Hast du dich schon einmal gefragt, was am Ende wirklich bleibt?
Speaker AAlso wenn die Zeit auf einmal ganz still wird, wenn die ganze Hektik des Alltags abfällt und man am Bett eines geliebten Menschen sitzt, Man hört vielleicht nur noch den eigenen Atem oder das leise Ticken einer Uhr im Flur.
Speaker BJa, und plötzlich schrumpft die ganze laute Welt da draußen auf dieses eine meistens ja sehr gedimmte Zimmer zusammen.
Speaker AGenau das.
Speaker ADas ist ein Moment, der sich oft anfühlt, als würde er, naja, komplett außerhalb unserer normalen Realität stattfinden.
Speaker BAbsolut.
Speaker BDer Raum verdichtet sich irgendwie.
Speaker BAlles Alltägliche, jede Deadline, jeder noch so wichtige Termin, das fällt alles komplett ab.
Speaker AEs bleibt nur noch diese sehr intensive, extrem greifbare Gegenwart.
Speaker AJa, und genau darüber wollen wir heute sprechen, weil wir uns gefragt haben, wie dieser Abschied am Sterbebett eigentlich gelingen kann, Wie letzte Worte und Gesten ihren Platz finden können, ohne dass man das Gefühl hat, man muss jetzt in wenigen Minuten ein ganzes komplexes Leben perfekt zusammenfassen, was.
Speaker BJa ohnehin unmöglich ist.
Speaker AEben, es geht uns heute vor allem darum, diesen immensen Druck herauszunehmen.
Speaker ADen Druck, den wir uns in diesen ohnehin schon unfassbar schweren Momenten oft selbst machen.
Speaker BDieser Druck ist aber auch so zutiefst menschlich.
Speaker BMan sieht das immer wieder, dass Angehörige regelrecht in Panik geraten, weil sie naja, alles richtig machen wollen, weil es eben.
Speaker ADas letzte Mal ist.
Speaker BGenau.
Speaker BAber genau dieser Anspruch auf Perfektion, diese Suche nach dem magischen, filmreifen Moment, das steht uns eigentlich massiv im Weg und letztlich auch dem Sterbenden.
Speaker ADas ist ein guter Punkt mit den Filmen.
Speaker AIch glaube, unsere Popkultur vermittelt uns da ein völlig unrealistisches Bild.
Speaker ADa gibt es immer diese großen Abschiedsreden.
Speaker BOh ja, mit dramatischer Streichermusik im Hintergrund.
Speaker ARichtig.
Speaker AJemand richtet sich noch einmal im Kissen auf, sagt diesen einen alles verändernden Satz und alle lebenslangen Konflikte sind zack in.
Speaker BSekundenbruchteilen gelöst, was in der Realität fast nie passiert.
Speaker AEben, die Realität ist meistens viel leiser, viel schlichter.
Speaker AOft ringt man um Worte oder es gibt schlichtweg gar keine Worte mehr.
Speaker AUnd da frage ich Wo fängt man in so einem überwältigenden Moment überhaupt an, wenn die Realität einfach null zum Hollywood Bild passt?
Speaker BNaja, eigentlich fängt man genau dort an, wo man gerade ist.
Speaker BBei der puren, uneingeschränkten Präsenz.
Speaker ADas klingt jetzt natürlich erstmal sehr, sehr simpel.
Speaker BIch weiß fast schon zu simpel.
Speaker AJa, genau.
Speaker BAber dieses Konzept der uneingeschränkten Präsenz ist psychologisch und auch neurologisch betrachtet das kraftvollste, was wir am Ende eines Lebens überhaupt geben können.
Speaker AOK, aber was heißt das konkret?
Speaker BEs geht eben nicht darum, etwas aktiv zu leisten.
Speaker BDu musst keine Aufgabe abhaken oder eine Rede halten.
Speaker BEs ist ein stilles, aber hochwirksames Angebot an den anderen Ich bin da, ich teile mich für diesen Moment nicht auf.
Speaker AWarte, da muss ich direkt mal reingrätschen.
Speaker BGerne.
Speaker ADas klingt in der Theorie wunderschön und irgendwie erhaben, aber in der Praxis Ich stelle mir das vor, Ich sitze an diesem Bett und mein Kopf rattert doch ununterbrochen.
Speaker BOh ja, absolut.
Speaker AIch hat der Schmerzen, muss ich sofort den Arzt rufen?
Speaker ATropft diese Infusion noch richtig?
