Hast du dich jemals gefragt, wie man eigentlich weitermachen soll, wenn die eigene Welt stillsteht, aber die Arbeitswelt sich einfach unaufhaltsam weiterdreht?
Speaker ADas ist so ein Gefühl, dieser Spagat zwischen einem inneren Ausnahmezustand und dem äußeren Druck, einfach weiter zu funktionieren.
Speaker BUnd genau das ist ja der Punkt, den wir uns heute mal anschauen wollen.
Speaker BEs ist ein Thema, das in so vielen Unternehmen eine riesige Leerstelle ist, obwohl es früher oder später jeden treffen kann.
Speaker AAbsolut.
Speaker BEs geht im Grunde darum, eine Brücke zu bauen zwischen dieser, ja dieser ganz persönlichen, fast unsichtbaren Realität der Trauernden und den Strukturen des Arbeitslebens, die ja oft so unerbittlich wirken.
Speaker ALasst uns genau da anfangen bei dieser inneren Realität.
Speaker AEin Gedanke, der bei mir total hängen geblieben ist, war dieser Vergleich.
Speaker ATrauer ist keine Jacke, die man an der Bürogaderobe abgibt.
Speaker BNein, überhaupt nicht.
Speaker ASie kommt mit, sie sitzt mit am Schreibtisch in jedem Meeting.
Speaker ASie sie färbt einfach alles.
Speaker AMan lebt quasi in zwei Welten gleichzeitig.
Speaker BInneres Chaos und äußere Fassade.
Speaker BDas beschreibt es perfekt.
Speaker BUnd was ich dabei so eindrücklich finde, ist, wie physisch dieser Zustand eigentlich ist.
Speaker BWir denken bei Trauer oft nur an das Emotionale, das Psychische.
Speaker BAber das ist ja eine massive körperliche Belastung.
Speaker AJa, das hat mich auch überrascht.
Speaker ADa ist die Rede von Konzentrationsproblemen.
Speaker AGenau denselben Satz fünfmal lesen und der Inhalt kommt einfach nicht an.
Speaker ADas Gehirn ist wie im Nebel, weil alle Ressourcen für die emotionale Verarbeitung draufgehen.
Speaker BUnd dann diese körperlichen Symptome.
Speaker BDas ist ja nicht nur traurig sein.
Speaker BNein, da wird von Herzklopfen gesprochen, von diesem permanenten Engegefühl in der Brust oder diese bleierne Müdigkeit, die nichts mit Schlafmangel zu tun hat.
Speaker BEs ist, als würde der Körper im permanenten Alarmzustand laufen und man funktioniert nur noch auf Autopilot.
Speaker AGenau das.
Speaker BTrauer ist für den Organismus purer Stress.
Speaker BDie Stresshormone sind erhöht, das Immunsystem ist geschwächt.
Speaker BDas ist ja alles messbar.
Speaker BDas ist keine Einbildung.
Speaker AUnd daher kommt dann wahrscheinlich auch diese extreme emotionale Empfindlichkeit.
Speaker BAbsolut.
Speaker BEine kleine unbedachte Bemerkung von einem Kollegen, die man sonst einfach weglächeln würde, die kann in so einer Phase wirken wie ein, ja, wie ein Dolchstoß, weil einfach diese Schutzschicht fehlt.
Speaker AUnd das ist, glaube ich, Der erste ganz entscheidende Punkt Das sind keine Zeichen von Schwäche oder Versagen.
Speaker BNein, überhaupt nicht.
Speaker AEs sind normale menschliche Reaktionen auf eine absolut anormale Situation.
Speaker ASich das selbst einzugestehen und das auch vom Umfeld gespiegelt zu bekommen, das ist wahrscheinlich der erste wichtigste Schritt.
Speaker BJa, diese Akzeptanz, dass man eben nicht funktioniert wie immer.
Speaker BAber diese Akzeptanz, die braucht natürlich einen Rahmen.
Speaker BUnd da kommen wir dann zu den äußeren Strukturen, die Halt geben können oder eben auch nicht.
Speaker ADu meinst jetzt die rechtliche Seite, diesen Sonderurlaub 616?
Speaker BGenau.
Speaker BDer sichert einem ja bei einem Todesfall im engsten Familienkreis eine, wie es heißt, verhältnismäßig nicht erhebliche Zeit der bezahlten Freistellung zu.
Speaker ANicht erheblich.
Speaker ADas klingt schon.
Speaker BJa, das klingt schon, wie es ist.
Speaker BIn der Praxis sind das oft ein, zwei, vielleicht mal drei Tage.
