Wenn ein Mensch stirbt, den man liebt, dann entsteht oft so eine merkwürdige Zeitlosigkeit.
Speaker AVielleicht kennst du dieses Gefühl auch, wenn du selbst schon einmal jemanden verloren hast oder jemanden in tiefer Trauer begleiten durftest.
Speaker BEs reißt einen komplett aus dem Rhythmus.
Speaker AGenau.
Speaker ADie Minuten scheinen sich plötzlich endlos zu dehnen, die Gedanken kreisen völlig losgelöst umher und der ganz normale Alltag da draußen, der wirkt auf einmal wie eine Sprache, die du von einem Tag auf den anderen komplett verlernt hast.
Speaker AMan steht dann da und fragt, wie hält man diesen Schmerz eigentlich aus?
Speaker AVor allem, wenn die Welt um einen herum sich scheinbar völlig unbeeindruckt einfach weiterdreht.
Speaker BDas ist, ich glaube, das ist genau der Punkt, an dem viele Menschen innerlich zerbrechen, dieser Kontrast.
Speaker AJa, und ich habe in letzter Zeit viel darüber nachgedacht, wie wir als Gesellschaft eigentlich mit so einem Verlust umgehen und bin dabei immer wieder bei einer uralten Tradition hängengeblieben, der sogenannten Shiva.
Speaker BAh ja, ein wahnsinnig tiefgründiges Konzept.
Speaker ATotal.
Speaker ADenn es geht bei diesen jahrtausendealten jüdischen Ritualen eben nicht darum, wie man Schmerz irgendwie schnell wegmacht oder löst, sondern es geht darum, eine Form zu finden, die diesen Schmerz hält einen Rahmen, der es dir erlaubt, still zu werden, zu weinen und dabei vor allem nicht allein zu sein.
Speaker ALass uns heute mal gemeinsam in diesen Raum hineingehen.
Speaker BSehr gern.
Speaker BIch finde diesen Gedanken des geschützten Raumes nämlich so essentiell.
Speaker BLass uns genau da ansetzen.
Speaker BDieses Wort Shiva, das kommt aus dem Hebräischen und bedeutet schlicht sieben.
Speaker BUnd es beschreibt exakt diese allererste intensivste Trauerwoche.
Speaker BSie beginnt unmittelbar nach der Beerdigung und sie gilt traditionell für die engsten Angehörigen.
Speaker BAlso wenn du deine Eltern, deinen Partner, deine Geschwister oder dein Kind verlierst.
Speaker AEine sehr klar umrissene Gruppe also.
Speaker BGenau.
Speaker BUnd was dabei psychologisch so stark ist, ist diese bewusste Begrenzung der Zeit.
Speaker BNicht, weil man nach sieben Tagen plötzlich nicht mehr traurig wäre, das wäre ja absurd.
Speaker AJa, natürlich.
Speaker BSondern weil der Schmerz ganz am Anfang oft so übermächtig und formlos ist.
Speaker BEr braucht exakt diese starken, klaren Grenzen, um den menschlichen Geist nicht völlig zu erdrücken.
Speaker AWas mich da total verblüfft, diese Befreiung von allen Pflichten in dieser Woche, das ist ja nicht nur eine vage Empfehlung nach dem Ruh dich mal aus.
Speaker AEs ist eine feste Regel.
Speaker AMan wird quasi dazu angehalten, nichts zu tun.
Speaker AIn diesen sieben Tagen bleiben die Trauernden, die Avelem, traditionell in ihrem Haus.
Speaker ADas Trauerhaus wird zu einer Art Kokon, ja ein Schutzraum.
Speaker BWenn wir uns mal überlegen, wie unsere moderne Welt heute funktioniert, dann ist das ein radikaler Kontrast.
Speaker BUnd heute wird ja oft erwartet, dass man nach ein paar Tagen schon wieder E-Mails beantwortet oder zumindest nach außen hin irgendwie funktioniert.
Speaker AAbsolut.
Speaker AUnd genau da setzt die psychologische Weisheit dieses Rituals ein.
Speaker ADiese Befreiung von den alltäglichen Pflichten und sogar von vielen religiösen Pflichten.
Speaker ADas ist keine bloße Bequemlichkeit, Sonne.
Speaker AEs ist eine tiefe Anerkennung der Ausnahmesituation.
Speaker AIn dieser akuten Schockphase formiert sich das Gehirn gewissermaßen komplett neu.
