Speaker A

Hallo.

Speaker B

Hallo.

Speaker A

Kennst du dieses Gefühl, wenn du nach einem Verlust eigentlich von Menschen umgeben bist, vielleicht sogar auf einer Familienfeier oder unter Freunden und dich trotzdem so tief allein fühlst, als wärst du hinter einer unsichtbaren Wand.

Speaker B

Ja, absolut.

Speaker B

Eine sehr gute Beschreibung.

Speaker A

Genau über diese ganz besondere Form der Einsamkeit wollen wir heute sprechen.

Speaker A

Also die Einsamkeit, die nach dem Tod eines geliebten Menschen entsteht.

Speaker B

Es geht darum, warum sich diese Leere, die da entsteht, so, ja, so überwältigend anfühlen kann.

Speaker A

Und wir wollen gemeinsam ein bisschen nachdenken, wie sich das im Inneren zeigt und welche vielleicht behutsame Wege es gibt, damit zu leben.

Speaker A

Es soll kein Ratgeber sein, eher ein gemeinsames Erkunden.

Speaker B

Ein leiser Begleiter vielleicht.

Speaker A

Ja, genau.

Speaker A

Lass uns vielleicht mal bei diesem Gefühl an sich anfangen, bei dem Wesen dieser Einsamkeit.

Speaker A

Es ist ja nicht nur das Fehlen einer Person.

Speaker B

Nein, überhaupt nicht.

Speaker A

Es ist viel grundlegender.

Speaker A

Du hattest vorhin das Bild der unsichtbaren Wand.

Speaker A

Ich habe mal das Bild vom unsichtbaren Mantel gehört, der dich von der Welt trennt.

Speaker B

Das ist ja treffend, weil es ja.

Speaker A

Keine physische Distanz ist.

Speaker A

Die Menschen sind da.

Speaker A

Genau, aber man spürt sie nicht mehr.

Speaker A

Psychologisch gesehen verliert man da ja nicht einfach nur eine Person, man verliert einen primären Bindungspartner.

Speaker A

Das klingt jetzt sehr technisch, aber es bedeutet, das ist der Mensch, der unser Nervensystem mitreguliert hat, unser Bezugssystem.

Speaker A

Genau das soziale, das emotionale Bezugssystem.

Speaker A

Und wenn das wegbricht, entsteht diese emotionale Leere.

Speaker A

Das ist fast mehr die Abwesenheit von Gefühl als ein Gefühl selbst eine Art Betäubung.

Speaker B

Ja, eine Betäubung durch die Dinge, die einem früher Freude gemacht haben, einfach nicht mehr durchdringen.

Speaker B

Sie berühren einen nicht mehr.

Speaker A

Was mich da am meisten berührt hat, waren diese ganz kleinen alltäglichen Momente des Schmerzes, die man immer wieder liest.

Speaker B

Dieses eine Beispiel, das kommt so oft vor.

Speaker B

Du siehst etwas, etwas Witziges, etwas Schönes und der allererste automatische Impuls ist, zum Handy zu greifen, um es zu erzählen.

Speaker B

Und in dieser winzigen Sekunde zwischen dem Impuls und der Handlung, da schlägt die Realität ein.

Speaker B

Die Person ist nicht mehr da, niemanden, den du anrufen kannst.

Speaker B

Und dieser Moment ist so unglaublich schmerzhaft, weil er etwas ganz Fundamentales offenlegt.

Speaker B

Wir bauen mit diesen Menschen ja eine, eine geteilte Realität auf eine geteilte Welt.

Speaker B

Genau.

Speaker B

All die Insiderwitze, die gemeinsamen Erinnerungen, die Pläne für die Zukunft.

Speaker B

Das ist wie ein unsichtbares Netz.

Speaker B

Und der Tod zerreißt dieses Netz schlagartig.

Speaker B

Und der Impuls anzurufen ist der Versuch des Gehirns, eine ganz tief verankerte neuronale Bahn zu nutzen, die jetzt aber plötzlich ins Leere führt.

Speaker B

Das ist der Zusammenbruch einer ganzen Welt, der sich in dieser winzigen Geste zeigt.

Speaker A

Und dieser Zusammenbruch, der führt ja dann auch oft zu sozialem Rückzug oder fast immer.

Speaker A

Ist das eine bewusste Entscheidung zum Selbstschutz oder ist das eher was, was man kaum steuern kann?

Speaker B

Ich glaube, es ist beides.

