Wie verabschiedet man sich eigentlich, wenn der Abschied kein einzelner Moment ist, sondern eine lange, eine total ungewisse Zeit, wenn die Trauer schon da ist, während der Mensch, den man liebt, noch lebt?
Speaker BPuh, das ist eine Frage, die geht wirklich unter die Haut.
Speaker BUnd ich glaube, genau darum soll es heute bei uns gehen, Um diese, ja, diese ganz besondere und oft so unsichtbare Form der Trauer.
Speaker BMan nennt sie auch die vorauseilende Trauer.
Speaker AGenau.
Speaker BWir wollen uns mal diese widersprüchlichen Gefühle anschauen, die Last der Ungewissheit und einfach die Frage, wie man in dieser Zeit für sich und für den anderen da sein kann, ohne daran zu zerbrechen.
Speaker AIch glaube, genau das ist der Punkt, den so viele kennen, dieses Gefühl, in einem dazwischen zu leben.
Speaker ADer Mensch ist noch da, aber so vieles ist schon verloren gegangen.
Speaker BAbsolut.
Speaker BUnd das ist der Kern.
Speaker BTrauer beginnt eben nicht erst mit dem Tod.
Speaker BSie sitzt oft schon viel, viel früher mit am Tisch, gerade bei langen Krankheiten, also bei Krebs oder Demenz zum Beispiel.
Speaker BUnd man trauert da quasi um zwei Deale gleichzeitig.
Speaker BEinmal um die Zukunft, die man sich anders vorgestellt hat, die gemeinsamen Pläne, das.
Speaker AAltwerden, all das, was nicht mehr sein wird.
Speaker BGenau.
Speaker BUnd zur gleichen Zeit trauert man aber auch um ganz konkrete Verluste im Hier und Jetzt.
Speaker ADu meinst sowas wie, ja, die Gesundheit, die gemeinsamen Hobbys, die einfach nicht mehr gehen oder einfach nur diese frühere Leichtigkeit.
Speaker BExakt.
Speaker BDie vertraute Art des Miteinanders geht verloren.
Speaker BDie Rollen, die verschieben sich.
Speaker BIch hab da mal was gelesen, da hat es jemand als Trauer um einen lebenden Geist beschrieben und das trifft es, finde ich, sehr gut.
Speaker AWow.
Speaker BJa, es ist also eine Trauer im Voraus und gleichzeitig eine Trauer mitten im Jetzt, eine, ja, eine unheimlich anstrengende Doppelbelastung.
Speaker ADas ist ein sehr starkes Bild und es passt zu diesem Begriff, der mir auch begegnet, das emotionale Wetter.
Speaker AEs fühlt sich wirklich so an wie ein ständiger Wechsel aus Hoch und Tiefdruckgebieten im Inneren.
Speaker ADa ist diese tiefe Traurigkeit über das, was verschwindet und dann im nächsten Moment diese überwältigende Angst vor dem, was noch kommt, die man ja null kontrollieren kann.
Speaker BUnd da kommt oft noch die Wut dazu.
Speaker BWut auf die Krankheit, Wut auf das Schicksal, auf diese Ungerechtigkeit, eine Wut, für die es oft kein Ventil gibt.
Speaker BUnd direkt daneben diese nagenden Schuldgefühle oh ja, der Gedanke ich kann nicht mehr.
Speaker BOder was ja noch tabuisierter ist, dieser heimliche Wunsch ich will, dass es endlich aufhört, einfach weil die Belastung so unerträglich wird.
Speaker AMoment, da muss ich kurz einhaken.
Speaker ADieses Schuldgefühl, das ist doch ein ganz zentraler Punkt.
Speaker ADie Angst, ein schlechter Mensch zu sein, weil man sich nach einer Pause sehnt, nach Abstand, nach einem Ende.
Speaker AIst das normal?
Speaker BAbsolut.
Speaker BUnd das ist so wichtig zu betonen.
Speaker BDiese widersprüchlichen Gefühle sind kein Zeichen von Kälte oder mangelnder Liebe.
