Hallo und herzlich willkommen.
Speaker BHallo.
Speaker AHast du dich schon mal gefragt, was eigentlich passiert, wenn die Worte einfach nicht mehr reichen, Wenn du einen Verlust erlebst und spürst, dass jeder Satz, wirklich jeder viel zu klein ist für das, was in dir vorgeht.
Speaker BJa, genau.
Speaker BÜber diesen Raum, diesen Raum jenseits der Worte möchten wir heute sprechen.
Speaker BWir wollen mal schauen, wie Kreativität, also das Malen, das Schreiben, das Formen mit den eigenen Händen, wie das zu einer leisen Begleiterin werden kann.
Speaker AEine Begleiterin, genau.
Speaker BWie sie uns helfen kann, dem unsagbaren Ausdruck zu verleihen und vielleicht einen Weg durch die Trauer zu finden.
Speaker ADas ist ein starker Gedanke, eine ehrliche Reform des Ausdrucks.
Speaker BJa.
Speaker ATrauer ist ja selten logisch oder geordnet.
Speaker ASie ist ja eher chaotisch, total widersprüchlich.
Speaker BAbsolut.
Speaker ADa existieren Liebe und Wut, Dankbarkeit und tiefer Schmerz direkt nebeneinander.
Speaker AUnd wenn man dann versucht, das in Worte zu, in eine saubere Geschichte, das funktioniert nicht.
Speaker AMan scheitert, weil Worte eine Ordnung verlangen, die es in diesem Gefühlswirbel einfach nicht gibt.
Speaker BGenau.
Speaker BUnd genau da setzt ja auch die Kunsttherapie an.
Speaker BKreativität wird da quasi als eine Art vorsprachliche Kommunikation verstanden.
Speaker AVorsprachlich, ja.
Speaker BAlso bevor wir gelernt haben, unsere Gefühle zu benennen und zu sortieren, hatten wir ja Impulse.
Speaker BSchreien, Lachen, uns Bewegen und kreatives Schaffen knüpft daran an ein Pinsel, ein Stück Ton.
Speaker BDie werden dann sozusagen zu einer Brücke.
Speaker AEine Brücke zwischen der inneren Welt und dem Außen.
Speaker BExakt.
Speaker BOhne den Filter der rationalen Sprache.
Speaker BEs erlaubt einen Ausdruck, der einfach sein darf.
Speaker BEr muss sich nicht erklären.
Speaker AAber funktioniert das denn für jeden?
Speaker AIch kann mir vorstellen, dass man vielleicht vor einer leeren Leinwand sitzt und sich durch diesen stummen Pinsel nur noch unfähiger fühlt.
Speaker BJa, das ist ein unglaublich wichtiger Punkt.
Speaker ASo eine zusätzliche Frustration.
Speaker BAbsolut.
Speaker BDer Schlüssel liegt darin, den Anspruch an ein Ergebnis komplett loszulassen.
Speaker AOK.
Speaker BEs geht nicht darum, ein Kunstwerk zu schaffen.
Speaker BEs geht nur um die Geste.
Speaker BEin wütendes Gekritzel auf einem Papier kann ehrlicher und heilsamer sein als ein perfekt gemaltes Bild.
Speaker AAlso der Druck muss weg.
Speaker BDer Druck muss weg.
Speaker BIn dem Moment, wo der wegfällt, etwas Schönes oder Sinnvolles produzieren zu müssen, kann diese Freiheit entstehen.
Speaker BEs geht darum, einer Farbe oder einer Form zu erlauben, für einen Moment das auszudrücken, was man selbst nicht sagen kann, Das leuchtet ein.
Speaker AAlso weg vom Ergebnis hin zum reinen Prozess.
Speaker AIn der Psychologie nennt man das ja Externalisierung, oder?
Speaker BGenau, das ist der Fachbegriff.
Speaker AIst das der Kern der Sache, dass man dem Gefühl eine Form gibt, es quasi aus sich herausholt und dann mit ein wenig Abstand betrachten kann?
Speaker BExakt.
Speaker BStell dir die Trauer mal wie eine innere Überflutung vor.
Speaker BDie Gedanken rasen, die Gefühle sind überwältigend, ungreifbar.
Speaker BUnd wenn man dann kreativ arbeitet, holt man dieses innere Chaos Stück für Stück nach außen.
Speaker BMan macht es sichtbar, fassbar auf einem Blatt Papier oder in einem Stück Ton.
Speaker APlötzlich liegt da etwas vor dir.
Speaker BJa.
Speaker BUnd du kannst es anschauen.
Speaker AUnd was genau bewirkt das?
Speaker AIch stelle mir vor, man kann dann vielleicht zum ersten Mal Ah, so sieht meine Trauer heute aus.
Speaker BGenau.
