Weißt du, stell dir mal vor, die Zeit steht plötzlich einfach still.
Speaker AEinfach so von einer Sekunde auf die andere.
Speaker AJa, du stehst in einem Raum, der dir eigentlich völlig vertraut ist.
Speaker AVielleicht dein eigenes Wohnzimmer oder das Schlafzimmer deiner Eltern, aber alles hat sich mit einem Schlag verändert.
Speaker BDas ist ein Moment, der sich unserem Verstand im ersten Augenblick völlig entzieht, weil.
Speaker AEs eben genau dieser Ort ist, an dem das Leben ja sonst immer stattfindet, oder?
Speaker BGenau.
Speaker BDas Zuhause ist unser sicherster Ort.
Speaker BUnd plötzlich bricht diese gewaltige, unbegreifliche Realität des Todes in genau diesen privaten Raum ein.
Speaker AUnd das ist etwas, worauf ein Niemand, wirklich absolut niemand vorbereiten kann.
Speaker BNein, niemals.
Speaker AUnd genau deshalb möchten wir heute dieses Gespräch führen.
Speaker AWir wollen dir für genau diesen Moment eine Art Kompass mitgeben.
Speaker BEine Orientierung.
Speaker AGenau, eine Orientierung für diese schwersten allerersten Stunden, wenn im Raum diese unfassbare Stille und in dir drin aber gleichzeitig eine totale Unruhe ist.
Speaker BJa, das ist ein extremer Widerspruch, den man da spürt.
Speaker AWir schauen uns heute mal in Ruhe an, welche kleinen Schritte helfen können.
Speaker AUnd dabei geht es uns überhaupt nicht darum, dass du Gefühle wegschiebst oder einfach kühl funktionieren musst.
Speaker BAbsolut nicht.
Speaker ANein, es geht eher darum, in diesem totalen Ausnahmezustand einen kleinen, ja einen greifbaren Halt zu finden, wie so eine leise Hand an einem Geländer.
Speaker BDas ist ein sehr schönes Bild.
Speaker BDieses Geländer ist so wichtig, denn oft verlangt die Gesellschaft oder wir selbst verlangen es von uns, dass wir in so einer Situation sofort die Kontrolle übernehmen.
Speaker AWir wollen sofort reagieren.
Speaker BRichtig.
Speaker BAber biologisch und psychologisch gesehen ist das in den ersten Stunden oft überhaupt nicht.
Speaker AMöglich, weil wir im Schock sind.
Speaker BGanz genau.
Speaker BDer Körper ist in einem massiven Schockzustand.
Speaker BVielleicht.
Speaker BVielleicht fangen wir genau da an, bei diesem allerersten Augenblick in der, indem man überhaupt begreift, was passiert ist, wo man.
Speaker AEigentlich erst einmal nur atmen muss.
Speaker BJa, einfach nur atmen.
Speaker AViele beschreiben diesen Zustand ja wie so einen dichten Nebel.
Speaker AMan sieht die eigene Hand vor Augen nicht mehr und man hat wahnsinnige Angst, jetzt in dieser totalen Überforderung irgendetwas falsch zu machen.
Speaker BDas ist eine ganz typische Reaktion.
Speaker AWir wissen ja, dass es einen ersten offiziellen Schritt gibt.
Speaker AMan muss ärztliche Hilfe rufen.
Speaker BGenau.
Speaker AAlso die Hausarztpraxis oder den ärztlichen Bereitschaftsdienst unter der 116 117.
Speaker BOder eben im Zweifel direkt den Notruf, die 112.
Speaker ADamit eine Leichenschau durchgeführt wird.
Speaker BRichtig.
Speaker BDas ist gesetzlich so vorgeschrieben.
Speaker AAber wenn ich ehrlich bin, wenn ich an diesem Bett stehe und sehe, dass der Mensch offensichtlich schon verstorben ist, da zögert man Doch total, die 112 zu wählen, oder?
Speaker BOh ja, das höre ich extrem oft.
Speaker AMan denkt sich, es ist ja kein akuter Notfall mehr.
