Einer der tiefsten Instinkte, den wir als Menschen in uns tragen.
Speaker ADas ist es ja, jemanden, den wir lieben, zu füttern.
Speaker BHm, ja, total.
Speaker AWir kochen Hühnersuppe, wenn jemand krank ist.
Speaker AWir bringen Kuchen mit, um irgendwie Trost zu spenden.
Speaker AEssen bedeutet Leben.
Speaker BGenau, Fürsorge einfach richtig.
Speaker AEssen bedeutet Fürsorge.
Speaker AAber was ist, und das ist ein unglaublich schwerer Gedanke, was ist, wenn genau dieser absolute Liebesbeweis, also dieses Füttern am Ende eines Lebens, plötzlich das Gegenteil bewirkt?
Speaker APuh, Ja, was, wenn wir aus reiner Liebe etwas tun, das dem anderen eigentlich schadet?
Speaker BDas ist, das ist wirklich ein so schwerer Gedanke.
Speaker BWir sind kulturell und biologisch ja so sehr darauf programmiert, durch Nahrung am Leben festzuhalten, dass es sich.
Speaker BNaja, es fühlt sich völlig falsch an, damit aufzuhören.
Speaker AAbsolut.
Speaker BPrado.
Speaker BAn Demenzerkrankungen, wo der Abschied ja oft schon Jahre vorher in so winzigen Etappen begonnen hat, da klammert man sich an diese letzten greifbaren Handlungen der Fürsorge.
Speaker AJa, man will halt irgendwas tun.
Speaker BGenau.
Speaker AUnsere Intention heute ist es, diese körperliche und psychologische Sprache des Sterbens ein Stück weit zu entschlüsseln.
Speaker AAlso wenn du uns gerade zuhörst und vielleicht selbst am Bett eines geliebten Menschen sitzt oder weißt, dass dieser Moment irgendwann kommen wird, dann ist das hier für dich.
Speaker AWir wollen ganz ruhig hinsehen, was in dieser allerletzten Phase wirklich passiert.
Speaker ANicht um dich traurig zu machen, sondern um der Ungewissheit einfach den Raum zu nehmen.
Speaker BDas ist so wichtig.
Speaker AJa, weil wenn wir die Biologie verstehen, wenn wir wissen, warum der Körper sich so verhält, wie er sich verhält, dann verliert das Unbekannte oft diesen schrecklichen Schrecken.
Speaker BJa.
Speaker BÄrzte verwenden für den Beginn dieses Prozesses oft einen sehr klinischen Begriff.
Speaker BSie nennen das die Präterminalphase.
Speaker AOkay.
Speaker BAber wenn wir diese medizinische Sprache mal beiseite legen, bedeutet das im Grunde, der Körper beginnt sich langsam herunterzufahren.
Speaker BEr wird leiser.
Speaker AEr wird leiser, genau.
Speaker BUnd das passiert halt nicht über Nacht, sondern oft über Wochen oder sogar Monate.
Speaker ALass uns vielleicht genau da ansetzen bei diesem Leiserwerden.
Speaker AMan stellt sich Sterben ja oft als so einen plötzlichen Schalter vor, der zack umgelegt wird.
Speaker AAber bei Demenz ist das ja eher ein Ausschleichen.
Speaker AEs fühlt sich vielleicht an wie ein Radio, bei dem über Monate hinweg ganz, ganz langsam die Lautstärke heruntergedreht wird.
Speaker BEin sehr schönes Bild.
Speaker BJa.
Speaker AWas genau passiert da in dieser ersten Phase im Körper?
Speaker BDer Stoffwechsel verändert sich radikal.
Speaker BAlso es ist nicht einfach nur so, dass der Mensch ein bisschen schwächer wird, weil er älter ist.
Speaker BAuf zellulärer Ebene stellt der Körper seine ganzen Prioritäten um.
Speaker AWahnsinn.
Speaker BDie Mitochondrien, also die kleinen Kraftwerke in unseren Zellen, drosseln ihre Energieproduktion.
