Hallo, schön, dass du da bist und dir diesen Moment für uns nimmst.
Speaker BHallo.
Speaker AWir haben hier ja diese ganzen Unterlagen vor uns, Leitfäden für Krisenintervention, psychologische Artikel, auch sehr persönliche Berichte und sie alle kreisen um eine unglaublich schwere Frage.
Speaker AWas passiert eigentlich mit uns, mit einem ganzen Team, wenn das Unfassbare geschieht, wenn ein Mensch, den wir jeden Tag sehen, sich das Leben nimmt und eine Stille hinterlässt, für die es ja, für die es keine Worte gibt.
Speaker BGenau.
Speaker BUnd ich glaube, darum soll es heute gehen.
Speaker BEinfach mal zu schauen, was in diesen ersten Momenten nach einem Suizid im Arbeitsumfeld wirklich hilft.
Speaker BJa, wir schauen uns an, wie man mit dieser Welle an Gefühlen umgeht, vor allem mit dieser, ja, dieser Schuldfrage und vielleicht, wie man als Gemeinschaft einen Weg findet, ohne fertige Antworten haben zu müssen.
Speaker AIch glaube, der erste Moment ist der schwierigste, dieser Schock, diese Lähmung.
Speaker BAbsolut.
Speaker BLass uns vielleicht genau da ansetzen.
Speaker BWas zählt denn in den allerersten Stunden und Tagen am meisten?
Speaker BDas ist ein gutes Bild, das von der Lähmung.
Speaker BIn den Leitfäden zur Krisenintervention taucht dafür immer wieder ein Begriff auf, Seelische Erste Hilfe.
Speaker BUnd der Gedanke dahinter ist ja nicht, etwas zu reparieren.
Speaker BDas ist unmöglich.
Speaker BKlar, es geht darum, so schnell wie möglich einen Schutzraum zu schaffen, damit diese offene Wunde, die da ist, nicht sofort vom Alltag infiziert wird.
Speaker AUnd wer macht das?
Speaker AWer ist dafür zuständig?
Speaker AIn den meisten Plänen, die wir hier sehen, übernimmt die Betriebsärztin oder der Betriebsarzt die erste Koordination.
Speaker ADas Ziel ist aber immer sehr, sehr zeitnah externe Fachkräfte hinzuzuziehen, also Psychologen, Seelsorger.
Speaker BGenau.
Speaker BMenschen, die für solche Situationen geschult sind.
Speaker BJe früher dieser sichere Rahmen entsteht, desto.
Speaker ABesser dieser Gedanke des Schutzraums, der leuchtet mir total ein.
Speaker AIch stelle mir das so schwer umsetzbar vor, wenn alle selbst unter Schock stehen.
Speaker BJa, das ist ein absoluter Ausnahmezustand.
Speaker AWie verhindert man in diesem Chaos, dass alle durcheinander laufen und sich dabei selbst.
Speaker BVöllig überfordern, Indem man das Chaos ordnet.
Speaker BDas klingt jetzt paradox, aber genau das ist die zentrale Aufgabe.
Speaker BIn den Handlungsanweisungen wird das sehr klar in vier Kernbereiche aufgeteilt.
Speaker BEs geht darum, das Team zu entlasten, indem man ganz klare Zuständigkeiten festlegt.
Speaker BOkay, eine Person oder ein kleines Krisenteam koordiniert die ganze Intervention.
Speaker BZweitens und das ist so Jemand kümmert sich nur um die interne Kommunikation.
Speaker BWer informiert wen, wie und wann.
Speaker ADas verhindert die Gerüchteküche, nehme ich an.
Speaker BGenau.
Speaker BDie kann unendlich viel Schaden anrichten.
Speaker BDie Unsicherheit zur Trauer dazu.
Speaker AJa, stimmt.
Speaker BDer dritte Bereich ist dann eine Stelle, die den Kontakt zu den externen Fachleuten hält.
Speaker BUnd und der ganz praktische Teil.
Speaker AAlso wer kümmert sich um einen Rückzugsraum?
