Hast du dich eigentlich jemals unter Druck gesetzt gefühlt, auf eine bestimmte Art trauern zu müssen?
Speaker ASo als gäbe es da draußen so eine Art, ja, ungeschriebenes Regelbuch, an das man sich halten soll?
Speaker BOh ja, absolut.
Speaker BIch glaube, dieses Gefühl kennen unglaublich viele.
Speaker BDas sind ja oft diese Sätze, die so in der Luft hängen Sei stark oder du musst loslassen.
Speaker AGenau.
Speaker BUnd auf einmal fühlt sich die eigene Trauer an wie ein viel zu enger Mantel, in dem man kaum atmen kann.
Speaker BMan spürt diesen unterschwelligen Druck, es irgendwie richtig zu machen und fragt sich die ganze Was ist dieses richtig überhaupt?
Speaker ADas ist der Kern.
Speaker AJa.
Speaker AUnd vielleicht können wir heute einfach mal versuchen, ein paar dieser hartnäckigen Vorstellungen, dieser Mythen, die es da gibt, ein bisschen zu beleuchten.
Speaker ANicht um neue Regeln aufzustellen, ganz im Gegenteil, sondern um dir, der du vielleicht gerade zuhörst, ein wenig von diesem Druck zu nehmen, um deinem ganz eigenen Weg einfach mehr Raum zu geben.
Speaker ADenn Trauer ist ja so einzigartig wie die Liebe, aus der sie kommt.
Speaker BIch glaube, ein guter Anfangspunkt ist da die bekannteste Vorstellung von allen.
Speaker BAlso diese Idee, dass Trauer in so festen, vorhersehbaren Stufen abläuft.
Speaker ADu meinst dieses Modell von Elisabeth Kübler Ross, oder?
Speaker ADie meisten kennen das Leugnung, Wut, Verhandeln, Depression und dann am Ende Akzeptanz.
Speaker BGenau.
Speaker AEs hat ja auch was Tröstliches, so eine Art Landkarte zu haben.
Speaker AAber ich frage mich oft, warum das so hartnäckig ist, obwohl so viele die Erfahrung machen, dass es für sie einfach nicht stimmt.
Speaker BIch glaube, das liegt an unserem tiefen Bedürfnis nach Ordnung, gerade im Chaos.
Speaker BSo ein Phasenmodell verspricht ja einen Weg, einen Anfang und ein Ende.
Speaker BAber Trauer ist eben kein Projekt, das man abarbeitet.
Speaker BSie ist nicht linear.
Speaker BDas Bild von einer Landschaft passt da oft viel besser mit Hügeln und Tälern, mit dichten Wäldern und dann wieder unerwarteten Lichtungen.
Speaker BManchmal geht man einen Weg und findet sich plötzlich an einer Stelle wieder, wo man schon mal war.
Speaker AUnd das fühlt sich dann wie ein Rückschritt an.
Speaker AMan denkt, man hätte die Wut doch schon hinter sich gelassen und dann ist sie plötzlich wieder da, ausgelöst durch eine Kleinigkeit.
Speaker BExakt.
Speaker BUnd man fühlt sich, als hätte man versagt.
Speaker BAber das ist eben der Trugschluss.
Speaker BEs ist kein Rückschritt.
Speaker BEs ist einfach nur ein anderer Teil der Landschaft.
Speaker BAn einem Tag spürt man vielleicht Frieden, fast schon Akzeptanz und am nächsten Morgen wacht man auf und die Traurigkeit ist wieder da.
Speaker BGefühle springen halt.
Speaker BSo ein Modell kann ein Geländer sein.
Speaker BJa, aber es darf kein Maßstab sein, an dem man sich misst.
Speaker BEs gibt kein Ankommen.
Speaker BEs gibt nur ein Lernen, in dieser veränderten Landschaft zu leben.
Speaker AUnd dieses Gefühl, irgendwo ankommen zu müssen, das ist ja auch oft mit einer Zeitvorgabe verknüpft.
Speaker ADas ist das Tückische, nicht nur wo man ankommen soll, sondern auch wann.
Speaker AOh ja, und da taucht sofort dieses berühmte Trauerjahr auf, als wäre das ein Projekt mit einer Deadline.
Speaker BJa, dieser unsichtbare Kalender, der da über einem zu hängen scheint.