Speaker ADie Seele leistet Schwerstarbeit und das bleibt
Speaker Bnach außen ja unsichtbar.
Speaker BDer Rückzug ins eigene Haus schützt die Trauernden vor diesem immensen gesellschaftlichen Druck, vor dem Druck, Stärke simulieren zu müssen.
Speaker BDie Shiva sagt im Du musst jetzt überhaupt nichts leisten, du darfst zusammenbrechen.
Speaker BUnd das ist der völlig richtige Zustand für diesen Moment.
Speaker AMan sieht das ja auch körperlich sehr deutlich in diesen Ritualen.
Speaker AEin Bild, das mich sehr beschäftigt hat, ist dieses niedrige Sitzen.
Speaker BJa, das ist sehr eindrücklich.
Speaker BDie Trauernden sitzen während der Shiva traditionell auf sehr niedrigen Hockern oder sogar auf Kissen direkt auf dem Boden.
Speaker BUnd wenn man mal darüber nachdenkt, Trauer drückt einen ja auch physisch nach unten.
Speaker BSie nimmt dir diese Leichtigkeit, diese Selbstverständlichkeit, aufrecht durchs Leben zu gehen.
Speaker BMan fühlt sich vom Schmerz richtig zu Boden gedrückt.
Speaker BUnd dieses Ritual gibt diesem inneren Zustand eine echte physische Form.
Speaker BUnd das entlastet extrem.
Speaker BDu musst eben nicht aufrecht hinsetzen.
Speaker BDu musst keine körperliche Stärke zeigen, die du innerlich gar nicht fühlst.
Speaker BDu darfst in dich zusammengesunken sein, weil du eben gerade innerlich gekrümmt bist.
Speaker BUnd wenn Besucher das Haus betreten, ist dieses niedrige Sitzen auch ein sofortiges nonverbales
Speaker AZeichen, ein Signal quasi.
Speaker BGenau.
Speaker BEs zeigt hier drinnen gelten jetzt andere Maßstäbe.
Speaker BMan betritt einen Raum der absoluten Ausnahme.
Speaker AAber das geht ja noch weiter.
Speaker AWas mich noch extremer fasziniert hat, ist die sogenannte Kriya Oh ja, das Zerreißen.
Speaker BRichtig.
Speaker ADas ist ein Ris im Kleidungsstück, der oft schon direkt am Grab gemacht wird und den man dann während der gesamten Shiva trägt.
Speaker ADas ist kein kleines dekoratives Symbol, das man sich ansteckt wie eine Schleife.
Speaker BNein, gar nicht.
Speaker AMan nimmt wirklich ein Kleidungsstück und zerreißt es hörbar und sichtbar.
Speaker AUnd wenn wir das mal psychologisch betrachten, das ist doch ein wahnsinnig kluger Akt, oder?
Speaker BAbsolut.
Speaker AMan externalisiert diese innere Zerstörung.
Speaker AEtwas ist unwiderruflich kaputtgegangen und man trägt diesen Ris ganz offen auf der Brust.
Speaker BDas ist ein hervorragender Punkt.
Speaker BPsychologen sprechen da oft von der Konkurrenz zwischen Innen und Außenwelt.
Speaker BWenn innerlich bei dir alles zerrissen ist, dann fühlt es sich oft absurd an, äußerlich intakt und gepflegt aufzutreten.
Speaker BDie Kriya macht diesen unsichtbaren Schmerz eben sichtbar.
Speaker BUnd dazu kommt ja noch der bewusste Verzicht auf viele Dinge, die unseren normalen Alltag strukturieren.
Speaker AWas genau meinst du?
Speaker BMan rasiert sich zum Beispiel nicht in dieser Zeit.
Speaker BMan lässt sich nicht die Haare schneiden, man trägt keine Lederschuhe.
Speaker BAll das fungiert wie eine Art Stoppschild für das normale Leben.
Speaker AVerstehe.
Speaker AEin Anhalten der Zeit.
Speaker BGenau.
Speaker BEs ist die Erlaubnis, komplett loszulassen.
Speaker BDie unausgesprochene Botschaft da Du musst dich jetzt nicht für die Welt da draußen hübsch machen.
Speaker BDein Alltag existiert in dieser Form gerade gar nicht mehr.