Speaker AWie zum Teufel soll ich diese reine Präsenz erreichen und meine Ängste einfach abschalten?
Speaker AIst das nicht ein völlig unmöglicher Anspruch?
Speaker BDas ist ein exzellenter Punkt und eine sehr reale Hürde.
Speaker BAber der Schlüssel Es geht gar nicht darum, die Angst abzustellen.
Speaker ANicht?
Speaker BNein, Das kann unser Gehirn in so einer extremen Stresssituation gar nicht.
Speaker BDein sympathisches Nervensystem läuft auf Hochtouren.
Speaker BEs schüttet Cortisol und Adrenalin aus.
Speaker AMan ist quasi im Überlebensmodus.
Speaker BGenau Worauf es ankommt, ist vielmehr die Entscheidung, diese kreisenden Gedanken für einen Moment bewusst nicht zur Handlung werden zu lassen.
Speaker BEs geht um Co Regulation, Koregulation.
Speaker ADas musst du genauer erklären.
Speaker BAlso wenn wir am Bett sitzen und innerlich rotieren, überträgt sich diese nervöse Energie oft auf den Sterbenden.
Speaker ASelbst wenn wir gar kein Wort sagen.
Speaker BAha, unser Atem ist flach, unsere Körperspannung ist extrem hoch.
Speaker BDie uneingeschränkte Präsenz beginnt also bei uns selbst.
Speaker BIndem wir unseren eigenen Atem bewusst vertiefen, langsamer werden, signalisieren wir dem autonomen Nervensystem des Hier ist Sicherheit.
Speaker AVerstehe.
Speaker ADas erinnert mich stark an eine Situation, die vielleicht viele von uns kennen.
Speaker ADieses gemeinsame Warten in einem Wartezimmer, bevor man eine schwere Diagnose bekommt.
Speaker BOh ja, sehr gutes Bild.
Speaker ADa sitzt man nebeneinander.
Speaker ADie Angst ist förmlich greifbar im Raum, aber man muss nicht ununterbrochen reden, um Trost zu spenden.
Speaker AManchmal macht hektisches Reden ja alles nur noch schlimmer.
Speaker AMeistens sogar die bloße körperliche Präsenz.
Speaker ADie Tatsache, dass da jemand neben einem ruhig atmet, das ist doch der eigentliche Anker, oder?
Speaker BAbsolut treffend.
Speaker BUnd am Sterbebett wird das wie plötzlich viel wichtiger als das, was Nähe entsteht da nicht durch hektische Aktionen, sondern durch pure Verlässlichkeit.
Speaker AAber wie drücke ich das physisch aus?
Speaker AIch meine, kann man da nicht auch unabsichtlich überfordern?
Speaker BOh ja, und da wird's biologisch wahnsinnig faszinierend.
Speaker BMan denkt ja instinktiv, man muss den geliebten Menschen jetzt fest in den Arm nehmen oder ihm ständig Küsse auf die.
Speaker AStirn geben, weil man seine Liebe zeigen will.
Speaker BRichtig.
Speaker BAber der Körper eines sterbenden Menschen verändert sich drastisch.
Speaker BEs gibt da in der Palliativmedizin das.
Speaker APhänomen der Hyperästhesie, also eine Art Überempfindlichkeit.
Speaker BGenau.
Speaker BDas periphere Nervensystem zieht sich sozusagen zurück.
Speaker BDie Durchblutung in den Extremitäten nimmt ab.
Speaker BDas führt dazu, dass Berührungen völlig anders verarbeitet werden.
Speaker AAnders im Sinne von unangenehm.
Speaker BJa.
Speaker BEin plötzlicher Kuss auf die Stirn, besonders wenn er ohne Vorwarnung kommt, kann das Nervensystem regelrecht erschrecken, weil der Körper den Reiz nicht mehr sanft filtern kann.
Speaker AWahnsinn.
Speaker BEs kann in manchen Fällen sogar körperliche Schmerzen verursachen.
Speaker AWarte, weil die Sinne sich verändern und von außen nach innen fokussieren.
Speaker ADas heißt, meine gut gemeinte feste Umarmung ist für dieses sensible Nervensystem in dem Moment vielleicht wie ein lauter Knall.
Speaker BGanz genau so kann man sich das vorstellen.
Speaker BDie Sensibilität der Haut verändert sich enorm.
Speaker BManche Stellen können plötzlich wund oder extrem schmerzempfindlich sein.
Speaker ADas ist Das ist irgendwie gut zu wissen, aber auch erschreckend.