Speaker BNach einem Jahr muss es doch bitte vorbei sein, Als könnte man Gefühle mit einer Stoppuhr messen.
Speaker BAber ein Verlust verändert ja die ganze Architektur des eigenen Lebens total.
Speaker ADie Routinen, die Zukunftspläne, alles.
Speaker AWie soll das nach 365 Tagen einfach abgeschlossen sein?
Speaker BEben.
Speaker BViele sagen ja sogar das zweite Jahr ist oft viel schwerer, weil dann die Endgültigkeit erst so richtig einsickert.
Speaker AStimmt.
Speaker BDie Trauer kommt dann in Wellen, vielleicht ein Leben lang ein bestimmtes Lied im Radio, ein Geruch, ein Jahrestag und zack, die Welle ist wieder da.
Speaker BAber das ist doch kein Zeichen, dass man feststeckt, oder?
Speaker AÜberhaupt nicht.
Speaker AEs ist ein Zeichen, dass die Liebe Spuren hinterlassen hat.
Speaker ADiese Momente sind ja keine Fehler im System.
Speaker ASie sind Echos von der Verbindung, die bleibt.
Speaker BGenau.
Speaker BVielleicht sollte die Frage deshalb nie sein, wie lange dauert es, sondern eher so eine sanftere Frage an sich.
Speaker BWie trägt es sich heute?
Speaker BAn manchen Tagen ist die Last leichter, an anderen fast unerträglich.
Speaker BUnd beides ist okay.
Speaker BAllein das kann schon so viel Druck nehmen.
Speaker AZu diesen Wellen gehören ja auch oft sehr starke, manchmal widersprüchliche Emotionen.
Speaker ADas bringt uns zu einem anderen Mythos, dass das Zeigen dieser Gefühle ein Zeichen.
Speaker BVon Schwäche ist ja dieser furchtbare Anspruch, man müsse sich im Griff haben.
Speaker AGenau.
Speaker BTrauer ist ja nicht nur stille Traurigkeit.
Speaker BDa ist Wut, manchmal eine lodernde Wut auf die Umstände, auf die Ärzte, manchmal sogar auf den Menschen, der gegangen ist.
Speaker BDa ist Schuld.
Speaker BDieses Endlose hätte ich doch nur.
Speaker BDa ist Angst.
Speaker BUnd manchmal, was für viele total verwirrend ist, ist da auch Erleichterung.
Speaker AOK.
Speaker ADas mit der Traurigkeit verstehe ich, aber gerade Wut, das fühlt sich für viele so falsch an, so destruktiv.
Speaker AWie kann man die denn als etwas Legitimes sehen, ohne dass sie einen vergiftet.
Speaker BIndem man versucht, sie zu übersetzen?
Speaker BVielleicht Starke Gefühle sind ja kein Zeichen von Kontrollverlust, sondern dafür, dass etwas unendlich Wichtiges fehlt.
Speaker BWut ist oft die Kraft, die eine Grenze markiert.
Speaker BSie schreit quasi das hätte nicht passieren dürfen, das ist nicht fair.
Speaker BSie ist ein Protest.
Speaker BUnd Schuld ist oft dieser verzweifelte Versuch, im Nachhinein Kontrolle zu gewinnen, also die.
Speaker AIllusion, man hätte etwas ändern können.
Speaker BGenau diese Gefühle sind nicht schön, aber sie sind wahr und wichtig.
Speaker BMan lernt also mit der Zeit mit ihnen zu atmen, statt gegen sie zu kämpfen.
Speaker BEs wächst so ne leise Resilienz, so ein inneres Trotzdem.
Speaker AUnd der Ausdruck dafür ist ja auch total unterschiedlich.
Speaker AWas mich zu einem weiteren Punkt Wer nicht weint, trauert nicht richtig.
Speaker BJa, ein ganz, ganz hartnäckiger Glaube, als wären Tränen die einzig gültige Währung der Trauer.
Speaker AStimmt.
Speaker AWenn jemand auf einer Beerdigung gefasst wirkt, wird sofort gemunkelt, ob es der Person überhaupt nahegeht.
Speaker BDabei sind Tränen nur eine Sprache der Trauer, nicht die einzige.
