Hast du dich eigentlich je gefragt, wohin ein Gefühl geht, wenn man es nicht fühlen will?
Speaker AWo es bleibt, wenn man einfach weitermacht, weil es.
Speaker ANaja, weil es nicht anders zu gehen scheint.
Speaker BHm, das ist eine große Frage und sie beschreibt genau dieses Gefühl des reinen Funktionierens nach einem Verlust oder äußerlich scheint alles stabil, der Alltag läuft, aber innerlich ist da so ein Raum, der ganz still und irgendwie verschlossen ist.
Speaker AGenau.
Speaker AUnd genau da wollen wir heute mal ein bisschen genauer hinschauen.
Speaker AEs geht um diese stille Last, um die verdrängte Trauer, darum, warum sie uns irgendwann einholt und wie sie sich so ganz leise in unserem Leben bemerkbar macht.
Speaker AVielleicht finden wir ja Worte für etwas, das einen oft sprachlos macht.
Speaker BJa, ich glaube, dieser Mechanismus des Wegschiebens, das ist etwas, das viele kennen.
Speaker BDas ist ja kein Versagen, sondern im ersten Moment oft ein reiner Schutzmechanismus.
Speaker ALass uns da mal einsteigen.
Speaker AWas ist diese Verdrängung eigentlich genau?
Speaker AEs klingt immer so aktiv, fast schon vorwurfsvoll, aber oft ist es das ja gar nicht.
Speaker AEs ist mehr ein Überlebensmodus.
Speaker BAbsolut.
Speaker BIm ersten Moment ist Verdrängung eine brillante Leistung der Psyche.
Speaker BDer Schmerz ist zu groß, die Umstände zu überwältigend.
Speaker BAlso wird das Gefühl quasi eingekapselt, damit wir weiter handlungsfähig bleiben.
Speaker BEs ist ein Notfallprogramm.
Speaker AOK, ein Notfallprogramm.
Speaker AAber das Problem ist dann, wenn aus diesem Notfallmodus ein Dauerzustand wird, oder?
Speaker BGenau das ist der Punkt.
Speaker BWenn der Schutzschild, der uns kurzfristig gerettet hat, zu einer Mauer wird, einer Mauer, die uns am Ende vom Leben und ja auch von uns selbst abschottet.
Speaker AWo liegt denn da die Grenze also zwischen diesem gesunden, vielleicht sogar wichtigen Weitermachen und und einer schädlichen Verdrängung?
Speaker AWann flieht man nur noch vor sich selbst?
Speaker BIch glaube, die Grenze verläuft da, wo die Vermeidung zum Prinzip wird.
Speaker BEs ist der Unterschied.
Speaker BIch gehe heute zur Arbeit, weil es mir Halt gibt, und ich stürze mich in Stunden, Tage, damit ich abends zu müde bin, um überhaupt noch etwas zu fühlen.
Speaker AVerstehe.
Speaker BUnd Anzeichen dafür sind dann zum Beispiel, dass man das Thema des Verlusts konsequent meidet oder eine unerklärliche Gereiztheit, wenn andere es ansprechen.
Speaker BOder auch dieses Gefühl, so eine innere Taubheit zu spüren.
Speaker BAlso weder richtig froh noch richtig traurig zu sein, einfach betäubt.
Speaker AIch hab da eine Metapher gelesen, die hat mich nicht mehr losgelassen.
Speaker ADa wird verdrängte Trauer beschrieben wie ein ungelüfteter Raum, in dem sich über Jahre Schicht für Schicht Staub ablagert.
Speaker BOh, das ist ein starkes Bild.
Speaker AJa.
Speaker AOder man merkt es lange nicht, aber irgendwann wird die Luft so schwer, dass man kaum noch atmen kann.
Speaker AUnd das bringt mich zurück zur Wohin geht die Energie dieses Gefühls?
Speaker BSie bleibt im System, sie verschwindet nicht und sie sucht sich einen Weg, sich auszudrücken.
Speaker BUnd diesen Weg findet sie oft im Körper.