Speaker BGanz im Gegenteil.
Speaker BOkay, Sie sind ein direktes Symptom dieser extremen Belastung.
Speaker BMan sehnt sich nach Nähe, will jeden Moment festhalten und gleichzeitig schreit alles in einem nach Abstand, um nicht selbst kaputt zu gehen.
Speaker BDiese Ambivalenz ist kein Versagen.
Speaker BSie ist ein Zeichen dafür, wie tief die Liebe ist und wie viel man gleichzeitig tragen muss.
Speaker ADas ist eine unglaublich wichtige Botschaft, diese Erlaubnis, beides gleichzeitig fühlen zu dürfen.
Speaker AWas diese Achterbahnfahrt ja noch schlimmer macht, ist diese ständige Ungewissheit, dieses Auf und Ab der Krankheit.
Speaker AMal gibt es eine gute Phase, einen Hoffnungsschimmer und zack kommt der nächste Rückschlag.
Speaker BJa, in der Forschung spricht man da von einem inneren Daueralarm Zustand.
Speaker BKörper und Psyche sind permanent in Bereitschaft, bereit für den nächsten Anruf, die nächste Verschlechterung, die nächste schwere Entscheidung.
Speaker AUnd das ist ja reiner chronischer Stress.
Speaker BGenau, mit massiven körperlichen Folgen.
Speaker AJa, Schlafstörungen, Konzentrationsprobleme, ständige Verspannungen.
Speaker ADieses Gefühl von innerer Leere.
Speaker AUnd das Verrückte ist, während dieser innere Tsunami tobt, muss der Alltag irgendwie weiterlaufen.
Speaker BUnbedingt Rechnungen bezahlen, Kinder versorgen, zur Arbeit gehen.
Speaker ADie Trauer läuft als ständiges Hintergrundrauschen mit leise, aber unermüdlich.
Speaker BWas ich da aber sehr hilfreich fand, ist eine Unterscheidung, die in der neueren Forschung gemacht wird.
Speaker BMan trennt nämlich zwischen zwei verschiedenen Bewegungen in dieser Zeit.
Speaker BDas eine ist die Trauer vor dem Tod.
Speaker AOkay.
Speaker BUnd das andere ist die Vorbereitung auf den Tod.
Speaker BDas klingt im ersten Moment vielleicht ähnlich, aber der Unterschied ist entscheidend.
Speaker AOkay, das müssen wir uns genauer anschauen.
Speaker AAlso Trauer vor dem Tod, das ist das, was wir gerade besprochen haben, nehme ich an.
Speaker BGenau das Trauern um das, was schon weg ist.
Speaker BFähigkeiten, Gewohnheiten, die alte Vertrautheit, aber vorbereitung auf den Tod.
Speaker AEs klingt so kalt, so pragmatisch.
Speaker ASteht das nicht total im Widerspruch zur Hoffnung, die man ja vielleicht noch hat?
Speaker BEine super Frage, weil genau das der Knackpunkt ist.
Speaker BEs ist kein Widerspruch.
Speaker BVorbereitung meint das behutsame, bewusste Hinwenden zu dem, was kommen wird.
Speaker BDas müssen keine großen, schweren Gespräche sein.
Speaker BEs kann bedeuten, Wünsche zu besprechen, praktische Dinge zu klären, die später entlasten.
Speaker BEine Patientenverfügung zum Beispiel.
Speaker AAh, OK.
Speaker BUnd der springende Punkt Diese Vorbereitung kann paradoxerweise schützend wirken.
Speaker BSie gibt einem ein kleines Stück Kontrolle zurück in einer Situation, in der man sich sonst total ohnmächtig fühlt.
Speaker AMan gestaltet also aktiv etwas, anstatt nur ausgeliefert zu sein.
Speaker BRichtig.
Speaker BEs ist ein Akt der Fürsorge, nicht des Aufgebens.
Speaker ADas leuchtet ein.
Speaker AEin Versuch, dem Chaos eine Struktur zu geben.