Speaker BUnd man kann vielleicht auch Veränderungen wahrnehmen.
Speaker AWie meinst du das?
Speaker BNaja, man schaut auf das Bild von gestern und sieht nur Dunkelheit, aber auf dem von heute ist vielleicht ein winziger, heller Fleck.
Speaker ADas gibt einem doch eine Art von ich will nicht sagen Kontrolle, aber vielleicht.
Speaker BHandlungsfähigkeit ist ein sehr gutes Wort.
Speaker BEs schafft eine sanfte Distanz.
Speaker BDu bist nicht mehr nur das Gefühl, sondern du hast ein Gefühl, das jetzt eine äußere Form angenommen hat.
Speaker AUnd das ist dynamisch.
Speaker BEs ist dynamisch.
Speaker BDu bist nicht mehr passiv den Wellen der Trauer ausgesetzt, sondern du gestaltest aktiv mit.
Speaker BDu kannst etwas übermalen, verändern, zerreißen, etwas Neues hinzufügen.
Speaker ADas ist ein fundamentaler Unterschied zu diesem Gefühl der Ohnmacht, das in der Trauer ja so oft da ist.
Speaker BJa, absolut.
Speaker BEs geht ja nicht darum, mit der Trauer fertig zu werden, sondern ihr einen Raum zu geben, in dem sie sich bewegen und verändern darf.
Speaker ALass uns das mal konkret machen.
Speaker AEs gibt ja ganz unterschiedliche kreative Wege.
Speaker AFangen wir doch mal beim Malen und Zeichnen an.
Speaker ADa hat mich eine Idee besonders berü Der Erinnerungsfarbkreis.
Speaker BJa, das ist eine wunderbare, sehr niederschwellige Methode.
Speaker AAlso auch für Leute, die von sich sagen, sie könnten gar nicht malen.
Speaker BGenau dafür.
Speaker BStatt zu versuchen, ein Porträt zu malen, was für die meisten ja eine viel zu hohe Hürde wäre, arbeitet man einfach nur mit Farben.
Speaker AWie funktioniert das?
Speaker BMan teilt einen Kreis in Segmente und weist jedem Segment eine Farbe zu.
Speaker BUnd diese Farbe steht für eine Eigenschaft, eine Erinnerung oder ein Gefühl, das man mit der Person verbindet.
Speaker BZum Vielleicht ein warmes Gelb für ihr Lachen, ein tiefes Blau für die gemeinsamen Gespräche, ein leuchtendes Grün für die Spaziergänge im Wald.
Speaker ASo entsteht ein sehr abstraktes, aber emotional unglaublich dichtes Porträt.
Speaker BGenau, das ganz ohne Worte auskommt.
Speaker AUnd ähnlich scheint es ja bei Collagen und Erinnerungsalben zu funktionieren.
Speaker ADa ist ja auch dieser physische Prozess des Ordnens und Schneidens und Klebens so zentral, oder?
Speaker BAbsolut.
Speaker BMan nimmt aktiv die Fragmente der Erinnerungen und Fotos, Briefe, vielleicht sogar Stoffreste von einem Kleidungsstück und fügt sie zu einem neuen Ganzen zusammen.
Speaker ADas ist ein bewusster Akt des Bewahrens und des Neuordnens.
Speaker BJa, man entscheidet, was nebeneinander kommt, was ins Zentrum rückt.
Speaker BMan gibt den Erinnerungen eine neue, liebevolle Form und entgeht der Gefahr, passiv von ihnen überrollt zu werden.
Speaker AIch frage mich aber, ob da nicht auch eine Gefahr drin steckt.
Speaker ABesteht nicht das Risiko, dass man sich so auf das schöne Gestalten konzentriert, dass man den eigentlichen Schmerz vermeidet, so eine Art Ästhetisierung der Trauer?
Speaker BDas ist eine absolut berechtigte Sorge.
Speaker BUnd Therapeuten betonen da auch immer, dass es genau darum geht, auch die hässlichen und schmerzhaften Aspekte zuzulassen.
Speaker BOkay, eine Collage muss nicht harmonisch sein.
Speaker BMan darf ein Foto zerreißen, man darf schwarze Farbe darüber malen.
Speaker AEs geht also darum, die ganze Bandbreite der Gefühle abzubilden.
Speaker BGenau.
Speaker BWenn man merkt, dass man nur noch versucht, eine schöne heile Welt zu basteln, ist das ein wichtiger Hinweis.
Speaker BVielleicht weicht man einem Teil des Prozesses aus.
Speaker BAuthentizität ist hier viel wichtiger als Ästhetik.
Speaker ADas ist ein guter Punkt.
Speaker AUnd was ist mit den Wegen, die noch direkter über die Hände gehen?
