Gibt es diesen einen Tag im Jahr, diesen einen Tag, der sich plötzlich wieder anfühlt, als stünde die Zeit komplett still.
Speaker AAlso wenn ein ganzes Jahr vergangen ist, die Erde hat sich irgendwie weitergedreht und doch scheint alles noch so unfassbar nah zu sein.
Speaker BJa, dieses Gefühl von es ist ein Jahr her, aber es fühlt sich an wie gestern.
Speaker AGenau.
Speaker AUnd vielleicht spürst du ja genau das, wenn du jetzt gerade an den ersten Todestag eines geliebten Menschen denkst.
Speaker AWir wollen heute genau diesen stillen, aber eben auch wahnsinnig gewaltigen Meilenstein gemeinsam entschlüsseln.
Speaker BEin sehr wichtiges Thema.
Speaker BJa.
Speaker AUnsere Mission für dieses tiefe Gespräch heute ist es herauszufinden, warum unser Gehirn nach genau einem Jahr oft so extrem reagiert und vor allem, wie man sich so ein sanftes psychologisches Gerüst baut, das einen an diesem speziellen Tag einfach trägt.
Speaker BOhne Druck.
Speaker ARichtig, ohne Druck.
Speaker AEs geht null um einen perfekten Plan.
Speaker AEs geht eher um die Wie geben wir der Erinnerung einen warmen Raum, ohne uns selbst zu überfordern?
Speaker ALass uns da vielleicht direkt ansetzen.
Speaker AAlso bei diesem Phänomen des ersten Jahres, ich glaube, dieses Gefühl der unerwarteten Unruhe, oft schon Wochen bevor das Datum überhaupt im Kalender steht, das kennen wirklich wahnsinnig viele.
Speaker BEs ist tatsächlich ein ganz, ganz klassisches Phänomen und das hat tiefgreifende psychologische und auch neurologische Gründe.
Speaker BDieser erste Todestag trägt ja eine enorme Schwere in sich, weil das Gehirn in dem Moment Okay, jetzt haben wir einen kompletten Jahreszyklus durchlaufen.
Speaker BJeden Geburtstag, jedes Familienfest, jeden Jahreswechsel und jede einzelne Jahreszeit.
Speaker BGenau, alles.
Speaker BGenau einmal ohne diesen Menschen.
Speaker BWeißt du, das Gehirn ist im Grunde eine Vorhersagemaschine.
Speaker BEs hat ein Leben lang gelernt, dass dieser Mensch da ist.
Speaker AEine Vorhersagemaschine.
Speaker BJa, genau.
Speaker BEs erwartet den anderen und in diesem ersten Jahr durchlebt es ständig sogenannte Vorhersagefehler.
Speaker BDer Mensch kommt eben nicht durch die Tür, er sitzt abends nicht mit am Tisch.
Speaker BWenn sich das Jahr dann jährt, ist es wie ein kollektiver Moment der Erkenntnis für unser komplettes System.
Speaker BUnd was dabei das Wichtigste ist, und das möchte ich direkt am Anfang betonen, es geht an diesem Tag überhaupt nicht darum, irgendetwas abzuschließen.
Speaker BDiese westliche Idee von Closure, also dass Trauer irgendwie ein Projekt mit einem festen Enddatum ist, das man abhaken kann, die gilt in der modernen Psychologie längst als völlig überholt.
Speaker ADas ist ein so unendlich befreiender Gedanke.
Speaker AWir leben ja in einer Gesellschaft, die lieb To do Listen und wir wollen Probleme gerne einfach lösen und abhaken.
Speaker AAber Trauer lässt sich eben nicht lösen wie eine mathematische Gleichung.
Speaker BAbsolut nicht.
Speaker AEs geht also eher darum, dieser neuen Realität, aber eben auch der Nähe und der Dankbarkeit einen bewussten Rahmen zu geben.
Speaker AIch finde in diesem Zusammenhang diesen Begriff des äußeren Ankers wahnsinnig spannend.
Speaker ALass uns da mal tiefer reingehen.
Speaker AWarum brauchen wir in der Trauer plötzlich so physische Anker?
Speaker BWeil der Verlust uns primär mit einer physischen Abwesenheit konfrontiert.
Speaker BDas Begreifen, also im wahrsten Sinne des Wortes, das Anfassen können, das fällt ja komplett weg.
Speaker BIn der Psychologie spricht man heute viel von den sogenannten continuing bonds, also der anhaltenden Verbundenheit.