Speaker B

Ganz bewusst.

Speaker B

Ist es der Schutz vor der Anstrengung?

Speaker A

Welche Anstrengung?

Speaker B

Naja, die Anstrengung, eine Fassade aufrechtzuerhalten.

Speaker B

Man hat einfach nicht die Energie, den Smalltalk der anderen zu ertragen oder so zu tun, als wäre alles in Ordnung.

Speaker A

Ja, dieses Funktionieren müssen.

Speaker B

Genau.

Speaker B

Und unbewusst ist es aber auch die Angst, andere mit der eigenen Trauer zu überfordern.

Speaker B

Man spürt ihre Hilflosigkeit.

Speaker B

Und um diese Situation für alle zu vermeiden, zieht man sich zurück, was dann.

Speaker A

Aber diesen Teufelskreis in Gang setzt.

Speaker B

Absolut.

Speaker A

Man zieht sich zurück, das Umfeld wird unsicher, weiß nicht, wie es reagieren soll und zieht sich dann aus Angst, aufdringlich zu sein, vielleicht auch ein bisschen zurück.

Speaker B

Exakt.

Speaker B

Und so wird die Isolation immer dichter, obwohl es niemand böse meint.

Speaker B

Man hat das Gefühl, man steht am Rand des Lebens der anderen und schaut nur noch zu.

Speaker A

Und was das Ganze ja noch verschärft, ist der Verlust der Routinen.

Speaker B

Oh ja, ein ganz wichtiger Punkt.

Speaker A

Besonders nach dem Verlust eines Partners.

Speaker A

Da bricht ja der ganze Alltag weg.

Speaker A

Alles, der gemeinsame Morgenkaffee, die Abendrituale, die kleinen Gewohnheiten.

Speaker A

Das ist nicht nur, dass eine Person fehlt es.

Speaker A

Es ist der ganze Rhythmus des Tages.

Speaker B

Man fühlt sich im eigenen Leben, im eigenen Zuhause plötzlich fremd.

Speaker B

Jedes Zimmer, jeder Gegenstand ist mit einer Erinnerung an eine Handlung verbunden, die es jetzt so nicht mehr gibt.

Speaker A

Ich hab da mal von einer Frau gelesen, die monatelang den Platz ihres Mannes am Esstisch freigehalten hat.

Speaker A

Das ist so ein, ja, so ein schmerzhaftes Bild für diese physische Leere.

Speaker B

Total.

Speaker B

Denn diese Routinen sind ja mehr als nur Gewohnheiten, sie sind das Gerüst unserer Identität.

Speaker B

Der andere Mensch war Teil des Rahmens der unserem Leben Form gegeben hat.

Speaker B

Und wenn dieses Gerüst wegbricht, fällt alles in sich zusammen.

Speaker B

Genau.

Speaker B

Und das trifft, das zeigen auch Studien, besonders ältere Menschen sehr hart, Wenn man nach Jahrzehnten einen Partner verliert, da fehlt nicht nur ein Mensch, da fehlt ein halbes Leben an gemeinsamem Rhythmus.

Speaker A

Und das hängt ja auch damit zusammen, wie sich die Trauer über die Zeit verändert, oder?

Speaker A

Man spricht ja oft von diesen Phasen, wobei diese alten linearen Modelle so Stufe für Stufe heute ja eher kritisch gesehen werden.

Speaker B

Ja, zum Glück, weil Trauer eben nicht linear ist.

Speaker B

Es ist kein gerader Weg, es ist ein Hin und Her.

Speaker B

Ein sehr hilfreiches Bild ist da eher das eines Pendels.

Speaker A

Das duale Prozessmodell wird das, glaube ich, genannt.

Speaker B

Genau.

Speaker B

Das sagt im Grunde Trauerpendel zwischen zwei Polen.

Speaker B

Auf der einen Seite gibt es die Auseinandersetzung mit dem Verlust, also das Weinen.

Speaker A

Das Vermissen, das Schwelgen in Erinnerungen.

Speaker B

Exakt.

Speaker B

Da ist die Einsamkeit am akutesten, am schmerzhaftesten.

Speaker B

Und der andere Pol, das ist die Wiederherstellung.

Speaker A

Also alles, was man tun muss, um das Leben neu zu organisieren, neue Aufgaben.

Speaker B

Lernen, die der Partner immer gemacht hat, soziale Kontakte wieder aufnehmen.