Speaker AIch blockiere da vielleicht die Leitung für jemanden, der gerade einen Herzinfarkt hat.
Speaker BJa, diese Sorge ist total verständlich.
Speaker BMan möchte niemandem zur Last fallen.
Speaker BAber hier müssen wir wirklich ganz deutlich Es ist absolut in Ordnung, die 112 zu wählen.
Speaker AWirklich ohne schlechtes Gewissen.
Speaker BAbsolut ohne schlechtes Gewissen.
Speaker BErst recht, wenn du auch nur den kleinsten Zweifel hast oder einfach völlig neben dir stehst.
Speaker ADas nimmt schon mal sehr viel Druck raus.
Speaker BDas soll es auch.
Speaker BDie Menschen am anderen Ende der Leitung sind genau dafür geschult.
Speaker BDu musst in dem Moment doch kein Mediziner sein.
Speaker AWir auch.
Speaker AMan steht ja komplett unter Schock.
Speaker BEben wenn wir uns mal ansehen, was da biologisch passiert.
Speaker BDein Gehirn schüttet massiv Adrenalin aus.
Speaker BDas rationale Denken, also der präfrontale Kortex, fährt in dem Moment quasi komplett runter.
Speaker BDu bist gar nicht in der Lage, medizinisch astrein zu beurteilen, ob die Person wirklich schon verstorben ist.
Speaker AOkay, das heißt, niemand macht mir da einen Vorwurf.
Speaker BNiemals.
Speaker BEs ist immer besser, einmal zu viel, als einmal zu wenig anzurufen.
Speaker ADas ist gut zu wissen.
Speaker AEs geht also gar nicht um die perfekte Diagnose am Telefon.
Speaker BNein, es geht einfach nur darum, das System zu aktivieren.
Speaker BDieser erste Anruf ist nicht einfach nur kalte Bürokratie, sondern er ist der notwendige Anfang.
Speaker BNur durch diesen offiziellen Schritt, also dass ein Arzt den Tod feststellt, kann sich danach überhaupt erst ein Netzwerk an Helfern um dich herum aufbauen.
Speaker ADas macht Sinn.
Speaker BOhne den Arzt können all die Menschen, die dir später Last abnehmen, rechtlich noch gar nicht tätig werden.
Speaker AVerstehe.
Speaker AOkay.
Speaker ADer Anruf ist also gemacht.
Speaker AAber dann beginnt ja diese seltsame Wartezeit.
Speaker ADie Zeitblase.
Speaker BGenau.
Speaker BMan wartet, bis der Arzt oder der Notarzt eintrifft und für diese Zeit gibt es ja eine eiserne Nichts verändern.
Speaker BGenau.
Speaker BMan darf nichts verändern.
Speaker BMan darf die verstorbene Person nicht umbetten, nicht umziehen, die Lage nicht verändern.
Speaker ARichtig.
Speaker BUnd ich muss sagen, da regt sich in mir sofort ein extremer emotionaler Widerstand.
Speaker AInwiefern?
Speaker AWas spürst du da?
Speaker BNaja, mein natürlichster menschlichster Instinkt in dem Moment, wenn ich begreife, dass mein Partner oder ein Elternteil gestorben ist, wäre doch mich zu kümmern.
Speaker AFürsorge.
Speaker AJa, ich würde die Person doch noch einmal schön zudecken wollen, vielleicht ein weiches Kissen unter den Kopf legen oder ihr was Bequemes anziehen.
Speaker BJa, das ist ein ganz tiefer Impuls.
Speaker AEs fühlt sich für mich fast hartherzig an, einfach nur daneben zu stehen und genau das nicht tun zu dürfen.
Speaker BIch kann das so gut nachvollziehen und es ist wichtig zu Diese Regel hat absolut nichts mit emotionaler Kälte zu tun, sondern es geht um medizinische und rechtliche Eindeutigkeit.
Speaker BWenn der Arzt eintrifft, muss er die Todesursache und den genauen Zeitpunkt bestimmen können.
Speaker AAh, OK.