Speaker BManche haben zu dieser Sprache vielleicht gar keinen Zugang, gerade im Schock.
Speaker BTrauer kann sich auch ganz anders anfühlen, wie denn zum Beispiel wie ein ständiger Druck auf der Brust oder diese bleierne Müdigkeit, die einen kaum aus dem Bett kommen lässt oder eine totale Konzentrationsschwäche.
Speaker BDas Gefühl, das Gehirn sei in Watte.
Speaker AGepackt, das kenne ich.
Speaker BUnd manchmal ist auch das reine Funktionieren, das Organisieren eine völlig gültige Reaktion auf das Chaos.
Speaker BEs ist eine Art, sich selbst zusammenzuhalten, wenn alles zerbricht.
Speaker AEs gibt also keinen richtigen oder falschen Ausdruck.
Speaker AUnd der Gedanke ist wahrscheinlich noch wichtiger, wenn der Anlass der Trauer von der Gesellschaft gar nicht als echter Verlust anerkannt wird.
Speaker AJa, das führt uns zu dem Mythos, dass Trauer immer nur den Tod eines Menschen betrifft.
Speaker BEin ganz, ganz wichtiger Trauer entsteht ja überall da, wo etwas endet, das uns Halt und Bedeutung gegeben hat.
Speaker BDer Tod eines Haustiers, der Verlust des Arbeitsplatzes, der ja auch Identität war, eine.
Speaker ATrennung, der Bruch einer tiefen Freundschaft, ein.
Speaker BUmzug oder auch Verluste, die man nicht anfassen kann.
Speaker BDer Verlust von Gesundheit durch eine Krankheit, der unerfüllte Kinderwunsch, der ein Abschied von einem ganzen Lebensentwurf ist.
Speaker ADas Problem ist ja man bekommt dafür oft keine Anerkennung von außen.
Speaker ANiemand bringt einen Auflauf vorbei, wenn man seinen Job verliert.
Speaker BDas ist es.
Speaker BMan spricht da von nicht anerkannter Trauer.
Speaker BUnd das kann unglaublich einsam machen.
Speaker BMan fragt sich Darf ich deswegen so am Boden zerstört sein?
Speaker AAndere haben es doch viel schlimmer.
Speaker BGenau.
Speaker BUnd die Antwort muss immer Ja, dein Verlust ist gültig, weil er für dich Bedeutung hatte.
Speaker BDie Trauerarbeit beginnt oft damit, sich selbst die Erlaubnis zu geben, dem eigenen Verlust einen würdigen Platz zu geben, auch wenn andere ihn nicht sehen.
Speaker AUnd wenn man sich dann diese Erlaubnis gibt, kommt oft dieser gut gemeinte, aber so schwierige Satz von auss.
Speaker AUnser sechster Die Zeit heilt alle Wunden.
Speaker BDen hört man so oft.
Speaker BUnd er ist ja auch als Trost gemeint, als Versprechen, dass der Schmerz nicht ewig so scharf bleibt.
Speaker BUnd ein Fünkchen Wahrheit ist da sicher auch drin.
Speaker AAber die Zeit an sich, die tut ja gar nicht.
Speaker ASie vergeht einfach.
Speaker AEs ist doch eher, was man in dieser Zeit macht, oder?
Speaker BAbsolut.
Speaker BZeit allein ist kein Pflaster.
Speaker BWas hilft, ist die aktive, aber sanfte Auseinandersetzung.
Speaker BUnd manche Wunden, die heilen auch nicht im Sinne von spurlos verschwinden.
Speaker BDie werden zu Narben.
Speaker ADas finde ich ein sehr starkes und heilsames Bild.
Speaker BJa, eine Narbe ist nicht das Gegenteil von Heilung.
Speaker BSie ist eine Form davon.
Speaker BSie zeigt, dass da eine tiefe Verletzung war, aber dass das Leben darum herum weitergewachsen ist.
Speaker BSie bleibt Teil der eigenen Geschichte.
Speaker AEs geht also nicht darum, die Zeit abzusitzen, sondern zu Was trägt mich in dieser Zeit?
Speaker AFür den einen sind es Gespräche, für den anderen schreiben, Musik, Natur.
Speaker BGenau herauszufinden, was für einen selbst passt.
Speaker AWas uns zum letzten und vielleicht schwierigsten Mythos bringt.
