von allen, immer stark sein zu müssen oder das Richtige sagen zu müssen.
Speaker ADiese Idee ist wunderschön, aber die Praxis, die sieht ja oft anders aus.
Speaker AAngehörige sind ja oft einfach nur überfordert.
Speaker AWie kommt diese sehr menschliche nahe Form der Unterstützung denn ganz praktisch zu den Menschen nach Hause?
Speaker BDafür gibt es in Deutschland ein wirklich beeindruckendes Netz.
Speaker BDie wichtigste Stütze sind die ambulanten Hospizdienste.
Speaker BUnd was ganz wichtig ist zu Das sind in der Regel keine medizinischen Pflegedienste.
Speaker AAh OK.
Speaker BEs sind oft Ehrenamtliche, sehr gut ausgebildete Begleiterinnen und Begleiter, die nach Hause kommen.
Speaker BIhre Aufgabe ist nicht die Pflege, sondern das Menschliche, das Alltagsnahe.
Speaker AIch habe da diesen einen Satz gelesen, der das so auf den Punkt gebracht Die Ehrenamtlichen bringen die Normalität zurück ins Krankenzimmer.
Speaker BJa, genau das ist es.
Speaker BSie schenken das, was in solchen Phasen am kostbarsten Zeit und ungeteilte Aufmerksamkeit, Ruhe.
Speaker BSie führen Gespräche, wenn jemand reden will.
Speaker BSie wachen am Bett, damit die Angehörigen auch mal für ein paar Stunden raus können oder einfach nur durchschlafen.
Speaker BSie erledigen kleine Besorgungen.
Speaker BSie sind einfach nur da.
Speaker AUnd wie findet man die?
Speaker AMuss man da zum Arzt?
Speaker BNein.
Speaker BUnd das ist ein ganz wichtiger praktischer Man braucht keine ärztliche Verordnung und es ist für die Familien kostenfrei.
Speaker BMan kann diese Dienste direkt anrufen.
Speaker BFür Angehörige ist das oft ein Rettungsanker.
Speaker BEs schenkt ihnen buchstäblich Luft zum atmen.
Speaker ADas klingt ideal, aber es ist ja auch eine unglaublich intime Situation.
Speaker AWas ist denn, wenn die Chemie einfach nicht stimmt zwischen dem Ehrenamtlichen und der Familie?
Speaker BWer aus unserem Team könnte da gut passen?
Speaker BUnd wenns menschlich nicht funktioniert, ist es total OK und auch wichtig, das anzusprechen und um einen Wechsel zu bitten.
Speaker BOffene Kommunikation ist da.
Speaker AAlles klar, sonst wird die Hilfe ja selbst zur Belastung.
Speaker BGenau.
Speaker AUnd diese Begleitung zu Hause, die stößt ja auch irgendwann an Grenzen, wenn die Pflege zu komplex wird, die Schmerzen vielleicht schwer einzustellen sind oder die Angehörigen einfach emotional und körperlich am Ende sind.
Speaker AWas passiert dann?
Speaker BDann kommt es stationärer Hospiz ins Spiel und es ist so wichtig zu verstehen, dass dieser Schritt keine Niederlage ist.
Speaker BEs ist kein Scheitern im Kampf gegen die Krankheit, sondern oft ein Akt der Fürsorge für alle.
Speaker BMan muss auch Ein Hospiz ist kein kleines Krankenhaus, es ist auch kein Pflegeheim, sondern wie muss man sich die Atmosphäre dort vorstellen?
Speaker BEs ist ein geschützter Ort, ein Ort, an dem hochprofessionelle palliative Medizin und ganz viel liebevolle Menschlichkeit Hand in Hand gehen.
Speaker BDie Atmosphäre ist eine völlig andere als in einer Klinik.
Speaker BEs wird als ein Ort beschrieben, an dem das Leben im Vordergrund steht, nicht das Sterben.
Speaker BEs gibt keine strengen Besuchszeiten.
Speaker BDie Tür steht offen für Familie, Freunde, sogar für Haustiere.
Speaker AWirklich?
Speaker BJa, es ist Zeit für Rituale, für gemeinsames Essen, für Abschiede ohne Zeitdruck.
Speaker BDer Mensch, der dort ist, ist Gast, nicht Patient und er behält die Regie über seinen Tag.
Speaker BEs ist im Grunde eine Erweiterung des Zuhauses, wenn das eigene Zuhause die Last nicht mehr tragen kann.
Speaker ALass uns noch mal bei den Angehörigen bleiben.
Speaker ADas ist ja dieser permanente Spagat zwischen unendlicher Liebe auf der einen Seite und völliger Erschöpfung auf der anderen.
Speaker AWie sieht denn das Stützsystem für die Stützen aus?
Speaker BAlso die Hospizarbeit denkt immer das ganze System mit explizit die Familie und den Freundeskreis.
Speaker BAllein schon die praktische Entlastung durch die ambulanten Dienste ist enorm.
Speaker BDa hat ein Ehemann erzählt, wie er zum ersten Mal seit Monaten wieder eine Stunde im Wald spazieren gehen konnte, einfach weil er wusste, es sitzt jemand Vertrauensvolles am Bett seiner Frau.
Speaker BDiese kleinen Freiräume sind überlebenswichtig, das kann ich mir vorstellen.
Speaker BUnd die Begleiter bringen durch ihre Erfahrung ja auch eine große Ruhe und Sicherheit mit, die sich auf alle Üben überträgt.
Speaker AUnd gibt es neben dieser emotionalen Hilfe auch noch anderes?
Speaker ARechtliche Dinge zum Beispiel?
Speaker BJa, auch das ist ein wichtiger Punkt, der oft nicht bekannt ist.
