Wir haben ja hier all deine Unterlagen vor uns liegen und da ist eine Frage, die immer wieder durchscheint.
Speaker AUnd wie findet man eigentlich eine Form des Abschieds, die sich für einen Menschen, der gegangen ist, wirklich stimmig anfühlt?
Speaker AAlso ein Abschied, der mehr ist als nur eine Zeremonie, sondern so ein letzter Ausdruck von Respekt, von Liebe.
Speaker BUnd manchmal bedeutet das eben auch traditionelle Wege zu verlassen.
Speaker BEin solcher Weg, der für manche Menschen eine ganz tiefe Bedeutung hat, ist die Bestattung nur in einem Leichentuch, also ganz ohne Sarg.
Speaker AGenau.
Speaker AUnd darum soll es heute gehen.
Speaker AWir wollen uns mal anschauen, wie diese sehr persönliche Form des Abschieds in Deutschland rechtlich und praktisch überhaupt aussieht, wo es.
Speaker BMöglich ist, welche Hürden es vielleicht auch.
Speaker AGibt und warum diese Entwicklung vielleicht mehr über unsere Gesellschaft aussagt, als man auf den ersten Blick denkt.
Speaker AEs ist so eine Art Erkundung der stillen Veränderungen unserer Bestattungskultur.
Speaker AIch glaube, um das zu verstehen, müssen wir ganz am Anfang ansetzen bei diesem fast schon monumentalen deutschen Wort der Sargpflicht.
Speaker AJa, die Sargpflicht.
Speaker AIch hab ehrlich gesagt immer gedacht, das hätte rein traditionelle oder vielleicht sogar religiöse Gründe.
Speaker ASo ein festes Bild in unserer Kultur.
Speaker BDas ist ein häufiger Gedanke.
Speaker BAber als ich deine Quellen gelesen habe, wurde mir Die Ursprünge sind viel pragmatischer.
Speaker AVöllig richtig.
Speaker ADie Wurzeln haben eigentlich gar nichts mit christlicher Tradition zu tun, sondern mit ganz handfesten Sorgen des 19.
Speaker AUnd frühen 20.
Speaker AJahrhunderts.
Speaker AMan muss sich mal in die Zeit zurückversetzen.
Speaker BDu meinst wegen Seuchen und so?
Speaker BGenau, Seuchen wie die Cholera waren eine reale ständige Bedrohung.
Speaker BDer Hauptgrund war also tatsächlich Hygiene.
Speaker AAch so.
Speaker AIm Grunde reiner Seuchenschutz.
Speaker AMan wollte verhindern, dass sich Krankheiten ausbreiten.
Speaker ADer sagt quasi als sichere Barriere.
Speaker BExakt.
Speaker BEr war ein standardisierter Behälter, der den Kontakt minimiert hat.
Speaker BUnd daran knüpfte dann auch direkt der zweite Punkt an.
Speaker ADer Arbeitsschutz.
Speaker BJa, der Arbeitsschutz für die Bestatter und die Friedhofsmitarbeiter.
Speaker BDer Umgang mit einem genormten Sarg ist planbar.
Speaker BEr ist physisch sicherer als der Transport von einem Leichnam, der nur in Tücher gehüllt ist.
Speaker BDas klingt heute banal, aber damals war das ein riesiger Fortschritt.
Speaker AOK, Also Hygiene und Arbeitsschutz.
Speaker AUnd der dritte Punkt war dann wahrscheinlich die reine Ordnung, oder?
Speaker AEin Sarg hat feste Maße.
Speaker ADas Grab kann exakt ausgehoben werden.
Speaker ADeutsche Friedhofsordnung eben.
Speaker BGanz genau.
Speaker BDiese drei Säulen Hygiene, Schutz und Ordnung, die haben die Sargpflicht über Jahrzehnte wirklich zementiert.
Speaker BDas war eine unumstößliche Regel.
Speaker BAber, und das zeigen ja deine Artikel auch sehr deutlich, diese starre Regel hat in den letzten 20 Jahren massive Risse bekommen.
Speaker AUnd was war da der Auslöser?
Speaker AWar das Druck von außen oder eher ein Umdenken von innen?
Speaker BEs war vor allem die Anerkennung einer veränderten gesellschaftlichen Realität.
Speaker BDie Öffnung begann so ungefähr um das Jahr zweitausenddrei und der zentrale Gedanke Wir leben in einer vielfältigen Gesellschaft.
Speaker BMenschen haben unterschiedliche religiöse Überzeugungen, allen voran Muslime, für die die sarglose Bestattung im Leichentuch ein.