Speaker BAlso musst du auch nicht so tun,
Speaker AAls ob, wenn man sich das jetzt mal vorstellt, man sitzt da in zerrissenen Kleidern unten auf dem Boden.
Speaker AMan ist in so einem Moment ja oft gar nicht in der Lage, auch nur einen einzigen klaren Gedanken zu fassen, geschweige denn, sich um banale Dinge wie Essen oder Einkaufen zu kümmern.
Speaker AWie fängt diese Tradition das auf, dass man als Mensch in dieser krassen Ausnahmesituation ja trotzdem physisch irgendwie überleben muss?
Speaker BUnd genau hier kommt eine sehr greifbare Form der gemeinschaftlichen Fürsorge ins Spiel.
Speaker BDie allererste Mahlzeit nach der Beerdigung.
Speaker BDie sogenannte Seudad Havra a die Schale des Trostes.
Speaker BRichtig.
Speaker BDie Trauernden kommen vom Friedhof zurück ins Haus und sie gehen eben nicht in die Küche, um sich selbst was zu kochen.
Speaker BDas Essen wird von Nachbarn, Freunden oder der Gemeinde gebracht.
Speaker AAber das ist ja wahrscheinlich nicht einfach irgendein Auflauf, den man da mal eben vorbeibringt, oder?
Speaker ASoweit ich weiß, gibt es da sehr spezifische Speisen.
Speaker BJa, da wird nichts dem Zufall überlassen.
Speaker BOft stehen dann hartgekochte Eier, Linsen oder rundes Gebäck auf dem Tisch.
Speaker AWarum ausgerechnet diese Dinge?
Speaker BDiese runden Formen besitzen eine tiefgehende Symbolik.
Speaker BSie stehen für den Kreislauf des Lebens, aber eben nicht im Sinne eines flachen Trostes nach dem Ach, das Leben geht schon weiter.
Speaker ADas wäre in dem Moment ja auch fast zynisch.
Speaker BGenau.
Speaker BEs ist vielmehr eine behutsame Erinnerung daran, dass in der menschlichen Existenz Leben und Verlust untrennbar miteinander verwoben sind.
Speaker BAber die noch viel entscheidendere psychologische Komponente ist eigentlich die nonverbale Botschaft dahinter.
Speaker AWelche ist das?
Speaker BDu musst dich jetzt nicht selbst versorgen.
Speaker BDu hast gerade keine Kraft, einkaufen zu gehen oder am Herz zu stehen.
Speaker BUnd das ist völlig in Ordnung.
Speaker BDu darfst dich fallen lassen.
Speaker BDie Gemeinschaft nährt dich.
Speaker ADiese Zurücknahme der eigenen Autonomie und das Zulassen von Hilfe, das bringt mich zu einem Aspekt, der mich wirklich nachdenklich gemacht hat.
Speaker AWenn wir uns mal ansehen, wie wir in unserer modernen Gesellschaft oft mit Trauernden umgehen, das fällt uns ja unheimlich schwer.
Speaker BOh ja, uns fehlen da oft völlig die Werkzeuge.
Speaker AGenau.
Speaker AJemand verliert einen geliebten Menschen und wir haben fast reflexartig das Bedürfnis, die Situation irgendwie reparieren zu wollen.
Speaker AWir suchen krampfhaft nach klugen Worten, wir wollen die Stimmung heben oder wir erzählen sofort von unseren eigenen Verlusten, nur um
Speaker Bdiese drückende Stille zu füllen.
Speaker AExakt.
Speaker AHauptsache nicht schweigen.
Speaker AUnd in der Shiva wird ein völlig anderes Prinzip Nishum Avelim, die Kunst des stillen Trostes.
Speaker BDas ist vielleicht eines der heilsamsten Konzepte in dieser gesamten Tradition überhaupt.
Speaker BNishum Avelim bedeutet, den Trauernden Trost zu spenden.
Speaker BAber dieser Trost besteht paradoxerweise aus radikaler Zurückhaltung.
Speaker AWie sieht das konkret aus?
Speaker BBesucher kommen ins Haus.
Speaker BSie setzen sich hin, aber sie kommen nicht, um zu unterhalten.
Speaker BDie Regel besagt, dass die Besucher oft erst dann anfangen zu sprechen, wenn die Trauernden das Wort an sie richten.
Speaker BWow, bis dahin schweigen sie.
Speaker BSie halten die Stille einfach aus.
