Speaker A

Hallo und willkommen zurück.

Speaker A

Hallo.

Speaker A

Hast du dich eigentlich je gefragt, warum ein Verlust, der vielleicht schon Jahre zurückliegt, sich plötzlich wieder so anfühlt, als wäre es gestern gewesen.

Speaker A

Ein Lied, ein Geruch und auf einmal ist alles wieder da.

Speaker A

Der ganze Schmerz, die Sehnsucht.

Speaker B

Genau darüber sprechen wir heute, über diese Wellen der Trauer, die uns auch nach ganz langer Zeit noch erwischen können.

Speaker B

Ja, es geht darum zu verstehen, warum alte Wunden wieder aufreißen und ja, wie wir lernen können, mit diesem Schmerz umzugehen, ohne das Gefühl zu haben, irgendwas falsch zu machen.

Speaker A

Ich glaube, ein gutes Bild dafür, das auch immer wieder auftaucht, ist das von den Wellen.

Speaker A

Trauer ist eben keine gerade Linie, absolut kein Weg, den man geht und dann ist man irgendwann angekommen oder fertig.

Speaker B

Diese Vorstellung setzt einen ja auch unheimlich unter Druck.

Speaker B

Total.

Speaker B

Und diese Wellen, die sind mal ist die See ganz ruhig und dann plötzlich kommt so eine Welle und das ist.

Speaker A

Eben kein Zeichen von Schwäche.

Speaker A

Das wird auch immer wieder betont.

Speaker A

Es ist eher ein Zeichen dafür, wie tief die Verbindung war.

Speaker B

Ganz genau.

Speaker B

Und diese Wellen, die werden ja oft durch ganz konkrete Dinge ausgelöst, die wir alle kennen.

Speaker A

So was wie Jahrestage, nehme ich an.

Speaker B

Ja, genau.

Speaker B

Jahrestage, Geburtstage, Feiertage, diese ganzen Daten im Kalender, wo die Abwesenheit eines Menschen plötzlich so so spürbar wird.

Speaker A

Diese Was wäre wenn Momente.

Speaker B

Genau, die haben eine enorme Wucht.

Speaker B

Aber es gibt ja nicht nur diese erwartbaren Auslöser.

Speaker B

Es gibt auch die, die einen völlig unvorbereitet treffen.

Speaker A

Du meinst diese fast hinterhältigen Momente.

Speaker A

Mir fällt da ein Beispiel ein, wo jemand beschrieb, dass er jahrelang keine Bäckerei betreten konnte, weil ihn der Geruch von frischem Brot sofort an das gemeinsame Frühstück mit seiner verstorbenen Frau erinnert hat.

Speaker B

Das ist ein perfektes Beispiel.

Speaker B

Es sind so oft die Sinne, die uns da einen Streich spielen.

Speaker B

Und dafür gibt es sogar eine neurobiologische Erklärung.

Speaker A

Ah, OK.

Speaker B

Der Geruchssinn ist anders als die anderen Sinne direkt mit unserem Emotionszentrum im Gehirn verdrahtet, mit der Amygdala und dem Hippocampus.

Speaker A

Also mit dem Gefühls und dem Gedächtnisspeicher.

Speaker B

Exakt.

Speaker B

Ein Geruch muss also nicht erst durch unser rationales Denken Er ist quasi wie eine Zeitmaschine, die uns ohne Vorwand Warnung direkt in eine alte Emotion katapultiert.

Speaker A

Das erklärt, warum man sich da so ausgeliefert fühlt.

Speaker A

Es ist ja keine bewusste Entscheidung, sich zu erinnern.

Speaker A

Es passiert einfach mit einem.

Speaker B

Ja, aber es sind ja nicht nur die Sinne.

Speaker B

Es sind auch so subtilere Dinge, zum Beispiel neue Lebensübergänge.

Speaker A

Die Geburt eines Enkelkindes, die der Verstorbene nicht mehr miterlebt.

Speaker B

Genau.

Speaker B

Oder der eigene Renteneintritt.

Speaker B

Ein Abschnitt, den man sich vielleicht mal ganz anders gemeinsam ausgemalt hatte.