Speaker AContinuing bonds.
Speaker BGenau.
Speaker BDas Ziel der Trauerarbeit ist es nicht, die Bindung zu kappen.
Speaker BEs geht darum, sie von einer rein physischen in eine innere symbolische Bindung zu transformieren.
Speaker BUnd genau dafür braucht das Gehirn am Anfang Brücken, eben diese äußeren Anker.
Speaker ADas kann ein Ort sein, das kann
Speaker Bein konkreter Ort sein, ein ganz bestimmtes Foto, eine gestaltete Gedenktafel oder einfach nur ein besonderer Gegenstand.
Speaker BSolche Anker ersetzen natürlich nicht den Menschen.
Speaker BAber sie geben der Liebe, die ja immer noch da ist und nun irgendwie heimatlos im Raum schwebt, einen konkreten, ruhigen Platz in der physischen Welt, an dem sie andocken darf.
Speaker AMan baut der Erinnerung quasi ein physisches Zuhause, damit sie nicht ständig unkontrolliert durch den eigenen Alltag geistert.
Speaker ADas ergibt total Sinn.
Speaker AUnd das bringt uns direkt zu der Frage, wie man diesen ersten Jahrestag ganz konkret gestaltet, ohne dass es sich wie eine emotionale Pflichtveranstaltung anfühlt.
Speaker BJa, das ist die große Gefahr.
Speaker AIch stelle mir oft vor, wie unangenehm es sein kann, wenn man meint, man müsse Trauer an so einem Tag perfekt performen.
Speaker AMan steht am Grab oder man sitzt am Tisch und denkt jetzt muss ich etwas unglaublich tief Tiefgründiges fühlen oder etwas ganz Klüges sagen.
Speaker AUm diesen Druck rauszunehmen, gibt es im Grunde zwei ganz simple Leitfragen, die man sich vorher stellen kann.
Speaker ANä Möchte ich diesen Tag allein verbringen oder gemeinsam mit anderen brauche ich eher einen stillen Rückzugsort oder einen lebendigen Raum?
Speaker BGenau diese ehrliche Bestandsaufnahme ist einfach essentiell.
Speaker BOft machen wir ja Dinge, weil wir glauben, die Gesellschaft oder die Familie erwartet das jetzt so von uns.
Speaker BWenn man sich entscheidet, gemeinsam zu gedenken, dann darf das völlig frei von diesen starren Konventionen passieren.
Speaker AWie könnte das aussehen?
Speaker BEin lebendiger Raum kann zum Beispiel ein gemeinsames Essen sein, und zwar nicht irgendein steifes, formelles Dinner, sondern vielleicht kocht man einfach das Lieblingsgericht des verstorbenen Menschen.
Speaker BOder man stellt diesen einen bestimmten Kuchen auf den Tisch, der immer sonntags da war.
Speaker BDas Essen schafft eine wahnsinnig erdende Atmosphäre.
Speaker BEs holt uns zurück in unseren Körper und in den gegenwärtigen Moment, während wir gedanklicher sehr in der Vergangenheit sind.
Speaker AUnd beim Essen kann man die Stille auch viel besser aushalten.
Speaker AMan kaut, man reicht sich Dinge über den Tisch.
Speaker AEs gibt eine natürliche Handlung, die verhindert, dass man sich permanent gezwungen fühlt, die Lücke im Raum irgendwie mit Worten füllen zu müssen.
Speaker BGanz genau.
Speaker AAber selbst beim Zusammensitzen spürt man manchmal noch diesen Druck, sich in die Augen schauen zu müssen.
Speaker ADas ist ja oft der Grund, warum viele ein gemeinsames Gedenken scheuen.
Speaker AEs ist einfach so wahnsinnig intim.
Speaker BDas ist ein exzellenter Punkt.
Speaker BUnd genau deshalb ist aus psychologischer Sicht ein gemeinsamer Spaziergang auf die viel, viel bessere Alternative zum Sitzen am Tisch.
Speaker BWenn wir nebeneinander hergehen, betreiben wir das, was Therapeuten Parallel Processing nennen.
Speaker AParallel Processing.
Speaker BJa.
Speaker BWir schauen gemeinsam in die gleiche Richtung, auf den Weg in die Natur, auf den Horizont.
Speaker BDer Zwang zum permanenten Blickkontakt fällt Meg.