Speaker BDu beobachtest das dann als Angehöriger als eine massive Erschöpfung.
Speaker AMan sieht einfach, die Kraft geht weg.
Speaker BRichtig.
Speaker BDer Wachszustand wird kürzer, der Schlaf tiefer und länger.
Speaker BJede Bewegung, also selbst das bloße Aufrichten im Bett kostet plötzlich so viel Kraft wie ein Marathonlauf.
Speaker APuh.
Speaker BUnd was Angehörige oft am meisten Es kommt zu einem extremen Gewichtsverlust, einer wirklich starken Abmagerung.
Speaker AAber da muss ich direkt einhaken.
Speaker BJa, gerne.
Speaker AWenn der Mensch noch atmet, wenn das Herz schlägt und er vielleicht sogar ab und zu noch wach ist, dann verbraucht er doch Kalorien.
Speaker AWenn wir ihm jetzt Nahrung anbieten und er vielleicht sogar noch ein paar Löffel isst, warum magert er trotzdem so extrem ab?
Speaker ABeschleunigen wir da nicht einen Verfall, den wir eigentlich aufhalten könnten?
Speaker BDas ist genau der Trugschluss, dem wir alle so leicht erlegen.
Speaker BOK, wir denken an den Körper halt wie an einen Motor.
Speaker BWeißt du?
Speaker BBin 10 Reihen Leistung raus.
Speaker AJa, absolut logisch eigentlich.
Speaker BAber in dieser Phase funktioniert der Stoffwechsel völlig anders.
Speaker BWir nennen das Kashek Si.
Speaker BDer Körper geht in einen Zustand über, in dem er die angebotenen Nährstoffe von außen gar nicht mehr in Muskelmasse oder Fettdepots umbauen kann.
Speaker AEr kann es gar nicht mehr.
Speaker BNein, stattdessen beginnt er, sich selbst von innen heraus abzubauen, um die absolut essentiellen Funktionen aufrechtzuerhalten.
Speaker BDas ist eine hormonelle und immunologische Umstellung.
Speaker AAch krass.
Speaker BSelbst wenn du diesen Menschen jetzt hochkalorische Astronautenkost geben würdest, er würde weiter abmagern.
Speaker ADas zu verstehen, es ändert ja wirklich alles.
Speaker AIch kann mir vorstellen, dass genau an diesem Punkt bei Angehörigen eine brutale Schuldspirale einsetzt.
Speaker BOh ja, fast immer.
Speaker AMan steht da, sieht, wie der Vater oder die Partnerin immer schmaler wird und das Gehirn funkt.
Speaker ADoch ich pflege nicht gut genug ich mach hier irgendwas falsch.
Speaker BDiese Schuldgefühle sind fast allgegenwärtig.
Speaker BMan fühlt sich, als würde man versagen.
Speaker BAber die Biologie sagt uns hier etwas ganz Dieser Körper arbeitet gerade perfekt nach seinen eigenen neuen Regeln.
Speaker APerfekt nach neuen Regeln.
Speaker ADas ein starker Satz.
Speaker BEs ist kein Versagen der Pflege.
Speaker BEs ist der natürliche Bauplan des Lebensendes.
Speaker BUnd wenn wir akzeptieren, dass wir diesen Prozess durch mehr Essen einfach nicht aufhalten können, nimmt das einen enormen Druck aus der Situation.
Speaker AWenn der Körper also aktiv beginnt, Nährstoffe anders zu verwerten oder gar nicht mehr aufzunehmen, was passiert dann, wenn die Organe diese Zufuhr irgendwann komplett ablehnen?
Speaker ADas bringt uns ja in diese nächste, oft sehr intensive Zeit oder die Terminalphase.
Speaker BRichtig.
Speaker BWir sprechen hier von den letzten Tagen bis vielleicht wenigen Wochen vor dem Tod.
Speaker BDie Betroffenen sind jetzt meistens fast ausschließlich bettlägerig.