Speaker BGanz zentraler Ritus ist.
Speaker ADie Gesetzesänderungen waren also ein Akt der Anerkennung.
Speaker BJa, dass der Staat diesen tief verankerten Traditionen Raum geben muss, solange es natürlich mit den grundlegenden Anforderungen an Sicherheit und Hygiene vereinbar ist.
Speaker ADas ist ein wichtiger Punkt.
Speaker AEs ging also nicht darum, eine Tradition abzuschaffen, sondern eine andere, ebenso bedeutsame Tradition zu ermöglichen.
Speaker BGenau das führt mich zu der Frage, die sich ja jetzt viele stellen werden Wo in Deutschland ist das denn nun wirklich erlaubt?
Speaker BGibt es da eine klare Landkarte, eine.
Speaker AEinfache, bundesweit einheitliche Karte?
Speaker ADie gibt es leider nicht.
Speaker ABestattungsrecht ist und bleibt Ländersache, dieser berühmte Flickenteppich.
Speaker AJa, genau der.
Speaker AAber die generelle Tendenz, die ist absolut eindeutig.
Speaker AIn fast allen Bundesländern gibt es heute Ausnahmen von der Sargpflicht, meistens explizit aus religiösen Gründen.
Speaker ADie Tür ist also fast überall, zumindest einen Spalt weit offen.
Speaker AFast überall.
Speaker ADas heißt, es gab bis vor kurzem noch echte, Ja Bastionen der Sargpflicht.
Speaker BDie gab es ja lange Zeit, waren das Sachsen und Sachsen Anhalt.
Speaker BDort hat man aus verschiedenen Gründen sehr strikt an der ausnahmelosen Sagpflicht festgehalten.
Speaker BDas waren wirklich die beiden letzten Bundesländer ohne jede Ausnahmeregelung.
Speaker AMoment, du sagst, hat man festgehalten.
Speaker ADas klingt nach Vergangenheitsform.
Speaker AHeißt das gerade dort hat sich was getan.
Speaker BGanz genau.
Speaker BDas ist die aktuellste Entwicklung.
Speaker BIn Sachsen Anhalt Anhalt wurde bereits eine Gesetzesänderung beschlossen, die jetzt 2024 in Kraft getreten ist, die ermöglicht sarglose Bestattungen unter bestimmten Voraussetzungen.
Speaker BUnd auch in Sachsen, dem allerletzten Bundesland, wird intensiv an einer Gesetzesnovelle gearbeitet, die in die gleiche Richtung zielt.
Speaker ADas ist ja wirklich bemerkenswert.
Speaker ADer Trend ist also unumkehrbar.
Speaker ADas klingt ja erstmal wahnsinnig positiv für Familien, die sich das wünschen.
Speaker AAber ich ahne schon, dass es nicht so einfach ist.
Speaker ANein, ich kann mir vorstellen, dass man dann voller Hoffnung beim örtlichen Friedhof anruft und trotzdem ein Nein kassiert.
Speaker AUnd das ist der entscheidende Punkt aus der Praxis, der die ganze Sache so kompliziert macht.
Speaker AWir müssen immer zwei Ebenen das Landesgesetz und die konkrete Friedhofssatzung vor Ort.
Speaker BOkay.
Speaker ADas Landesgesetz gibt nur den groben Rahmen vor.
Speaker AEs sagt vielleicht eine Ausnahme ist grundsätzlich möglich, aber die letztendliche Entscheidung, ob und wie das umgesetzt wird, die liegt bei der Kommune oder dem kirchlichen Träger des jeweiligen Friedhofs.
Speaker AUnd die können dann immer noch blockieren, obwohl das Land es im Prinzip erlaubt.
Speaker BJa, das können sie.
Speaker BUnd das ist oft nicht mal böser Wille.
Speaker BHäufig sind das sehr handfeste, praktische Bedenken.
Speaker BDer wichtigste Punkt ist die Bodenbeschaffenheit.
Speaker AWas heißt das konkret?
Speaker AZu steinig, zu nass?
Speaker BGenau beides.
Speaker BWenn der Boden zum Beispiel sehr lehmig und dicht ist, bekommen die Mikroorganismen zu wenig Sauerstoff, was den Verwesungsprozess stark verlangsamt.
Speaker BDas ist ein Problem.
Speaker AVerstehe.
Speaker BAndersherum ist ein sehr hoher Grundwasserspiegel ein K.
Speaker BO.
Speaker BKriterium.