Speaker BDas senkt die emotionale Intensität auf ein absolut erträgliches Maß.
Speaker AAh, das leuchtet ein.
Speaker BAußerdem sorgt die rhythmische bilaterale Bewegung des Gens dafür, dass unsere beiden Gehirnhälften besser zusammenarbeiten.
Speaker BEs beruhigt das Nervensystem enorm.
Speaker BMan darf einfach im eigenen Tempo atmen.
Speaker BUnd oft entstehen genau dann die ehrlichsten und wärmsten Gespräche ganz von selbst, ohne dass man sich dazu zwingt.
Speaker ANebeneinander in die gleiche Richtung schauen, das nimmt wirklich diesen unheimlichen Druck raus.
Speaker ALass uns das mal auf die ganz konkreten Handlungen übertragen.
Speaker AViele zieht es an diesem Tag ja ganz klassisch an einen Gedenkort, sehr oft eben ans Grab.
Speaker AAuch da schleicht sich schnell das Gefühl ein, man müsse mit dem perfekten, riesigen Blumenkranz vom Floristen anrücken, um der ganzen Welt zu beweisen, wie sehr man den Menschen vermisst.
Speaker BJa, leider.
Speaker AAber wenn wir uns die Psychologie dahinter ansehen, ist weniger oft so viel tröstlicher.
Speaker BAbsolut.
Speaker BDer Perfektionismus ist in der Trauer wirklich völlig fehl am Platz.
Speaker BEine einzelne Blume, die man vielleicht morgens ganz bewusst im eigenen Garten abgeschnitten hat, trägt oft eine viel tiefere Bedeutung in sich als das teuerste Gesteck.
Speaker BEs ist eine intimere, persönlichere Geste.
Speaker BWas psychologisch oft noch viel wirksamer ist, ist eine kleine Handlung direkt vor Ort.
Speaker BDas sanfte Reinigen der Grabstelle, das Zupfen von ein paar welken Blättern, das spricht unseren tiefsten menschlichen Fürsorgeinstinkt an.
Speaker BWir tun etwas für diesen Menschen.
Speaker BWir sorgen im Außen für ein wenig Ordnung und das hilft uns im Inneren ein kleines Stückchen Ordnung und Ruhe zu finden.
Speaker ADiese kleinen, achtsamen Handlungen sind wie Ventile.
Speaker AEine weitere sehr greifbare Methode, die ja in sehr vielen Kulturen fest verankert ist, ist das Licht, Das bewusste Anzünden einer
Speaker BKerze, ein sehr starkes Ritual.
Speaker AEs gibt diesem oft ja uferlosen Tag einen klaren Rahmen, einen Anfang am Morgen und ein Ende am Abend, wenn man sie wieder auspustet.
Speaker AIch finde dabei eine Idee besonders stark, die der Vielschichtigkeit von Trauer gerecht wird, nämlich nicht nur eine einzige Kerze aufzustellen, sondern mehrere kleine, vielleicht sogar angeordnet in Herzform.
Speaker AUnd jede dieser Kerzen steht für ein ganz bestimmtes Gefühl.
Speaker BDas ist ein unfassbar heilsames Ritual.
Speaker BWir haben ja oft das Missverständnis, Trauer sei einfach nur reine tiefe Traurigkeit.
Speaker BAber Trauer ist chaotisch.
Speaker BDa ist Liebe und Dankbarkeit.
Speaker BJa, aber da ist oft auch immense Wut, Wut darüber, allein gelassen worden zu sein.
Speaker AJa, Wut darf auch sein.
Speaker BDa ist vielleicht auch Erleichterung, wenn dem Tod eine lange, schwere Krankheit vorausging.
Speaker BUnd auf diese Erleichterung folgt dann sofort ein brutales Schuldgefühl, weil man so empfindet.
Speaker BAll diese sogenannten unschönen Gefühle erzeugen eine enorme kognitive Dissonanz in uns.
Speaker BWenn wir nun für jedes dieser Gefühle ganz bewusst eine eigene Kerze anzünden, validieren wir sie.
Speaker BWir geben der Wut ein Licht, wir geben der Schuld ein Licht.
Speaker BSie dürfen buchstäblich im Raum stehen und müssen nicht mehr verdrängt werden.
Speaker ADas Externalisieren von Gefühlen.
Speaker AGenau.
Speaker AWenn es brennt, ist es außerhalb von mir.