Speaker BDeshalb gilt in der Palliativpflege oft der Weniger ist mehr.
Speaker BManchmal ist eine ruhige Hand, die einfach nur sanft auf der Bettdecke liegt, eine viel stärkere und sicherere Geste als direkte Hautberührung.
Speaker BMan berührt vielleicht ganz behutsam den Handrücken und wenn man unsicher ist, bleibt man über der Decke oder kündigt die Berührung leise an.
Speaker BDas Kernprinzip lautet eigentlich Mitgehen statt ziehen.
Speaker AMitgehen statt ziehen.
Speaker ADas ist ein wirklich starker Satz.
Speaker AAber was passiert wenn dieser Weg, den man da mitgeht, plötzlich in absolute Stille mündet.
Speaker BJa, die Stille.
Speaker ADas ist nämlich noch so eine menschliche Angst.
Speaker AWas ist, wenn man da sitzt, die Hand auf der Decke und die Stille im Raum wird einfach ohrenbetäubend.
Speaker BDas ist extrem schwer auszuhalten.
Speaker AUnser Instinkt schreit doch förmlich danach, Lücken zu füllen.
Speaker AMan hat diesen panischen Drang, etwas sagen zu müssen, weil man Die Zeit läuft ab.
Speaker AIch muss diese verdammte Stille irgendwie durchbrechen.
Speaker AWie hält man das aus?
Speaker BDiese Cognitive ist gewaltig.
Speaker BWir empfinden Stille in unserer Gesellschaft ja fast immer als Defizit, als etwas, das quasi repariert werden muss.
Speaker AJa, genau.
Speaker BSchweigen ist unangenehm, aber hier braucht es einen radikalen Perspektivwechsel.
Speaker BWir müssen unsere Erwartungen an diese ominösen letzten Worte massiv senken.
Speaker AWir glauben halt, wir müssten jetzt hochphilosophische Dinge sagen.
Speaker BRichtig.
Speaker BAber die tragfähigsten Sätze sind oft die simpelsten.
Speaker AWas wären denn solche Sätze, die in so einem Moment wirklich tragen?
Speaker BEinfache, klare Wahrheiten.
Speaker BSätze, die das Gehirn ohne große kognitive Leistung verarbeiten kann.
Speaker BSowas wie Ich bin hier oder Ich halte deine Hand oder auch Es ist okay, wenn du müde bist.
Speaker ADas nimmt so viel Druck raus.
Speaker BTotal.
Speaker BUnd was das Aushalten der Stille betrifft, da gibt es unglaublich faszinierende medizinische Erkenntnisse über das menschliche Gehirn am Lebensende.
Speaker ADu meinst in Bezug auf das Hören, oder?
Speaker BGenau.
Speaker BEs wurden Hirnströme von sterbenden Patienten gemessen, die äußerlich völlig reaktionslos, also eigentlich tief bewusstlos wirkten.
Speaker BUnd das Ergebnis war, dass dass der auditorische Kortex, also das Hörzentrum im Gehirn, oft bis ganz zum Schluss noch auf vertraute Stimmen und Geräusche reagiert.
Speaker ADas ist unglaublich.
Speaker BDas Gehör ist der Sinn, der am längsten wach bleibt.
Speaker ADas bedeutet also für Auch Wenn der Mensch nicht mehr reagiert, dürfen wir niemals vom Nicht mehr ausgehen.
Speaker BExakt.
Speaker AWeil wenn wir vom Nicht mehr ausGEHEN, also wir sagen, er spricht nicht mehr, er schaut mich nicht an, da ist nichts mehr.
Speaker ADas erzeugt doch diese furchtbare Hilflosigkeit.
Speaker BJa, und es isoliert beide Seiten komplett.
Speaker AWenn wir aber den Fokus auf das noch darlegen, also der Mensch atmet noch, sein Gehirn verarbeitet noch meine Stimme, unsere Geschichte ist noch im Raum, dann ändert sich die ganze Haltung Absolut.
Speaker BDu kannst dann einfach mit ganz ruhiger Stimme beschreiben, was du gerade tust.
Speaker BIch setze mich jetzt zu dir oder ich bleibe noch ein bisschen.
Speaker ADas gibt ihm Orientierung.
Speaker BJa, ihm Orientierung im Raum und es verankert dich selbst.
Speaker BUnd falls der Mensch doch noch spricht, ist aktives Zuhören das Wichtigste.