Speaker BUnd dafür achtet er auf ganz feine Wie liegt der Körper?
Speaker BGibt es Hinweise auf einen Sturz?
Speaker BWie verhalten sich die sogenannten Totenflecke?
Speaker AUnd wenn ich die Person jetzt wärmer zudecke oder umbette, verfälsche ich das?
Speaker BGanz genau.
Speaker BDu veränderst diese wichtigen medizinischen Parameter.
Speaker BDeshalb muss der Zustand so bleiben, wie er ist.
Speaker ADas verstehe ich vom Kopf her total.
Speaker AAber naja, die Hände zittern in dem Moment trotzdem.
Speaker BJa, wohin mit dieser Energie?
Speaker BRichtig.
Speaker AGenau Diese nervöse Handlungsenergie muss ja irgendwo hin.
Speaker AWenn ich den Körper nicht berühren darf, was kann ich denn dann tun, ohne die rechtliche Situation zu stören?
Speaker BDas ist ein wunderbarer Ansatz.
Speaker BDu lenkst diesen Impuls einfach um.
Speaker BDu darfst und sollst den Raum um die Person herum gestalten.
Speaker AWie genau?
Speaker BDu kannst zum Beispiel das Fenster auf Kipp stellen, wenn dir nach frischer Luft ist.
Speaker BDas haben die Menschen früher ganz intuitiv gemacht, um die Seele hinausfliegen zu lassen.
Speaker AOh, das ist ein schöner Gedanke.
Speaker BOder du zündest eine Kerze an und stellst sie auf den Nachttisch.
Speaker BDu darfst auch leise Musik anmachen, die der Person viel bedeutet hat.
Speaker BDas sind alles ganz kleine Gesten, die dem Raum Würde geben und der Seele guttun, ohne dass du den ärztlichen Prozess störst.
Speaker AEine Kerze anzünden, das gibt einem wahrscheinlich auch das Gefühl, nicht völlig ohnmächtig zu sein.
Speaker BGenau.
Speaker BDu tust etwas für den Moment des Abschieds.
Speaker AAber es gibt bei diesem ganzen Arztthema noch etwas, das vielen Angst macht.
Speaker BWas meinst du?
Speaker AIch habe gelesen, dass es passieren kann, dass plötzlich die Polizei in der Tür steht.
Speaker BAh ja, das Thema Polizei, das klingt.
Speaker ADoch wie der absolute Albtraum.
Speaker AMan hat gerade den wichtigsten Menschen verloren, ist völlig am Boden und dann kommen uniformierte Beamte ins Wohnzimmer.
Speaker BDas ist tatsächlich für viele ein enormer Schock.
Speaker BUnd deshalb ist es so wichtig, dass wir das hier erklären, um dem Ganzen ein bisschen den Schrecken zu nehmen.
Speaker AWarum kommen die denn überhaupt?
Speaker BWenn der Arzt bei der Leichenschau auch nur die allergeringste Unsicherheit hat, vielleicht weil die Person noch relativ jung war oder weil sie unglücklich gestürzt ist, dann muss er auf dem Totenschein das Kreuz bei ungeklärter oder unnatürlicher Todesursache setzen.
Speaker AOK.
Speaker BUnd in der Sekunde, in der dieses Kreuz gesetzt ist, greift in Deutschland ein völliger Standardautomatismus.
Speaker BDie Kriminalpolizei wird informiert.
Speaker ADas heißt aber nicht, dass mir da jemand einen Vorwurf macht oder dass ich verdächtigt werde.
Speaker BNein, überhaupt nicht.
Speaker BEs ist ein reiner Schutzmechanismus unseres Systems.
Speaker BDer Staat hat einfach die Pflicht, offene Fragen routinemäßig zu klären.
Speaker BVerstehe aber natürlich Uniformierte im eigenen Haus zu haben in so einem verletzlichen Moment, das ist furchtbar einschüchternd.
Speaker AWas kann man da machen?
Speaker BDer wichtigste Rat Versuch das nicht alleine auszuhalten.
