Es gibt diese ganz besondere Stille zwischen den Jahren, findest du nicht auch?
Speaker BJa, absolut.
Speaker BAlles ist irgendwie gedämpfter.
Speaker BDie Tage sind kürzer, die Nächte tiefer.
Speaker AGenau.
Speaker AUnd in dieser Zeit, so scheint es, kommen auch die Träume anders.
Speaker BHast du schon mal so einen Traum gehabt von einem geliebten Menschen, der nicht mehr da ist?
Speaker BJa, ein Traum, der sich so, so echt anfühlt wie ein Besuch.
Speaker BMan wacht auf und ist für einen Moment völlig verwirrt.
Speaker AGenau darum soll es heute gehen, um diese Träume.
Speaker AWir wollen versuchen, da ein bisschen Licht reinzubringen, ohne eine endgültige Antwort zu geben.
Speaker BJa, vielleicht eher so zwei Perspektiven beleuchten.
Speaker BEinerseits diese alten Überlieferungen, die von einer besonderen Nähe zwischen den Welten sprechen, und.
Speaker AAuf der anderen Seite die Sprache unserer eigenen Psyche, die ja auch in Bildern zu uns spricht.
Speaker BIch glaube, das ist ein Punkt, den viele nachvollziehen können, diese besondere Durchlässigkeit der Zeit.
Speaker BLass uns vielleicht dort anfangen bei diesem Gefühl, dass der Schleier dünner wird.
Speaker AGern.
Speaker AIn den ganzen alten Texten werden die Rauhnächte ja als eine Art Schwellenzeit beschrieben.
Speaker ADas alte Jahr ist vorbei, das neue ist noch nicht richtig da.
Speaker AEs ist so ein Innehalten der Welt.
Speaker BGenau.
Speaker BUnd der alte Volksglaube sagt eben, dass in dieser Zeit der Schleier zwischen den Welten, also zwischen unserer sichtbaren und der unsichtbaren Welt, durchlässiger ist.
Speaker BWas heißt das konkret, Dass die Seelen und Ahnen näher sein können, so die Vorstellung.
Speaker AJa, wobei man das, glaube ich, nicht falsch verstehen darf.
Speaker AEs geht da nicht um etwas Bedrohliches, so wie wir das heute vielleicht aus.
Speaker BFilmen kennen, sondern sondern um eine besondere Nähe des Unsichtbaren, eine Verbindung.
Speaker BMan muss sich ja auch vorstellen, wie das früher tiefe winterliche Dunkelheit, kein elektrisches Licht.
Speaker BDa hatte die Nacht eine ganz andere Magie.
Speaker AVerstehe.
Speaker AIn den Unterlagen stand ja auch, dass jede der zwölf Nächte für einen Monat des kommenden Jahres steht.
Speaker BGenau das war die traditionelle Deutung.
Speaker BTräume wurden als prophetisch angesehen, als kleine Hinweise oder Vorahnungen.
Speaker AEin Traum von einem Verstorbenen in der, sagen wir, dritten Raummacht hätte also eine Bedeutung für den März gehabt.
Speaker BJa, vielleicht als Segen oder auch als Warnung.
Speaker BAber das ist weniger ein starres Regelwerk.
Speaker BIch meine, es ist eher das, was man ein kulturelles Gefäß nennen könnte.
Speaker BEin kulturelles Gefäß, eine schöne Erzählung, die dem Unbegreiflichen eine Form gibt, die halt schenken kann, wenn man das möchte.
Speaker ADas führt uns ja direkt zu dieser spirituellen Deutung, dieser Gedanke, dass so ein Traum vielleicht ein echter Besuch ist, ein Zeichen.
Speaker ADas ist natürlich ein unglaublich tröstlicher Gedanke.
Speaker BAbsolut.
Speaker BUnd die spirituelle Sichtweise sieht die Rauhnächte ja auch als Zeit der Reinigung, der inneren Wandlung.
Speaker BDa wird der Traum quasi zum Tor, in dem die Grenzen weicher sind.
Speaker AUnd eine Verbindung zu einem Verstorbenen kann sich dann wie ein Segen anfühlen, oder?
Speaker BGenau, Oder einfach nur wie eine stille, forderungslose Anwesenheit.
Speaker BOft wird ja gar nicht viel gesprochen in diesen Träumen.
Speaker BEs ist mehr ein Gefühl, ein Gefühl von Frieden vielleicht oder Akzeptanz.
Speaker AJa, in dem Zusammenhang wird ja auch oft von den Ahnen gesprochen.
Speaker AAlso dieses Gefühl, in eine längere Geschichte eingebettet zu sein, nicht aus dem Nichts zu kommen.