Speaker AUnd das heißt in diesem Kontext wahrscheinlich nicht sofort Lösungen anbieten, oder?
Speaker BGenau.
Speaker AIch merke das ja an mir selbst im Alltag.
Speaker AWenn mir jemand etwas Schweres erzählt, will ich ihm die Schwere sofort abnehmen.
Speaker AIch will das Problem reparieren.
Speaker AIch sage das wird schon wieder.
Speaker ASo schlimm ist es doch gar nicht.
Speaker BJa, wir alle haben diesen Reflex.
Speaker BAber am Sterbebett ist diese Problemlösung völlig fehl am Platz.
Speaker AWas macht man stattdessen?
Speaker BDen Raum für die Wahrheit halten.
Speaker BGefühle spiegeln ist hier das Zauberwort.
Speaker AGefühle spiegeln.
Speaker BJa.
Speaker BWenn der Sterbende Angst äußert, führt ein Du musst keine Angst haben.
Speaker BNur dazu, dass er sich mit seiner Angst allein gelassen fühlt.
Speaker AStimmt, weil man die Angst quasi abwertet.
Speaker BGenau.
Speaker BEs ist viel heilsamer zu Das klingt unheimlich schwer.
Speaker BIch höre, dass dich das gerade sehr beschäftigt.
Speaker BWir müssen einfach lernen, Pausen zuzulassen und keine Lösungen zu erzwingen.
Speaker ADas bringt mich zu einem Aspekt, der mich wirklich viel zum Nachdenken gebracht hat.
Speaker AUnd wahrscheinlich ist es der schwierigste Punkt überhaupt.
Speaker BWelchen meinst du?
Speaker ANaja, wir haben ja alle unser Päckchen zu tragen.
Speaker AJede Beziehung, egal wie liebevoll sie war, hat Risse, alte Wunden, Dinge, die nie ausgesprochen wurden.
Speaker AWas machen wir mit all diesen ungelösten Konflikten am Sterbebett?
Speaker BDas ist ein sehr gewichtiges Thema.
Speaker AIch habe mir dein Bild ausgedacht.
Speaker AFür mich fühlt es sich so an, als würde man ein letztes Mal gemeinsam sanft einen Raum aufräumen, bevor man ihn abschließt und für immer verlässt.
Speaker BEin sehr schönes Bild.
Speaker AEs geht in diesem Moment nicht mehr darum, das ganze verdammte Haus komplett zu renovieren, also die Vergangenheit zu reparieren, jeden alten Streit aufzuarbeiten oder die Wände neu zu verputzen.
Speaker AEs geht eigentlich nur noch darum, grob Staub zu wischen, das Fenster zu öffnen und, naja, Frieden einziehen zu lassen.
Speaker BDas ist eine brillante Metapher.
Speaker BUnd sie trifft den psychologischen Kern perfekt.
Speaker BDu renovierst nicht mehr.
Speaker BWenn du jetzt anfängst, alte Konflikte tiefenpsychologisch aufzubrechen, erzeugst du nur Lärm und Dreck?
Speaker AMan macht es nur schlimmer.
Speaker BJa, du erhöhst den Stresslevel und die kognitive Belastung des Sterbenden ins Unermessliches.
Speaker BZartheit ist hier extrem wichtig.
Speaker AUnd wie sieht dieser Staubwedel dann in der Praxis aus?
Speaker BOft ist es ein extrem simpler, ein aufrichtiges Es tut mir leid oder ich verzeihe dir.
Speaker BUnd es gibt einen Satz, den viele in der Sterbebegleitung für den vielleicht entlastendsten überhaupt Du musst nichts mehr tragen.
Speaker AWow, du musst nichts mehr tragen.
Speaker ADa fällt ja förmlich schon beim Zuhören eine physische Last ab.
Speaker BJa, weil es die ultimative Freisprechung von allen weltlichen Erwartungen ist.
Speaker BEs löscht alte familiäre Schulden, emotionale Verpflichtungen, einfach diesen ganzen Druck, stark sein zu müssen.
Speaker ADas ist ja berührend.
Speaker BAber es gibt hier eine Falle.
Speaker BWir dürfen diese Sätze sagen, aber wir dürfen absolut keine Antwort erwarten.
Speaker ADas heißt, ich spreche es aus, aber ich muss es aushalten, dass der andere mir nicht mehr die Absolution erteilt, Dass da kein großes Ich verzeihe dir auch alles ist gut mehr zurückkommt.
Speaker BRichtig.
