Hallo und herzlich willkommen hier bei uns.
Speaker BHallo.
Speaker AManchmal fühlt sich die Zeit ja ganz eigenartig an.
Speaker AFindest du die nicht auch gerade, wenn jemand Wichtiges fehlt.
Speaker BJa, absolut.
Speaker BBesonders wenn man zurückblickt vielleicht auf ein ganzes Jahr, das vergangen ist.
Speaker AGenau.
Speaker AUnd da fragt man sich, wie ist das eigentlich, wenn dieses Jahr vorbei ist?
Speaker AVerändert sich die Trauer oder ist es nur die Art, wie wir sie tragen?
Speaker BDas ist eine sehr gute Frage, finde ich.
Speaker ALass uns heute mal ein bisschen darüber sprechen, wie sich dieses Gefühl, dieser Schmerz, vielleicht auch die Sehnsucht wandelt nicht so nach einem festen Plan, sondern eher wie Wellen vielleicht wie dieses erste Jahr oft erlebt wird und was sich danach manchmal ganz sachte anders anfühlen kann.
Speaker BJa, ich glaube, das Bild mit den Wellen, das passt oft sehr gut.
Speaker BDas ist ja selten eine gerade Linie, diese Trauer überhaupt nicht eine Weile.
Speaker AUnd warum fühlt sich das so wellenförmig an?
Speaker AOft sind es ja Kleinigkeiten oder ein Lied, ein Geruch.
Speaker BGenau.
Speaker BOder bestimmte Daten.
Speaker BNatürlich Dinge, die plötzlich ganz intensive Gefühle auslösen können.
Speaker BUnd das ist wichtig zu verstehen.
Speaker BDas ist keine Schwäche.
Speaker BNein, es zeigt ja eigentlich nur, wie tief die Verbindung war, die man hatte.
Speaker AJa, das stimmt.
Speaker AEs ist ein Zeichen der Liebe irgendwie.
Speaker BUnd was man oft Mit der Zeit Werden diese Wellen vielleicht sanfter oder die Abstände dazwischen werden größer.
Speaker AMan lernt sie vielleicht besser kennen.
Speaker BJa, so ein bisschen.
Speaker BMan lernt sie vielleicht zu lesen, spürt sie früher kommen, findet eher halt.
Speaker BAber, und das ist ganz wichtig, nicht, weil die Liebe weniger wird, sondern weil man lernt, anders mit ihr zu leben, mit der Abwesenheit zu leben.
Speaker BAber die Liebe bleibt Ja, das ist ein schöner Gedanke.
Speaker AUnd er führt uns ja auch direkt zu diesem ersten Jahr.
Speaker ADas wird ja oft als besonders ja widersprüchlich erlebt.
Speaker AJa, dieses Gefühl, dass das Jahr sich unendlich lang anfühlt.
Speaker BJeder Tag ein Kampf.
Speaker AGenau.
Speaker AUnd gleichzeitig, wenn man zurückblickt, fragt man wo ist die Zeit hin?
Speaker ADas höre ich ganz oft.
Speaker BUnd die ersten Wochen, die ersten Monate, die sind ja meistens einfach überwältigend oder so chaotisch.
Speaker ATotal diese Müdigkeit, von der viele berichten.
Speaker ADer Kopf ist voll, man funktioniert irgendwie nach außen.
Speaker BJa, das funktionieren.
Speaker BAber innen ist diese Leere oder manchmal auch ein unglaublicher Lärm, ein Gefühl, als hätte man den Boden unter den Füßen verloren.
Speaker AEs gibt Ja, diese bekannten Phasenmodelle der Trauer, Schock, Wut, Verhandeln.
Speaker AAber die Realität sieht ja oft anders aus.
Speaker BAbsolut.
Speaker BDiese Phasen sind selten so klar abgegrenzt oder linear.
Speaker BDie Gefühle wechseln sich ab, sie überlagern sich, sie kommen wieder Wut, dann tiefe Sehnsucht, vielleicht kurz Dankbarkeit, dann wieder Schuldgefühle, dann Taubheit.