Speaker AWeißt du, was mir dabei in den Sinn kommt?
Speaker AWenn Gedanken rasen und die Gefühle so abstrakt werden, brauchen viele Menschen etwas, das sie im wahrsten Sinne des Wortes greifen können.
Speaker AEtwas Hartes, Physisches.
Speaker AIn der Begleitung wird da ja oft mit sogenannten Trauersteinen gearbeitet.
Speaker BRichtig.
Speaker BDer Trauerstein bedient unser Bedürfnis nach haptischem Feedback.
Speaker BMan sucht sich vielleicht auf dem Spaziergang, über den wir vorhin gesprochen haben, einen glatten Stein.
Speaker BDen kann man bemalen mit einem Namen, einem Datum oder einem Symbol.
Speaker BEs geht hier bei null um irgendeinen künstlerischen Anspruch.
Speaker AEs muss nicht schön aussehen, überhaupt nicht.
Speaker BEs geht darum, der Schwere der Trauer ein physisches Gewicht zu geben.
Speaker BEin glatter, vielleicht vom Halten schon warm gewordener Stein in der Jackentasche sendet sensorische Signale an das Gehirn.
Speaker BMan kann ihn in Stressmomenten kneten und berühren.
Speaker BEr holt das Gehirn aus der Gedankenspirale zurück in das Hier und Jetzt, zurück zum eigenen Körper.
Speaker BUnd man kann ihn natürlich auch irgendwann an einem besonderen Ort ablegen, wenn die Zeit dafür reif ist.
Speaker AEs ist schon faszinierend, wie sehr uns das Physische wirft, mit dem Unsichtbaren umzugehen.
Speaker AUnd das führt uns eigentlich zu dem Teil der Trauer, der oft am schwersten das Unausgesprochene.
Speaker ASelbst wenn man ein langes Leben miteinander geteilt hat, bleibt am Ende fast immer etwas unfertig.
Speaker AEin Konflikt, der nicht gelöst wurde, oder einfach ein Danke, das man in der Hektik des Alltags vergessen hat.
Speaker AWie bauen wir eine Brücke zu diesen unfertigen Dingen?
Speaker BHier ist das Schreiben eines Briefes ein immens starkes Werkzeug, aber nicht so, wie wir es in der Schule gelernt haben.
Speaker BMan schreibt vollkommen ungefiltert, ohne auf Grammatik, Form oder Logik zu achten.
Speaker BMan bringt alles aufs Papier, was im Kopf kreist.
Speaker BDieses intuitive Schreiben lagert den inneren Dialog aus dem Kopf auf das Papier aus.
Speaker AMan liest ihn also nicht Korrektur?
Speaker BNein, niemals.
Speaker BUnd das Entscheidende ist, was danach passiert.
Speaker BMan hat die völlige Freiheit.
Speaker BMan kann den Brief aufheben, ihn am Grab vorlesen oder ihn symbolisch loslassen, ihn also zerreißen, verbrennen oder entsorgen.
Speaker ADa hake ich direkt mal ein Das Zerreißen oder Entsorgen eines Briefes an einen Verstorbenen, das klingt für viele im ersten Moment wahrscheinlich wie ein absolutes Tabu, fast wie ein Verrat, als würde man die Erinnerung selbst wegwerfen wollen.
Speaker BIch verstehe diesen Reflex total.
Speaker BDas fühlt sich erstmal falsch an, aber psychologisch gesehen ist das Gegenteil der Fall.
Speaker BEs ist ein Akt der Transformation.
Speaker BMan wirft ja nicht den Menschen oder die Liebe weg.
Speaker BMan löst den Schmerz, die Last des Unausgesprochenen von sich ab.
Speaker BDer innere Gedanke dahinter Ich trage dich weiter, aber ich lasse die Schwere dieses ungelösten Konflikts oder dieser offenen Frage jetzt los.
Speaker BIch lasse die Energie wieder fließen.
Speaker BEs ist eine aktive Entscheidung für das Weiterleben, ohne die Vergangenheit irgendwie zu leugnen.
Speaker ADas ist ein enorm wichtiger Perspektivwechsel.
Speaker AEine andere Brücke, die sofort und ohne Umwege funktioniert, ist die Musik.
Speaker ANichts katapultiert uns ja schneller in eine andere Zeit als ein bestimmter Song.
Speaker AEin Lied, das die gemeinsame Geschichte erzählt, kann an diesem Jahrestag ein ganz eigenes kleines Ritual sein.