Speaker BManchmal erleben wir so ein plötzliches, kurzes Aufklären kurz vor dem Tod, wo solche Gespräche möglich sind.
Speaker BAber darauf dürfen wir nicht pochen.
Speaker BMeistens fehlen schlicht die Kapazitäten für solche komplexen Interaktionen.
Speaker AEr ist vielleicht schon zu weit weg.
Speaker BGenau.
Speaker BVielleicht hat der Weg nach innen schon so weit begonnen, dass diese irdischen Konflikte überhaupt keine Bedeutung mehr haben.
Speaker BDu sprichst es aus, um den Raum zu reinigen, nicht um eine Transaktion abzuschließen.
Speaker AVerstehe.
Speaker ADas führt mich aber zu einem logischen Folgeproblem.
Speaker AWas ist, wenn mir selbst komplett die Worte fehlen?
Speaker AWenn mich die Situation so überwältigt, dass mein Gehirn streikt und ich gar keinen klaren Gedanken mehr fassen kann, geschweige denn so einen tiefen Satz formulieren.
Speaker BDa sind Rituale ein faszinierender und extrem hilfreicher Ausweg.
Speaker AAber wie gehe ich damit um, wenn der Sterbende und ich völlig unterschiedliche Überzeugungen haben?
Speaker ANehmen wir an, er war tief religiös, ich bin aber Atheist, oder ich weiß gar nicht, ob er ein Ritual möchte.
Speaker BRituale sind in erster Linie kognitive Skripte.
Speaker BWenn unser Verstand von Trauer überflutet ist, geben Rituale uns und dem Sterbenden einen vertrauten Rhythmus ein Gerüst, an dem wir uns festhalten können.
Speaker ADas ergibt absolut Sinn.
Speaker AEs nimmt mir die Last, selbst kreativ werden zu müssen.
Speaker BGanz genau.
Speaker BDas kann was Religiöses sein, wie das Vorlesen eines Psalms.
Speaker BEs Es kann aber auch völlig weltlich sein.
Speaker AAllvertrautes Gedicht vielleicht.
Speaker BJa.
Speaker BOder du zündest eine Kerze an, wenn das erlaubt ist.
Speaker BDu spielst ein bestimmtes Musikstück ab.
Speaker BWichtig ist Orientiere dich an dem, was dem Sterbenden früher Halt gegeben hat, nicht an dir selbst.
Speaker AUnd wie umschiffe ich die Gefahr, den anderen damit zu überrumpeln?
Speaker BDurch behutsames Ankündigen.
Speaker BEin leises Darf ich dir etwas vorlesen?
Speaker BReicht völlig.
Speaker BWenn keine Antwort kommt, tastest du dich vorsichtig vor.
Speaker AUnd weil das Gehör noch aktiv ist, merkt man wahrscheinlich schnell, ob es beruhigt oder exakt.
Speaker BDu spürst an der Atmung, ob es gut tut.
Speaker BRituale bieten also Struktur im Raum.
Speaker BAber genauso spannend ist die Funktion von Ritualen nach dem Tod.
Speaker AAh, da sprichst du äußere Anker an.
Speaker ADas ist wirklich ein starkes Konzept.
Speaker AWenn der geliebte Mensch nicht mehr da ist, wird man ja wieder in diesen lauten Alltag zurückgeworfen.
Speaker AUnd die Trauer ist oft so formlos, sie überflutet einen einfach.
Speaker BGenau.
Speaker BIn der Psychologie spricht man von der Theorie der fortgesetzten Bindung.
Speaker BUnser Gehirn braucht Zeit, um zu verstehen, dass eine Bindung, die jahrelang physisch da war, jetzt nur noch emotional existiert.
Speaker AUnd der äußere Anker hilft dabei.
Speaker BJa.
Speaker BEs ist ein konkreter Dedenstand oder Ort, der der Erinnerung einen greifbaren Platz gibt.
Speaker BEin ein Baum, ein eingerahmtes Foto, eine.
Speaker ABestimmte Bank, etwas, das die Liebe räumlich verortet.
Speaker ADas ersetzt den Menschen nicht.
Speaker AAber es gibt der Trauer ein physisches Zuhause.
Speaker BWunderschön gesagt.
Speaker BJa.
Speaker ALass uns zum Schluss noch auf einen ganz bestimmten Satz schauen, der mir wirklich Gänsehaut bereitet.
Speaker AEin Satz, der oft eine unglaubliche Dynamik am Sterbebett auslöst.
Speaker BDu meinst, du darfst gehen, wenn du möchtest?
