Wie gibt man einer Trauer eigentlich einen Namen, für die es in unserer Gesellschaft oft gar keine Worte gibt?
Speaker BMeinst du diesen Schmerz, der so tief sitzt?
Speaker AJa, genau, der.
Speaker AEin Schmerz für eine Liebe, die schon da war, bevor das Leben richtig anfangen konnte.
Speaker BIch glaube, genau darüber sollten wir heute sprechen.
Speaker BÜber den Verlust von Kindern, den man vor, während oder kurz nach der Geburt erlebt.
Speaker BÜber sogenannte Sternenkinder.
Speaker AJa, vielleicht können wir uns ansehen, was dieser Begriff überhaupt bedeutet und warum er so tröstlich sein kann.
Speaker BUnd wir können über die oft unsichtbare Trauer der Eltern sprechen und vielleicht auch über Wege, wie man Abschied nehmen und mit diesem Verlust weiterleben kann.
Speaker BLass uns vielleicht genau bei diesem Wort Sternenkind.
Speaker BEs ist ja so viel mehr als nur eine Bezeichnung, oder?
Speaker AAbsolut.
Speaker AEs ist eine ganz bewusste, liebevolle Alternative zu diesen sehr klinischen Wörtern wie Fehlgeburt oder Totgeburt, weil es hier um ein Kind geht, nicht um einen medizinischen Vorgang.
Speaker BGenau, die klinischen Begriffe beschreiben ja ein Ende, einen Abbruch.
Speaker BAber Sternenkind rückt das Kind selbst in den Mittelpunkt.
Speaker BEs würdigt seine Existenz, egal wie kurz sie war.
Speaker AUnd es würdigt auch die Beziehung, die ja schon da war.
Speaker BUnbedingt.
Speaker BIn der Psychologie spricht man da ja von der pränatalen Bindung.
Speaker BDiese Liebe, die fängt ja nicht erst mit der Geburt an.
Speaker ANein, die beginnt mit dem positiven Test, dem ersten Ultraschallbild, mit den ganzen Träumen, die man schon hat.
Speaker BEben.
Speaker BUnd wenn man Sternenkind sagt, erkennt man genau diese bereits existierende tiefe Beziehung an.
Speaker BMan gibt dem Kind und seiner kleinen Geschichte einen Namen und einen festen Platz.
Speaker AEs schafft also eine Realität, die von der medizinischen Sprache oft einfach ignoriert wird.
Speaker AUnd mit dieser Realität kommt dann, so fühlt es sich an, auch die Erlaubnis, überhaupt trauern zu dürfen.
Speaker AJa, und diese Trauer wird ja oft als ein riesiges Chaos beschrieben, eine abgrundtiefe Leere, Wut, Angst und ganz oft auch diese quälenden Schuldgefühle.
Speaker BUnd genau bei diesen Schuldgefühlen, Gefühlen müssen wir, glaube ich, genauer hinsehen.
Speaker BDas ist oft nicht nur Trauer im klassischen Sinne, sondern sondern ein richtiges Trauma.
Speaker BEs gibt Studien, die zeigen, dass ein Großteil der Mütter nach einer Todgeburt Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung entwickelt.
Speaker ADas verändert natürlich die Perspektive komplett.
Speaker ADenn diese Fragen, dieses Hätte ich etwas anders machen können oder war es meine Schuld, Das sind dann nicht nur Ausdrücke.
Speaker BVon Traurigkeit, sondern der Versuch, Kontrolle zurückzugewinnen.
Speaker AGenau, der verzweifelte Versuch des Gehirns, Kontrolle über etwas absolut Unkontrollierbares und Erschütterndes zu erlangen.
Speaker AEs ist also eine seelische Verletzung.
Speaker AUnd diese innere Zerrissenheit, die trifft dann auf eine Außenwelt, die oft, die oft.
Speaker BGar nicht weiß, wie sie reagieren soll.
Speaker AJa, in vielen Berichten taucht immer wieder dieser Begriff der unsichtbaren Trauer auf.
Speaker AWas macht das so schmerzhaft?
Speaker BDie Diskrepanz ist halt enorm.
Speaker BFür die Eltern war dieses Kind absolut real.
Speaker BEs hatte einen Platz im Herzen in.
Speaker ADer Zukunft, aber für das Umfeld war es oft noch nicht sichtbar.
Speaker AKein Babybauch, kein Kinderwagen.
Speaker BRichtig.
Speaker BUnd weil das Kind sozial noch nicht bestätigt war, wird oft auch die Trauer der Eltern nicht als legitim anerkannt.
Speaker BUnd das führt dann zu diesen gut gemeinten, aber so verletzenden Sätzen, sowas wie.
Speaker AIhr seid ja noch jung oder Es war bestimmt besser so.
Speaker BJa, genau diese Sätze.