Speaker BRufen Nachbarn an oder eine gute Freundin jemanden, der einfach nur still neben dir auf dem Sofa sitzt, während die Beamten.
Speaker AIhre Arbeit machen, sich jemanden dazu holen.
Speaker ADas ist ein sehr guter Rat.
Speaker BJa, das federt die Situation emotional extrem.
Speaker AAb, wenn das dann alles vorbei ist und der Arzt einem schließlich diesen Totenschein in die Hand drückt.
Speaker AJa, ich glaube, das ist der Moment, in dem viele erst realisieren, wie sehr sie eigentlich neben sich stehen.
Speaker BDas stimmt.
Speaker BDa greift dann oft das, was man das Wattegedächtnis nennt.
Speaker AWattegedächtnis?
Speaker BJa.
Speaker BDu weißt plötzlich nicht mehr, was der Arzt vor zwei Minuten zu dir gesagt hat.
Speaker BDu vergisst, welcher Wochentag ist.
Speaker AIch stelle mir das oft vor wie bei meinem Smartphone.
Speaker BWie meinst du das?
Speaker ANaja, wenn der Akku bei einem Prozent ist und das Handy in diesen extremen Stromsparmodus wechselt.
Speaker BAh ja.
Speaker ADas Betriebssystem schaltet dann radikal alle Hintergrund Apps ab, das helle Display, die automatische Synchronisation, alles aus, nur um die überlebenswichtige Telefonfunktion noch am Laufen zu halten.
Speaker AIst das im Gehirn ähnlich?
Speaker BDas ist ein brillantes Bild.
Speaker BWirklich?
Speaker BGanz genau so ist es.
Speaker AVerrückt.
Speaker BIn einem akuten Trauma übernimmt die Amygdala, unser emotionales Alarmzentrum, komplett das Steuer.
Speaker BEs geht für deinen Körper nur noch ums nackte Überleben, ums Atmen.
Speaker BUnd diese Hintergrund Apps, wie du sie nennst, also das Abspeichern von neuen Infos, das Planen, das Erinnern an PIN Nummern, die werden rigoros abgeschaltet, weil sie zu.
Speaker AViel Energie kosten würden.
Speaker BRichtig.
Speaker BDein Gehirn schützt dich vor einem Systemabsturz, indem es auf Durchzug schaltet.
Speaker ADas heißt, es ist nicht mein Fehler, wenn ich mir in dem Moment absolut nichts merken kann.
Speaker BAbsolut nicht.
Speaker BEs ist eine faszinierende, schützende Biologie.
Speaker BDeshalb ist es auch völlig okay, sich.
Speaker ANotizen zu machen oder den Arzt dreimal dasselbe zu fragen.
Speaker BGenau.
Speaker BUnd hier kommt dieser Totenschein wieder ins Spiel.
Speaker AEr ist dein Schlüssel, weil da alles Wichtige draufsteht.
Speaker BJa, du musst ab jetzt die Details nicht mehr im Kopf behalten.
Speaker BDu gibst diesen Schein bald an die nächsten Helfer weiter und die übernehmen dann das Steuern für dich.
Speaker ALass uns über diese nächsten Helfer sprechen.
Speaker AEs heißt ja, man sollte innerhalb von 36 Stunden einen Bestatter kontaktieren.
Speaker BRichtig.
Speaker BDas ist so der grobe Zeitrahmen.
Speaker AUnd ich muss zugeben, 36 Stunden, das klingt extrem schnell, wenn ich doch gerade erst versuche zu begreifen, dass jemand gestorben ist.
Speaker BDas fühlt sich sehr schnell an.
Speaker AJa, zumal ich immer dachte, ein Bestatter ist primär dafür da, den Sarg zu bringen und den Transport zu regeln.
Speaker AWarum also diese Eile?
Speaker BDas ist ein sehr weit verbreitetes Missverständnis.
Speaker BNatürlich kümmern sich Bestatter um die Abholung.
Speaker BAber in diesen ersten Tagen sind gute Bestattungsinstitute vielmehr so etwas wie deine administrativen Superhelden.
Speaker AAdministrativer Superheld.