Speaker ASolche Dinge.
Speaker BGenau.
Speaker BGibt es einen Raum?
Speaker BMuss man Telefone umleiten?
Speaker BMüssen Dienstpläne angepasst werden, weil einige Kollegen einfach nicht arbeitsfähig sind?
Speaker BUnd es geht da gar nicht um Perfektion.
Speaker BEs geht darum, eine grundlegende Struktur in eine Situation zu bringen, die sich anfühlt, als hätte man den Boden unter den Füßen verloren.
Speaker BNur so entsteht überhaupt Raum für wir Trauer.
Speaker ADas klingt logisch, aber auch fast ein bisschen nach Corporate Krisenmanagement.
Speaker AKann so ein strukturierter Ansatz in einem Moment purer Verzweiflung nicht auch kalt wirken?
Speaker BIst sozusagen das unsichtbare Gerüst.
Speaker AOkay.
Speaker BEin guter Krisenmanager ist nicht der, der mit dem Klemmbrett rumläuft, sondern der, der dafür sorgt, dass es einen Kaffee gibt, dass niemand allein sein muss, der es nicht will.
Speaker AAlso die Struktur dient dem Menschen genau, nicht umgekehrt.
Speaker BSie soll Halt geben.
Speaker BUnd ich glaube, wenn diese Struktur dann da ist, bricht die emotionale Welle, die man vorher vielleicht zurückgehalten hat, erst richtig durch.
Speaker BAbsolut.
Speaker BDann kommen die Gefühle.
Speaker BUnd was die persönlichen Berichte so eindrücklich Es ist ja nie nur Trauer.
Speaker ANein, die Gefühle kommen in Wellen, oft extrem widersprüchlich.
Speaker AIn einem Moment Traurigkeit im nächsten Wut.
Speaker BAuf den Verstorbenen, weil man sich im Stich gelassen fühlt.
Speaker BJa, und dann wieder diese totale leere Betäubung.
Speaker BJemand schrieb den Die Stille im Büro war lauter als jeder Lärm.
Speaker BDas trifft es, finde ich.
Speaker BDas ist ein starkes Bild.
Speaker BUnd das Wichtigste in der Begleitung ist dann, dass all das da sein darf.
Speaker BMan muss es benennen können, ohne es erklären oder rechtfertigen zu müssen und ohne dass jemand Das darfst du doch nicht fühlen oder so etwas.
Speaker AGanz genau.
Speaker BDie professionellen Begleiter schaffen einen Raum, in dem ein Satz wie Ich fühle gerade gar nichts nicht mit Das ist aber komisch beantwortet, sondern mit einem Nicken.
Speaker BManchmal sind es die schlichtesten Sätze, die helfen so was ein einfaches Das war ein Schock, oder Es ist verständlich, dass du gerade durcheinander bist.
Speaker BDas repariert nichts, aber es validiert das Erleben.
Speaker BEs macht das Gefühl aushaltbar.
Speaker AWas in den Berichten aber als das quälendste Gefühl von allen beschrieben wird, ist die Schuld.
Speaker ADiese endlose Schleife von Hätte ich etwas bemerken müssen, hätte ich was anders machen können?
Speaker ADiese Hätte ich Frage, die einen nicht mehr loslässt.
Speaker BDiese Frage ist fast immer da und sie ist zutiefst menschlich.
Speaker BDie Schuldgefühle beißen sich ja oft an winzigen Kleinigkeiten fest.
Speaker BAn was zum Beispiel ein unbeantworteter Chat vom Vortag, ein genervter Ton in einem Meeting, ein Moment, in dem man keine Zeit hatte.
Speaker BPlötzlich wirkt jede dieser Banalitäten im Rückspiegel wie ein übersehenes, entscheidendes Warnsignal.
Speaker AUnd warum machen wir das?
Speaker AWarum quälen wir uns damit?
Speaker AAlso die psychologischen Texte analysieren das.
Speaker AEs ist oft ein unbewusster Versuch, Kontrolle über eine unkontrollierbare Situation zurückzugewinnen.