Speaker BDa bestehen einfach Sorgen vor Verunreinigungen und.
Speaker ADer Sarg bietet dann ne zusätzliche Barriere, auf die alle Abläufe abgestimmt sind.
Speaker BExakt.
Speaker BOhne ihn müssen die geologischen Bedingungen einfach passen.
Speaker BUnd die Friedhofsverwaltung steht am Ende in der Haftung und muss sicherstellen, dass alles hygienisch und pietätvoll abläuft.
Speaker AUnd wenn Sie da Bedenken haben, ziehen Sie die Notbremse.
Speaker AGenau.
Speaker AUnd ganz wichtig ist, es gibt keinen einklagbaren Rechtsanspruch auf eine sarglose Bestattung.
Speaker AMan kann nicht hingehen und das Gesetz erlaubt es.
Speaker AAlso müsst ihr das jetzt für mich umsetzen.
Speaker ADas erklärt, warum die Erfahrungen von Ort zu Ort so dramatisch unterschiedlich sein können.
Speaker BJa, das Gespräch mit der Friedhofsverwaltung vor Ort ist und bleibt der alles entscheidende Schritt.
Speaker BIn diesem ganzen Dschungel an Regelungen.
Speaker BSticht in deinen Unterlagen aber ein Bundesland immer wieder heraus, weil es einen komplett anderen Weg geht.
Speaker BRheinland Pfalz.
Speaker BWas machen die denn anders?
Speaker ARheinland Pfalz hat eine Regelung, die in Deutschland wirklich einzigartig ist.
Speaker ASie stellt eine faszinierende, philosophische, weiche Aha.
Speaker BGeknüpft Du musst nicht nachweisen, dass du Muslim bist oder einer anderen Gemeinschaft angehörst, sondern was ist die Bedingung?
Speaker BDer entscheidende Punkt ist, dass du das selbst vorher schriftlich festlegen musst.
Speaker BAlso solange du noch lebst.
Speaker BDu musst eine Willenserklärung verfassen, in der ganz klar Ich möchte ohne Sarg bestattet werden.
Speaker BDas ist ja eine enorme Verschiebung in der Denkweise.
Speaker AAbsolut.
Speaker AEs geht nicht mehr darum, welcher Gruppe gehörst du an, sondern was war dein ganz persönlicher, individueller Wille?
Speaker ADas ist ja pure Selbstbestimmung bis ganz zum Schluss.
Speaker BGenau.
Speaker BEs entkoppelt das Recht von einer kollektiven Begründung und verankert es im Individuum.
Speaker BDas ist ein sehr moderner Gigante in einem traditionell extrem stark von Regeln geprägten Bereich.
Speaker AEine Anerkennung, dass dieser Wunsch auch eine ganz persönliche, nicht religiöse, religiöse, philosophische Entscheidung sein kann.
Speaker BEin stiller, aber kraftvoller Akt.
Speaker ALass uns mal von der abstrakten Gesetzesebene zu den Orten gehen, wo das schon gelebte Praxis ist.
Speaker ADu hast ja auch Beispiele zu Städten wie Köln und Berlin.
Speaker ADie sind da ja Vorreiter.
Speaker BJa, das sind hervorragende Beispiele, weil sie zeigen, wie aus einer Ausnahme eine etablierte, verlässliche Option werden kann.
Speaker BKöln ermöglicht sarglose bestattungen schon seit 2005.
Speaker ABerlin seit 2014 das ist ja eine lange Zeit.
Speaker AJa, und das ist wichtig, denn es dort gibt es Erfahrungswerte.
Speaker AEs wurden spezielle Grabfelder ausgewiesen, die geologisch geeignet sind.
Speaker ADie Mitarbeiter sind geschult, die Abläufe sind klar.
Speaker ADas schafft Vertrauen für die Familien.
Speaker ASie wissen, ihr Wunsch wird hier nicht nur geduldet, sondern professionell und würdevoll umgesetzt.
Speaker BGenau.
Speaker AUnd dieses Vertrauen führt dann ja auch dazu, dass das Angebot angenommen wird.
Speaker ADa gab es diese eine Zahl aus Berlin, die mich wirklich sprachlos gemacht hat.
Speaker BDu meinst die Zahl von 2021 ja, die ist enorm eindrücklich.
Speaker AWie hoch war die noch mal?
Speaker BIm Jahr 2021 waren in Berlin etwa 40 Prozent aller muslimischen Bestattungen saglos.
Speaker A40 Prozent, das muss man sich mal vorstellen.