Speaker BIm öffentlichen Dienst ist es mit meist zwei Tagen bei Partnern, Kindern oder Eltern etwas klarer geregelt, aber das war es dann auch.
Speaker AAber mal zwei Tage, das fühlt sich fast schon ein bisschen zynisch an.
Speaker ADie Organisation einer Beerdigung, die Behördengänge und dann bricht die eigentliche Welle der Trauer ja oft erst danach los.
Speaker BAbsolut.
Speaker BDer rechtliche Rahmen ist also wirklich nur ein Tropfen auf den heißen Stein.
Speaker AJa.
Speaker BUnd deshalb ist der zweite Punkt so unendlich viel Die Fürsorgepflicht des Arbeitgebers.
Speaker BOK, das ist kein Paragraf, den man einfach abhaken kann, das ist eine Haltungsfrage.
Speaker BEs ist die Verpflichtung, die Gesundheit der Mitarbeitenden zu schützen und dazu gehört eben auch die psychische Gesundheit.
Speaker AWas bedeutet das denn?
Speaker AGanz konkret geht es dann nur um Homeoffice und flexible Zeiten.
Speaker BDas sind wichtige Bausteine, klar.
Speaker BAber die Fürsorgepflicht geht tiefer.
Speaker BEs bedeutet, aktiv das Gespräch zu suchen, gemeinsam auszuloten, was ist für dich gerade überhaupt leistbar?
Speaker AAlso ehrlich die Arbeitsfähigkeit bewerten, ohne Druck zu machen.
Speaker BGenau, das kann heißen, jemanden vorübergehend von Aufgaben zu entbinden, die emotional sehr belastend sind.
Speaker BBeschwerdemanagement oder wichtige Präsentationen zum Beispiel.
Speaker BEs geht darum, proaktiv auf Hilfsangebote hinzuweisen.
Speaker AEs ist also quasi die offizielle Erlaubnis des Unternehmens, ein trauernder Mensch sein zu dürfen.
Speaker BJa, genau das ist es Und nicht nur eine funktionierende Arbeitskraft.
Speaker ADas setzt aber voraus, dass man als Betroffener auch seine Bedürfnisse formulieren kann.
Speaker AUnd das ist ja oft wahnsinnig schwer.
Speaker AMan weiß ja selbst kaum, was man braucht.
Speaker BVöllig richtig.
Speaker BUnd das bringt uns direkt auf die menschliche Ebene zum Gespräch mit der Führungskraft.
Speaker BDas ist ja oft die größte Hürde.
Speaker ADie Angst, als schwach oder nicht belastbar.
Speaker BZu gelten, die ist riesig.
Speaker AOK.
Speaker ADie Eine wirklich hilfreiche Frage einer Führungskraft soll ja Was würde dir gerade helfen?
Speaker ADas klingt in der Theorie super, tut es.
Speaker AAber was ist, wenn die Antwort Ich weiß es nicht oder noch nichts?
Speaker AIch kann gerade gar nicht arbeiten.
Speaker ADavor haben doch viele Vorgesetzte Angst.
Speaker BEine berechtigte Angst, die aus Hilflosigkeit entsteht.
Speaker BAber genau hier zeigt sich gute Führung.
Speaker BWenn die Antwort Ich weiß es nicht kommt, ist die richtige Reaktion, nicht mit Vorschlägen zu kommen, sondern zu Das ist völlig OK.
Speaker BLass uns für heute vereinbaren, dass du nur das Nötigste machst und wir sprechen morgen wieder.
Speaker AAlso den Druck rausnehmen.
Speaker BTotal Die Kontrolle beim Betroffenen lassen.
Speaker BUnd wenn die Antwort Ich kann gar nicht kommt, dann ist die richtige Reaktion, über eine Krankschreibung oder eine längere Auszeit zu sprechen.
Speaker BDas zu akzeptieren, das ist gelebte Fürsorgepflicht.
Speaker BEs geht nicht darum, Probleme zu lösen, sondern Raum zu halten.
Speaker ADiesen Raum zu halten, das ist ein gutes Stichwort für die Kollegenebene.
Speaker ADa herrscht ja oft eine ohrenbetäubende Stille.
Speaker BMan sieht den Kollegen an der Kaffeemaschine und weiß nicht, was man sagen soll.
Speaker BUnd aus Angst, was Falsches zu sagen, sagt man lieber gar nichts und senkt den Glück.
Speaker BJa, das ist für die Betroffenen das absolut Schlimmste.
Speaker BDiese Stille ist wie eine unsichtbare Mauer.
Speaker AAber die Hilflosigkeit ist ja auch verständlich.
Speaker BTotal.
Speaker BWir lernen in unserer Gesellschaft einfach nicht, wie man mit Tod und Trauer umgeht.