Speaker B

Und ein gesunder Trauerprozess ist eben ein ständiges Pendeln zwischen diesen beiden Zuständen.

Speaker B

Man taucht in den Schmerz ein und dann wendet man sich wieder dem Leben zu, um eine Pause vom Schmerz zu bekommen.

Speaker A

Das erklärt auch diese verschiedenen Farben der Einsamkeit.

Speaker A

Also in der Schockphase direkt nach dem Verlust, da ist man ja oft betäubt.

Speaker B

Man funktioniert, organisiert Dinge, da ist man im Wiederherstellungsmodus.

Speaker B

Genau.

Speaker A

Und die Einsamkeit ist unwirklich wie hinter einer Glaswand.

Speaker A

Und später in der Phase der tiefen.

Speaker B

Traurigkeit ist man voll im verlustorientierten Pol.

Speaker B

Da fühlt sich die Einsamkeit dann an wie ein schwarzes Loch.

Speaker B

Und da kommt oft dieser Ohne diesen Menschen weiß ich gar nicht mehr, wer ich bin.

Speaker B

Man verliert ja nicht nur die Person, sondern auch die eigene Rolle.

Speaker B

Die Rolle als Partner, als Kind, als beste Freundin.

Speaker B

Genau.

Speaker B

Und dieses Pendeln erklärt auch, warum man an einem Tag das Gefühl hat, es geht bergauf und am nächsten Tag wird man von einer Welle der Trauer überrollt.

Speaker A

Das ist kein Rückfall, sondern ein normaler Teil des Prozesses.

Speaker B

Ein völlig normaler Teil.

Speaker A

Und Akzeptanz bedeutet dann in diesem Modell auch nicht, dass am Ende alles wieder gut ist.

Speaker B

Nein, überhaupt nicht.

Speaker B

Es bedeutet, dass das Pendel leichter schwingt, mit weniger extremen Ausschlägen.

Speaker A

Die Einsamkeit verschwindet also nicht.

Speaker A

Sie wandelt sich von dieser alles verschlingenden, schmerzhaften Leere zu einem, ja einem stillen Wissen.

Speaker A

Dieser Mensch fehlt.

Speaker A

Es ist eine Lücke, die bleibt, Aber man lernt, um diese Lücke herum ein neues Leben zu bauen.

Speaker A

Ein Thema, das mich wirklich nachdenklich gemacht hat, war, wie sehr äußere Reaktionen diese Einsamkeit noch verstärken können.

Speaker A

Da fiel der Begriff der unverstandenen Trauer.

Speaker B

Ja ein unglaublich wichtiger Punkt.

Speaker B

Man gießt damit quasi Benzin ins Feuer der Isolation.

Speaker A

Wann spricht man denn von unverstandener Trauer?

Speaker B

Im Grunde immer dann, wenn der Verlust von der Gesellschaft nicht voll anerkannt wird.

Speaker B

Es kann bei einer Fehlgeburt sein, beim Tod eines Ex Partners, eines Haustieres oder auch bei einer Beziehung, die vielleicht geheim war.

Speaker A

Man hat dann keinen gesellschaftlich anerkennenden Anspruch darauf zu trauern.

Speaker B

Genau.

Speaker B

Und das isoliert ungemein, weil zum Verlust der Person noch der Verlust des Verständnisses dazu kommt.

Speaker A

Und das wird dann noch schlimmer durch diese ja gut gemeinten, aber furchtbar verletzenden Phrasen.

Speaker B

Oh ja, du musst jetzt mal nach vorne schauen oder es ist doch schon so lange her.

Speaker B

Solche Sätze, die sagen einem ja im Grunde, dass die eigenen Gefühle falsch sind oder übertrieben.

Speaker B

Sie entziehen der Trauer ihre Legitimität.

Speaker B

Und das führt dazu, dass man sich noch mehr zurückzieht, weil man sich nicht ständig rechtfertigen will.

Speaker A

In dem Zusammenhang fand ich auch das Thema der prolongierten Trauer so wichtig.

Speaker A

Also eine Form der Trauer, die so intensiv bleibt, dass sie den Alltag dauerhaft lahmlegt.

Speaker B

Richtig.

Speaker B

Das ist eine Diagnose, die, und das ist wirklich bemerkenswert, erst seit wenigen Jahren offiziell als Krankheit anerkannt ist.

Speaker A

Das zeigt ja, wie lange die Wissenschaft gebraucht hat, um das ernst zu nehmen.