Speaker AWie meinst du das?
Speaker BNaja, der Gedanke, wenn ich etwas hätte tun können, um es zu verhindern, der impliziert ja, dass die Welt berechenbar ist.
Speaker AAh, okay.
Speaker BDass es eine klare Ursache und Wirkung gibt.
Speaker BGenau diese Illusion gibt einem kurzzeitig das Gefühl von Handlungsfähigkeit zurück in einer Situation totaler Ohnmacht.
Speaker BDer Der Preis dafür ist aber eine immense selbstzerstörerische Last.
Speaker ADie Handlungsfähigkeit ist also nur eine Illusion.
Speaker BJa, und die Lähmung durch die Schuld ist real.
Speaker BWirkliche Hilfe kann darin liegen, sich einzugestehen.
Speaker BUnd das ist hart, dass wir die Grenzen anerkennen müssen.
Speaker BDie Grenzen dessen, was wir über das Innenleben eines anderen Menschen wissen können.
Speaker AVieles bleibt unsichtbar.
Speaker BJa oft das Entscheidende, das zu akzeptieren, nimmt nicht den Schmerz, aber vielleicht einen Teil der schweren Last von den eigenen Schultern.
Speaker ADie Akutphase geht irgendwann vorbei, das Krisenteam zieht sich zurück, aber die Wunde bleibt.
Speaker AJa.
Speaker AWie kann man als Team sicherstellen, dass die Unterstützung nicht nach ein paar Tagen aufhört?
Speaker ADas ist der Übergang zur Nachsorge.
Speaker ADer Leitgedanke ist da dranbleiben ohne zu drängen.
Speaker ANicht jeder braucht das Gleiche zur gleichen Zeit.
Speaker AManche brauchen Austausch, andere eher Ruhe.
Speaker BGanz genau.
Speaker BUnd beides muss nebeneinander existieren dürfen.
Speaker BPraktisch kann es bedeuten, dass es im Unternehmen einen stillen Raum gibt oder dass weiterhin freiwillige Gesprächsangebote bestehen, einzeln oder in Gruppen.
Speaker AIn einem der Berichte wurde auch die Bedeutung von kleinen Ritualen erwähnt.
Speaker ADas fand ich einen starken Gedanken.
Speaker BHa Absolut.
Speaker BRituale können unglaublich heilsam sein, weil sie der Trauer einen Ort und eine Form geben.
Speaker ASowas wie ein Kondolenzbuch zum Beispiel oder ein kurzer gemeinsamer Moment des Innehaltens.
Speaker AEs sind oft die kleinen Gesten, die Hier fehlt ein Mensch.
Speaker ADas ist nicht nur ein Vorfall, den man abarbeitet, sondern ein Verlust, der Teil der gemeinsamen Geschichte wird.
Speaker AEin Punkt, der mich beim Lesen auch sehr beschäftigt hat, ist die Situation der Helfenden, also Führungskräfte, Vertrauenspersonen.
Speaker ADie sind ja selbst betroffen und sollen gleichzeitig für andere stark sein.
Speaker BDas ist doch eine Zerreißprobe, ein entscheidender Wer andere stützt, braucht selbst halt ein gutes Krisenmanagement, plant genau das aktiv ein.
Speaker BWie denn konkret bedeutet das, dass sie selbst professionelle Begleitung in Anspruch nehmen sollten?
Speaker BIn den Fachartikeln wird das Supervision genannt oder kollegiale Fallbesprechung, also ein geschützter Raum.
Speaker AFür die, die helfen.
Speaker BJa, ein Raum, in dem sie über ihre eigene Belastung sprechen können und nicht allein mit den Bildern, den Gesprächen und der Verantwortung bleiben müssen.
Speaker AWenn man dann noch weiter in die Zukunft blickt, kann man aus so etwas Schrecklichem überhaupt etwas lernen?
Speaker AIch meine im Sinne von Prävention.
Speaker BJa, das ist die Brücke.