Speaker ADas musst du erklären.
Speaker BNaja, sie nehmen diesen Totenschein, von dem wir gesprochen haben, und gehen damit für dich zum Standesamt.
Speaker BSie beantragen die Sterbeurkunden.
Speaker AAh, okay.
Speaker BSie melden die Person bei der Krankenkasse ab, Sie kümmern sich um die Rentenabmeldung.
Speaker BSie erledigen einfach diesen massiven bürokratischen Berg für den du in deinem Stromsparmodus gar keine Kraft hast.
Speaker AWahnsinn.
Speaker ADas ändert die Perspektive natürlich total.
Speaker AMan holt sich also jemanden ins Boot, der einem die Behörden vom Hals hält.
Speaker BGanz genau.
Speaker AAber trotzdem, wenn es darum geht, diesen ersten Anruf zu machen.
Speaker AIch glaube, viele Hinterbliebene haben da diesen tiefen Impuls, alles selbst machen zu müssen.
Speaker BJa, aus einem Pflichtgefühl heraus.
Speaker AGenau.
Speaker AMan, ich war die ganze Zeit für diese Person da.
Speaker AWir haben unser Leben geteilt, also muss ich das jetzt auch alleine stemmen.
Speaker AUnd das ist gefährlich, weil man sich komplett auslaugt.
Speaker BJa, emotional und physisch.
Speaker BEs ist so eine Art falscher Loyalitätsgedanke, der da greift.
Speaker BDu musst das nicht alleine tun, um deine Liebe zu beweisen.
Speaker AWenn man es mal von der anderen Seite betrachtet, die Freunde und Verwandten, die in so einem Moment vorbeikommen, die stehen ja oft genauso ohnmächtig daneben.
Speaker BAbsolut.
Speaker BDie wissen oft gar nicht, wo sie mit ihren Händen hin sollen.
Speaker AGenau.
Speaker AEigentlich ist es doch fast wie ein stilles Geschenk, wenn man Aufgaben an sie delegiert, oder?
Speaker BDas ist so wahr.
Speaker BEtwas tun zu dürfen, ist für das Umfeld wahnsinnig erleichternd.
Speaker AMan könnte also bitte ruf du den Bestatter an.
Speaker BRichtig.
Speaker BDu kannst ner guten Freundin Bitte setz dich an meinen Laptop, such drei Institute raus und ruf dort an.
Speaker BSchau einfach, wer eine ruhige und sympathische Stimme am Telefon hat.
Speaker ADas ist eine super konkrete Aufgabe.
Speaker BJa, und es entlastet dich enorm.
Speaker BDie Freundin hat das Gefühl, in dieser dunklen Stunde etwas Sinnvolles beizutragen.
Speaker BJemand anderes kann sich in die Küche stellen und Kaffee kochen.
Speaker AMan ist also nicht allein zuständig für das Funktionieren der Welt.
Speaker BNein, das bist du nicht.
Speaker AWenn man das zulässt, dieses Abgeben, dann hat man vielleicht auch ein bisschen Raum für die leiseren Dinge im Hintergrund.
Speaker BWas meinst du da genau?
Speaker ANaja, wenn der Arzt da war und der Bestatter informiert ist, dann läuft der Alltag drumherum ja auf so surreale Weise weiter.
Speaker ADa sind ja oft noch Haustiere im Haus.
Speaker BJa, die Haustiere, das ist ein g wichtiger.
Speaker BSie sind oft die stillen Beobachter einer solchen Tragödie.
Speaker ADie spüren doch sofort, dass was nicht stimmt, oder?
Speaker BOh ja, sie verstehen natürlich nicht, was ein Totenschein oder die Polizei ist, aber sie spüren die massive Veränderung in der Energie des Hauses.
Speaker AUnd wie wir Menschen uns verhalten.
Speaker BGenau.
Speaker BFrauchen oder Herrchen verhalten sich plötzlich ganz anders.
Speaker BWir riechen durch den Stress sogar anders und dann sind da plötzlich fremde Menschen im Raum.