Speaker BUnd hier passiert genau das, was du vorhin in unserem Eingangsgedanken angesprochen Der Appetit und vor allem das Durstgefühl verschwinden vollständig.
Speaker AVollständig, ja.
Speaker BDas Gehirn, genauer gesagt der Hypothalamus, in dem unser Durstzentrum sitzt, schaltet diesen Impuls einfach ab.
Speaker BDer Mensch hat keinen Hunger und keinen Durst mehr.
Speaker AOK.
Speaker AAlso fehlender Hunger leuchtet mir nach dem, was du gerade über den Stoffwechsel erklärt hast, noch ein.
Speaker AAber Durst ohne Flüssigkeit vertrocknet der Mensch doch.
Speaker AIch meine, wenn ich selbst mal einen Tag zu wenig trinke, habe ich furchtbare Kopfschmerzen und einen extrem trockenen Mund.
Speaker BJa, natürlich.
Speaker AUnd verursachen wir da nicht unerträgliches Leid, wenn wir aufhören, Flüssigkeit zu geben?
Speaker BDas ist eine der wichtigsten Fragen überhaupt.
Speaker BUnd die Antwort der Palliativmedizin Faszinierend und unendlich tröstlich zugleich.
Speaker AOK.
Speaker AErzähl.
Speaker BWenn der Körper aufhört zu trinken, gerät er in eine leichte Dehydration.
Speaker BUnd diese Dehydration führt im Gehirn zur.
Speaker AAusschüttung von Endorphinen, also unseren körpereigenen Schmerzmitteln.
Speaker BExakt.
Speaker BEs entsteht eine milde Form der Ketose und dieser Zustand wirkt wie ein natürliches Narkosemittel.
Speaker BEr dämpft das Schmerzempfinden und sorgt oft für eine sehr friedliche Schläfrigkeit.
Speaker AWahnsinn.
Speaker ADas heißt, der Flüssigkeitsmangel ist gar nicht das Problem, sondern eigentlich die körpereigene Lösung, um den Übergang schmerzfrei zu machen.
Speaker BGenau das ist es.
Speaker BWenn wir jetzt aus unserem eigenen Bedürfnis heraus versuchen würden, dem Körper über eine Infusion oder ständiges Einflößen von Wasser viel Flüssigkeit aufzuzwingen, wir würden massiv stören, weil.
Speaker ADer Körper das gar nicht mehr verarbeiten kann.
Speaker BRichtig.
Speaker BDie Nieren arbeiten in dieser Phase kaum noch.
Speaker BDas Herz ist viel zu schwach, um viel Flüssigkeit durch den Körper zu pumpen.
Speaker BWo soll das ganze Wasser also hin?
Speaker BOh Gott, es sammelt sich im Gewebe.
Speaker BEs lagert sich in der Lunge ein.
Speaker BDie Folge wäre, dass der Mensch Atemnot bekommt.
Speaker BDas gut gemeinte Wasser wird dann buchstäblich zu Belastung.
Speaker ADas ist verrückt.
Speaker AWir würden aus reiner Liebe genau das Falsche tun.
Speaker BJa, aus einem Instinkt heraus.
Speaker AAber wie zeige ich denn dann meine Fürsorge?
Speaker AAlso wenn der Löffel Suppe oder das Glas Wasser wegfallen, wie pflege ich jemanden, der nichts mehr aufnehmen kann?
Speaker BDie Fürsorge wird jetzt viel mikroskopischer, viel feiner.
Speaker BDas Einzige, was durch die fehlende Flüssigkeit wirklich unangenehm wird, ist die Mundschleimhaut.
Speaker AAh, die trocknet aus.
Speaker BGenau.
Speaker BDie Liebe zeigt sich jetzt in der Mundpflege.
Speaker BMit kleinen Schwämmchen, die man in Wasser oder vielleicht den Lieblingstee des Betroffenen taucht, befeuchtet man ganz sanft die Lippen und den Mundraum.