Speaker A

Jeder Meilenstein wird dann irgendwie auch zu einem Gedenkstein.

Speaker B

Ja.

Speaker B

Und jeder neue Abschied kann den Alten wieder hochholen.

Speaker B

Eine Trennung.

Speaker B

Der Auszug der Kinder.

Speaker A

Selbst der Tod von jemandem, den man nur flüchtig kannte.

Speaker B

Genau.

Speaker B

Es ist, als würde jede neue Verlusterfahrung die alte Wunde berühren.

Speaker B

Aber was ich auch wichtig Manchmal braucht es gar keinen erkennbaren Grund.

Speaker B

Man wacht morgens auf und die Schwere ist einfach da, eben ohne Erklärung.

Speaker B

Und das ist vielleicht das Zermürbendste, weil man nach einem Grund sucht und einfach keinen findet.

Speaker A

Das bringt mich zu einer Frage, die sich wahrscheinlich viele Wann ist es denn zu lange?

Speaker A

Wann kippt dieses normale Trauern in etwas, das einen festhält?

Speaker B

Das ist eine ganz, ganz wichtige und sensible Unterscheidung.

Speaker B

Es geht ja nicht darum, Trauer zu pathologisieren, also sie krankhaft zu machen.

Speaker A

Nein, natürlich nicht.

Speaker B

Der natürliche Prozess ist keine Störung.

Speaker B

Der Begriff, der da manchmal fällt, ist die anhaltende Trauerstörung.

Speaker B

Und der beschreibt eher einen Zustand, in dem der Prozess sozusagen erstarrt ist wie eingefroren.

Speaker B

Genau.

Speaker B

Wenn diese ganz akute, lähmende Phase auch nach sehr langer Zeit, oft spricht man von über einem Jahr, einfach nicht abklingt, sondern den Alltag weiter komplett dominiert.

Speaker A

Und das ist ja gar nicht so selten.

Speaker A

Ich glaube, die Statistik war so bei 10 bis 20 Prozent Dahinterbliebenen.

Speaker A

Das ist einer von fünf bis zehn Personen.

Speaker A

Und das allein ist schon eine wichtige Botschaft, wenn du das bei dir erlebst.

Speaker A

Du bist damit absolut nicht allein.

Speaker A

Und wie äußert sich das?

Speaker B

Also ein zentrales Merkmal ist diese quälende, fast körperlich spürbare Sehnsucht, dieses Gefühl, ohne den anderen Menschen unvollständig zu sein, wie amputiert.

Speaker B

Und damit geht oft dieses ständige Gedankenkreisen einher.

Speaker B

Die Gedanken sind wie gefangen in einer Schleife über die Umstände des Todes.

Speaker B

Letzte Gespräche, die Warum Frage.

Speaker A

Man durchlebt alles immer und immer wieder.

Speaker B

Genau.

Speaker B

Und dann gibt es noch etwas, eine Art emotionale Taubheit, das Gefühl, wie hinter.

Speaker A

Einer Glasscheibe zu leben.

Speaker A

Man funktioniert, aber man fühlt nichts mehr richtig.

Speaker B

Ja, diese Depersonalisierung, das ist eigentlich eine Schutzreaktion, die sich aber verselbstständigen kann.

Speaker B

Und da mischen sich dann oft auch so zermürbende Gefühle drunter.

Speaker A

Schuld und Wut ganz stark.

Speaker B

Die ewigen hätte ich doch nur fragen.

Speaker B

Oder diese nagende Wut auf die Ärzte, das Schicksal oder sogar auf den Verstorbenen, weil er einen alleingelassen hat.

Speaker A

Und das führt dann ja oft dazu, dass man sich zurückzieht.

Speaker A

Oder wenn alles, was früher Spaß gemacht hat, sich plötzlich leer anfühlt.

Speaker B

Ja, der Verlust der Zukunftsfreude.

Speaker B

Und dahinter steckt ja oft ein noch tieferes der Verlust der eigenen Identität.

Speaker A

Wer bin ich eigentlich noch ohne diesen Menschen?

