Speaker A

Hallo.

Speaker B

Hallo.

Speaker A

Hast du dich jemals gefragt, warum man nach einem großen Verlust manchmal gar nichts fühlt?

Speaker A

Statt Tränen nur diese seltsame leere Stille?

Speaker B

Ja, genau dieses Gefühl, als wäre man hinter Glas und draußen läuft das Leben einfach weiter.

Speaker B

Wir wollen heute genau darüber sprechen, über diesen Zustand der inneren Betäubung.

Speaker B

Und es ist so wichtig zu verstehen, dass das kein Zeichen von Kälte ist, sondern oft ein tiefmenschlicher Schutzmechanismus.

Speaker A

Das ist, glaube ich, ein Punkt, den so viele kennen, aber kaum jemand traut sich das auszusprechen, eben aus dieser Angst als gefühlskalt zu gelten.

Speaker A

Lass uns vielleicht genau da anfangen, bei diesem Gefühl der Unwirklichkeit, als wäre das alles nur ein schlechter Traum.

Speaker A

Ja, und man beschreibt es ja oft wie eine Welt unter einer Glasglocke.

Speaker A

Alle Geräusche sind gedämpft, die Farben irgendwie blasser und man funktioniert auf Autopilot, man organisiert, telefoniert, wirkt nach außen total normal.

Speaker B

Genau das ist es.

Speaker B

Es ist keine bewusste Entscheidung, so von wegen ich reiße mich jetzt zusammen, sondern es ist ein inneres Stopp die Seele, wenn man so will.

Speaker B

Mehr geht gerade nicht.

Speaker B

Es ist also ein Schutz vor der vollen Wucht.

Speaker A

Absolut.

Speaker A

Ein Schutz vor der vollen Wucht des Schmerzes.

Speaker A

Das ist eine psychische Reaktion, die einfach passiert.

Speaker B

Und dann gibt es diese widersprüchlichen Momente, man kann über ganz alltägliche Dinge reden, vielleicht lacht man sogar mal kurz und im nächsten Moment fühlt man sich furchtbar schuldig dafür.

Speaker B

Und dann trifft einen plötzlich so ein winziges Detail, ein Geruch, ein Lied und die ganze Betäubung reißt für einen Moment auf und das ist so normal.

Speaker B

Trauer ist ja keine lineare Leistung, die man erbringt.

Speaker B

Diese Taubheit ist kein Versagen.

Speaker B

Sie ist Teil des Prozesses, etwas Unfassbares langsam zu fassen.

Speaker A

Okay, aber es ist ja nicht nur dieses Gefühl im Kopf oder der Körper reagiert ja auch total massiv mit.

Speaker A

Man fühlt sich vielleicht völlig erschöpft, obwohl man kaum was getan hat.

Speaker B

Absolut.

Speaker B

Der Körper trauert immer mit.

Speaker B

Das, was wir als Schock oder Taubheit empfinden, ist auf körperlicher Ebene ein Zustand extremer Anspannung.

Speaker A

Was heißt das genau?

Speaker B

Also das sympathische Nervensystem läuft auf Hochtouren, es schüttet ununterbrochen Stresshormone, Cortisol, Adrenalin und.

Speaker A

Das führt dann zu diesen symptomen Genau.

Speaker B

Dieses enge Gefühl in der Brust, das Herzrasen, das ist die direkte Folge davon.

Speaker B

Dein Körper ist im permanenten Alarmzustand.

Speaker A

Das erklärt auch diese bleierne Erschöpfung.

Speaker B

Ja, total.

Speaker B

Die Erschöpfung ist keine Einbildung.

Speaker B

Dein Körper verbrennt Unmengen an Energie, als würde er einen Marathon laufen, während du vielleicht nur still auf dem Sofa sitzt.

Speaker A

Und das kann ja auch beängstigend sein, wenn man diese körperlichen Reaktionen nicht einordnen kann.

Speaker B

Extrem.

Speaker B

Aber es ist eben wichtig zu Das ist kein Zeichen von Schwäche.

Speaker B

Es ist ein Signal des Körpers, dass die Last gerade immens ist.

Speaker B

Es ist die normale Reaktion auf eine absolut anormale Situation.

Speaker B

Aber man darf sich da auch Unterstützung holen, wenn es zu viel wird.

Speaker A

Unbedingt.

Speaker A

Das ist so wichtig.

Speaker A

Es geht nicht darum, es auszuhalten, sondern darum, dem Körper zu helfen, diesen Stresslevel wieder runterzufahren.