Speaker ADas klingt sehr behutsam.
Speaker BIst es auch.
Speaker BVielleicht streicht man die Innenseite der Wangen mit etwas feuchter Gaze aus.
Speaker BDas lindert dieses Trockenheitsgefühl sofort, ohne den Organismus zu belasten.
Speaker BEs geht jetzt um reine Linderung.
Speaker BKeine Kalorien, kein Komm, du musst jetzt aber noch einen Schluck nehmen.
Speaker BNur da sein und lindern.
Speaker ADas nimmt wirklich unheimlich viel Druck raus, finde ich.
Speaker AMan darf aufhören, den anderen reparieren zu wollen.
Speaker BRichtig.
Speaker AMan darf einfach loslassen, Wenn wir diesen Faden mal weiterspinnen.
Speaker ADer Körper nimmt nichts mehr auf.
Speaker AEr drosselt die Energie.
Speaker ADas führt uns unweigerlich in die allerletzten Stunden oder Tage oder die Finalphase.
Speaker BJa.
Speaker BDer Körper muss jetzt radikale Entscheidungen treffen.
Speaker BDie Ressourcen sind fast aufgebraucht.
Speaker AOK.
Speaker BAlso konzentriert das autonome Nervensystem die gesamte verbleibende Durchblutung auf die Organe, die absolut überlebenswichtig das Herz, die Lunge und das Gehirn.
Speaker AWeißt du, ich stelle mir das gerade vor wie so ein Smart Home, bei dem der Akku fast leer ist.
Speaker BOh ja.
Speaker ADas System ist darauf programmiert, so lange wie möglich am Leben zu bleiben.
Speaker AAlso schaltet es in so einen Notstrommodus.
Speaker AEs dreht die Heizung in den Gästezimmern und Fluren ab.
Speaker AEs knipst das Licht im Garten aus, nur damit der zentrale Server im Keller noch ein paar Stunden weiterlaufen kann.
Speaker BEin fantastisches Bild, wirklich.
Speaker BUnd die Gästezimmer und Flure sind in diesem Fall unsere Hände, unsere Füße, unsere Arme und Beine.
Speaker ADie werden dann kalt.
Speaker BGenau.
Speaker BWeil das Blut aus diesen Extremitäten, also aus der Peripherie, abgezogen wird, werden sie spürbar kühl und die Haut verändert sich.
Speaker BMan sieht oft eine Marmorierung, medizinisch lividoreticularis genannt.
Speaker AWie sieht das aus?
Speaker BDas sind bläuliche, so netzartige Verfärbungen, besonders an den Beinen und Knien, weil das Blut in den kleinen Kapillaren nicht mehr richtig zirkuliert.
Speaker AEs gibt in diesem Zusammenhang ein Wort, das oft fällt und das unglaublich bedrohlich klingt.
Speaker ADas Todesdreieck.
Speaker BJa.
Speaker AAls ich das zum ersten Mal gehört habe, dachte ich, das wäre etwas an den Augen vielleicht brechende Augen oder sowas.
Speaker AWas genau ist das?
Speaker BNein, das Gesicht verändert sich durch den Blutabzug.
Speaker BDas Blut zieht sich auch aus den feinen Gefäßen der Gesichtshaut zurück und rund um die Nase und den Mund entsteht dadurch eine sehr auffällige, fahle, Blässe.
Speaker AAh, OK.
Speaker BDa die Haut dort ohnehin sehr dünn ist, zeichnet sich dann ein fast weißliches oder bläuliches Dreieck ab.
Speaker BGleichzeitig erschlafft die Muskulatur im Gesicht, der Kiefer fällt vielleicht leicht herab, die Wangen wirken eingefallen.
Speaker BUnd wenn man nicht versteht, dass das einfach nur das smarte Energiemanagement des Körpers ist, dann kann dieser Anblick einen zutiefst erschrecken.