Speaker BSie versuchen den Schmerz wegzuerklären, statt ihn einfach nur anzuerkennen.
Speaker BSie machen die Trauer klein.
Speaker AAber es ist ja nicht nur das Reden, es ist oft auch das Schweigen, das so weh tut, wenn Freunde und Familie sich zurückziehen, weil sie Angst haben, etwas Falsches zu sagen.
Speaker BStimmt.
Speaker BAber dieses Schweigen ist selten böswillig.
Speaker BEs ist meistens ein Ausdruck von totaler.
Speaker AHilflosigkeit, einer gesellschaftlichen Sprachlosigkeit im Umgang mit dem Tod.
Speaker BGanz genau.
Speaker BDie Leute haben Angst, noch mehr Leid zu verursachen und wählen dann das Schweigen und merken dabei nicht, dass genau dieses Schweigen die Betroffenen total isoliert Es gibt ihnen das Gefühl, ihr Schmerz sei nicht berechtigt.
Speaker AUm diese Unsichtbarkeit zu durchbrechen, ist es also so wichtig, den Abschied aktiv zu gestalten, ihn greifbar zu machen.
Speaker AJa, viele Kliniken bieten ja heute die Möglichkeit an, das Kind zu sehen, es zu halten, vielleicht Fotos zu machen oder Hand und Fußabdrücke.
Speaker BUnd das ist psychologisch so wichtig.
Speaker BDas mag für Außenstehende vielleicht befremdlich klingen, aber es zementiert die Existenz des Kindes.
Speaker AEr schafft eine konkrete, reale Erinnerung.
Speaker BGenau das ist das Gegenteil von Unsichtbarkeit.
Speaker BDu hast dann ein Foto, einen Fußabdruck.
Speaker BDas sind richtige Anker für die Trauer.
Speaker BUnd sie helfen zu verhindern, dass der Verlust so eine Abstrakte fast unwirkliche Erfahrung bleibt.
Speaker AUnd dem Kind einen Namen zu geben, ist wahrscheinlich der wichtigste Schritt von allen.
Speaker BJa, um es aus der Anonymität zu holen und ihm seine Würde als Mensch zu geben.
Speaker BAbsolut.
Speaker AMan gibt dem abstrakten Verlust also eine Form, aber der Abschied hört ja damit nicht auf.
Speaker AViele Eltern entwickeln ja dann ihre ganz eigenen privaten Rituale.
Speaker BJa, und das ist der nächste logische Schritt.
Speaker BDiese Rituale geben der Trauer, die ja andauert, einen festen Ort und eine feste Zeit im Alltag.
Speaker AZum Beispiel eine Kerze anzünden oder einen Brief schreiben oder ein Baum pflanzen.
Speaker ASolche Dinge machen die fortwährende Verbindung zum Kind sichtbar.
Speaker AAber, und das ist auch wichtig, es gibt hier kein richtig oder falsch.
Speaker ADer Druck, ein richtiges Ritual finden zu müssen, kann auch belasten.
Speaker AGenau.
Speaker ADie wichtigste Botschaft Alles ist erlaubt, auch bewusst darauf zu verzichten, solange es sich für die Familie stimmig anfühlt.
Speaker AEin Teil der Familie, der dabei oft übersehen wird, sind ja die Geschwisterkinder.
Speaker ADie spüren die Trauer der Eltern ja sehr genau, auch wenn man nicht darüber spricht.
Speaker BTotal.
Speaker BSie spüren diese veränderte Atmosphäre.
Speaker BUnd was sie dann brauchen, ist eine ehrliche und altersgerechte Erklärung, damit sie einordnen.
Speaker AKönnen, was los ist, weil Schweigen bei Kindern oft zu Verwirrung führt.
Speaker AOder sie denken, sie sind schuld an der Traurigkeit der Eltern.
Speaker AEben deshalb sind einfache, klare Worte so wichtig.
Speaker ASo etwas wie das Baby in Mamas Bauch ist gestorben.
Speaker ADeshalb sind wir alle sehr traurig.
Speaker BUnd sie auch in kleine Rituale mit einbeziehen.
Speaker AJa, unbedingt.
Speaker ASie können ein Bild malen oder einen Stein bemalen für ihr Geschwisterchen.
Speaker ADas gibt ihnen eine aktive Rolle und zeigt deine Trauer ist auch wichtig.
Speaker AUnd dieses Kind gehört zu unserer Familie.
Speaker ADieser Satz Das Kind gehört zur Familie, führt mich zu einem anderen.
Speaker ADie Bedeutung eines physischen Ortes der Trauer.
Speaker AEs gibt ja in Deutschland diese harte Grenze von 500 Gramm für die Bestattungspflicht.
Speaker BJa.