Speaker BMan sagt, der Körper lügt nicht, er wird zur Bühne für das, was die Seele nicht sagen darf.
Speaker ADas ist ein Punkt, der mich wirklich beeindruckt hat.
Speaker AIch hab gelesen, dass bei über 60 Prozent der Patienten mit chronischen Spannungskopfschmerzen ein unbewältigter Verlust in den fünf Jahren davor festgestellt wurde.
Speaker B60 Prozent.
Speaker BWahnsinn.
Speaker AJa.
Speaker ADer Körper führt also buchstäblich Buch über das, was wir nicht aussprechen können.
Speaker BAbsolut.
Speaker BUnd das geht ja weit über Kopfschmerzen hinaus.
Speaker BEs gibt eine ganze Reihe solcher körperlichen Signale.
Speaker BSchlafstörungen sind zum Beispiel ein totaler Klassiker.
Speaker AAlso dieses Nicht einschlafen können, weil die Gedanken kreisen.
Speaker BGenau.
Speaker BOder man wacht immer wieder mitten in der Nacht auf.
Speaker BAuch Herz Kreislauf Beschwerden, plötzliches Herzrasen, dieses enge Gefühl in der Brust, als würde jemand drauf sitzen, das wird immer wieder genannt.
Speaker AEs gibt da diese eine Autorin, die beschreibt das so eindrücklich.
Speaker ASie nennt es den stillen Alarm.
Speaker ASie dachte jahrelang, sie hätte Herzprobleme, bis ein Therapeut sie gefragt hat, wovor ihr Herz eigentlich davonläuft.
Speaker ADas hat für sie alles verändert.
Speaker BWas für ein perfektes Beispiel.
Speaker BDer Körper kämpft im Hintergrund ja permanent gegen diesen inneren Druck an.
Speaker BMan kann sich das vorstellen wie ein Computer, bei dem im Hintergrund ein riesiges Programm läuft, das alle Ressourcen verbraucht.
Speaker AUnd das Ergebnis ist dann diese chronische Erschöpfung.
Speaker BExakt eine Müdigkeit, die auch durch Schlaf nicht besser wird, weil die Anspannung nie wirklich nachlässt.
Speaker BUnd es ist wichtig zu Das sind natürlich keine Diagnosen, aber es sind mögliche Hinweise vom Körper, dass da eine seelische Last zu schwer geworden ist.
Speaker AUnd diese Last, die zeigt sich ja nicht nur körperlich.
Speaker ADa bin ich auf den Begriff der anhaltenden Trauerstörung gestoßen.
Speaker ADas hat mich aufhorchen lassen.
Speaker AWas ist damit genau gemeint?
Speaker ADas ist ja mehr als nur lange traurig sein.
Speaker BJa, wesentlich mehr.
Speaker BMan beschreibt damit einen Zustand, bei dem der natürliche Trauerprozess blockiert ist.
Speaker BDas Gehirn bleibt quasi im Moment des Verlusts stecken.
Speaker BSelbst nach Jahren fühlt es sich an, als wäre es gestern passiert und die.
Speaker APerson kann sich nicht an die neue Realität anpassen.
Speaker BRichtig.
Speaker BEs äußert sich dann in intensiver, ständiger Sehnsucht, einem Gefühl der Leere und dem Eindruck, dass das Leben ohne diese Person sinnlos ist.
Speaker AWas mich an der Forschung dazu wirklich überrascht hat, war eine Menschen, die vor dem Verlust als extrem resilient und stark galten, hatten ein höheres Risiko, genau das zu entwickeln.
Speaker AJa, das stellt ja unsere gängige Vorstellung von Stärke komplett auf den Kopf.
Speaker BOder es differenziert sie vielleicht.
Speaker BDie Studien legen nahe, dass Menschen, die es gewohnt sind, immer alles unter Kontrolle zu haben, oft Schwierigkeiten damit haben, die Hilflosigkeit und den Kontrollverlust zu akzeptieren, den so ein großer Verlust mit sich bringt.
Speaker ASie versuchen dann, die Trauer wegzukontrollieren.