Speaker A

Das führt mich zu dieser zentralen Frage, die glaube ich jeden Trauere ich richtig?

Speaker A

Man sieht vielleicht andere, die weinen und zusammenbrechen und fragt sich, ob mit einem selbst etwas nicht stimmt.

Speaker A

Hm, dieser Vergleich.

Speaker A

Ja, eben weil man selbst so still ist, so funktional.

Speaker B

Und das ist so ein Trugschluss.

Speaker B

Trauer ist kein Beweisstück, das man vorlegen muss.

Speaker B

Diese stille Unfähigkeit, es zu begreifen, ist ebenfalls ein Ausdruck von tiefster Bindung und tiefstem Schmerz.

Speaker A

Man hört ja oft von diesem 5 Phasen Modell nach Kübler Ross.

Speaker B

Genau.

Speaker B

Und das kann ein Hilfe sein, aber es wird oft fundamental missverstanden.

Speaker B

Es ist keine starre Treppe, die man Stufe für Stufe nach oben klettert.

Speaker B

Man sollte es eher als eine Art Landkarte sehen.

Speaker A

Eine Landkarte.

Speaker B

Ja, eine Landkarte, die dir zeigt, dass du mit diesem Chaos nicht allein bist.

Speaker B

Ein Trauerbegleiter hat das mal sehr schön als Trauersalat bezeichnet.

Speaker A

Trauersalat, das gefällt mir.

Speaker B

Ja, oder Es ist keine feste Reihenfolge, sondern eine Liste möglicher Zutaten.

Speaker B

Also Schock, Wut, Verhandeln, Akzeptanz.

Speaker A

Genau.

Speaker A

Und die landen an einem Tag alle gleichzeitig oder in völlig wilder Reihenfolge in der Schüssel.

Speaker B

Ganz genau.

Speaker B

Du kannst morgens in dieser Taubheit aufwachen, mittags einen Anfall von Wut haben, weil die Milch leer ist und abends einen ganz klaren Moment der Akzeptanz erleben.

Speaker A

Und das ist dann kein Rückfall?

Speaker B

Nein, das ist kein Rückfall.

Speaker B

Das ist der Prozess Manchmal zeigt sich die Liebe eben nicht im Weinen, sondern in dem Stillen.

Speaker B

Ich kann es einfach noch nicht fassen.

Speaker A

In dieser ersten Phase, der Schockphase, scheint das Tun für viele wie ein Geländer zu sein.

Speaker A

Die Beerdigung planen, den ganzen Papierkram erledigen, das gibt halt absolut.

Speaker B

Es ist eine Art sicherer Hafen der Logik.

Speaker A

Aber was passiert, wenn all das erledigt ist?

Speaker A

Wenn die Menschen nach der Beerdigung nach Hause gehen und die Wohnung auf einmal ganz still wird?

Speaker B

Das ist oft der kritischste Moment, weil diese äußere Struktur wegbricht und man mit der inneren Stille plötzlich ganz allein ist.

Speaker A

Und was hilft dann?

Speaker B

Da geht es nicht um die großen Lösungen.

Speaker B

Es geht um winzige Anker im Hier und Jetzt.

Speaker B

Das nennt man Grounding oder sensorische Verankerung.

Speaker A

Also ganz konkrete kleine Dinge.

Speaker B

Ja, ganz kleine.

Speaker B

Zum Beispiel ganz bewusst ein Glas Wasser trinken und spüren, wie das kühle Wasser die Kehle runterläuft Oder ein Fenster aufmachen und die kalte Luft im Gesicht spüren.

Speaker A

Sich selbst wieder spüren sozusagen exakt.

Speaker B

Oder auch eine Hand auf die eigene Brust legen und den Herzschlag fühlen.

Speaker B

Diese kleinen Handlungen senden dem Nervensystem die Du bist hier, du bist in diesem Körper, du bist jetzt gerade sicher.

Speaker B

Es geht darum, sich zu erlauben, dass das Nötigste für heute reicht.

Speaker B

Genau sich den Satz zu Ich muss heute nicht mehr schaffen als diesen einen Atemzug.

Speaker B

Das passt auch gut zu diesem Gefühl des Nicht Wahrhaben Wollens.

Speaker B

Das ist ja keine harte Verleugnung.

Speaker B

Es ist eher ein zartes Zögern des Systems.

Speaker B

Der Kopf weiß es schon, aber das Gefühlssystem, das Herz, das hinkt noch hinterher.

Speaker A

Aber wo ist die Grenze?