Speaker AAlso die Arbeit mit Ton, Holz oder Naturmaterialien?
Speaker BDas ist ein Weg, um wirklich aus dem Kopf herauszukommen, wenn die Gedanken einfach unaufhörlich kreisen.
Speaker BDas haptische Erleben, das Spüren des Materials, das erdet ungemein.
Speaker BDas kühle, formbare Gefühl von Ton, die raue Oberfläche von Holz.
Speaker AWas könnte man da zum Beispiel machen?
Speaker BMan könnte eine kleine Schale formen, um darin Erinnerungsstücke aufbewahren oder ein Symbol schnitzen.
Speaker BDas Besondere daran ist, dass die Hände oft einen eigenen Weg finden, so eine eigene Weisheit haben, während der Kopf nur noch im Chaos steckt.
Speaker AIch fand da das Beispiel eines Mandalas aus Naturmaterialien sehr stark.
Speaker AMan sammelt, was man in der Natur Blätter, Steine, Blüten, legt daraus ein vergängliches.
Speaker BKunstwerk und überlässt es dann wieder dem Wind und dem Wetter.
Speaker AJa, das scheint mir ein kraftvolles Symbol für das Leben und die Trauer selbst zu sein.
Speaker AMan würdigt den Moment und lässt ihn dann bewusst wieder los.
Speaker BGenau.
Speaker BEs ist eine Übung in Akzeptanz der Vergänglichkeit.
Speaker BEnglisch kann auch die Fotografie wirken.
Speaker BViele Trauernde können eine Zeit lang keine alten Fotos ansehen.
Speaker BDer Schmerz ist zu groß, aber das bewusste Machen neuer Bilder kann helfen.
Speaker BBilder von Orten, die wichtig waren, Bilder von Lichtstimmungen, die einen an die Person erinnern.
Speaker BEs ist ein aktiver Prozess, die eigene veränderte Wahrnehmung der Welt festzuhalten.
Speaker AUnd natürlich das Schreiben auch da geht es ja nicht um den perfekten Text.
Speaker ABesonders die Idee eines Wortteppichs fand ich interessant.
Speaker AAlso nicht ganze Sätze, sondern nur eine Sammlung von Stichworten, Erinnerungen, Gerüche, Orte, typische Sätze, Gesten, wie ein Mosaik aus Worten, das ein ganzes Leben einfängt.
Speaker BAll diese Wege haben eines Sie stoßen einen inneren Prozess an.
Speaker AWas passiert da genau?
Speaker BNaja, es gibt Studien, die zeigen, dass kreative Betätigung selbst für nur 15 Minuten die Aktivität in unserem Planungs und Analysezentr.
Speaker AIm Gehirn reduziert, im präfrontalen Kortex.
Speaker BGenau.
Speaker BUnd gleichzeitig werden die Areale für Emotionen und Sinneswahrnehmungsstärke angesprochen.
Speaker BDas holt einen buchstäblich aus dem Kopf und bringt einen ins Hier und Jetzt.
Speaker BEs ist wie eine kleine Insel der Achtsamkeit in einem stürmischen Meer.
Speaker AUnd es scheint auch ein sicheres Ventil zu sein.
Speaker AGefühle wie Wut oder eine unbändige Anspannung sind ja normal, aber gesellschaftlich oft unerwünscht.
Speaker AMan weiß nicht, wohin damit.
Speaker BUnd im kreativen Prozess dürfen sie sein.
Speaker BDu darfst wütend auf die Leinwand malen, du darfst kratzen, übermalen, ein Blatt Papier zerknüllen.
Speaker AEs ist ein geschützter Raum, ein geschützter.
Speaker BRaum, in dem diese starken Energien sich bewegen dürfen, ohne jemanden zu verletzen, auch nicht sich selbst.
Speaker AUnd dabei geschieht oft unbemerkt eine leise Transformation, oder?
Speaker BJa, genau so wie sich ein leeres Blatt füllt oder ein Klumpen-Ton eine Form annimmt.
Speaker BIst ja auch die Trauer in ständiger Bewegung.
Speaker BDas wird im kreativen Prozess manchmal sichtbar.
Speaker AWie meinst du das?
Speaker BVielleicht beginnst du ein Bild mit ganz dunklen, schweren Farben und ein paar Tage später spürst du den Impuls, einen winzigen, hellen Akzent zu setzen.
Speaker AAber das ist kein Beweis für einen Fortschritt, oder?
Speaker ADas ist ja oft der Trugschluss, dass man die Trauer irgendwie überwinden muss.
Speaker BAuf keinen Fall.
Speaker BEs sind eher Spuren, Spuren von Lebendigkeit.
Speaker BSie zeigen, dass sich etwas bewegt, dass die Trauer sich wandelt, so wie das Leben selbst.