Speaker ADa sind wir wieder bei dieser Ungewissheit am Anfang.
Speaker AWenn ich Ah, das ist der Notstrommodus, dann ist es nicht mehr gruselig, sondern eigentlich eine faszinierende biologische Meisterleistung.
Speaker BGenau.
Speaker AAber und da müssen wir ehrlich sein, es gibt ein Symptom in diesen letzten Stunden, bei dem ich mir vorstelle, dass alles rationale Wissen der Welt kaum hilft, um da nicht in Panik zu geraten.
Speaker BDu meinst die Atmung?
Speaker AJa, die Veränderung der Atmung, vor allem dieses Geräusch, dieses Rasseln, die Rasselatmung.
Speaker BJa.
Speaker BDas ist wahrscheinlich für Angehörige das am allerschwersten zu ertragende Symptom.
Speaker ADas glaube ich sofort.
Speaker BDie Atmung wird ohnehin unregelmäßig.
Speaker BEs gibt Phasen, da atmet der Mensch ganz flach und schnell.
Speaker BDann gibt es plötzliche Pausen.
Speaker BManchmal setzt der Atem für 15, 20 Sekunden aus.
Speaker ADa hält man doch als Angehöriger am Bett unwillkürlich selbst die Luft an.
Speaker BTotal.
Speaker BDu sitzt da und das war es.
Speaker BJetzt ist es vorbei.
Speaker BUnd dann kommt doch noch ein tiefer Atemzug.
Speaker AWahnsinn.
Speaker BUnd dieses Rasseln, das du ansprichst, das klingt oft so laut, als würde tief unten in der Lunge etwas brodeln.
Speaker AEs klingt für mich also allein die Vorstellung, als würde der Mensch ertrinken, als würde er ersticken und um jeden verdammten Atemzug kämpfen.
Speaker AJa, da muss man doch als Angehöriger den Drang haben, sofort den Notarzt zu rufen und irgendwie Schleim absaugen zu lassen.
Speaker BGenau diesen Drang haben ganz viele.
Speaker BAber hier müssen wir uns die Anatomie und die Neurologie ansehen.
Speaker BWarum rasselt es überhaupt?
Speaker BWir haben vorhin über die Erschlaffung der Muskulatur gesprochen.
Speaker BDas betrifft halt auch den Rachenraum, die Stimmbänder und den weichen Gaumen.
Speaker BGleichzeitig produzieren die Schleimhäute weiterhin normales Sekret, also Speicheln.
Speaker BBisschen Schleim.
Speaker AJa, das ist ja normal.
Speaker BRichtig.
Speaker BIm gesunden Zustand schlucken wir das unbewusst runter oder wir räuspern uns.
Speaker BDer sterbende Mensch macht das aber nicht mehr.
Speaker BDie Reflexe sind erloschen.
Speaker BDer Speichel sammelt sich also im hinteren Rachenraum.
Speaker BWenn nun die Atemluft über diesen Speichel streicht, fängt das Gewebe und das Sekret an zu vibrieren.
Speaker BDas ist physikalisch exakt derselbe Vorgang wie beim Schnarchen.
Speaker AAch krass.
Speaker ADas heißt, es ist gar nicht tief in der Lunge, wo der Sauerstoffaustausch stattfindet, sondern einfach nur oben im Hals meistens.
Speaker BJa, es ist ein oberflächliches Geräusch, das durch den Resonanzraum des Körpers nur wahnsinnig laut verstärkt wird.
Speaker AOK.
Speaker BUnd jetzt kommt das Wichtigste.
Speaker BDie Antwort auf deine Frage, ob der Mensch da erstickt oder kämpft?
Speaker BNein.
Speaker BDas Gehirn befindet sich zu diesem Zeitpunkt in einem tiefen, komatösen Dämmerzustand.
Speaker AEr spürt das also gar nicht.
Speaker BNein.
Speaker BDie Co Rezeptoren im Hirnstamm, die uns normalerweise Panik signalisieren würden, wenn wir keine Luft bekommen.