Speaker ADas nimmt enorm viel Druck aus der Begegnung.
Speaker AOder man drängt sich dem Schmerz des anderen nicht auf.
Speaker AMan überlässt dem Trauernden völlig die Kontrolle über das Tempo und über die Art der Kommunikation.
Speaker BGenau das.
Speaker AUnd die Hilfe, die dann angeboten wird, die ist extrem praktisch und unaufgeregt.
Speaker AJemand bringt Essen vorbei, jemand übernimmt leise den Abwasch oder schaut nach den Kindern.
Speaker AUnd wenn der Trauernde dann anfängt zu reden, wenn eine Erinnerung an den Verstorbenen hochkommt, dann hört man einfach nur zu.
Speaker AMan versucht nicht, das Unerträgliche irgendwie wegzureden.
Speaker AExakt.
Speaker BIn der modernen Psychologie wird ja oft betont, wie schädlich diese toxische Positivität in der Trauerbahn Begleitung sein kann.
Speaker ADieses Die Zeit heilt alle Wunden oder
Speaker Ber ist jetzt an einem besseren Ort.
Speaker BDas blockiert den echten Trauerprozess total.
Speaker BDie Tradition der Shiva umgeht das komplett.
Speaker BUnd wenn die Besucher das Haus dann wieder verlassen, gibt es einen traditionellen Abschiedsgruß.
Speaker AWie lautet der?
Speaker BEr heiß möge Gott euch trösten unter den Trauernden Zions und Jerusalems.
Speaker ADas ein sehr gewaltiger Satz.
Speaker BJa.
Speaker BUnd wenn wir das mal analytisch betrachten, passiert da etwas extrem Kraftvolles.
Speaker BDieser Satz bettet den extrem isolierten privaten Verlust in eine historische kollektive Erzählung ein.
Speaker BEr sagt dem Dein Schmerz ist einzigartig und real, aber du stehst damit nicht allein im luftleeren Raum.
Speaker BDu reißt dich ein in eine lange Kette von Menschen, die Verluste erlitten haben und trotzdem weitergegangen sind.
Speaker AMan ist Teil von etwas Größerem, das einen hält.
Speaker AIch finde, dieses Getragen Werden zeigt sich auch total beim Gebet.
Speaker AEin gläubiger Jude betet ja dreimal am Tag.
Speaker AAber in der Shiva Woche müssen die Trauernden dafür nicht das Haus verlassen.
Speaker BNein, müssen sie nicht.
Speaker ASie müssen sich nicht der Außenwelt stellen
Speaker Boder in die Synagoge gehen, wo sie vielleicht den Blicken anderer ausgesetzt wären.
Speaker BDie Gemeinschaft kommt zu ihnen.
Speaker BDer Minyan, also diese gruppe von mindestens 10 Erwachsenen, der versammelt sich im Trauerhaus, damit genau dort gemeinsam gebetet werden kann.
Speaker AUnd in dieser Konstellation sprechen die Trauernden dann das Kadisch.
Speaker AJa, das ist wohl eines der bekanntesten jüdischen Gebete und interessanterweise auch das am meisten missverstandene.
Speaker AWer sich den Text mal anschaut, stellt dieses Totengebet erwähnt den Tod mit keinem einzigen Wort.
Speaker BDas fand ich auch total überraschend.
Speaker BEs ist kein Text über das Sterben oder die Vergänglichkeit.
Speaker BEs ist eine Lobpreisung, die Gottes Namen heiligt und von Frieden spricht.
Speaker BUnd das in einem Moment, in dem die innere Welt des Trauernden ja komplett in Trümmern liegt.
Speaker ADas ist ein enormer Kontrast.
Speaker AMan spricht Worte des Friedens, während man innerlich vielleicht nur Wut, Chaos und Verzweiflung spürt.
Speaker APsychologen deuten das ja oft sehr spannend.
Speaker ADieses Gebet verlangt eben nicht von dir, dass du diese friedvollen Worte im Moment des Sprechens authentisch fühlst.
Speaker AEs erzwingt keine emotionale Übereinstimmung.
Speaker BNein, überhaupt nicht.
Speaker AEs funktioniert vielmehr wie so ein massives Geländer, wenn dein präfrontaler Kortex, also der Teil deines Gehirns, der für Planung und klare Gedanken zuständig ist, durch den Schock quasi offline geht, ja dann reduziert so ein fester Ritualtext die kognitive Last extrem.