Speaker AEs geht nicht darum, dass es besser wird.
Speaker BNein, sondern dass es sich verändert.
Speaker BUnd diese Beobachtung, ganz ohne sie zu bewerten, führt zu einer tieferen Selbstwahrnehmung.
Speaker BMan spürt, wo im Körper sitzt die Spannung Welche Farben wähle ich heute intuitiv.
Speaker BDas ist ein zarter Schritt in Richtung Akzeptanz.
Speaker ANicht im Sinne von es ist gut.
Speaker BSo, sondern sondern im Sinne es ist gerade so und ich darf damit da sein.
Speaker ADas klingt alles sehr heilsam, aber vielleicht sitzt du jetzt da und ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll.
Speaker AIch bin doch nicht kreativ.
Speaker BDieses Gefühl kennen viele.
Speaker AWas wäre denn so ein erster ganz einfacher Schritt?
Speaker BEin sehr guter Anfang, der keinerlei Talent erfordert, ist ein Farbtagebuch der Trauer.
Speaker AEin Farbtagebuch.
Speaker BDu nimmst dir ein einfaches Heft und gestaltest jeden Tag eine Seite nur mit Farben, ohne nachzudenken.
Speaker BEinfach die Stifte nehmen, die sich richtig.
Speaker AAnfühlen, egal was dabei rauskommt.
Speaker BVöllig egal, ob du Flächen malst, Linien ziehst oder nur Punkte setzt.
Speaker BMit der Zeit entsteht so ein stilles, sehr ehrliches Tagebuch deiner inneren Landschaften.
Speaker AOder die Idee einer Erinnerungsbox.
Speaker ADie kam ja auch oft vor.
Speaker BJa, man nimmt einen einfachen Schuhkarton oder eine Holzkiste, gestaltet sie vielleicht und füllt sie nach und nach womit mit Fotos, Zitaten, gefundenen Steinen, kleinen Andenken.
Speaker BSo schafft man einen ganz persönlichen, sichtbaren Ort für die Erinnerung.
Speaker BEin Ort, den man bewusst aufsuchen kann, wenn man das Bedürfnis hat, der sonst geschützt ist.
Speaker AUnd ganz wichtig ist ja auch der Du musst diesen Weg nicht alleine gehen.
Speaker BAbsolut.
Speaker BWenn die Frustration überwiegt oder die Gefühle einfach zu überwältigend sind, kann professionelle Unterstützung wie eine Kunsttherapie sehr hilfreich sein oder auch Gruppenworkshops.
Speaker AWas passiert in so einem geschützten Raum, was zu Hause vielleicht nicht möglich ist.
Speaker BEs entsteht oft ein besonderes Gefühl der Verbundenheit.
Speaker BJeder arbeitet für sich an seinem eigenen Prozess.
Speaker BAber man ist in einem Raum mit anderen, die Ähnliches durchleben.
Speaker AMan muss also nicht reden.
Speaker BNein, es gibt keine Notwendigkeit zu reden.
Speaker BManchmal reicht schon ein Blick auf das Werk einer anderen Person, um zu spüren, ich bin mit diesem Gefühl nicht allein.
Speaker BMan wird nicht bewertet, es wird nichts interpretiert und es ist Platz für alles, für Stille, für Tränen, aber vielleicht auch für ein leises Lachen über eine geteilte Erinnerung.
Speaker BMan erlebt, dass Trauer viele Gesichter hat.
Speaker AAm Ende ist die Trauer also wirklich ein Weg, für den es keine Landkarte gibt.
Speaker AUnd die Kunst ist ja, sie ist kein Heilmittel, das alles wiedergibt.
Speaker ANein, sie ist eher eine leise, aber treue Begleiterin.
Speaker ASie gibt dem, was in uns lebt und wofür uns die Worte fehlen, eine Form und eine Stimme.
Speaker BJa, genau das ist der Kern.
Speaker BEs geht nicht um das fertige Werk, sondern um die Geste.
Speaker BEin Strich auf einem Papier, ein Wort, das man aufschreibt, Ein Stein, den man aufhebt.
Speaker AKleine bewusste Akte des Gestaltens.
Speaker BGenau.
Speaker BUnd die können ein Anker sein, wenn so vieles im Leben unveränderbar und endgültig erscheint.
Speaker BSie sind ein leises Zeichen der eigenen Lebendigkeit und der Fähigkeit, auch im Schmerz noch etwas in die Welt zu bringen.
Speaker AUnd vielleicht ist das eine Frage, die du für dich mitnehmen kannst.
Speaker AWenn deine Trauer heute eine Farbe oder eine Form hätte, welche wäre das ganz.
Speaker BOhne sie zu bewerten?
Speaker BJa, einfach nur, um sie für einen Moment wahrzunehmen.