Speaker BDie sind längst unempfindlich geworden.
Speaker BDer Mensch hat keine Atemnot.
Speaker BEr spürt dieses Rasseln nicht wirklich nicht.
Speaker BGenauso wenig, wie ein lautschnarchender Mensch sein eigenes Schnarchen als quälend empfindet.
Speaker AWir leiden also am Bett tausendmal mehr als der Mensch, der dort liegt.
Speaker BAbsolut.
Speaker BEin Absaugen des Schleims wäre hier sogar ein massiver schmerzhafter Eingriff, der den Menschen unnötig stressen würde.
Speaker AOkay, das ist gut zu wissen.
Speaker BPalliativmediziner können Medikamente geben, die die Speichelproduktion etwas verringern, oder man verändert ganz sanft die Lagerung des Kopfes.
Speaker BAber primär ist dieses Rasseln kein Zeichen von Kampf, sondern das genaue Gegenteil, sondern es ist das Zeichen vollkommener muskulärer Entspannung.
Speaker AEs ist wirklich Wahnsinn, wie oft unsere Intuition uns in dieser Situation trügt.
Speaker AWir deuten Entspannung als Kampf.
Speaker AWir deuten das Ende von Hunger als Verhungern.
Speaker BJa, das ist tragisch, aber menschlich.
Speaker AWenn wir jetzt mal von der reinen Körperlichkeit in die innere Welt wechseln Jemand, der tief in einer Demenz steckt, dessen Gehirnstrukturen sich ohnehin schon stark verändert haben.
Speaker AWie nimmt so jemand diesen ganzen physischen Umbau wahr?
Speaker ASpürt er, mein Leben endet jetzt?
Speaker BDas ist eine Frage, die Angehörige extrem beschäftigt.
Speaker BWir können natürlich nicht in den Kopf eines Menschen schauen, aber aus der Neurologie, der Begleitung vieler tausend Sterbender, wissen Das abstrakte kognitive Konzept Ich werde sterben existiert in einer späten Demenz meist nicht mehr.
Speaker AOkay.
Speaker BDie Fähigkeit, in die Zukunft zu projizieren und sich selbst beim Verschwinden sozusagen zuzusehen, die ist verloren gegangen.
Speaker AEs ist also nicht diese philosophische Angst vor dem Tod, die wir vielleicht haben, wenn wir gesund sind.
Speaker BNein, eher nicht.
Speaker AAber irgendetwas müssen Sie doch spüren.
Speaker ADas Nervensystem meldet doch, dass alles zusammenbricht.
Speaker BRichtig?
Speaker BSie spüren die physische Veränderung massiv.
Speaker BSie spüren, dass die Organe nicht mehr so arbeiten, dass die Atmung schwerer wird, dass sich die Wahrnehmung verschiebt.
Speaker BEs ist eine tiefe, oft unbewusste körperliche Anspannung.
Speaker BDas Nervensystem feuert Signale, die das beschädigte Gehirn nicht mehr logisch einordnen kann.
Speaker BEs gibt keine Worte mehr dafür.
Speaker AEs ist als Sesemann gemeinsam in einem Raum, in dem das Licht immer dunkler wird.
Speaker ADer Betroffene weiß kognitiv vielleicht nicht mehr, was das Konzept Dunkelheit überhaupt bedeutet.
Speaker AEr kann nicht oh, die Sonne geht unter, wir müssen eine Lampe suchen.
Speaker BGenau.
Speaker AAber er spürt, dass sich die Schatten an den Wänden verändern.
Speaker AEr spürt, dass die Luft im Raum kühler wird.
Speaker AUnd unsere Aufgabe am Bett ist es dann nicht, ihm die Dunkelheit wegzuerklären.
Speaker ANein, wir können auch kein Licht mehr anmachen.
Speaker ADas Einzige, was wir tun können, ist, uns neben ihn zu setzen und seine Hand im Dunkeln zu halten.