Speaker BUnd das zeigt sehr schön, wie sich die gesellschaftliche Anerkennung über die Zeit verändert hat.
Speaker BDas Recht auf eine würdevolle Bestattung auch für leichtere Kinder musste ja von Elterninitiativen über Jahre erkämpft werden.
Speaker ADas war ein langer Prozess, ein sehr langer.
Speaker BAber heute gibt es zum Glück auf vielen Friedhöfen spezielle Grabfelder für Sternenkinder.
Speaker BUnd diese Orte sind unglaublich wichtig.
Speaker AWarum?
Speaker BSie holen die Trauer aus dem privaten Raum heraus.
Speaker BSie geben ihr einen offiziellen öffentlichen Platz und signalisieren den Ihr seid nicht allein.
Speaker BEuer Kind wird gesehen.
Speaker ADieses Gefühl der Gemeinschaft, nicht allein zu sein, das scheint ja ein Schlüsselfaktor zu sein.
Speaker ADa gibt es ja auch dieses Ritual, den Worldwide Candle Lighting Day.
Speaker BGenau, der ist jedes Jahr am zweiten Sonntag im Dezember.
Speaker BDa stellen Betroffene auf der ganzen Welt um 19 Uhr eine brennende Kerze ins.
Speaker AFenster und durch die verschiedenen Zeitzonen entsteht dann ein Lichterband, das um die Erde wandert.
Speaker AJa, 24 Stunden lang.
Speaker ADas ist ein extrem starkes Symbol der Verbundenheit.
Speaker AEs macht auf einer globalen Ebene sichtbar, was so viele im Stillen fühlen.
Speaker AUnd es Dein Verlust ist Teil einer großen gemeinsamen Erfahrung.
Speaker ADein Kind ist nicht vergessen.
Speaker AAll diese Schritte, die Sprache, die Rituale, die Gemeinschaft, die helfen auf dem Weg.
Speaker AUnd doch kommt irgendwann diese eine Frage, die man in so vielen Berichten liest.
Speaker AWelche meinst du, wann hört dieser Schmerz endlich auf?
Speaker BJa, das ist die vielleicht schwierigste Frage von allen und die ehrliche Antwort Er.
Speaker AHört nicht auf, aber er verändert sich.
Speaker BEr verändert sich.
Speaker BGanz genau.
Speaker BDie alten Modelle von Trauerphasen, die von einem Abschluss ausgingen, die sind da überholt.
Speaker BDas Bild, das heute oft verwendet wird, ist viel treffender.
Speaker AWelches?
Speaker BDass die Trauer nicht kleiner wird, aber das Leben langsam wieder um sie herum wächst.
Speaker ADie Lücke bleibt also, aber der Rest des Lebens wird wieder größer und bunter.
Speaker BGanz genau.
Speaker BDie Wunde vernarbt, aber sie bleibt ein Teil von einem.
Speaker BEs geht ja auch nicht um Loslassen im Sinne von Vergessen.
Speaker BDas will ja kein Elternteil.
Speaker AEs geht um Integration.
Speaker BJa darum, einen Weg zu finden, diesen Verlust und die Liebe zu diesem Kind in die eigene Lebensgeschichte zu integrieren, so dass der Schmerz einen nicht mehr permanent lähmt.
Speaker BDas Sternenkind bleibt ein Familienmitglied, nur eben eines, das an einem andern Ort weiterlebt, im Herzen, in der Geschichte der Familie.
Speaker BWenn wir das also zusammenfassen, ist die Kernbotschaft, ein Sternenkind zu verlieren, ist ein tiefgreifendes, oft traumatisches Ereignis.
Speaker BAber diese unsichtbare Trauer, die kann sichtbar gemacht werden durch eine anerkennende Sprache, durch Rituale, durch Gemeinschaft zu finden, das Leben.
Speaker AWieder um diesen Schmerz herumwachsen zu lassen.
Speaker BJa, der Schmerz darf bleiben und das Leben darf trotzdem weitergehen.
Speaker BDas eine schließt das andere nicht aus.
Speaker BDas Sternenkind wird, wie es jemand so schön beschrieben hat, immer Teil der eigenen Geschichte sein, wie ein leiser Stern am Himmel, der nicht mehr sichtbar in deiner Nähe ist und doch in deiner inneren Landschaft für immer weiterleuchtet.
Speaker ADas führt mich zu ner letzten Frage, die sich mir beim Nachdenken über all das aufgedrängt hat.
Speaker BGerne.
Speaker AWenn eine Liebe so stark sein kann für ein Kind, das man vielleicht nie im Arm gehalten hat, was lehrt uns das über die bedingungslose Natur von Liebe?
Speaker AUnd wie kann genau diese Liebe, die ja die Quelle des tiefsten Schmerzens ist, vielleicht auch zu einer ganz unerwarteten Kraftquelle werden?