Speaker B

Genau.

Speaker A

Wenn man jahrzehntelang Ehepartner, Mutter oder bester Freund war.

Speaker A

Das reißt eine Lücke ins eigene Selbstverständnis.

Speaker A

Das ist eine riesige Herausforderung.

Speaker B

Und diese ganze seelische Last, die bleibt ja nicht nur im Kopf, man spürt sie oft auch ganz körperlich oder unbedingt.

Speaker A

Das wird oft unterschätzt.

Speaker A

Chronischer emotionaler Stress versetzt den Körper in einen permanenten Alarmzustand.

Speaker A

Das Stresshormon Cortisol ist ständig erhöht und.

Speaker B

Das löst dann eine ganze Kette von Reaktionen aus.

Speaker A

Genau.

Speaker A

Das klassischste Symptom sind massive Schlafstörungen.

Speaker A

Man liegt wach, die Gedanken rasen, man wacht ständig auf und ohne Schlaf fehlt die Basis für jede Regeneration.

Speaker B

Das Bild von der Last auf den Schultern wird dann ja auch ganz real.

Speaker B

Also chronische Verspannungen, Schmerzen.

Speaker A

Exakt.

Speaker A

Chronische Kopfschmerzen, Nacken und Rückenschmerzen sind extrem häufig.

Speaker A

Der Körper ist einfach permanent angespannt und.

Speaker B

Der Magen macht oft auch nicht mehr mit.

Speaker A

Ja, das Verdauungssystem reagiert total sensibel.

Speaker A

Appetitlosigkeit, Krämpfe und über allem schwebt oft diese bleierne chronische Erschöpfung, dieses Gefühl, ständig.

Speaker B

Gegen einen unsichtbaren Widerstand zu kämpfen.

Speaker B

Ja, wo schon das Einkaufen zu einem riesigen Kraftakt wird.

Speaker B

Der Körper schreit Ich kann nicht mehr.

Speaker B

OK, wenn man sich darin jetzt wiedererkennt, ist natürlich die große Was jetzt?

Speaker B

Was kann man tun?

Speaker B

Interessant fand ich, dass es da keine einfachen 5 Schritte Pläne gibt.

Speaker A

Nein, zum Glück nicht.

Speaker A

Es sind eher Einladungen, die eigene Haltung zu verändern.

Speaker B

Und der erste Schritt ist wahrscheinlich der schwierigste.

Speaker B

Ja, die radikale Akzeptanz der eigenen Gefühle.

Speaker B

Also diesen inneren Kritiker zum Schweigen zu bringen, Der Jetzt reiß dich doch mal zusammen.

Speaker B

Und stattdessen zu Ja, es tut immer noch weh und es darf wehtun.

Speaker A

Genau das sich selbst die Erlaubnis für den Schmerz zu geben, das nimmt schon mal so viel Druck raus.

Speaker A

Man muss keinem Zeitplan entsprechen.

Speaker B

Die eigenen Gefühle also ernst nehmen, statt gegen sie zu kämpfen.

Speaker B

Ein zweiter Punkt, den ich sehr schön fand, war die Idee, einen sicheren Rahmen für die Erinnerung zu schaffen.

Speaker A

Viele haben ja Angst, von der Trauer überschwemmt zu werden, wenn sie sie zulassen.

Speaker B

Genau.

Speaker A

Und bewusste Rituale können da helfen.

Speaker A

Anstatt von der Erinnerung überfallen zu werden, lädt man sie aktiv ein.

Speaker A

Aber zu den eigenen Bedingungen.

Speaker B

Also zum Beispiel eine Kerze anzünden an.

Speaker A

Einem bestimmten Tag genau oder zum Geburtstag einen Brief schreiben, den man nie abschickt.

Speaker A

Oder bewusst das gemeinsame Lieblingslied hören.

Speaker A

Das gibt der Trauer einen festen Ort und eine feste Zeit, damit sie nicht.

Speaker B

Das ganze Leben flutet.

Speaker A

So ist es.

Speaker A

Es geht darum, eine bewusste Verbindung zu halten, anstatt in der Sehnsucht zu ertrinken.