Speaker AWas sollte man in dem Moment am besten für die Tiere tun?
Speaker BIhnen das geben, was auch uns in Krisen grundlegende Routinen wahren.
Speaker BAlso einfach füttern, frisches Wasser, Futter und vor allem einen ruhigen Raum, in den sie sich zurückziehen können.
Speaker BUnd auch hier gilt wieder das Prinzip der Delegation.
Speaker BWenn du merkst, du hast einfach absolut keinen Kopf dafür, den Hund jetzt Gassi zu führen, dann gib ihn für zwei Tage zu einem Nachbarn.
Speaker ADas ist dann auch kein Versagen.
Speaker BNein, überhaupt nicht.
Speaker BDas ist pragmatische Fürsorge.
Speaker APragmatisch ist auch das Stichwort für den nächsten Punkt.
Speaker AEin Thema, das mir persönlich wirklich immer Bauchschmerzen bereitet.
Speaker BLass mich raten.
Speaker BDokumente.
Speaker AJa, Dokumente en Es heiß Man braucht jetzt die Versichertenkarte, Rentenbescheide, Versicherungspolizen.
Speaker ADa bricht bei mir echte Angstschweiß aus.
Speaker BDas kann ich so gut verstehen.
Speaker AGanz ehrlich.
Speaker AIch finde einem ganz normalen, entspannten Dienstag meine eigene Gesundheitskarte nicht.
Speaker AWie um alles in der Welt soll jemand in diesem Schockzustand anfangen, Aktenordner zu wälzen?
Speaker BDarauf gibt es eine ganz, ganz klare Antwort.
Speaker BJa, du sollst das einfach nicht tun.
Speaker AEcht nicht?
Speaker BNein, du musst in den ersten Stunden überhaupt keine Versicherungsordner durchsuchen.
Speaker APuh, das ist beruhigend.
Speaker AAber wie organisiere ich das dann, ohne später völlig im Chaos zu versinken?
Speaker BDa gibt es einen tollen Rat, der unglaublich entschleunigt.
Speaker BAnstatt panisch Schubladen aufzureißen, nimmst du einfach einen großen, leeren Briefumschlag.
Speaker AOkay.
Speaker BOder einen kleinen Karton und den stellst du gut sichtbar auf den Küchentisch.
Speaker AUnd was mache ich damit?
Speaker BImmer dann, wenn du in den nächsten ein, zwei Tagen vielleicht ohnehin ziellos durch die Wohnung wanderst und dein Blick fällt auf etwas Hier liegt ein Schlüssel, dort die Mappe mit den Rentenunterlagen.
Speaker ADann lege ich das einfach in diesen Umschlag.
Speaker BGenau.
Speaker BEin völlig passives Sammeln ohne jeden Druck.
Speaker ADas ist fantastisch.
Speaker ADas nimmt den ganzen Stress raus, weil.
Speaker BEs wieder die Funktionsweise unseres gestressten Gehirns berücksicht.
Speaker BWenn du aktiv suchst, blockiert dein Kopf oft noch mehr.
Speaker AMan findet dann eh nichts.
Speaker BGenau Wenn du den Druck rausnimmst und dir Es reicht, wenn es in drei Tagen da ist, dann tauchen die Dinge erstaunlicherweise oft ganz von selbst auf.
Speaker AEs geht bei diesen Dokumenten und Wertgegenständen ja auch gar nicht um Misstrauen gegenüber dem Bestatter oder so.
Speaker BNein, gar nicht.
Speaker AEs geht wahrscheinlich einfach darum, sich selbst später zu schützen, damit man nicht anfängt zu grübeln.
Speaker AWo habe ich die Uhr hingelegt?
Speaker AHat die jemand mitgenommen?
Speaker BRichtig.
Speaker BMan schützt sich vor den eigenen späteren Zweifeln, indem man die Dinge an einen zentralen Ort packt.
Speaker AWenn wir auf all das schauen, was wir jetzt besprochen haben, dann sind das ja wirklich viele kleine praktische Handgriffe.
Speaker BJa, kleine Schritte.