Speaker BGenau.
Speaker BWas aber unmöglich ist, und dadurch kann sie sich verfestigen.
Speaker BMan steht dann sprichwörtlich neben sich.
Speaker BMan beobachtet das eigene Leben, ohne ohne wirklich daran teilzuhaben.
Speaker AUnd in diesen Phasen tiefer Erschöpfung und Hoffnungslosigkeit, das wird ja auch thematisiert, können auch Suizidgedanken aufkommen.
Speaker AIch finde es wichtig, das behutsam anzusprechen.
Speaker BAbsolut.
Speaker BUnd es ist so wichtig zu Das ist kein Zeichen von Schwäche.
Speaker BEs ist ein erstes Warnsignal, dass die innere Last einfach zu schwer geworden ist, um sie noch allein zu tragen.
Speaker BIm Grunde ein verzweifelter Ruf nach Hilfe.
Speaker BUnd das führt uns zu einem anderen Phänomen, dieser plötzlichen Rückkehr der Trauer, oft mit voller Wucht und völlig unerwartet.
Speaker BMan glaubt jahrelang, man hätte es überstanden.
Speaker AUnd dann reicht ein Geruch, ein Lied im Radio, ein bestimmtes Datum und plötzlich bricht alles wieder auf.
Speaker AIch hab von einer Frau gelesen, die zehn Jahre nach dem Tod ihres Vaters in einem Supermarkt steht.
Speaker ASie riecht sein Aftershave an einem anderen Mann und bricht mitten im Gang zusammen.
Speaker AUnd sie Es fühlte sich an wie ein riesiges persönliches Versagen.
Speaker BUnd genau das ist es nicht.
Speaker BEs ist kein Versagen.
Speaker BDiese Momente zeigen nur wie tief der Verlust ins eigene Leben eingewoben ist.
Speaker BEs ist ein Zeichen, dass da noch etwas ist, das gefühlt werden möchte.
Speaker BEs gibt da einen schönen Ein gesunder Trauerprozess ist wie Wellen am Meer.
Speaker BSie kommen und gehen.
Speaker BWenn Trauer aber lange unterdrückt wurde, kommt sie nicht in Wellen zurück.
Speaker BSie kommt wie ein Tsunami, der einen ohne Vorwarnung umwirft.
Speaker ANeben diesen großen Stürmen gibt es ja auch die, die leisen Veränderungen im Alltag.
Speaker ADie, die sich so unbemerkt einschleichen.
Speaker ANachlassende Konzentration, diese tiefe Antriebslosigkeit.
Speaker AJa, man liest eine Seite und weiß am Ende nicht mehr, was da stand.
Speaker AUnd das ist keine Faulheit, sondern das Gehirn ist schlicht überlastet.
Speaker BExakt.
Speaker BDie kognitive Energie, die man aufwendet, um die Trauer im Hintergrund zu halten, die fehlt einem dann halt im Alltag.
Speaker BDas führt oft auch zu sozialem Rückzug.
Speaker AMan sagt treffen ab, weil die Kraft fehlt, die Fassade aufrechtzuerhalten.
Speaker BJa, genau.
Speaker BMan lächelt und alles gut, während man sich innerlich immer weiter distanziert.
Speaker BUnd man fühlt sich selbst unter Menschen unendlich einsam.
Speaker AUm diese Leere nicht spüren zu müssen, suchen viele dann unbewusst nach nach Fluchtwegen, nach Strategien, um den Schmerz zu betäuben.
Speaker ADie Flucht in die Arbeit ist da der Klassiker.
Speaker BJa, oder übermäßiger Konsum, sei es Alkohol, Essen, Shopping, stundenlanges Scrollen in den sozialen Medien.
Speaker BDas zugrunde liegende Ziel ist immer, nicht fühlen zu müssen.
Speaker BAber diese Strategien graben das Loch nur tiefer, weil die eigentliche Ursprung, der unverarbeitete Schmerz, unberührt bleibt.
Speaker AWas mich zur wichtigsten Frage Wie findet man da wieder raus?