Speaker BDas ist ein wirklich wunderbarer Vergleich.
Speaker BUnd diese Anspannung im Dunkeln, von der du sprichst, die zeigt sich oft in sehr speziellen Handlungen.
Speaker BMan nennt das terminale Unruhe oder Nesteln.
Speaker ANesteln, ja.
Speaker BDu siehst dann oft, wie Betroffene ununterbrochen an der Bettdecke zupfen, so kleine unsichtbare Fussel wegpicken oder ihre Kleidung greifen.
Speaker BEs wirkt wahnsinnig unruhig und getrieben.
Speaker APuh, das muss furchtbar schwer auszuhalten sein.
Speaker AMan möchte ja, dass sie Frieden finden und dann wühlen sie so verzweifelt herum.
Speaker AIst das Angst?
Speaker BEs ist meistens eine rein motorische Entladung, eine neurologische Reaktion auf die veränderte Körperchemie, also auf den sinkenden Sauerstoffgehalt im Blut oder auf Stoffwechselabbauprodukte, die das Gehirn reizen.
Speaker AOkay, also keine bewusste Verzweiflung.
Speaker BGenau, keine bewusste Verzweiflung.
Speaker BAuch hier helfen oft ganz leise Reize.
Speaker BMan muss sie nicht festhalten, sondern vielleicht einfach eine raue Struktur in die Hand geben, ein Handtuch oder ein Kuscheltier, an dem sie nesteln können.
Speaker BEtwas, das dem Gehirn einen sensorischen Fokus gibt.
Speaker ADu hast vorhin gesagt, wir können nur noch die Hand im Dunkeln halten.
Speaker ADiese Präsenz, dieses pure Dasein ist wahrscheinlich die größte Herausforderung.
Speaker BAbsolut.
Speaker AWir wollen ja immer etwas tun.
Speaker AWir wollen ein Medikament geben, ein Kissen aufschütteln, den Arzt rufen, aber einfach nur dazusitzen, diesen rasselnden Atem zu hören und die schwindende Wärme der Hand zu spüren, das verlangt einem alles ab.
Speaker BBegleitung am Lebensende ist ein emotionaler und physischer Ausnahmezustand für die Angehörigen.
Speaker BDein eigenes Nervensystem läuft auf Hochtouren.
Speaker ADas Adrenalin pumpt ja, man starrt wahrscheinlich nur noch auf den Brustkorb und wartet auf das Heben und Senken.
Speaker BGenau.
Speaker BMan hat diese irreale Angst, genau den einen Moment des Gehens zu verpassen, wenn man auch nur einmal kurz blinzelt.
Speaker AIch glaube, viele trauen sich nicht einmal auf die Toilette zu gehen, weil man denkt, wenn ich jetzt gehe und er in dieser Minute stirbt, dann bin ich ein schlechter Sohn, ne schlechte Tochter.
Speaker ADann hat er seinen letzten Atemzug allein gemacht.
Speaker BUnd genau das müssen wir ansprechen.
Speaker BSelbstfürsorge in dieser Situation ist kein Luxus.
Speaker BDu musst dir erlauben, den Raum zu verlassen.
Speaker BDu musst ans Fenster gehen, es weit aufreißen und tiefe Atemzüge kühler Luft in deine eigenen Lungen ziehen.
Speaker BDu darfst dir einen Kaffee holen.
Speaker AMan muss auch mal durchatmen.
Speaker BJa, du vor Erschöpfung neben dem Bett kollabierst.
Speaker AUnd es gibt doch auch dieses Phänomen, dass Menschen manchmal genau in dem Moment gehen, in dem der Angehörige kurz den Raum verlässt, oder?
Speaker BOh ja, das berichten Pflegekräfte in Hospizen und auf Palliativstationen immer und immer wieder.
Speaker AWirklich?
Speaker BJa.