Speaker AManchmal alles an einem Tag.
Speaker BGenau.
Speaker BUnd das ist normal.
Speaker BDieses Gefühlschaos ist Teil des Prozesses.
Speaker BEs gibt da keinen Fahrplan.
Speaker AEin ganz intensiver Punkt sind hier oft diese ersten Male.
Speaker ADer erste Geburtstag ohne die Person, das erste Weihnachtsfest.
Speaker BOh ja.
Speaker ADas sind so Markierungen im Jahr, die unglaublich schmerzhaft sein können.
Speaker ADa drängen sich Bilder auf Fragen Wie soll man das nur aushalten?
Speaker BDa gibt es keine leichte Antwort drauf.
Speaker BAber interessant ist, dass gerade an diesen Tagen oft nicht nur der Schmerz da ist.
Speaker BManchmal kann auch eine ganz tiefe, fast schon tröstende Nähe zur verstorbenen Person spürbar werden.
Speaker ADiese Ambivalenz wieder.
Speaker BJa, genau.
Speaker BEs ist beides.
Speaker BDer Schmerz über die Abwesenheit und gleichzeitig vielleicht eine besondere Form der inneren Verbindung.
Speaker AManchmal hat man ja auch das Gefühl, die Trauer wird im Laufe des ersten Jahres sogar schwerer oder vielleicht so kurz vor dem Jahrestag.
Speaker BDas ist nicht ungewöhnlich.
Speaker BManchmal gibt es so eine Art Verdichtung der Gefühle, bevor sich dann oft etwas ja ein wenig löst oder verändert.
Speaker BAber auch diese gefühlte Nähe kann parallel dazu wachsen.
Speaker BBeides darf sein.
Speaker AUnd wie ist das dann so nach diesem ersten Jahr?
Speaker ASagen wir mal so nach 12, 18 Monaten.
Speaker AMerken viele da eine Veränderung oft?
Speaker BJa, es ist meistens keine plötzliche Wende, eher so ein langsames Nachlassen der akuten Schmerzdominanz.
Speaker ADas heißt, der Schmerz ist nicht weg, aber er steht nicht mehr ständig im Vordergrund.
Speaker BGenau, er bestimmt nicht mehr jeden einzelnen Moment des Tages.
Speaker BDie Erinnerungen werden oft tragbarer.
Speaker BSie verlieren nichts von ihrer Wichtigkeit, aber sie sind vielleicht nicht mehr nur schmerzhaft.
Speaker ASondern sie können auch Wärme auslösen.
Speaker ADankbarkeit.
Speaker BJa, zum Beispiel.
Speaker BUnd der Alltag beginnt oft wieder ein bisschen mehr zu tragen.
Speaker BEs können sich wieder kleine Freiräume auftun für Freude, für Zuversicht, vielleicht sogar für neue kleine Pläne.
Speaker AUnd wenn man dann doch wieder einen richtig schlechten Tag hat oder eine schlechte Woche, fällt man dann zurück?
Speaker BNein, das ist wichtig.
Speaker BDas ist kein Zurückfallen an den Anfang.
Speaker BRückschläge sind absolut normal.
Speaker BDas innere System sucht ja neue Wege, sich zu regulieren und die sind eben nicht immer stabil.
Speaker BEs bleibt ein Auf und Ab, aber vielleicht mit einer anderen Grundtendenz.
Speaker AAlso kein gerader Weg nach oben sozusagen.
Speaker BÜberhaupt nicht.
Speaker BUnd die Vielfalt der Gefühle bleibt ja auch.
Speaker BTraurigkeit kann neben Dankbarkeit existieren, Sehnsucht neben einem leisen Frieden.
Speaker BEs geht um Integration, nicht darum, etwas auszulöschen.
Speaker AUnd dieser ganze Prozess ist ja auch wahnsinnig individuell, ne?
Speaker BTotal.