Speaker ADu musst loslassen.
Speaker ADieser Satz, der klingt nach Abschneiden, nach Wegwerfen fast wie Verrat, als müsste man die Liebe auslöschen, um weiterleben zu können.
Speaker BDabei erleben es so viele Menschen genau andersherum.
Speaker BEs geht nicht darum, die emotionale Bindung zu kappen.
Speaker BWie sollte das auch gehen?
Speaker BEs geht darum, dass die Beziehung ihre Form verändert.
Speaker AWie meinst du das?
Speaker BNaja, der Mensch oder das, was man verloren hat, ist physisch nicht mehr da.
Speaker BAber die Verbindung, die Liebe, die bleibt.
Speaker BDie Frage Wie kann man diese Verbindung auf eine neue, heilsame Weise leben?
Speaker AAber ist da nicht auch die Gefahr, dass man sich in einer Fantasie verliert, wenn man innerlich Gespräche führt oder Rituale pflegt?
Speaker BEine berechtigte Frage.
Speaker BIch glaube, die Balance liegt darin, ob diese Verbindung das Leben bereichert oder lähmt.
Speaker BFührt sie dazu, dass ich mich der Welt öffne oder mich vor ihr verschließe?
Speaker AAh, OK.
Speaker BEin heilsames Ritual kann sein, zum Geburtstag des Verstorbenen seinen Lieblingskuchen zu backen.
Speaker BDas ehrt die Erinnerung.
Speaker BWenn ich aber jeden Tag am gedeckten Tisch auf ihn warte und mein eigenes Leben stillsteht, wird es problematisch.
Speaker BEs geht darum, der Liebe einen sicheren Platz im Herzen zu geben, von dem aus man sich trotzdem wieder dem Leben zuwenden kann.
Speaker AEs ist also eher ein Weitertragen, kein Festhalten.
Speaker AGenau das leuchtet ein.
Speaker ADiese Mythen scheinen ja auch alle so ne Art Pflicht zum Leiden zu implizieren.
Speaker ADas macht es wahrscheinlich so schwer, sich Pausen von der Trauer zu gönnen.
Speaker AMan hat sofort ein schlechtes Gewissen, wenn man lacht.
Speaker BJa, die Angst, das sei Verrat.
Speaker BEin so wichtiger Punkt dabei ist Ablenkung kein Verrat.
Speaker BSie ist lebensnotwendiger Selbstschutz.
Speaker BSie ist ein Atemholen.
Speaker BStell dir die Trauer wie das Meer vor.
Speaker BDu kannst nicht die ganze Zeit in den hohen, tosenden Wellen sein.
Speaker BDu würdest ertrinken.
Speaker ADu brauchst die Momente am ruhigen Strand, um Luft zu holen.
Speaker BGenau um Kraft zu sammeln für die nächste Welle.
Speaker BBewusstes Trauern und bewusste Pausen schließen sich nicht aus.
Speaker BSie bedingen einander.
Speaker ADu darfst also beides fühlen und ausruhen, erinnern und zwischendurch einfach leben.
Speaker BGenau das eine macht das andere nicht weniger wahr.
Speaker AWenn man sich das alles so anhört, wird einem klar, wie laut diese Mythen sein können.
Speaker ASie klingen nach Ordnung, nach einem Plan, nach.
Speaker ASo macht man das richtig.
Speaker AAber Trauer ist kein Wettbewerb und kein gerader Weg.
Speaker ASie ist am Ende nur die Rückseite der Liebe, eine zutiefst menschliche Antwort auf einen tiefen Verlust.
Speaker BUnd deshalb musst du nicht in Phasen passen, keinen Zeitrahmen erfüllen, nicht auf eine bestimmte Art weinen, um echt zu sein.
Speaker BUnd du musst auch nicht loslassen, um weiterzugehen.
Speaker BEs geht darum, einen Umgang zu finden, der zu dir passt, zu deiner Geschichte und zu deiner Liebe.
Speaker AUnd wenn heute nur ein einziger Gedanke hängen bleibt, dann vielleicht.
Speaker ADu darfst trauern, wie du trauerst in deinem ganz eigenen Rhythmus, in deiner ganz eigenen Sprache mit allem was dich ausmacht.
Speaker BGenau.