Speaker BJa, das kann auch sehr tröstlich sein, dieses Gefühl, Teil von etwas Größerem zu sein, das weit über das eigene kleine Leben hinausgeht.
Speaker AUnd Rituale helfen dabei, diesem Gefühl einen Raum zu geben.
Speaker AIch denke da ans Räuchern oder das Anzünden einer Kerze.
Speaker BGenau.
Speaker BDas sind ja keine magischen Beschwörungen, es sind eher symbolische Handlungen.
Speaker BEin Autor hat das mal so schön als kleine Laternen beschrieben.
Speaker AKleine Laternen.
Speaker BMan zündet sie im Dunkeln an, nicht um den ganzen Weg auszuleuchten.
Speaker BDas geht ja gar nicht, sondern nur um den nächsten Schritt ein bisschen sicherer gehen zu können.
Speaker ADas ist ein schönes Bild, eine Geste der Anerkennung, dass Liebe ihre Form verändert, aber nicht einfach endet.
Speaker BExakt.
Speaker AOkay, aber jetzt lass uns mal die Perspektive wechseln.
Speaker AEs gibt ja auch die psychologische Sicht.
Speaker AWas ist, wenn die Botschaft gar nicht von außen kommt, sondern aus unserem tiefsten Inneren.
Speaker BDas ist der Kern der psychologischen Erklärung.
Speaker BAus der Sicht sind Träume ein geschützter Raum, ein Raum für all die Gefühle, die im lauten Alltag oft untergehen.
Speaker AWelche Gefühle meinst du?
Speaker BSehnsucht, ungesagte Worte, vielleicht auch Schuld, Wut, tiefe Dankbarkeit, all das.
Speaker BUnd in der stillen Zeit zwischen den Jahren, wenn alles ruhiger wird, dann bekommt unser Nervensystem mehr Raum dafür.
Speaker AUnd dann steigen diese Dinge in Form von Träumebildern an die Oberfläche.
Speaker BGenau.
Speaker BEs ist sozusagen die Seele sich Gehör verschafft.
Speaker ADas heißt, es ist nicht unbedingt die Person selbst, die im Traum erscheint, sondern das, was sie in uns berührt, das.
Speaker BWas sie in uns repräsentiert.
Speaker BDer Traum wird dann zu einem inneren Gespräch.
Speaker BEin Gespräch, das im Wachleben nicht mehr möglich ist, aber für unsere Seele vielleicht total notwendig ist.
Speaker AIn den Unterlagen stand auch etwas über continuing bonds, also fortgeführte Verbindungen.
Speaker ADas fand ich sehr interessant.
Speaker BJa, das ist ein ganz zentraler Punkt der modernen Trauerforschung.
Speaker BFrüher dachte man, man müsse die Bindung kappen, um den Verlust zu überwinden.
Speaker ALoslassen.
Speaker AJa, genau.
Speaker AHeute weiß Gesunde Trauer bedeutet nicht, die Verbindung zu beenden, sondern einen neuen Weg zu finden, sie ins eigene Leben zu integrieren.
Speaker ADer Verstorbene wird zu einer Art inneren Begleiter.
Speaker BExakt.
Speaker BUnd Träume spielen dabei eine entscheidende Rolle.
Speaker BSie sind der Ort, an dem dieser innere Dialog stattfinden kann.
Speaker BEs geht nicht ums Vergessen.
Speaker BEs geht darum, wie es eine Therapeutin so schön formuliert hat, weiteratmen zu können.
Speaker AUnd das hat sogar eine neurobiologische Grundlage, oder?
Speaker ADa war die Rede vom REM Schlaf.
Speaker BJa, das ist vielleicht der überraschendste Teil.
Speaker BForschungen zeigen, dass unser Gehirn im REM Schlaf, also wenn wir am lebhaftesten träumen, emotionale Erinnerungen verarbeitet.
Speaker AOK.
Speaker BDas Besondere dabei ist die Ausschüttung von bestimmten Stresshormonen wie Noradrenalin stark reduziert.
Speaker BWas bedeutet das?
Speaker ADas bedeutet, das Gehirn kann schmerzhafte Erinnerungen durchleben und neu verknüpfen, ohne von der dazugehörigen Stresswelle überschwemmt zu werden.
Speaker ADer Traum ist also buchstäblich ein neuronal.
Speaker BSicherer Raum, eine Art nächtliche Therapiesitzung unseres Gehirns sozusagen.
Speaker ASo kann man es sehen, Ja.
Speaker AUm die emotionale Schärfe des Verlusts zu mildern und die Erinnerung friedlicher zu integrieren.
Speaker BDa gab es dieses Beispiel von der Frau, die von ihrer Großmutter geträumt hat, die ihr wortlos ein Stück ihres Lieblingskuchens reicht.