Speaker ADas Fenster öffnen, die Kerze anzünden, den Umschlag hinlegen.
Speaker BGenau.
Speaker AUnd trotzdem, trotz all dieser Logik, bleibt wahrscheinlich bei den meisten Menschen ein lähmendes Gefühl der Unwirklichkeit.
Speaker BDas wird bleiben.
Speaker BJa.
Speaker ADa wird in den Stunden danach vielleicht einfach eine gähnende innere Leere sein oder eine plötzliche Wut, warum das jetzt passieren musste.
Speaker AVielleicht brechen auch völlig unerwartet Momente von Dankbarkeit durch und man fängt an zu lächeln, während man eigentlich weint.
Speaker BJa.
Speaker BTrauer ist so unfassbar vielschichtig und es.
Speaker ADarf alles da sein.
Speaker AEs gibt einfach kein richtiges Fühlen in diesen ersten Stunden.
Speaker AManchmal ist das Mutigste, was man tun kann, nicht das Handeln, sondern einfach nur das Ein und Ausatmen zwischen zwei Handgriffen.
Speaker BDas Atmen zwischen den Handgriffen, das hast du wunderbar gesagt.
Speaker BUnd wenn wir den Blick jetzt noch einen winzigen Schritt weiter in die Zukunft richten, in die Zeit, wenn diese allerersten Stunden vorbei sind und der Mensch nicht mehr im Haus ist.
Speaker BJa, da gibt es aus der Psychologie ein Konzept, das ich sehr, sehr tröstlich Die Idee des äußeren Ankers.
Speaker AÄußerer Anker.
Speaker AWas genau ist das?
Speaker BWenn der Körper abgeholt ist, entsteht oft eine extreme physische Leere im Raum, wo vorher jemand saß, atmete, lebte, Da ist plötzlich nichts mehr.
Speaker ADas stelle ich mir ohrenbetäubend still vor.
Speaker AWie sieht so etwas aus?
Speaker BDas kann zum Beispiel der Lieblingssessel der Person sein, auf den man bewusst ein gerahmtes Bild stellt oder eine kleine Gedenkecke auf einer Kommode mit einem Gegenstand, den die Person sehr geliebt hat.
Speaker AEs geht also darum, dem Vermissen einen konkreten Ort im Raum zu geben.
Speaker BGanz genau.
Speaker ADamit dieses schwere Gefühl nicht einfach so ungreifbar im ganzen Haus herumschwirrt, sondern man hingehen kann, die Hand auf die Kommode legen und sagen, hier erinnere ich mich an dich.
Speaker BRichtig.
Speaker BDiese Dinge ersetzen niemals den Menschen, der gegangen ist.
Speaker BAber sie geben der Erinnerung einen greifbaren, ruhigen Platz.
Speaker ASie machen das unsichtbar Sichtbare im neuen Alltag wieder ein Stück weit sichtbar.
Speaker BUnd das gibt unglaublich viel Halt, wenn innerlich noch alles wankt.
Speaker AEin Platz für die Erinnerung.
Speaker ADas ist ein wirklich schöner Gedanke.
Speaker AWir hoffen sehr, dass wir dir mit unserem Gespräch heute einen kleinen Wegweiser durch diesen dichten Nebel geben konnten.
Speaker BDas hoffen wir sehr.
Speaker AUnd ganz gleich, wo du gerade stehst, ob du dich nur informieren wolltest oder ob du vielleicht gerade mitten in dieser schweren Situation bist, du musst das niemals alleine tragen.
Speaker BNein, bitte bleib damit nicht allein, wenn.
Speaker ADie Freunde schlafen und das Haus ganz still wird.
Speaker AEs gibt immer Menschen, die da sind, zum Beispiel bei der Telefonseelsorge unter der Nummer.
Speaker BDort hört dir jemand zu, jederzeit, auch tief in der Nacht.
Speaker ANiemand muss da alleine durch.
Speaker APass gut auf dich auf und vergiss nicht, jeder noch so kleine Schritt, den du tust oder eben auch nicht tust, ist absolut genug.