Speaker AMan setzt sich hin, tut nichts anderes, schließt vielleicht die Augen und hört sich genau dieses eine Lied an, einmal ganz bewusst von Anfang bis Ende.
Speaker BMusik ist dahingehend faszinierend, weil sie unseren rationalen Frontallappen größtenteils einfach umgeht und direkt auf die Amygdala wirkt, also unser emotionales Zentrum im Gehirn.
Speaker BSie verlangt keine kognitive Verarbeitung.
Speaker BWenn man dieses Lied hört, darf man jede Emotion zulassen, wie der Rhythmus und die Melodie an die Oberfläche spülen.
Speaker BDa werden Tränen fließen, ganz sicher.
Speaker BAber oft passiert noch etwas anderes.
Speaker AWas denn?
Speaker BEs schleicht sich völlig unerwartet ein Lächeln ein, weil der Song eine so präzise, schöne Erinnerung aktiviert.
Speaker BDas ist die pure Form dieser anhaltenden Verbundenheit, von der wir sprachen.
Speaker AJa, Tränen und Lächeln, die schließen sich eben nicht aus.
Speaker ANeben dem Erinnern an das, was war, gibt es ja auch das Bedürfnis zu sehen, dass etwas weitergeht.
Speaker ADas Leben steht nicht still und die Natur bietet uns dafür eigentlich die besten Metaphern.
Speaker AViele Menschen pflanzen an einem solchen Tag einen kleinen Apfelbaum im Garten oder wenn man in der Stadt lebt, einfach eine kleine Zimmerpflanze in einen schönen Topf.
Speaker ADas ist ein Symbol für das, was bleibt und was sich weiterentwickelt.
Speaker BDie Natur nimmt uns den Druck ab, weil sie einfach macht.
Speaker BSie zeigt uns diesen ewigen Unaufhaltsamen Kreislauf von Werden, Vergehen und Neuem.
Speaker BEine Pflanze überdauert Jahreszeiten, sie verliert Blätter, sie sieht im Winter vielleicht kahl und traurig aus, aber sie entwickelt dann auch wieder neue Triebe.
Speaker BMan muss diesen Kreislauf nicht steuern, man darf ihn einfach nur beobachten.
Speaker BUnd für diejenigen, die an diesem Tag eher das Loslassen üben möchten, gibt es wunderbare flüchtige Rituale.
Speaker AFlüchtige Rituale?
Speaker AWas genau meinst du damit?
Speaker BRituale, die nur für einen Bruchteil einer Sekunde existieren.
Speaker BManche Menschen stellen sich in den Wind und lassen Seifenblasen aufsteigen.
Speaker BOder sie falten ein kleines Papierboot und setzen es auf einem Fluss aus.
Speaker BOder sie halten einfach ein langes, leuchtendes Band in die Luft und schauen zu, wie der Wind damit spielt.
Speaker BEs geht bei diesen Gesten um einen Moment der Leichtigkeit.
Speaker BDie Schwere darf für eine Sekunde davon fliegen.
Speaker BEs ist ein visuelles Loslassen, das unserem System Wir dürfen atmen, wir dürfen die Kontrolle für einen Augenblick an die Welt da draußen abgeben.
Speaker ADas ist ein wunderschönes Bild.
Speaker AWir haben jetzt so viele verschiedene Dinge, das Essen, das gemeinsame Gehen, die Kerzen für komplexe Gefühle, den Stein in der Tasche, den Brief, die Musik, den Baum.
Speaker AWenn man das alles hört, könnte man ja fast schon wieder in Stress geraten.
Speaker AGenau das soll ja eben nicht passieren.
Speaker AWir wollen ja verhindern, dass dieser Todestag zu einem Marathonlauf der Rituale wird.
Speaker AWie baut man sich aus all diesen Elementen jetzt ein schlichtes, sanftes Gerüst für den Tag?
Speaker BIndem man radikal reduziert.
Speaker BEin sanftes Gerüst teilt den Tag in kleine machbare Etappen ein, ohne jede einzelne Minute zu verplanen.
Speaker BEin Beispiel für so einen schlichten Ablauf könnte so Am Morgen direkt nach dem Aufstehen zündet man die Kerze an und denkt an einen einzigen schönen Satz oder einfach nur den Namen des geliebten Menschen.
Speaker BAm Mittag sucht man einen Ort auf, der einen verbindet.