Speaker BAber was die Experten Es braucht keine großen poetischen Trostworte.
Speaker BDie gibt es sowieso nicht, sondern es braucht die einfache menschliche Geste, die Ich sehe dich, ich weiche nicht aus.
Speaker AUnd was können das für Gesten sein?
Speaker BAlso ganz konkret Manchmal ist es nur ein einfacher, ehrlicher Es tut mir so leid für deinen Verlust, ich denke an dich.
Speaker AAlso keine Floskeln wie Das wird schon wieder bloß nicht.
Speaker BDie Zeit heilt alle Wunden.
Speaker BDas entwertet den Schmerz.
Speaker BNur viel wirkungsvoller ist ein konkretes Angebot, wenn du mal eine Pause brauchst und raus musst.
Speaker BSag Bescheid, ich übernehme kurz.
Speaker AOder einfach nur ein Nicken.
Speaker AEin warmer Blick.
Speaker BGenau der Ich weiß Bescheid und es ist okay, wenn du heute nicht der oder die Alte bist.
Speaker BEs geht darum, die Situation mit auszuhalten, anstatt zu tun, als wäre nichts.
Speaker ADieses Aushalten scheint der Kern zu sein.
Speaker AAushalten, dass man es nicht reparieren kann.
Speaker AJa, dass es gerade einfach nur schwer ist.
Speaker AUnd das ist ja auch für das Team eine Belastung.
Speaker BJa, und deshalb sind auch kleine gemeinsame Rituale so wichtig, um dieser Belastung einen Platz zu geben.
Speaker AEine Karte unterschreiben zum Beispiel.
Speaker BJa, genau.
Speaker BDas ist mehr als nur eine Geste.
Speaker BEs Wir als Team nehmen Anteil, wenn es gewünscht ist.
Speaker BVielleicht auch die Teilnahme an der Trauerfeier.
Speaker BDas Dein Verlust ist auch für uns als Gemeinschaft relevant.
Speaker BDas sind kleine Anker in einer chaotischen Zeit.
Speaker AOK, gehen wir mal einen Schritt weiter.
Speaker ADie erste akute Phase ist vorbei.
Speaker ADie Person kommt zurück an den Arbeitsplatz.
Speaker ADie Trauer ist ja nicht weg, sie verändert sich.
Speaker ANur der stufenweise Wiedereinstieg wird da ja oft Warum ist der so wichtig?
Speaker BStell dir vor, du warst zwei, drei Wochen raus, deine Welt stand still und du kommst zurück und die Arbeitswelt hat sich mit voller Geschwindigkeit weitergedreht.
Speaker ADer Posteingang quillt über, Projekte sind vorangeschritten.
Speaker BEntscheidungen wurden ohne dich getroffen.
Speaker BDas kann sich anfühlen, als würde man gegen eine Wand laufen.
Speaker BEin stufenweiser Wiedereinstieg vielleicht erstmal nur für drei, vier Stunden am Tag erlaubt es, langsam wieder anzukommen, ohne sofort von der vollen Wucht erschlagen zu werden.
Speaker AUnd Homeoffice, wenn es der Job zulässt, das gibt ja auch eine gewisse Sicherheit.
Speaker BAbsolut.
Speaker BDie Sicherheit der eigenen vier Wände.
Speaker BDie Möglichkeit, sich kurz zurückzuziehen, wenn eine Welle der Trauer kommt, ohne dass es alle mitbekommen.
Speaker AEs geht also um Flexibilität und individuelle Lösungen.
Speaker BGenau.
Speaker BEin Foto des Verstorbenen auf dem Schreibtisch für den einen, eine Stütze für den anderen unvorstellbar.
Speaker BEin ruhigerer Arbeitsplatz, ein kleiner Rückzugsraum, in dem Tränen sein dürfen, ohne dass man sich auf der Toilette einschließen muss.
Speaker BAll das sind Signale des Unternehmens.
Speaker BWir sehen dich und deine Bedürfnisse.
Speaker AEin Thema, das auch behandelt wird, ist ja der absolute Worst case.
Speaker AEin Kollege oder eine Kollegin verstirbt selbst.
Speaker ADas ist ja nicht nur ein individueller Verlust, sondern ein Schock für das gesamte System.
Speaker ADas ist eine völlig andere Dimension.
Speaker BJa, absolut.
Speaker BDenn hier ist das ganze Team betroffen.
Speaker BDie Trauer geht nicht nach Hause, sie bleibt am leeren Schreibtisch zurück.
Speaker BUnd in so einer Situation ist die Reaktion des Unternehmens entscheidend, weil Schweigen toxisch wäre.
Speaker BGenau.