Speaker BBerufstätige Angehörige haben in Deutschland die Möglichkeit, sich für die Begleitung in der letzten Lebensphase bis zu drei Monate von der Arbeit freistellen zu lassen, ganz oder teilweise.
Speaker BUnd was vielleicht am allerwichtigsten Die Begleitung hört nicht mit dem Tod auf.
Speaker BFast alle Hospizdienste bieten danach Trauerbegleitung an, Einzelgespräche oder Gruppen.
Speaker BDer Weg endet also nicht abrupt.
Speaker AWas mich wirklich fasziniert, ist, dass zwischen all diesen großen organisatorischen Fragen immer wieder die unglaubliche Macht der kleinen, unscheinbaren Dinge durchscheint.
Speaker AEs ist fast so, als würde die Würde am Ende im Detail liegen.
Speaker BGenau das ist es.
Speaker BEin würdevolles Sterben entsteht aus der Summe dieser leisen Momente.
Speaker BMan kann nicht alles planen, aber man kann einen Raum schaffen, in dem sich der Mensch geborgen und als er selbst fühlt.
Speaker BDas fängt bei der Atmosphäre gedimmtes Licht statt greller Deckenbeleuchtung.
Speaker BDie Lieblingsmusik, die ganz leise im Hintergrund.
Speaker ALäuft, oder ein vertrauter Duft, habe ich gelesen.
Speaker BAbsolut.
Speaker BEine Pflegerin hat beschrieben, wie sie einfach nur den Lieblingsduft einer Patientin es war Lavendel, auf ein Tuch geträufelt hat und wie sich allein durch diesen Geruch die Anspannung im ganzen Raum gelöst hat.
Speaker AUnd in der Kommunikation ändert sich wahrscheinlich auch alles, oder?
Speaker BJa, man wird achtsamer.
Speaker BMan fragt statt anzuordnen, hält Blickkontakt, der Ich sehe dich so, wie du jetzt bist.
Speaker BEs geht darum, die Autonomie zu wahren, wo immer es geht, selbst wenn es.
Speaker ANur die winzige Entscheidung ist, ob man Tee oder Wasser trinken möchte.
Speaker BGenau.
Speaker BJeder dieser kleinen Entscheidungen ist ein Ausdruck von Selbstbestimmung.
Speaker AUnd dann gibt es noch diese Rituale, die Halt geben können.
Speaker BDas können ganz persönliche kleine Dinge sein.
Speaker BEine Tochter hat erzählt, wie sie jeden Abend mit ihrer Mutter ein einziges Stück ihrer Lieblingsschokolade geteilt hat.
Speaker BDas war ihr Ritual.
Speaker BNichts Großes, aber es war ihr gemeinsamer Anker.
Speaker BEine Kerze, die man anzündet, ein Gebet, das man spricht, oder einfach nur das gemeinsame Anschauen alter Fotos.
Speaker BDas sind die Dinge, die die Zeit manchmal verlangsamen und manchmal ganz bewusst füllen.
Speaker AWenn man da jetzt mal einen Schritt zurücktritt, dann wird klar, dass Hospizarbeit so viel mehr ist als nur eine Dienstleistung.
Speaker AEs ist ja keine von oben verordnete Gesundheitsmaßnahme, sondern eine echte Bürgerbewegung.
Speaker BAbsolut.
Speaker BDiese Bewegung ist eine Antwort der Zivilgesellschaft auf die Technisierung und Anonymisierung des Sterbens in den Krankenhäusern seit den er Jahren.
Speaker BEs ist im Grunde eine Rückeroberung dieses urmenschlichen Themas durch die Gemeinschaft.
Speaker BDie Zahl ist ja auch beeindruckend über Menschen engagieren sich heute in Deutschland ehrenamtlich oder hauptamtlich in dem Bereich Wahnsinn.
Speaker AEs hat das Thema aus der Tabuzone geholt, weg vom Sterilen hin zu Beziehungen, Achtsamkeit und dem Mut, auch in den schwersten Momenten nah zu sein.
Speaker ADadurch ist so ein starkes Netz entstanden, das Menschen in ihrer verletzlichsten Zeit auffängt.
Speaker AEin Netz, das, wie es so schön hieß, nicht lauter ist als der Schmerz, aber standhaft genug, um durch ihn hindurchzutragen.
Speaker BEin sehr kraftvolles Bild, das es gut trifft.
Speaker BEs zeigt, dass wir als Gesellschaft wieder lernen, das Sterben als das zu begreifen, was es eben ist.
Speaker BEin Teil des Lebens, kein medizinisches Versagen.
Speaker AWenn wir das jetzt alles so zusammennehmen, was ist dann die Kernbotschaft für dich?
Speaker AFür mich ist es dieses Versprechen, niemand muss den letzten Weg allein gehen.
Speaker AEs gibt dieses Netz und es ist da, um zu halten.
Speaker BGenau.
Speaker BUnd um es mal ganz konkret zu für dich als Begleitenden Es Du darfst loslassen, ohne den anderen fallen zu lassen.
Speaker BDu darfst und sollst dir Hilfe holen.
Speaker BDu musst das nicht alles allein schaffen.
Speaker BUnd für die Person, die begleitet wird, bedeutet es die Du wirst gesehen mit deiner ganzen Geschichte, mit deinen Wünschen in deinem eigenen Tempo.
Speaker BSo bekommen die verbleibenden Tage genau das, was sie Aufmerksamkeit, Wärme und Würde.
Speaker AUnd das wirft für mich eine letzte größere Frage auf, die da so mitschwingt.
Speaker AWenn wir lernen, das Ende des Lebens so bewusst, so menschlich und so würdevoll zu gestalten, was sagt uns das dann eigentlich darüber, wie wir jeden einzelnen Tag davor leben könnten?