Speaker BGenau.
Speaker BUnd es gibt da eine Beobachtung aus Studien, die erstmal hart klingt, aber total entlastend sein kann.
Speaker BMan hat nämlich eine sehr intensive, alles verzehrende Trauer vor dem Tod kann ein Risikofaktor dafür sein, dass die Trauer nach dem Tod noch komplizierter wird.
Speaker AWas wirklich?
Speaker BDas ist keine Schuldzuweisung.
Speaker BEs ist einfach eine Beschreibung der schieren Überlastung.
Speaker BWer vorher schon komplett ausbrennt, hat nachher keine Reserven mehr.
Speaker ADas ist wow.
Speaker ADas isn harter, aber unglaublich wichtiger Punkt.
Speaker AEs heißt also, sich vorher komplett aufzureiben im Glauben, Man müsse immer 150 Prozent geben, macht die Trauer danach nicht leichter, sondern vielleicht sogar schwerer.
Speaker BGenau darum geht es.
Speaker BSich auch um die eigene Stabilität zu kümmern, ist kein Verrat am Kranken, sondern langfristig überlebenswichtig.
Speaker AUnd wie du sagst, Vorbereitung muss ja nicht immer das große Gespräch sein.
Speaker AManchmal geht das ja auch gar nicht mehr.
Speaker AEs können ja auch kleine Gesten sein, Ein Lied, das man teilt.
Speaker AEine Hand, die man einfach nur hält.
Speaker BGanz genau.
Speaker BManchmal findet diese Vorbereitung auch nur in einem selbst statt, indem man die Realität in kleinen Dosen an sich heranlässt.
Speaker BEs gibt da dieses bekannte Modell der vier Traueraufgaben von William.
Speaker BWorden.
Speaker BDas war eigentlich für die Zeit nach dem Tod gedacht, aber das Spannende Man kann es schon vorher wie eine Art Kompass nutzen.
Speaker AOK, lass uns das mal durchgehen.
Speaker ADie erste Aufgabe ist die Wirklichkeit des Verlustes begreifen.
Speaker AAber das klingt fast unmöglich.
Speaker AWie soll man denn die Wirklichkeit begreifen, wenn sich alles in einem dagegen sträubt.
Speaker ADas ist doch ein reiner Selbstschutz.
Speaker BJa, und der Schlüssel ist genau das, was du sagst.
Speaker BEs geht um kleine Dosen.
Speaker BEs geht nicht darum, sich jeden Tag mit der vollen Wucht der Endgültigkeit zu konfrontieren.
Speaker BDas wäre unerträglich.
Speaker AOkay.
Speaker BEs ist eher ein langsames Pendeln.
Speaker BMan lässt die Realität kurz zu und zieht sich dann wieder in die Hoffnung, Hoffnung oder den Alltag zurück.
Speaker AMan merkt das manchmal an so kleinen Dingen oder wenn man plötzlich aufhört, Pläne für nächstes Jahr zu machen.
Speaker ADas ist so ein Moment des Begreifens.
Speaker BGenau das ist es.
Speaker BUnd die zweite Aufgabe wäre dann, die ganzen Gefühle des Schmerzens zu durchleben.
Speaker ADa sind wir wieder bei diesem emotionalen Wetter.
Speaker BJa, und zwar alle Gefühle, auch die hässlichen, die Wut, den Neid auf andere, die einen unbeschwerten Alltag haben.
Speaker AVielleicht sogar das Gefühl der Erleichterung, wenn mal einen Termin ausfällt und man kurz durchatmen kann.
Speaker BExakt.
Speaker BUnd auch hier geht es nicht darum, die Gefühle zu dramatisieren.
Speaker BEin wichtiger Hinweis aus der Psychologie ist die Kraft des reinen Benennens.
Speaker BEinfach mal innezuhalten und innerlich zu okay, da ist jetzt Angst oder ich spüre diese tiefe Erschöpfung.
Speaker AAllein das Anerkennen, ohne es zu bewerten.