Speaker AGenau.
Speaker ANichts Weltbewegendes, keine große Botschaft, aber dieses Gefühl von Geborgenheit, das danach blieb, hat sie wochenlang getragen.
Speaker BEin perfektes Es geht oft nicht um den Inhalt, es geht um das Gefühl.
Speaker BDas Gehirn hat eine positive, stärkende Erinnerung reaktiviert und neu verankert.
Speaker BOK.
Speaker BDas bringt uns jetzt zu der großen Was stimmt denn nun?
Speaker BSpiritueller Besuch oder neuronaler Prozess?
Speaker BMüssen wir uns da entscheiden?
Speaker BDas ist die wichtigste Frage und die, wie ich finde, sehr versöhnliche Antwort die sich durch alle Quellen zieht.
Speaker BNein, du musst dich nicht entscheiden.
Speaker AEs darf beides nebeneinander existieren.
Speaker BGenau.
Speaker BDie psychologische Erklärung beschreibt den Mechanismus, das wie Die spirituelle Erfahrung beschreibt die Bedeutung des wie es sich anfühlt.
Speaker BDas eine ist die Sprache Wissenschaft, das andere die Sprache der Seele.
Speaker AZwei verschiedene Beschreibungsebenen für dasselbe Erlebnis.
Speaker BExakt.
Speaker ADas heißt also das Wichtigste ist vielleicht das Gefühl, das nach dem Aufwachen bleibt.
Speaker AOb das nun Trost ist, Unruhe, Wärme oder Leere.
Speaker BJa, diesem Gefühl Raum zu geben, ist am Ende vielleicht viel wertvoller, als den Traum auf seine Wahrheit hin zu überprüfen.
Speaker AUnd wie kann man das machen?
Speaker ADiesem Gefühl Raum geben?
Speaker BDa gibt es ganz sanfte Anregungen.
Speaker BMan kann zum Beispiel einfach ein paar Zeilen aufschreiben oder die wichtigsten Bilder gar nicht als Analyse, sondern nur um das Gefühl festzuhalten.
Speaker AWas mir auch gefallen hat, war der Tipp, dem Traum einen Titel zu geben.
Speaker ASo etwas wie Der stille Besuch oder Omas Apfelkuchen.
Speaker BDas schafft ein bisschen Ordnung im Inneren.
Speaker BOder man spricht innerlich einen Satz, den man gerne noch gesagt hätte, Ein einfaches Ich vermisse dich oder danke.
Speaker AEs geht also darum, dem Erlebnis einen kleinen bewussten Rahmen zu geben.
Speaker AEine Kerze anzünden, kurz ans offene Fenster treten, tief durchatmen.
Speaker AKleine Rituale, die dem Inneren signalisieren ich habe dich gehört, ich nehme das ernst.
Speaker AWas aber auch wirklich wichtig ist, und das wurde in den psychologischen Texten stark Wenn dich solche Träume belasten, ja, wenn sie alte Wunden aufreißen oder dich einfach nicht loslassen, dann ist es absolut okay, sich Unterstützung zu suchen.
Speaker BEin sehr, sehr wichtiger Man muss nicht alles alleine tragen.
Speaker BNicht jeder Traum ist tröstlich.
Speaker BManchmal sind sie verwirrend oder schmerzhaft.
Speaker BAuch das ist ein normaler Teil der Verarbeitung.
Speaker AUnd sich dafür Hilfe zu holen, ist dann ein Akt der Selbstfürsorge.
Speaker BAbsolut.
Speaker AWenn wir jetzt mal versuchen, all diese Fäden zusammenzuführen, dann scheinen diese Träume, egal woher sie nun kommen, uns etwas ganz Kostbares zu erlauben.
Speaker AUnd sie lassen uns nähe fühlen, ohne dass wir sie erklären oder beweisen müssen.
Speaker ASie zeigen uns, was wir vermissen und damit auch, was uns im Leben wirklich wichtig ist.
Speaker BUnd dass Liebe nicht kleiner wird, nur weil jemand gegangen ist.
Speaker AGenau.
Speaker BIch mag das Bild des Traums als einem Faden.
Speaker BEin Faden, der uns für einen kurzen Moment mit etwas Größerem verbindet.
Speaker AOb man das nun Anderswelt nennt oder das eigene Unterbewusstsein.
Speaker BJa, oder neuronales Netzwerk.
Speaker BGenau.
Speaker BDas ist am Ende vielleicht gar nicht so wichtig.
Speaker BWichtiger ist das Gefühl der Verbindung selbst, dieser Moment der Nähe.
Speaker AUnd was, wenn die entscheidende Frage gar nicht lautet, woher der Traum kommt, sondern wohin er dich führen möchte.