Speaker A

Wann wird aus diesem gesunden Schutzmechanismus ein Zustand, in dem man vielleicht feststeckt?

Speaker A

Wann sollte man sich Sorgen machen?

Speaker B

Das ist eine ganz wichtige Unterscheidung.

Speaker B

Die akute Schockphase kann Tage, manchmal auch Wochen dauern.

Speaker B

Das ist sehr individuell.

Speaker B

Von einer, sagen wir, komplizierten Trauer spricht man erst, wenn diese extreme emotionale Taubheit und auch der soziale Rückzug über einen sehr langen Zeitraum was heißt langer Zeitraum?

Speaker B

Also oft spricht man von über einem Jahr, wenn sich da fast nichts verändert und die Lebensführung massiv beeinträchtigt ist.

Speaker B

Wenn dieser Trauersalat sozusagen komplett erstarrt und.

Speaker A

Das ist dann kein persönliches Versagen.

Speaker B

Und dann braucht es professionelle Hilfe, um da wieder rauszufinden, um sozusagen einen Neustart.

Speaker A

Zu wagen und Hilfe zu suchen, bedeutet dann ja nicht, dass man es nicht geschafft hat.

Speaker B

Nein, es geht darum, einen sicheren Raum zu finden.

Speaker B

Jemand, der mit einem in diesem stillen Raum sitzt und wartet, bis man selbst bereit ist für den nächsten Schritt, egal wie klein der ist.

Speaker A

Jemand, der das aushält.

Speaker B

Ja, der die Stille mit einem aushält, ohne Druck zu machen.

Speaker B

Was mich zu einem letzten, sehr praktischen Punkt Die Nähe zu anderen Menschen, die kann in diesem Zustand ja unglaublich schwierig sein.

Speaker B

Zu viele Worte, zu viele Fragen, das kann einen total überwältigen.

Speaker A

Absolut.

Speaker B

Weil das Umfeld oft hilflos ist.

Speaker B

Sie wollen helfen, aber sie wissen nicht wie.

Speaker B

Und die typische Frage Wie geht es dir?

Speaker B

Ist in dem Moment eine massive Überforderung.

Speaker A

Man hat ja keine Antwort darauf.

Speaker B

Eben, man hat gar nicht die Kapazität, den eigenen Zustand zu analysieren und dann auch noch zu kommunizieren.

Speaker B

Deshalb ist es so wichtig, den Menschen um dich herum ganz konkrete, einfache Handlungsanweisungen zu geben.

Speaker B

Also so etwas zu sagen Ich kann gerade nicht viel reden, aber es tut gut, wenn du einfach nur da bist.

Speaker B

Ganz genau.

Speaker B

Bitte frag mich nicht, wie es mir geht.

Speaker B

Sag mir lieber, dass ich mich melden darf, wenn ich was brauche.

Speaker B

Oder auch ganz Wenn du helfen willst, Bring mir etwas zu essen, geh eine.

Speaker A

Stille Runde mit mir im Park spazieren.

Speaker A

Das nennt man praktisches Mitgefühl.

Speaker A

Es verlagert den Fokus von Worten, die oft so leer klingen, hin zu Handlungen, die wirklich entlasten.

Speaker B

Es nimmt den Druck raus enorm.

Speaker B

Es signalisiert dem Du musst gerade nicht funktionieren, du musst nicht mal reden, du darfst einfach sein und ich halte das mit dir aus.

Speaker B

Wenn man das jetzt alles zusammennimmt, dann ist diese anfängliche Betäubung ja kein Fehler im System, keine emotionale Leere.

Speaker B

Nein, sondern ein hochaktiver Zustand, ein Schutzprogramm, das der Seele Zeit verschafft, eine unfassbare Realität Stück für Stück ins eigene Leben zu lassen.

Speaker B

Ja, absolut.

Speaker B

Es ist kein Defekt, sondern ein Merkmal unseres Überlebenssystems.

Speaker B

Und vielleicht ist das der Gedanke, den man mitnehmen Was wäre, wenn wir diese Phase der Taubheit nicht als etwas betrachten, das wir schnell überwinden müssen, sondern sondern.

Speaker A

Als einen notwendigen, fast heiligen Raum, eine Zeit des inneren Winters, ohne den kein Frühling kommen kann.

Speaker A

Vielleicht ist die Taubheit selbst eine Form des Schmerzens, eine stille Form, eine, die es verdient, gesehen zu werden, weil sie zeigt, wie tief die Liebe war.

Speaker B

Vielleicht ist es für den Moment wirklich genug, einfach nur zu atmen.