Speaker BEs gibt keinen festen Zeitplan, keine richtige Dauer.
Speaker BManche brauchen Monate, andere brauchen Jahre.
Speaker BDas hängt von so vielen Dingen ab.
Speaker AZum Beispiel?
Speaker BNaja, die Art der Beziehung natürlich, wie eng sie war.
Speaker BDie Umstände des Todes spielen eine Rolle.
Speaker BDas soziale Netz.
Speaker BHat man Unterstützung oder ist man eher allein?
Speaker AKann man über Gefühle sprechen oder ist man eher jemand, der das mit sich ausmacht?
Speaker BGenau.
Speaker BWie hoch ist die Belastung im Alltag sonst?
Speaker BGibt es frühere Verlusterfahrungen, die vielleicht wieder aufbrechen.
Speaker BKulturelle oder spirituelle Aspekte können auch einen Unterschied machen.
Speaker ADas heißt also diese Frage, die sich viele Trauche ich richtig oder traure ich lange genug?
Speaker BDie ist eigentlich nicht zu beantworten.
Speaker BEs gibt kein richtig oder falsch, kein zu lang oder zu kurz.
Speaker BDein Weg ist dein Weg.
Speaker BEs ist wichtig, sich die Zeit zu geben, die man braucht.
Speaker BDer eigene Rhythmus zählt.
Speaker AUnd vielleicht geht es dann auch weniger darum, die große Lösung zu finden, sondern eher so kleine Anker im Alltag oder?
Speaker BJa, genau.
Speaker BKleine Gesten, die Halt geben können.
Speaker BManchmal sind es ganz schlichte Rituale.
Speaker BEine Kerze anzünden, ein kurzer bewusster Gedanke zu einer bestimmten Zeit am Tag, etwas.
Speaker AKleines, Regelmäßiges, das Struktur gibt, ohne zu überfordern.
Speaker BOder ein flexibler Erinnerungsort, vielleicht eine kleine Schale mit Fundstücken, ein Notizbuch, wo man was reinschreibt, vielleicht auch digital was sammeln, Etwas, das sich mit einem selbst verändern darf.
Speaker ADie Natur wird ja auch oft als tröstlich empfunden.
Speaker ARegelmäßige Spaziergänge.
Speaker AMhm.
Speaker BVielleicht immer derselbe Weg, um die Jahreszeiten bewusst mitzuerleben.
Speaker BDas kann erstaunlich viel Trost spenden, weil es zeigt, alles ist im Wandel.
Speaker BAber es gibt auch einen Kreislauf, eine Beständigkeit darin und Gespräche.
Speaker BJa, aber im eigenen Tempo mit Menschen, denen man vertraut, die wirklich zuhören, ohne gleich Ratschläge zu geben.
Speaker AOder vielleicht auch das Schreiben an die verstorbene Person.
Speaker BDas kann sehr helfen.
Speaker BJa, Gedanken und Gefühle bekommen Raum, die man vielleicht nicht laut aussprechen kann oder will.
Speaker AEs gibt ja auch die Idee, etwas weiter klingen zu lassen.
Speaker AEin gemeinsames Hobby fortführen, ein Rezept nachkochen.
Speaker BGenau, ein Projekt weiterverfolgen.
Speaker BNicht als Pflicht, sondern als eine liebevolle Geste, die die Verbindung irgendwie lebendig hält.
Speaker AUnd ganz Sich Pausen erlauben oder Tage, an denen einfach nichts geht.
Speaker BUnbedingt Müßiggang.
Speaker BDie Erlaubnis, einfach mal nur zu sein, ohne irgendetwas leisten zu müssen.
Speaker ADas ist so wichtig, was bei all diesen Ideen mitschwingt.
Speaker AEs geht darum, gut auf sich selbst zu hören, auszuprobieren, was gut tut und das auch wieder loszulassen, wenn es sich nicht mehr stimmig anfühlt.