Speaker BSchweigen und so tun, als wäre nichts hinterlässt bei allen ein Gefühl der Verunsicherung und Angst.
Speaker BTransparente Kommunikation natürlich in Absprache mit der Familie ist das A und O.
Speaker AUnd dann was wäre eine gute Reaktion?
Speaker BRaum schaffen für die gemeinsame Trauer.
Speaker BDas kann eine interne Gedenkfeier sein, ein Kondolenzbuch, das ausgelegt wird, ein gemeinsames Foto, das aufgestellt wird.
Speaker BSolche Rituale machen den Verlust greifbar.
Speaker ASie geben der Sprachlosigkeit eine Form.
Speaker BJa, und sie stärken das Gefühl, wir tragen das gemeinsam.
Speaker BDas ist essentiell für die psychologische Sicherheit des gesamten Teams.
Speaker AWenn man sich das alles anhört, wird Es gibt nicht die eine richtige Lösung.
Speaker AAber was ist, wenn man als Betroffener Ich schaff das nicht allein.
Speaker BDann ist es ein Zeichen von Stärke, sich professionelle Hilfe zu suchen.
Speaker BUnd das ist wichtig.
Speaker BTrauer ist keine Krankheit, die therapiert werden.
Speaker AMuss, aber sie ist eine immense Belastung.
Speaker BGenau.
Speaker BMan muss sie nicht alleine tragen.
Speaker BViele größere Unternehmen bieten ja betriebliche Beratungsstellen oder externe Mitarbeiterberatung an.
Speaker ASo ein Gespräch mit einer neutralen, geschulten Person kann sicher entlastend sein.
Speaker BUnheimlich.
Speaker BEs geht nicht darum, schnell wieder zu funktionieren, sondern darum, in dieser Ausnahmesituation gestützt und begleitet zu werden.
Speaker AManche Management Artikel formulieren das ja auch knallhart als Business Case.
Speaker AEine gute Trauerkultur stärkt die Mitarbeiterbindung, senkt Krankheitstage, schafft Vertrauen.
Speaker ADas klingt in diesem Kontext fast ein bisschen kalt, finde ich.
Speaker BDer Gedanke ist verständlich, aber ich glaube, man muss es andersherum sehen.
Speaker BDer Business Case ist nicht das Ziel, sondern er ist ein Nebenprodukt von gelebter Menschlichkeit.
Speaker BWenn Mitarbeitende spüren, ich werde hier als ganzer Mensch gesehen, auch mit meinem Schmerz, dann entsteht eine Loyalität, die man mit keinem Gehaltsbonus der Welt kaufen kann.
Speaker BDann entsteht Vertrauen und eine Kultur, in.
Speaker ADer Menschen sich trauen, verletzlich zu sein, ist am Ende eine resilientere Kultur.
Speaker AGenau, weil die schwierigen Themen des Lebens nicht tabuisiert werden.
Speaker BDas bedeutet also im Umkehrschluss für dich, wenn du uns zuhörst, du musst dich nicht entscheiden zwischen guter Mitarbeitender und trauernder Mensch.
Speaker ANein, du darfst beides sein und dir die Zeit nehmen, die es braucht, um in deinem eigenen Tempo wieder zu Kräften zu kommen.
Speaker BGenau.
Speaker BTrauer und Ameise müssen nicht gegeneinander ausgespielt werden, wenn sie nebeneinander existieren dürfen.
Speaker BWenn der Schmerz einen legitimen Platz im Arbeitsalltag haben darf, dann entsteht etwas unheimlich Kostbares, das Gefühl, nicht allein zu sein.
Speaker AUnd das kann in einer dunklen Zeit ja ein erster vorsichtiger Lichtblick sein.
Speaker BAbsolut.
Speaker AWas wir also mitnehmen Es geht gar nicht darum, als Kollege oder Führungskraft immer alles perfekt zu machen.
Speaker ANein, es geht darum, da zu sein, nicht wegzuschauen, Schritt für Schritt zu fragen, was heute in diesem Moment möglich ist und was hilft.
Speaker AUnd diese Haltung, diese Menschlichkeit ist am Ende das, was wirklich trägt.
Speaker BVielleicht ist der nächste Schritt für dich auch nicht, die Trauer zu überwinden, denn das ist vielleicht gar nicht das Ziel, sondern sie bewusst als Teil deines Lebens anzuerkennen und dich zu Welchen kleinen Raum darf sie heute einnehmen, auch hier bei der Arbeit?
Speaker BUnd wie können wir als Gemeinschaft lernen, diesen Raum einfach zu halten, ohne den Impuls zu haben, ihn sofort wieder füllen zu müssen?