Speaker B

Ein anderer Punkt ist ja das Reden, was oft schwer ist, weil das Umfeld manchmal schon viel weiter ist als man selbst.

Speaker A

Das ist die große Gefahr, die Isolation.

Speaker A

Deshalb ist es so wichtig, sich Verbündete zu suchen.

Speaker A

Menschen, die einfach nur zuhören, ohne Gute Ratschlägen.

Speaker A

Genau ohne dieses Das Leben geht weiter.

Speaker A

Das kann ein guter Freund sein, aber auch eine Trauergruppe.

Speaker A

Zu erleben, dass andere die eigene Sprache sprechen, das ist so eine immense Entlastung.

Speaker B

Und neben der Seele sollte man auch den Körper nicht vergessen.

Speaker A

Absolut.

Speaker A

Und da geht es nicht darum, die Trauer wegzusporteln.

Speaker A

Es geht um kleine Gesten der Fürsorge.

Speaker B

Ein kurzer Spaziergang, um wieder den Boden unter den Füßen zu spüren oder ein warmes Bad, ein paar tiefe Atemzüge dem Körper einfach Ich sehe dich und deine Last.

Speaker B

Und als letztes professionelle Hilfe, was ja immer noch für viele eine Hürde ist.

Speaker A

Leider ja.

Speaker A

Aber zu einem Therapeuten oder Trauerbegleiter zu gehen, ist kein Zeichen von Schwäche.

Speaker A

Es ist ein Zeichen von Stärke.

Speaker A

Man muss auch nicht erst am absoluten Tiefpunkt sein, um sich das zu erlauben.

Speaker B

Es gab noch einen Gedanken, den ich besonders erhellend Die Idee der nachgetrauerten Trauer.

Speaker A

Ja, ein sehr wichtiger Phänomen.

Speaker A

Das beschreibt, dass die Trauer manchmal nach Jahren mit so einer Wucht zurückkommt, weil sie damals zum Zeitpunkt des Verlustes, gar keinen Raum hatte.

Speaker B

Weil man funktionieren musste.

Speaker A

Genau, für die Kinder, für den Job, für die ganze Organisation.

Speaker A

Man hat die eigenen Gefühle quasi auf Eis gelegt, auf ein Später verschoben und.

Speaker B

Irgendwann, wenn das Leben ruhiger wird, dann klopft dieses Später an die Tür.

Speaker A

So ist es.

Speaker B

Das ist ein starker Gedanke.

Speaker B

Es bedeutet ja, dass der Schmerz, der heute kommt, vielleicht gar kein Rückfall ist, sondern das erste Mal, dass man die Kraft hat, ihn wirklich zu fühlen.

Speaker A

Genau.

Speaker A

Es ist ein Akt der Vervollständigung, ein Heilen der eigenen Geschichte.

Speaker A

Wenn man das alles mal zusammennimmt, ist die Kernbotschaft Trauer, die du nach Jahren noch spürst, bedeutet nicht, dass du im Loslassen versagt hast, sondern dass die Verbindung tief und bedeutungsvoll war.

Speaker B

Ganz genau.

Speaker B

Trauer und ein lebenswertes Leben, die müssen sich nicht ausschließen.

Speaker B

Sie können lernen, nebeneinander zu existieren.

Speaker A

Das ist ein sehr tröstlicher Gedanke.

Speaker A

Vielleicht geht es am Ende gar nicht darum, die Wunde komplett zu schließen, sondern eher darum, zu lernen, mit der Narbe.

Speaker B

Zu leben, sie als Teil der eigenen Geschichte anzuerkennen und von da aus Schritt für Schritt wieder einen Weg zu finden, der sich ein kleines Stück tragfähiger anfühlt.

Speaker B

Das trifft es genau.

Speaker B

Und mit diesem Gedanken möchten wir dich vielleicht auch entlassen mit einer letzten sanften Wenn du dir erlaubst, deine Trauer nicht als Feind zu sehen, den du besiegen musst, sondern als einen Teil deiner Geschichte, der bleiben darf, was würde sich dadurch für dich verändern?