Speaker BJa, das gilt ja auch für diese wiederkehrenden Anlässe, Jahrestage, Feiertage, die können ja auch nach Jahren noch Wellen auslösen.
Speaker ADas ist dann kein Rückschritt.
Speaker BNein, es zeigt einfach, dass die Liebe und die Traurigkeit weiter da sind.
Speaker BWeiter mitschwingen.
Speaker BMan steht vielleicht an einem neuen Ufer derselben Geschichte, wie es jemand mal schön.
Speaker AGesagt hat, mit anderen Werkzeugen, vielleicht mit mehr Milde für sich selbst hoffentlich.
Speaker BJa, man hat ja inzwischen gelebt, gelernt, ist vielleicht nachsichtiger geworden.
Speaker BUnd auch an solchen Tagen, was brauche ich jetzt?
Speaker BEher Gemeinschaft, eine Nachricht schreiben, sich treffen.
Speaker AFotos anschauen oder eher die Stille, den Rückzug.
Speaker BGenau.
Speaker BBeides ist völlig in Ordnung.
Speaker BWieder dieses Hinhören, was tut mir jetzt gerade gut?
Speaker BSich selbst eine gute Freundin, ein guter Freund sein.
Speaker AUnd wenn man so auf die längere Zeit schaut, verändert sich die Trauer dann grundlegend.
Speaker AVerschwindet sie.
Speaker BVerschwinden tut sie meistens nicht, aber sie verändert oft ihren Charakter.
Speaker BAus diesem akuten, alles überlagernden Schmerz kann etwas werden, was man vielleicht als ja integrierte Trauer bezeichnen könnte.
Speaker AEine lebensbegleitende Wehmut.
Speaker BJa, das trifft es gut.
Speaker BEine sanfte Wehmut, wie eine leise Farbe im Hintergrund des Lebens.
Speaker BSie nimmt nicht mehr den ganzen Raum ein, aber sie gehört dazu.
Speaker AUnd das ist OK.
Speaker BDas ist absolut OK.
Speaker BEs ist die Erlaubnis, wieder zu lachen, ohne das Gefühl zu haben, Verrat zu üben, zu vermissen, ohne daran zu zerbrechen, neue Wege zu gehen und das Vergangene trotzdem in Ehren zu halten.
Speaker AEs gibt ja dieses Bild von der Narbe.
Speaker AEine Wunde heilt, aber sie hinterlässt eine Narbe.
Speaker BGenau.
Speaker BUnd diese Narbe bleibt vielleicht empfindsam.
Speaker BSie erinnert an die Verletzung, aber sie ist auch ein Zeichen von Heilung.
Speaker BSie ist Teil von einem geworden.
Speaker BSie macht einen nicht schwächer, vielleicht sogar auf eine neue Art widerstandsfähiger.
Speaker BDie Haut ist dort anders, aber sie hält.
Speaker ADas heißt also, wenn wir das mal so Trauer gerade im ersten Jahr und auch danach ist ein zutiefst persönlicher Weg, kein Wettlauf, nein, ein Weg mit Wellen, deren Stärke sich verändern kann.
Speaker AAber die Liebe, die Verbindung, die bleibt.
Speaker BJa, die bleibt.
Speaker BUnd vielleicht ist das Allerwichtigste, sich selbst die Erlaubnis zu geben, diesen Weg im eigenen Rhythmus zu gehen, mit allem, was dazugehö dem Schmerz, der Verwirrung, aber eben auch der Dankbarkeit, der Sehnsucht, den kleinen Momenten von aufkeimender Hoffnung.
Speaker BEinfach nachsichtig mit sich sein.
Speaker AUnd wenn du jetzt vielleicht auf dein erstes Jahr zurückblickst oder noch mittendrin steckst und dich manchmal wie im Nebel fühlst, die Konturen, die werden klarer werden, nicht weil du vergisst, sondern weil du lernst, mit dem zu leben, was du im Herzen trägst.
Speaker ADu gehst weiter, Schritt für Schritt in deinem ganz eigenen Takt.