Speaker BDas muss nicht der Friedhof sein, das kann die Bank im Park sein oder das Ufer eines Sees.
Speaker BAm Nachmittag nimmt man sich vielleicht eine halbe Stunde Zeit, um diesen Brief zu schreiben oder eben dieses eine Lied ganz bewusst zu hören.
Speaker BUnd am Abend isst man etwas, das wärmt und erdet und lässt die Kerze dann ganz bewusst ausklingen.
Speaker AUnd was wir an dieser Stelle ganz dick unterstreichen mü Man darf sich aus diesem Gerüst auch nur eine einzige winzige Sache aussuchen.
Speaker AWenn alles zu viel ist, reicht auch nur die Kerze oder nur das Lied.
Speaker AHeilsame Rituale sind letztendlich genau deshalb heilsam, weil sie uns nicht überfordern, sondern weil sie uns wie ein kleiner Rettungsring tragen, wenn die Wellen hochschlagen.
Speaker BGanz genau so ist es.
Speaker BDieser Tag ist kein Test, den man bestehen muss.
Speaker BMan bekommt keine Zensuren für die perfekte Trauerbewältigung.
Speaker BUnd wir dürfen uns selbst die Erlaubnis geben, dass dieser Tag einfach alles sein darf.
Speaker BEr darf unsagbar schwer und trennreich sein.
Speaker BEr darf komplett still sein.
Speaker BEr darf warm sein, wenn man schöne Geschichten miteinander teilt und er darf sich auch erschreckend leer anfühlen.
Speaker BViele Menschen haben im Vorfeld furchtbare Angst vor diesem Datum und sind dann fast irritiert, wie unspektakulär und alltäglich der Tag letztlich abläuft.
Speaker ADas Gehirn hat das wahrscheinlich schon vorher verarbeitet, oder?
Speaker BJa, das Gehirn hat die Trauer vielleicht schon an den 364 Tagen zuvor in kleinen Dosen verarbeitet.
Speaker BAuch diese Leere ist völlig in Ordnung.
Speaker BDer zarteste Trost liegt wirklich nur darin, einen kleinen, ehrlichen Raum zu öffnen, in dem die Erinnerung atmen darf.
Speaker AEs darf einfach sein, was ist.
Speaker AUnd dennoch, wir wissen alle, dass Trauer tückisch sein kann.
Speaker AManchmal hält das Gerüst, das man sich liebevoll gebaut hat, einfach nicht.
Speaker BJa, wenn sich die Dunkelheit an so einem Tag oder auch in den oft schlaflosen, unruhigen Nächten davor doch doch zu erdrückend anfühlt, wenn diese kognitive Dissonanz, diese Überforderung aus Schmerz und Sehnsucht in eine akute Krise umschlägt, in der man einfach nicht mehr weiter weiß, dann ist es wichtig zu Es gibt ein Netz.
Speaker BNiemand muss da allein durch.
Speaker BEs gibt Menschen, die genau dafür ausgebildet sind, in solchen Momenten einfach nur da zu sein und zuzuhören.
Speaker BDie Telefonseelsorge ist rund um die Uhr völlig anonym und kostenfrei erreichbar unter der Nummer.
Speaker BWenn die Last zu schwer schwer wird, ist es kein Zeichen von Schwäche, sondern von immenser Stärke, sie für einen Moment zu teilen.
Speaker ADanke, dass du das sagst.
Speaker ADas ist so unendlich wichtig.
Speaker AEs geht beim Trauern immer um das Zulassen der Verbundenheit, aber eben auch das Einfordern von Hilfe, wenn der Weg zu steil wird.
Speaker AWenn wir all das jetzt für uns ordnen und zusammennehmen.
Speaker AVielleicht ist die wichtigste Erkenntnis aus unserem Gespräch gar nicht, welches spezifische perfekte Ritual wir für diesen einen markanten Jahrestag im Kalender auswählen.
Speaker AVielleicht ist die viel tiefere Frage, die wir uns stellen dürfen, welche Erlaubnis geben wir uns selbst, diese Verbindung an all den ganz normalen, unscheinbaren Tagen im Jahr auf unsere ganz eigene, unperfekte Art weiterleben zu lassen.
Speaker AWenn du jetzt gerade an den Menschen denkst, den du so sehr vermisst, wo in deinem ganz normalen Alltag spürst du eigentlich heute schon, dass die Liebe immer noch da ist?