Speaker BJa, wenn ich biologisch darüber nachdenke, ist dieser Satz doch das absolute Gegenteil von unserer Natur.
Speaker BUnser Instinkt schreit danach festzuhalten.
Speaker BUnd doch ist das Öffnen der Tür in genau diesem Moment der wohl größte Akt der Liebe.
Speaker BWarum fällt uns das so unfassbar schwer?
Speaker BWeil es gegen jeden Überlebensinstinkt unserer Spezies verstößt.
Speaker BViele weigern sich strikt, diesen Satz zu sagen, Sie haben das Gefühl, sie würden damit den Tod förmlich in Auftrag geben.
Speaker AGenau.
Speaker AMan denkt, wenn ich das sage, heißt es, ich bin fertig mit dir, Du störst, du kannst jetzt sterben.
Speaker BAber die Praxis zeigt ein völlig anderes Bild.
Speaker BEs ist kein Auftrag, es ist eine Entlastung.
Speaker BSterbende sind extrem sensibel für die Gefühle ihrer Angehörigen.
Speaker BSie spüren die Verzweiflung und versuchen oft unter enormem körperlichen Stress noch festzuhalten, um den anderen den Schmerz zu ersparen.
Speaker AWahnsinn.
Speaker BDer Satz Du darfst gehen senkt buchstäblich den Stresshormonspiegel.
Speaker BEs bedeutet, es wird uns wehtun, aber wir werden klarkommen.
Speaker BDu musst dich nicht für uns quälen.
Speaker ADas ist psychologisch so tiefgehend.
Speaker AAber was, wenn sich das für mich einfach komplett falsch anfühlt, Wenn mir die Worte im Hals stecken bleiben?
Speaker BZwing dich nicht.
Speaker BWenn es nicht authentisch ist, spürt der Sterbende diese Zerrissenheit.
Speaker BEine weiche Alternative.
Speaker BIch passe auf mich auf.
Speaker AOh, ich passe auf mich auf.
Speaker ADas sagt eigentlich genau dasselbe.
Speaker BJa, es mach dir keine Sorgen um mich, Du kannst die Verantwortung ablegen.
Speaker BOder eben das Ich bin hier.
Speaker BDas reicht völlig aus.
Speaker AWenn wir all das jetzt mal zusammenfassen, die neurologischen Veränderungen, das Gehör als letzter Sinn, das Aufräumen, ohne zu renovieren und die Erlaubnis loszulassen.
Speaker AEin gelungener Abschied hängt nicht von der perfekten Rede ab.
Speaker AEr hängt von der echten, erwartungsfreien Präsenz ab, dass wir es wagen, einfach da zu sein.
Speaker BUnd wenn wir dieses Wissen mal in einen größeren Kontext setzen, drängt sich mir ein etwas provokativer Gedanke auf.
Speaker BWelcher Wenn diese ehrliche, erwartungsfreie Präsenz, bei der wir nichts reparieren wollen, das Tröstlichste ist, was wir am Ende schenken können, warum machen wir das erst am Lebensende?
Speaker AWow.
Speaker BWarum warten wir bis zum Sterbebett, um jemandem einfach nur zuzuhören, ohne seine Probleme fixen zu wollen?
Speaker BVielleicht ist das das Geheimnis, wie wir unseren Liebsten begegnen sollten, solange sie noch mitten im Leben stehen.
Speaker ADas ist ja, das ist ein Gedanke, den man wirklich mit in den Tag nehmen muss.
Speaker AEin bisschen von dieser erwartungslosen Verbundenheit schon heute in den Alltag holen.
Speaker BAbsolut.
Speaker AWir wissen natürlich, dass ein Thema wie dieses schwer wiegen kann, falls dich das heute belastet falls du um jemanden trauerst oder in einer Krise steckst.
Speaker ADu bist nicht allein.
Speaker ADie Telefonseelsorge ist rund um die Uhr, anonym und kostenlos für dich da.
Speaker AUnter der.
Speaker AZögere nicht, dir diesen Raum zum Reden zu nehmen.
Speaker BEs ist ein Zeichen von Stärke, sich in schweren Momenten eine stützende Hand zu suchen.
Speaker BGenau wie die Hand, die wir sanft auf die Bettdecke legen.
Speaker ABesser kann man's nicht zusammenfassen.
Speaker ANimm dir die Zeit, die du brauchst, um all das einzuordnen.
Speaker APass gut auf dich auf.
Speaker BPass auf dich auf.