Speaker AEs geht ja nicht darum, im Schmerz zu versinken.
Speaker AWie kann man sich dem annähern, ohne davon überwältigt zu werden?
Speaker BDer Schlüsselbegriff ist, glaube ich, behutsam im eigenen Tempo.
Speaker BTrauer zuzulassen bedeutet ja anzuerkennen, was ohnehin schon da ist.
Speaker BUnd da gibt es ganz kleine, machbare erste Schritte.
Speaker BDer erste ist oft, die Gefühle überhaupt nur zu benennen.
Speaker ASich selbst Ich bin unendlich traurig.
Speaker BGenau.
Speaker BOder ich bin wütend, dass das passiert ist.
Speaker BAllein dieser Akt der Ehrlichkeit sich selbst gegenüber kann eine Tür einen Spalt weit öffnen.
Speaker AUnd der nächste Schritt könnte dann sein, einen Ausdruck dafür zu finden, der nicht unbedingt verbal sein muss.
Speaker AZum Beispiel Briefe an die Verstorbene Person zu schreiben, die man nie abschickt, oder einfach nur eine Kerze anzünden und in Stille an sie zu denken.
Speaker AEs geht darum, aus diesem stummen, schweren Kloß in der Brust etwas Bewegliches zu machen.
Speaker BGenau.
Speaker BUnd dabei ist die Bedeutung von Unterstützung von einem Zeugen für den eigenen Schmerz kaum zu überschätzen.
Speaker BEs braucht nicht viele Menschen.
Speaker BManchmal reicht eine einzige Person, die einfach nur zuhört.
Speaker AOhne Ratschläge, ohne Das wird schon wieder.
Speaker BJa, jemand, der es aushält, wenn man Ich weiß gerade nicht, wie es weitergehen soll.
Speaker AUnd wenn das nicht ausreicht, professionelle Hilfe, also eine Trauerbegleitung, eine Therapie, das wird ja oft nicht als Scheitern dargestellt, sondern als ein mutiger Schritt der Selbstfürsorge.
Speaker BEin sehr passendes Bild, als würde man sich einen erfahrenen Bergführer für eine sehr schwierige Etappe der Lebensreise holen.
Speaker BUnd das Faszinierende ist ja, dass aus diesem bewussten Durchleben des Schmerzes mit der Zeit etwas Neues wachsen kann.
Speaker BDer Verlust wird dadurch nicht ungeschehen gemacht.
Speaker AAber es kann eine neue Tiefe entstehen.
Speaker BJa, mehr Mitgefühl für sich und andere, eine andere Wertschätzung für die Momente, eine Resilienz, die nicht aus Stärke wächst, sondern aus der Akzeptanz der eigenen Verletzlichkeit.
Speaker AWenn wir das jetzt alles so zusammennehmen, die klinische Sicht, die therapeutische, die ganz persönliche Was ist der Kerngedanke, der bleibt.
Speaker BDass verdrängte Trauer nicht verschwindet.
Speaker BSie wartet geduldig manchmal Jahre oder Jahrzehnte.
Speaker BSie wartet darauf, gesehen, gehört und gefühlt zu werden und ihr behutsam Raum zu geben, ist kein Weg zurück ins alte Leben.
Speaker BDas gibt es nicht mehr.
Speaker BEs ist ein Weg, der langsam in ein Neues führen kann, Ein anderes, aber nicht zwangsläufig ein schlechteres, vielleicht sogar ein tieferes.
Speaker AHm, Nachdem wir jetzt durch all diese Gedanken gegangen sind, bleibt eine Sache bei mir hängen.
Speaker AVielleicht ist der erste Schritt, um diese unsichtbare Last zu erleichtern, gar kein großer Akt.
Speaker AVielleicht ist es nur ein Moment des Innehaltens.
Speaker AWas wäre, wenn du dir jetzt nach allem, was du gehört hast, für einen Augenblick erlaubst, einfach nur zu spüren, was wirklich da ist, ohne es bewerten oder verändern zu müssen.
Speaker AEinfach nur sein lassen.