Speaker BTagelang sitzt die Tochter am Bett, hält die Hand, wacht Tag und Nacht, dann geht sie für drei Minuten hinaus, um einen Tee zu holen und in genau diesen 3 Minuten hört das Herz auf zu schlagen.
Speaker BWahnsinn, das ist kein dummer Zufall und es ist erst recht kein Grund für Schuldgefühle.
Speaker AWie erklärst du dir das?
Speaker AHat das mit Loslassen zu tun?
Speaker BSehr wahrscheinlich.
Speaker BFür den Sterbenden bedeutet die permanente Anwesenheit der liebsten Menschen oft auch eine energetische Bindung, eine Art unbewusstes Festhalten für den anderen.
Speaker AAh OK.
Speaker BWenn diese Bindung für einen Moment den Raum verlässt, fällt ein Spannungsbogen ab.
Speaker BDer Mensch ist dann frei, endgültig zu gehen, ohne den geliebten Angehörigen den direkten Todes zumuten zu müssen.
Speaker BWow.
Speaker BEs ist manchmal fast wie ein letzter Akt der Rücksichtnahme.
Speaker BUnd wenn dir das passiert, darfst du das als tiefen Trost begreifen, nicht als Versagen.
Speaker AEin letzter Akt der Rücksichtnahme.
Speaker ADas gibt dem Ganzen wirklich eine völlig andere Perspektive.
Speaker AJa, wir haben jetzt so viel über die Biologie gesprochen, über die Zellen, das Atmen, das Loslassen.
Speaker AWenn man all das zusammennimmt, diese unglaubliche Logik des Körpers, wie er sich Schritt für Schritt selbst vom Netz nimmt, dann spüre ich da fast so Etwas wie Ehrfurcht.
Speaker BDem Körper zu vertrauen, ist das Schönste, was wir in dieser Zeit lernen können.
Speaker BWir haben in unserer modernen Gesellschaft einfach verlernt, dem Tod zuzusehen.
Speaker BWir sehnen als einen medizinischen Notfall, den es zu beheben gilt.
Speaker AStimmt.
Speaker BAber Sterben ist kein Notfall.
Speaker BSterben ist ein ebenso natürlicher physiologischer Prozess wie geboren werden.
Speaker BDer Körper weiß, wie das geht.
Speaker BEr hat dieses Programm tief in sich gespeichert.
Speaker BWenn wir aufhören, gegen dieses Programm anzukämpfen und dem Körper stattdessen einfach nur einen weichen, geschützten Rahmen für seinen Rückzug bieten, dann kann Sterben bei allem Schmerz auch wahnsinnig friedlich sein.
Speaker ADem Körper vertrauen, ihn machen lassen.
Speaker AWeißt du, wenn alle äußeren Reize wegfallen, wenn das Sehen schwindet, wenn der Hunger gestillt ist, weil es ihn nicht mehr gibt, wenn der Drang, irgendetwas zu tun, einer totalen Stille weicht, wenn nur noch das nackte Sein übrig bleibt, dann ist.
Speaker BDa nur noch Verbundenheit.
Speaker AGenau.
Speaker AUnd die Neurologie zeigt uns ja, dass der Hörnerv, also der auditorische Kortex im Gehirn erstaunlich robust ist.
Speaker BJa, das ist faszinierend.
Speaker AEr verarbeitet oft noch Reize, selbst wenn der Mensch längst in einem tiefen, komatösen Dämmerzustand ist.
Speaker ADas Gehör ist oft das Tor, das sich als allerletztes schließt.
Speaker AUnd das ist ein Gedanke, den ich dir, der uns jetzt zuhört, mit in den Tag oder in die Nacht geben möchte.
Speaker AWenn du irgendwann an so einem Bett sitzt, wenn das Rasseln leiser wird und du weißt, die Dunkelheit sinkt sich ganz sanft über den Raum, ja, und dieses eine letzte Tor zur Seele dieses Menschen steht noch einen kleinen Spalt breit offen.
Speaker AWas wäre das Letzte, dass du in diese Stille hineinflüstern würdest?