Speaker ADas ist ja fast die Hälfte.
Speaker ADas bedeutet doch im Umkehrschluss, dass es da einen riesigen aufgestauten Bedarf gab.
Speaker BAbsolut.
Speaker BDas war kein Nischenwunsch von ein paar.
Speaker AWenigen, sondern für einen großen Teil der muslimischen Gemeinschaft die eigentlich einzig richtige und ersehnte Form des Abschieds.
Speaker BGenau das zeigt diese Zahl so eindrücklich.
Speaker BSobald ein verlässliches, würdevolles und gut kommuniziertes Angebot da ist, wird es auch in großem Stil angenommen.
Speaker BEs geht da ja nicht nur um eine Statistik.
Speaker BEs geht um das Gefühl hunderter Familien pro Jahr in einer der schwersten Zeiten ihres Lebens in ihrem Glauben und ihrer Tradition vollkommen ernst genommen zu werden.
Speaker BDas ist gelebte Anerkennung.
Speaker BAbsolut.
Speaker BAber wenn wir jetzt mal von Berlin auf ganz Deutschland blicken, muss man trotzdem ehrlich sagen, dass die sarglose Bestattung insgesamt noch eine Nische ist.
Speaker AJa, das ist sie ohne Frage.
Speaker AMan muss das klar einordnen.
Speaker AHauptsächlich wird diese Möglichkeit von muslimischen Familien genutzt.
Speaker AFür andere Gruppen spielt es bisher kaum eine Rolle.
Speaker BAber, aber, und das ist das Spannende, die grundsätzliche Offenheit dafür ist viel größer, als man denkt.
Speaker BEs gibt da eine interessante Umfrage unter Friedhofsverwaltungen.
Speaker AWas kam da heraus?
Speaker BDarin gaben rund 77 Prozent der Befragten Verwaltungen an, dass eine sarglose Bestattung auf ihren Friedhöfen prinzipiell möglich sei.
Speaker ASiebenundsiebzig Prozent.
Speaker ADas ist viel.
Speaker BJa, das heißt nicht, dass es überall schon dutzende Male gemacht wurde oder dass es immer einfach ist.
Speaker BAber es zeigt, dass die Idee auf der Verwaltungsebene angekommen ist.
Speaker BSie ist kein Fremdkörper mehr.
Speaker ADas ist ein wirklich gutes Zeichen.
Speaker AEs zeigt, dass sich die Haltung im Stillen schon viel stärker gewandelt hat, als die öffentliche Debatte manchmal vermuten lässt.
Speaker AWenn man all das jetzt mal zusammen betrachtet, diesen Wandel von der starren Sargpflicht hin zu immer mehr Flexibilität, das ist doch ein perfektes Spiegelbild unserer Gesellschaft, oder?
Speaker BAbsolut.
Speaker BDiese ganze Auseinandersetzung ist ein Seismograph für gesellschaftliche Offenheit.
Speaker BEs geht von einer Einheitslösung für alle hin zu einem System, das Raum schafft.
Speaker ARaum für individuelle Bedürfnisse, für Glauben, für persönliche Würde.
Speaker BUnd am Ende geht es darum, Abschiede zu ermöglichen, die sich für die, die zurückbleiben, richtig und tröstlich anfühlen.
Speaker AUnd für die Menschen, die in dieser schweren Situation Orientierung suchen, ist es wahrscheinlich schon ein riesiger Trost, zu wissen, dass ihr Wunsch nicht unmöglich oder seltsam ist, dass es Wege gibt.
Speaker BGenau darum geht es.
Speaker BBei der Suche nach diesen Informationen geht es ja selten nur um Paragraphen.
Speaker BEs geht darum, in einer Zeit der Trauer Halt zu finden.
Speaker BUnd zu spüren, dass der Wunsch nach einem passenden Abschied berechtigt ist und einen Raum haben darf, Schritt für Schritt im Gespräch mit Bestattern und den Verwaltungen vor Ort.
Speaker AWenn ich jetzt am Ende auf all das schaue, dann bleibt bei mir ein Gedanke hängen, der über die reine Frage, sag ja oder nein hinausgeht.
Speaker AVielleicht ist die wichtigste Frage am Ende gar nicht das Behältnis, sondern wie wir als Gesellschaft Räume schaffen, in denen jeder Abschied die einmalige Geschichte eines Lebens widerspiegeln darf in all seiner Vielfalt.
Speaker AWas sagt es über uns aus, wenn wir lernen, auch im Tod so viele verschiedene Wege zuzulassen und zu ehren?