Speaker ADu musst dir nichts Neues ausdenken.
Speaker ADu hältst dich an diesen alten Worten fest und sie führen dich durch den Tag, wenn der Boden unter deinen Füßen einfach nur wackelt.
Speaker BDie Metapher des Geländers trifft es wirklich perfekt.
Speaker BEs gibt Halt, ohne den Weg vorzugeben.
Speaker BUnd dieses Geländer zieht sich ja nicht endlos durch das Leben.
Speaker BHier zeigt sich für mich die ganze psychologische Weisheit dieser Sie gibt der formlosen, potenziell völlig grenzenlosen Trauer eine ganz klare zeitliche Struktur.
Speaker ADas heißt, die sieben Tage sind dann auch wirklich vorbei.
Speaker BGenau die Shiva markiert einen definierten Anfang direkt nach der Beerdigung, aber sie setzt eben auch ein erstes Ende.
Speaker BNach sieben Tagen stehen die Trauernden von ihren niedrigen Sitzen auf, sie ziehen wieder Räderschuhe an, sie verlassen das Haus und gehen vielleicht mal eine Runde um den Block.
Speaker BDas Leben klopft langsam wieder an, was
Speaker Afür viele wahrscheinlich ein wahnsinnig schmerzhafter Moment Die Realität bricht wieder herein und man muss anerkennen, dass die Welt sich tatsächlich weitergedreht hat.
Speaker AWarum ist denn diese harte Grenze von genau sieben Tagen aus psychologischer Sicht so wichtig?
Speaker BWeil der Mensch nicht ewig in einem Zustand des akuten Schocks verharren kann, ohne seelisch dauerhaft Schaden zu nehmen.
Speaker BDie Grenze schützt einfach davor, in der totalen Isolation dieser ersten Trauerphase steckenzubleiben.
Speaker BAber die Tradition ist klug genug, den Menschen danach nicht einfach ins kalte Wasser zu werfen.
Speaker BEs gibt sehr behutsame Übergänge.
Speaker AWie sehen die aus?
Speaker BAuf diese intensive Woche folgen die Schloschim, die 30 Tage.
Speaker BIn dieser Phase kehrt man schrittweise in den Alltag und zur Arbeit zurück.
Speaker BMan meidet aber noch große gesellschaftliche Feste oder Hochzeiten.
Speaker AEine Zeit der gedämpften Rückkehr sozusagen.
Speaker BGanz genau.
Speaker BUnd schließlich gibt es den jährlichen Todestag.
Speaker BDas ist wie ein fester Pfeiler im Kalender, der dir jedes Jahr aufs Neue leditiven Raum gibt.
Speaker BZu Heute darf ich mich erinnern, heute darf ich traurig sein.
Speaker AWenn man all das jetzt mal zusammennimmt, das Sitzen, die Kleidung, das Essen, das Schweigen, dann liegt der Kern der Shiva doch genau darin.
Speaker ADer Schmerz wird nicht kaschiert, er wird nicht mit Floskeln irgendwie optimiert oder weggedrängt.
Speaker AEr bekommt einen ganz konkreten physischen und zeitlichen Platz.
Speaker AEin Platz, der von festen, Ritualen und von einer schweigenden, mitfühlenden Gemeinschaft gehalten wird.
Speaker ADie Trauer darf bedingungslos sichtbar sein.
Speaker AMan darf sich in diesen ersten Tagen erlauben, klein zu werden, leise zu sein und die Kontrolle abzugeben.
Speaker AJa, und manchmal ist die Erkenntnis, dass man nichts tun muss, außer zu atmen, wahrscheinlich das Einzige, was in so einer Ausnahmesituation überhaupt noch hilft.
Speaker BWeißt du, wenn wir sehen, wie viel Kraft und wie viel psychologische Weitsicht in so einem klar umrissenen gemeinsamen Raum der Trauer liegt, dann frage ich mich zum Schluss, und das möchte ich dir, der uns gerade zuhört, einfach mal als Gedanken mitgeben.
Speaker BWie können wir in einer Welt, die fast ununterbrochen Optimismus, Resilienz und wahnsinnig schnelles Funktionieren von uns fordert, selbst wieder lernen, genau solche Räume für uns und für andere zu erschaffen?
Speaker BEin Raum, in dem man einfach sitzen bleiben darf, wenn im Leben gerade alles zerrissen ist.