Speaker B

Absolut.

Speaker B

Man schätzt, dass das so sieben bis zehn Prozent der Trauernden betrifft.

Speaker B

Bei ihnen sind der Schmerz und die Sehnsucht so persistent, so beeinträchtigend, dass sie professionelle Hilfe brauchen.

Speaker B

Das ist kein moralisches Versagen oder eine Schwäche.

Speaker B

Es ist eine ernsthafte Verlaufsform.

Speaker A

Und die offizielle Anerkennung ist sicher eine riesige Entlastung für Betroffene.

Speaker B

Total.

Speaker A

Wenn man also merkt, man steckt fest, dann ist es ein Zeichen von Stärke, sich Unterstützung zu suchen.

Speaker B

Unbedingt.

Speaker A

Das bringt uns vielleicht zu den Wegen, mit dieser Einsamkeit umzugehen.

Speaker A

Es geht ja nicht darum, die Trauer zu beenden.

Speaker B

Nein, es geht darum, ihr einen Platz zu geben, einen, der einen nicht verschlingt.

Speaker A

Und das beginnt, so banal es klingt, oft bei ganz einfachen Dingen, bei der Selbstfürsorge.

Speaker A

Ja, regelmäßige Mahlzeiten, ein kurzer Spaziergang.

Speaker A

Es geht darum, dem Tag wieder eine äußere Struktur zu geben, nachdem das innere Gerüst weggebrochen ist.

Speaker A

Das sind kleine Signale an sich selbst.

Speaker A

Ich existiere noch, mein Körper hat Bedürfnisse.

Speaker A

Was auch immer wieder als sehr hilfreich beschrieben wird, sind Trauergruppen.

Speaker B

Ja, der Wert davon ist kaum zu.

Speaker A

Überschätzen, weil man da auf Menschen trifft, die verstehen, ohne dass man viel erklären muss.

Speaker B

Genau da entsteht eine Art Gemeinsamkeit von Gleichen.

Speaker B

Die normalen sozialen Regeln stark sein, funktionieren müssen.

Speaker B

Die sind da außer Kraft gesetzt.

Speaker B

Man merkt die die eigenen Gefühle sind nicht falsch oder zu viel allein das.

Speaker A

Wissen nicht die einzige Person auf der Welt zu sein, die so fühlt.

Speaker B

Das kann eine immense Last nehmen.

Speaker A

Und es geht ja auch darum, Verbindung wieder aufzubauen zur Welt und zu sich.

Speaker B

Selbst, ganz behutsam kleine Brücken, wie es mal jemand nannte.

Speaker A

Das kann der regelmäßige Anruf bei einer vertrauten Person sein, bei der man auch einfach mal schweigen darf.

Speaker B

Oder ein bewusster Besuch an einem Ort, an dem man sich dem Verstorbenen nahe fühlt.

Speaker B

Das Grab, ein Lieblingsplatz in der Natur, eine Kerze zu Hause anzünden.

Speaker A

Das sind dann diese kleinen, wiederherstellungsorientierten Aktivitäten aus dem Pendelmodell.

Speaker B

Genau die einem helfen, langsam wieder ein Leben um die Lücke herumzubauen.

Speaker A

Wenn wir das jetzt alles so zusammennehmen, was ist die zentrale Erkenntnis?

Speaker A

Für mich ist es, dass diese Einsamkeit keine Schwäche ist, sondern eine, ja, eine absolut logische und tiefe Reaktion auf den Zusammenbruch einer geteilten Welt.

Speaker B

Das fasst es sehr gut zusammen, auf.

Speaker A

Den Verlust von Routinen und ja oft auch auf mangelndes soziales Verständnis.

Speaker B

Ja, und vielleicht gibt es noch einen letzten Gedanken, den man mitnehmen kann.

Speaker B

Wir neigen dazu, diese Einsamkeit als ein Problem zu sehen.

Speaker B

Etwas, das gelöst werden muss.

Speaker A

Ja, das man loswerden will.

Speaker B

Genau.

Speaker B

Aber was, wenn man es anders betrachtet?

Speaker B

Was, wenn diese alles durchdringende Einsamkeit der letzte, der ehrlichste und tiefste Beweis für die Bedeutung der Verbindung ist, die man verloren hat, Dann wäre die Aufgabe, nicht sie auszulöschen, sondern zu lernen, ihre neue stille Sprache zu verstehen und einen Weg zu finden, ihr Gewicht zu tragen.