Speaker BUnd Prävention ist, das zeigen alle Quellen vor allem ein Kulturthema.
Speaker BSie beginnt nicht in der Krise, sondern.
Speaker ALange davor in einer wertschätzenden Kultur.
Speaker BGenau, eine Kultur, in der Belastung offen angesprochen werden darf.
Speaker BDas sind die stärksten Schutzfaktoren.
Speaker BEs gibt aber auch konkrete Instrumente.
Speaker ADu meinst die psychische Gefährdungsbeurteilung.
Speaker ADer Begriff klang für mich erstmal sehr bürokratisch, tut er auch, aber der Gedanke dahinter ist ja simpel und kraftvoll.
Speaker AEs geht darum, proaktiv als System zu Wo knirscht es bei uns?
Speaker AUnd nicht erst zu reagieren, wenn jemand zusammenbricht.
Speaker AMan schaut also systematisch auf Risikofaktoren.
Speaker BGenau Überlastung, Konflikte, Mobbing.
Speaker BUnd ein weiterer Baustein ist die Schulung.
Speaker AVon sogenannten Gatekeepern, also Personen, die Warnsignale erkennen sollen.
Speaker BExakt.
Speaker BOft Führungskräfte, aber auch Betriebsräte oder einfach engagierte Kollegen.
Speaker BIhre Aufgabe ist es nicht, Therapeuten zu sein, das ist wichtig, sondern sondern nicht wegzusehen.
Speaker BEin Gespräch anzubieten und zu wissen, an welche professionellen Stellen sie weitervermitteln können.
Speaker BSie halten sozusagen die Tür zum Hilfssystem offen.
Speaker BNiedrigschwellige Hilfsangebote.
Speaker BInnerhalb des Unternehmens sind das oft die betriebsärztlichen Dienste oder falls vorhanden, ein EAP, also ein externes Beratungsprogramm für Mitarbeiter.
Speaker BUnd außerhalb, da gibt es die Angebote, die rund um die Uhr erreichbar sind.
Speaker BDie Telefonseelsorge zum Beispiel Kunden kostenlos, anonym, immer da.
Speaker BIn jeder Region gibt es außerdem Krisendienste oder psychiatrische Notfallambulanzen.
Speaker AUnd im akuten Notfall.
Speaker BIm akuten Notfall, wenn du eine unmittelbare Gefahr bei dir oder bei jemand anderem siehst, ist immer der Notruf 112 die richtige Anlaufstelle.
Speaker BImmer ein Satz, der mir aus den Unterlagen hängengeblieben ist.
Speaker BDu musst nicht erst das Gefühl haben, schlimm genug dran zu sein, um dir Unterstützung zu holen.
Speaker BDas ist vielleicht die wichtigste Botschaft von Hilfe ist für jeden da, der sie braucht.
Speaker BEs gibt keine Schwelle, die man erst überschreiten muss.
Speaker AWenn ich mir jetzt all diese Notizen und Berichte ansehe, dann wird mir klar, wie sehr es am Ende ums Aushalten geht.
Speaker ADas Aushalten der Lücke, die bleibt.
Speaker ADas Aushalten der Fragen ohne Antworten und vor allem das Aushalten dieser Ohnmacht.
Speaker AGenau das ist ein Suizid im Unternehmen reißt eine Wunde, die nie wieder ganz so verheilt, wie es vorher war.
Speaker AUnd wenn wir eine zentrale Erkenntnis aus all dem Material ziehen sollen, dann ist es vielleicht Es geht nicht darum, schnelle Antworten zu finden oder die Schuld zu.
Speaker BKlären, sondern sondern darum, diese Offenheit und diesen Schmerz gemeinsam auszuhalten, sich gegenseitig zu stützen und zu akzeptieren, dass manche Wunden Zeit brauchen und Narben hinterlassen.
Speaker BVielleicht ist das der wichtigste Gedanke, den du aus all dem Schweren mitnehmen kannst, dass du nicht alles verstehen musst, um trotzdem nicht allein zu sein.