Speaker BJa, das kann schon verhindern, dass man von den Gefühlen komplett verschluckt wird.
Speaker BEs schafft eine winzige Distanz.
Speaker AOkay, das Benennen ist das eine, Aber diese Trauer ist ja nicht nur ein innerer Zustand.
Speaker ASie greift ja massiv in den Alltag ein.
Speaker ADas bringt mich zur dritten Sich an eine Umwelt anpassen, in der alles anders ist.
Speaker BJa, das ist ein sehr praktischer, überlebenswichtiger Punkt, das Gestalten der Umwelt.
Speaker BEs kann bedeuten, ganz bewusst kleine Routinen zu schaffen, die einen tragen und sei es nur der Kaffee am Morgen in fünf Minuten Stille.
Speaker BEs bedeutet, Hilfe anzunehmen und was vielleicht noch schwerer ist, auch mal ganz klar Grenzen zu setzen.
Speaker BNein zu sagen, wenn man merkt, man geht sonst unter.
Speaker ADas trifft den Kern.
Speaker ADieses Gefühl, dass das eigene Zuhause sich nicht mehr wie ein Zuhause anfühlt, sondern wie eine Krankenstation hier aktiv zu gestalten, könnte also heißen, bewusst kleine Inseln der Normalität zu schaffen und die zu verteidigen.
Speaker BGenau.
Speaker BEs geht darum, bewusst kleine Momente zu schützen, die einem gut tun.
Speaker BUnd es ist auch ein inneres Sortieren zu akzeptieren, dass man nicht alles gleichzeitig sein kann.
Speaker BPfleger, Partner, Freund und Arbeitnehmer.
Speaker BDas geht nicht.
Speaker ALiebe beweist sich nicht darin, wie viel man aushält, nein, sondern wie wahrhaftig man da ist, so gut man eben kann.
Speaker BUnd dann gibt es noch die vierte Aufgabe, die klingt am abstraktesten.
Speaker BDem Verstorbenen einen neuen Platz zuweisen.
Speaker BWie soll das schon vor dem Tod beginnen?
Speaker AEs beginnt damit, dass man merkt, wie sich die Beziehung schon verändert.
Speaker AMan nimmt Abschied von einer früheren Version des Miteinanders, von der Person, wie sie mal war, und findet eine neue Form der Verbindung.
Speaker BJa, einen neuen Platz zuzuweisen heißt ja nicht, die Person zu vergessen.
Speaker BEs geht darum, einen inneren Raum zu schaffen, in dem die Liebe, die Erinnerungen und der bereits erlebte Verlust nebeneinander existieren dürfen.
Speaker AEs geht also darum, die Beziehung innerlich neu zu verorten, während sie sich im Außen verändert.
Speaker AVielleicht indem man ganz bewusst die Dinge bewahrt, die die Verbindung ausmachen, auch wenn so vieles wegfä einen Blick, eine geteilte Erinnerung.
Speaker BDas ist eine wunderschöne Formulierung dafür.
Speaker BEs ist das bewusste Sammeln von dem, was bleibt.
Speaker BWenn man das alles zusammennimmt, ist die vielleicht wichtigste Erkenntnis.
Speaker BMan darf gleichzeitig hoffen und trauern.
Speaker BDas eine schließt das andere nicht aus.
Speaker BJa, man darf müde sein.
Speaker BErschöpfung ist kein Versagen, sondern ein Signal.
Speaker BUnd man darf sich Pausen nehmen, ohne sich schuldig zu fühlen.
Speaker AAm Ende gibt es keine einfachen Antworten, keine Checkliste.
Speaker AAber vielleicht ist die größte Hilfe wirklich die, sich selbst die Erlaubnis für dieses Ganze durcheinander zu geben, für die Erschöpfung, für die Zärtlichkeit, für die Wut, für all die Widersprüche.
Speaker BUnd vielleicht ist genau das die tiefste Form der Liebe.
Speaker BIn dieser Einfach da zu sein, so gut man eben kann.
Speaker BStill, erschöpft, tapfer und unperfekt.